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Atlantische Turbulenzen

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#18 – Caracas (9)

Bill kam wirklich überraschend früh, schon kurz vor zwölf, ich war noch wach. Aber wie ich erst später erfuhr, drängten ihn weder Einsicht noch Müdigkeit, sondern das völlig Un- oder jedenfalls nur von mir Erwartete war eingetreten: Romolo. Und so hatte Bill fluchtartig den Club verlassen.

Foto links: Pressmaster/Shutterstock | Foto rechts: nelelena/Shutterstock

Dementsprechend war er heute Morgen auch gegen Viertel vor neun wach zu kriegen. Eine Stunde später saßen wir am Frühstückstisch, inzwischen war ich zum ‚Interconti‘ raufgelaufen, um die Ansichtskarten frankieren zu lassen (bei der Post waren die Briefmarken ausgegangen, und auch im ‚Interconti‘ nahm man sie mir bloß weg, ließ mich nichts zahlen und sagte, das sei Service des Hauses – sie in den Papierkorb zu werfen oder was?) Noch eine Stunde später waren wir auf der Autobahn. Der Dschungel war mir versprochen worden, eine Insel mit Palmenhainen und Berggipfel mit Panoramablick. Nun sollte ich wenigstens das Meer sehen. – Also blau war es ja. Schade nur, dass es an Müllberge grenzte. Strandlos ging es in von Unrat übersäte Klippen über, die den Eindruck aufkommen ließen, dass es angeekelt Wellen gegen Felsen kotzt. Dann kam eine Weile Fabrikvorstadt, und dann wurde es ganz schön. Weiterhin gab es so gut wie keinen Strand, aber eben Feld und Meer links, rechts Steilwand mit Agaven. Irgendwann war, wie hier üblich, die Straße zu Ende, wir liefen ein bisschen taumelnd durch die Gegend, bis uns die kochende Hitze zurück ins Auto zwang. Nachdem wir es zum Anspringen bewegt hatten, was auch immer einige Minuten in Anspruch nahm, fuhren wir zurück und hatten nun zur Abwechslung das Meer rechts und die Steilwand mit Agaven links. Als zusätzliche Neuerung zwang uns eine polizeiliche Absperrung von der Hauptstraße in einen verschachtelten Ort, und da fanden wir ein schmuckes Haus im Kolonialstil, in dem ein Restaurant untergebracht war, das meinen längst durch Hollywood-Filme verdorbenen Geschmack endlich, endlich befriedigte: So hatte ein südamerikanisches Lokal auszusehen! Die Fischsuppe und die gegrillten Fische hätten nicht besser sein können, und das Tischgespräch war insofern anregend, als ich Bill mitteilte, dass er alles im Leben falsch mache und auch gleich mit Änderungsvorschlägen aufwartete, die er sich in stiller Verbitterung anhörte. Ein feuchter Kokoskuchen krönte das rundum zufriedenstellende Mahl. Anschließend sprang der Wagen überhaupt nicht mehr an, endlich dann doch, ging aber auf der Fahrbahn sofort wieder aus, verkehrsumtost. Als er sich nach ewigen zehn Minuten doch erweichen ließ, waren meine Unterleibskrämpfe so mächtig geworden, dass ich Bill, der inzwischen am Steuer saß, eigentlich bitten wollte, sofort anzuhalten und mich hinter die Agaven zu lassen, ich traute mich aber nicht, und so ließen auch die Krämpfe nach.

Foto: TMON/Shutterstock

„Wann kommst du das nächste Mal nach Caracas?“, fragte ich unterwegs scheinheilig, und Bill antwortete auch prompt: „Nie mehr!“ Dann sagte er lange Zeit gar nichts, und ich wusste, er sah mit allen seinen Fasern, nur nicht mit seinen Augen, weil die da nicht hinkamen, auf die kleine Rötung neben seiner Nasenwurzel, von der er behauptet hatte, es sei Karposi, und meine Einwände, dass Karposi erstens erhabene Linsen bilde und nicht bloß Verfärbungen auf der Haut, und dass zweitens diese Verfärbungen nicht rosig, sondern purpurn zu sein hätten – diese Einwände waren ihm eher lästig gewesen, als dass sie ihn von seiner Meinung hätten abbringen können, dass nunmehr der Hautkrebs und damit das Endstadium von AIDS erreicht sei. Ein wenig aufheitern konnte ich ihn dann doch: Als wir uns unseren Weg durch die Stadt zurück zum Hotel erkämpften und dabei zufällig am Botanischen Garten vorbeikamen, wurde offenbar, dass der Taxifahrer mich gestern zu einer ganz anderen, x-beliebigen Grünanlage gefahren hatte – aber im Weitwinkel meiner Kamera und mit allen möglichen Linsen, Schnitten und Schlichen wird dieses Flanieren an ein paar dürftigen Gewächsen vorbei der Nachwelt vermutlich dennoch als ein Gang auf physisch wie psychisch verschlungenen Pfaden durch das unwegsame Dickicht menschlichen Seins auf Zelluloid erhalten bleiben.

