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Atlantische Turbulenzen

#10 – Caracas (1)

Weil wir noch Geld wechselten, waren wir danach ganz am Ende der Schlange bei der Passkontrolle. Um völlig reguläre Dollarnoten zu tauschen, mussten wir die Pässe zeigen und Formulare wurden umständlich ausgefüllt. Ich mokierte mich, und hinter mir sagte eine Frau weder mitleidig noch schadenfroh in Spanisch gefärbtem Englisch: „Sie sind das erste Mal in Venezuela? Sie werden sich noch umsehen!“ – Kassandra ist überall.

Foto: Little Adventures/Shutterstock

Wider Erwarten ging es dann aber doch sehr schnell bei der Passkontrolle, geradezu unbürokratisch, und der finster wirkende Beamte erwies sich schon bei der Familie vor uns und erst recht bei mir als fast vertraulich.

Foto: ArtWell/Shutterstock

Das Gepäck ließ danach auch nicht mehr lange auf sich warten, und der Zoll machte kein Aufhebens. Eines allerdings war drollig. Man musste alles Gepäck auf ein Fließband legen, so bewegte es sich an den Beamten vorbei, die es interessiert aber wortlos betrachteten, als wären sie von der Qualitätskontrolle bei Samsonite, und dann fiel es am Ende des Bandes gleich Trauben von kreischenden Personen beiderlei Geschlechts in die Hände, die sich wohl durch Koffertragen Geld verdienen wollten. Bis auf die entschlossene Heftigkeit, mit der sie sich auf jedes ankommende Stück stürzten, wies sie allerdings nichts als Gepäckträger aus, und nur die Schamlosigkeit, mit der sie ihr Werk verrichteten, ließ vermuten, dass es sich nicht um Diebe handelte.

Foto: New Africa/Shutterstock

Bill, erfahrener als ich, löste einen Bon für eine Taxe, dafür hätte ich vielleicht, wenn auch überteuert, eine ganz für mich bekommen. So nötigte man uns trotz Bills heftiger Proteste in ein bereits halb belegtes Gefährt. Zusammen mit dem Fahrer saßen wir zu dritt vorn, hinten saß ein grässlich unsympathischer – ausgerechnet – Deutscher mit seiner Tante oder Großmutter, die über unsere Gesellschaft mindestens so beleidigt war wie wir über ihre. Aber das undurchschaubare Getümmel und die schier unerträglich heißnasse Luft hatten uns allen keine Wahl gelassen.

Foto: Ljupco Smokovski/Shutterstock

Nun fuhren wir ziemlich lange durchs Gebirge, dann tauchten, die Berge aufwärts, Lichter auf. Die Betonpiste bohrte sich durch Hochhauslabyrinthe, nichts Aufregendes, zwölf bis fünfzehn Geschosse einfallsloser Architektur. Irgendwann bogen wir ab von der Autobahn, fuhren ziemlich kurz nur durch Hingewürfeltes unterschiedlicher Höhe – ich dachte immer: „Wann kommt es denn nun?“ –, dann unterquerten wir den langen, schmucklosen Arm einer Autobahnpiste und fuhren auch schon die Auffahrt des auf einem unwesentlichen Hügel gelegenen ‚Intercontis‘ herauf.

Foto: testing/Shutterstock

Dies sei das beste Hotel in Caracas, erläuterte Bill. Da stiegen die Deutschen ab, und das gönnte ich ihnen. In diesem Klotz, in dieser hässlichen Umgebung. Das geschah denen recht. Ich war froh, als sie ausgestiegen waren und wir wieder wegkonnten. Als wir zurückkamen zu der Piste, sagte Bill, auf einen Kloben, der zwischen drei zusätzliche Hauptstraßen eingezwängt war, weisend: „Das hier ist das ‚Holiday Inn‘. Leider war da kein Platz mehr.“ „Heiliger Himmel“, dachte ich, „was kommt denn nun noch?!“

Foto: Ollyy/Shutterstock

Wir fuhren noch etwa zehn Minuten und dann eine ansehnliche Auffahrt rauf. Oben wieder ein turmhoher Kasten, aber immerhin besser gelegen. Die Adresse hatte Bill erst durch Telefonieren aus Miami erfahren. Abels Freund aus der Reiseagentur in Caracas war vorher nicht zu erreichen gewesen. Wir traten in die winzige Empfangshalle, und ein freundlicher junger Mann sagte, dass er keine Zimmer für uns habe. Ich bekam so ein Gefühl, als ob ich Durchfall lassen könnte. Den ganzen Nachmittag lang hatte ich es schon so zwischen Magen und Brust gehabt, dass ich nicht ganz sicher war, ob es sich um Speiseröhrenkrebs oder Herzinfarkt handelte. In einem Wust von Papieren wurde nun des Rätsels Lösung gesucht und gefunden: Da kein Deposit eingegangen war, hatte man die Bestellung storniert. Allerdings war die Bestellung auch erst gegen 18 Uhr gemacht worden, und wann hätte denn wohl das Deposit eintreffen sollen? Der freundliche junge Mann telefonierte nun mit mehreren Hotels und erklärte, bedauerndes Lächeln im Gesicht, dass nirgendwo etwas frei sei. Ich bekam ein Gefühl, dass ich wirklich Durchfall lassen könnte.