Foto links: New Africa/Shutterstock | Foto rechts: Viacheslav Lopatin/Shutterstock

Wir gaben den Leihwagen ab, die Verehrerin meiner Passbilder war über die Unbotmäßigkeit des Autos noch viel entrüsteter als ich, weil, wie Bill übersetzte, das Biest deswegen schon mehrfach in Behandlung gewesen sei – bei einem Viehtreiber vermutlich. Anschließend musste Bill dringend noch mal shoppen gehen, während ich ein harmloses Schläfchen abhielt. Beim Erwachen plagten mich aber dann doch Gewissensbisse, dass ich so gar nichts gekauft hatte, und ich ging auch shoppen, allerdings bloß ins unserem Hotel angeschlossene Einkaufszentrum. Dort begegnete ich Bill, der von weiter her zurückkam, aber nichts gefunden hatte. Er machte einen etwas geistesabwesenden Eindruck, sagte, er müsse noch mal weg und wich meiner Frage „Wohin denn?“ mit „never mind“ aus. Später erfuhr ich, dass er jemandem auf der Spur gewesen war, den er dann aber doch nicht wiedergefunden hatte. – Ich dagegen kaufte einen Gürtel, eine Strickjacke für Roland und ein Sakko, dessen Ärmellänge und Knopfstellung innerhalb von zehn Minuten unentgeltlich für mich geändert wurden: Die Bequemlichkeiten der Dritten Welt soll man auskosten, wenn man schon ihre Widrigkeiten hinnehmen muss, selbst dann, wenn man lieber länger warten und mehr zahlen würde im Wissen, dass gerade solche Kleinigkeiten den Wohlstand anzeigten – einiger weniger nur, die zuvorkommend bedient würden, oder einer ganzen Gesellschaft, die dann mit der Selbstbedienung zu leben hätte.

Foto: George Rudy

Bill hatte schlau geplant: Für halb neun hatte er sich mit ‚Joe‘ auf einen Drink verabredet, für halb zehn mit ‚This Boy‘ zum Abschiedsessen, zu dem auch ich zugelassen sein sollte. Joe kam eine halbe Stunde später, und während Bill mit ihm vor dem Fahrstuhl wartete, um runterzufahren, sagte er zu mir: „Wir müssen das Essen etwas verschieben, wenn Daniel kommt“, so heißt ‚This Boy‘, „sag ihm –“, die Fahrstuhltür öffnete sich. Daniel kam eine halbe Stunde zu früh. Das Ausmaß der Überraschung, die dieses Zusammentreffen bei den Beteiligten auslöste, ermaß ich erst, als ich später im Laufe der Konversation kombinierte, dass Joe wohl der Angebetete aus Houston war, der Daniels Liebe nicht erwiderte. Bill kannte Joe ja aus der texanischen (Unter-)Welt, und deshalb wusste Bill auch, dass der darbende Daniel dem flotten Joe genauso egal war, wie sich der rasante Romulus aus Bills Zuneigung nichts machte. Ein Außenstehender wie ich findet diese ganze Seelenpein vielleicht töricht. Aber welcher Außenstehende kann begreifen, warum ein Ameisenbär eine Ameisenbärin anbalzt?

Fotos (2): gemeinfrei/pixaby

Dennoch: Wir wahrten alle vier ganz mustergültig die Contenance, was mir aus Unwissenheit zwar sowieso am wenigsten schwerfiel, aber wie leicht hätte dennoch, schon von dem her, was mir geläufig war, die Schadenfreude mein Gesicht unsympathisch verklären können – doch nein, ich integrierte mich, ohne Anstandstante zu spielen, indem ich niemanden mehr zu Wort kommen ließ und auf diese Weise die Peinlichkeit geschickt überspielte. Dass ich allen Einwänden und Gegenvorschlägen zum Trotz zäh darauf bestand, noch einmal das einzige und ganz in unserer Nähe gelegene Restaurant von Caracas zu besuchen, das mir gefallen hatte, wurde schließlich von allen dreien – wir waren ja nun zu viert – akzeptiert, und noch beim Auf-Wiedersehen-Sagen am Flugplatz in Houston kam Bill darauf zu sprechen, was für ein schönes gemeinsames Essen das gewesen sei.

Foto: Volodymyr Tverdokhlib/Shutterstock

Daniel wirkt (‚ist‘ zu sagen, kann ich nicht wagen) lieb, freundlich, vermutlich ‚aus gutem Hause‘. Joe ist sicher aus nicht schlechterem Hause, aber er hat eine katzenhafte Hübschheit, die nur Ahnungslose täuscht. Seine zielsichere Intelligenz, die ihn das Netz der Welt spinnen lässt zwischen den Punkten, die er kennt, und seine Entschlossenheit, in dieser Welt eine Rolle zu spielen, machen ihn imposant. Daniel wird nicht der Einzige sein, der sich die Wunden leckt und lecken lässt. Dass er auf mich mit seinem humorlosen Charme so viel Sinnlichkeit ausstrahlt wie eine im Kurs gefallene Aktie, ist nicht sein Pech, sondern mein Glück.

Gefragt, ob ich anschließend noch mitkäme in die Disco, sagte ich: „Nein“. Zunächst erklärte ich, ich müsse noch packen, und als das Argument nicht anerkannt wurde, fügte ich hinzu, dass ich nicht gerne an Plätzen bin, an denen es zu laut ist, um Eroberungen zu machen. Das wurde akzeptiert, und ich durfte auf mein Zimmer.

Foto: boonchoke/Shutterstock

24 Kommentare zu “#18 – Caracas (9)

  1. Endlich versteht jemand, dass Clubs entgegen der landläufigen Meinung nicht ideal sind um Eroberungen zu machen. Ganz meine Rede.

      1. Ich finde es meist ganz angenehm, dass man nicht gleich sprechen muss. Wenn’s dazu über geht, dass man versucht über die Musik ein Gespräch anzuschreien, wird es allerdings auch wieder nervig.

      2. Es kommt wohl auch immer darauf an, was man so sucht. Für Lust reicht der Club, für mehr wird’s schon schwieriger.

      1. Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Manchmal frage ich mich, ob das wirklich die Wahrheit ist. Im Endeffekt funktioniert’s ja leider nur wenn man sich gegenseitig verehrt.

  2. Ich habe mal Postkarten wildfremden Leuten am Flughafen gegeben, mit der Bitte, dass sie für mich Briefmarken kaufen und die Karten einwerfen. Habe mich wahnsinnig gefreut, als die Karten eine Woche später tatsächlich ankamen 🙂

    1. Meine Mutter hat in der Damentoilette (oder dem Frauenklo) des Bahnhofs Termini in Rom am Waschbecken einen Ring liegen gelassen. Vier Wochen später bekam sie ihn auf Nachfrage von der deutschen Botschaft in Rom zurück. Das erzählte sie immer, wenn Leute behaupteten, in Italien wird so viel geklaut.

      1. Was für eine glückliche Auflösung. Und eine tolle Geschichte obendrein. So wünscht man sich das. Ähnliche Erzählungen von fast verlorenen Sachen kenne ich sonst nur aus Japan.

  3. Gewissensbisse durch Nicht-Shoppen kenne ich auch. Also zumindest auf Reisen. Meist sehe ich gar nichts was ich als mitbringenswert erachten würden, aber kurz vor Abreise kommt oft das Schuldgefühl gegenüber den Zuhausegebliebenen.

    1. Auflösungen können leider in den seltensten Fällen mit dem vorausgehenden Mysterium mithalten. Deswegen muss es im modernen Kino auch mindestens 5 Twists geben, damit der Zuschauer doch noch zufriedengestellt nach Hause geht.

      1. Wenn der Täter kurz vor Schluss ermittelt ist, ärgere ich mich immer sehr, wenn man nicht sieht, wie er abgeführt wird. Eigentlich bräuchte ich nochmal 90 Minuten, während derer man ihn im Hochsicherheitstrakt beim Verrotten beobachtet. Oft ist allerdings der Ermordete ein ganz fieses Vieh, damit genügend Verdächtige den Fortlauf der Handlung rechtfertigen.

  4. Bei Hautveränderungen werde ich auch zum Hypochonder. Alles andere nehme ich ja leicht. Aber der Gedanke an Hautkrebs nach all dem jugendlichen Sonnenbaden und unzähligen schlimmen Sonnenbränden scheint mir doch all zu plausibel.

    1. In Zeiten von Google boomt die Eigendiagnose natürlich. Wenn man allen Internetforen und Online-Fachseiten glaubt müsste die Weltpopulation allerdings noch vor den Auswirkungen des Global Warmings ausgestorben ein.

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