Foto: CURAphotography/Shutterstock

Bill rief nun Ernesto an, den Freund aus dem Reisebüro, und der hatte den klugen Einfall, wir sollten es weiter versuchen. Mehr konnte er nicht sagen, denn jemand warf das Telefonbuch auf die Gabel und unterbrach dadurch das Gespräch. Mir wurde klar: Sie finden kein Hotel, und der Dschungeltrip wird auch nicht klappen und die vorzeitige Abreise am Montag schon gar nicht, dafür aber würde ich ganz bald Durchfall lassen müssen.

Foto: Michal Mrozek/Shutterstock

Ich bat den jungen Mann, es im ‚Interconti‘ zu versuchen, mittlerweile war es auch schon annähernd Mitternacht geworden. Tatsächlich hatten sie dort Platz. Es kostete buchstäblich das Dreifache von allen anderen Hotels, aber das war mir egal. Bill nicht, doch da er auch keinen besseren Ausweg wusste, kehrten wir reumütig zum ‚Interconti‘ zurück, wo gerade der unsympathische Deutsche durch die Halle kam, guckte, aber nichts sagte.

Foto: Dan Morar/Shutterstock

Nun wurde zehn Minuten lang von dem Eingeborenen am Empfang mit dem Computer gespielt. Aber der Computer konnte sich einfach nicht entscheiden, welchen Raum er uns geben sollte. Schließlich fand er einen, aber – ich fragte gleich nach – zum Parkplatz raus, so dass ich ihn unnachsichtig so lange weitersuchen ließ, bis er ein Zimmer zur Gartenanlage gefunden hatte. Der Gang vom Fahrstuhl dorthin sah so aus, wie ich mir die Korridore im Hotel ‚Goldener Arbeiter‘ in Sofia vorstellen könnte. Das Zimmer war muffig und finster, aber hatte zwei Betten.

Foto: gnohz/Shutterstock

Bill befand, nun brauche er dringend mehrere Drinks, ich stillte erst mal mein anderes Bedürfnis und begleitete ihn dann, über mehrere Betonpisten hoppelnd in eine Tiefgarage, an deren hinterster Ecke eine Kneipe lag. Dort kamen wir mit den Einwohnern dieser ‚Metropolis‘ ins Gespräch, sechs Millionen soll es davon geben, und man servierte uns Drinks. Die sind gelb, orange, rot oder auch mal blau (Curaçao liegt geografisch um die Ecke) und schmecken alle wie flüssig gewordene ‚Tamara-Ananas-Marmelade‘ von Aldi. Sonst muss man Cuba Libre trinken, das hier so serviert wird: Ein hohes Glas wird bis fingerbreit unter dem Rand mit Rum gefüllt und die Flasche Cola danebengestellt, damit man sich – ganz nach Gutdünken – ein paar Tropfen dazu schütten kann. Nachdem wir uns auf diese Weise betäubt hatten, gingen wir schlafen.

Foto: David Tadevosian/Shutterstock

22 Kommentare zu “#10 – Caracas (1)

  1. Ein Taxi teilen müssen, und das nach langem Flug, ist grässlich. Andere Deutsche in fremden Ländern treffen ist aus unerklärlichen Gründen noch grässlicher.

    1. Nicht? Ich bin auch immer irritiert, wenn ich in unterwegs bin und auf einmal deutsch höre. Ich weiss gar nicht richtig warum das so ist.

      1. Es gibt ja nicht nur bunte, sondern auch wahnsinnig raffinierte Cocktails. Da werden dann in der Regel auch nicht fünf verschiedene Alkohole ineinander gepanscht, sondern sehr ausgewählt kombiniert.

      1. Cocktails machen irgendwie nur Sinn wenn ein Meister am Werk ist. Ansonsten bleib ich auch lieber bei Gin Tonic oder einem guten Wein.

    1. Mittlerweile gibt es ja mehr und mehr Flughäfen mit elektronischen Kontrollen. Da geht’s alles ein bischen schneller und reibungsloser.

  2. Ich habe vor vielen Jahren einmal mein Hotel erst für den folgenden Tag gebucht. Natürlich aus Versehen. Ich habe mir dir Nacht dann tatsächlich irgendwie um die Ohren geschlagen und bin erst am nächsten Tag ins Bett. Solange man jung ist…

      1. Kofferverlust zwischen zwei Reisen ist am blödsten. Wenn der mal einen Tag verspätet ankommt macht mir das nicht allzu viel aus.

      2. Verspätung ist wirklich nicht der Weltuntergang. Verlust würde ich schon als mehr als ärgerlich bezeichnen.

      3. Natürlich rechne ich erst mal mit Totalverlust und weine jedem Gürtel und jeder Socke hinterher. Dann kommt der Koffer am nächsten Tag und ich finde seinen Inhalt sofort enrbehrlich. Da hat es Greta besser. Sie fährt konfliktlos Bahn und sicher hilft ihr jemand, ihr Köfferchen empor zu hiefen.

  3. Venezuela ist ja aktuell auch nonstop in den Schlagzeilen. Man kann nur hoffen, dass sich die politische Situation ein wenig entspannt. Zuviel „interessantes“ sollte man in dieser Hinsicht nicht erwarten.

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