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Atlantische Turbulenzen

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#12 – Caracas (3)

„Och, wir hatten keinen Sex.“ – Natürlich nicht, danach hätte ich ja so auch nicht gefragt. Ach so, die Disco war ganz gut.

Foto: Chingx20/Shutterstock

„Noch mit jemand anderem geredet?“ – „Nein, zu laut.“ Aber zehn Cuba Libre geschlürft (im zuvor beschriebenen Verhältnis). Meine Laune wurde immer besser, und um meine Dynamik auszutoben, ging ich ein paar Ecken weiter, wo ich ein Auto mieten wollte. Dass kein Mensch hier Englisch spricht und einem selbst in besseren Lokalen der Kellner Linsensuppe bringt, wenn man in etwas, das man für Spanisch hält, Mineralwasser verlangt, konnte mich nicht schrecken. Als ich aber meine Bitte nach einem Leihwagen jemandem, den ich dort für den Chef hielt, vortrug, verwahrte der sich mit so vielen entsetzten „No!“s, dass ich schon missmutig zu werden drohte. Glücklicherweise löste sich dann aber aus der Traube der Umstehenden jemand, der auf das Höflichste sagte: „Take a seat please.“ Nach etwa zehn Minuten erschien eine stramme, lustige, junge Frau, offenbar die Chefin, die sofort über mein Passbild ins Schwärmen geriet. Aber erst mein Führerscheinbild veranlasste sie zu ganzen Wortkaskaden des Entzückens, die der Sprachmächtige vorsichtig mit „She likes your photo“ übersetzte. Da ich ihr ja nun aber in Fleisch und Blut gegenübersaß, fand ich diese Konzentration auf die Ablichtungskunst des Automaten am Bahnhof Altona etwas unangebracht. Ob ich verheiratet sei, schob sie dann aber doch nach, was anzeigte, dass sie in die Wirklichkeit zurückgekehrt war. Ja, antwortete ich, ohne mit der Wimper zu zucken, weil ich ja von Gidon Kremer wusste, was Wimpern anrichten können. Nun wurden massenweise Papiere ausgefüllt. Während der Prozedur, die aus mir den gläsernen Menschen machte, kamen noch drei Indiofrauen dazu, und die Männertraube staunte inzwischen auch schweigend, und alle drei hatten Zeit, und es war ein ganz herrliches Vergnügen für alle, die das Glück hatten, diesem hochinteressanten Schauspiel beiwohnen zu dürfen. Nach fünfundfünfzig Minuten, ich sah auf die Uhr, war die Prozedur beendet. Mit stolzgeschwellter Brust und Autoschlüssel kehrte ich zu Bill zurück, der gerade mit Duschen fertig war.

Foto: antoniodiaz/Shutterstock

„Ich glaube, sie geben die Nachrichten nicht weiter“, sagte er, Wichtigeres als ich im Kopf und in der Brust. „Der Junge von gestern Nacht wollte anrufen, und Abel hat sich bestimmt auch schon gemeldet.“

Foto: Aaron Amat/Shutterstock

Ich drängte – erstmals – zur Eile. Bill hustete, dann stiegen wir ins Auto, und ich fuhr in geradezu übermütiger Laune in die freie Natur oder zumindest in den nächsten Stau. „Wer ist das auf all diesen Plakaten?“, fragte ich Bill. „Das ist Pérez“, klärte Bill mich auf, „Carlos Andrés Pérez. Sie wählen ihn immer wieder, um sich schlecht behandeln zu lassen.“ Bills Humor ist wirklich sehr zersetzend, aber das ist für mich besser zu ertragen als eine ewig zufriedene Frohnatur.

Es dauerte eine ganze Weile, bis wir die letzten Hochhäuser hinter uns gelassen hatten, aber dann gab es kochende Landschaft mit farbigen Blüten und weißen Häusern an den Hängen. Als ich gerade dachte: „Und hinter der nächsten Kurve beginnt die unberührte Wildnis!“, begann die unberührte Wildnis. Die Straße war zu Ende und das Tal auch, und wir mussten wieder umkehren. Dennoch – das war eine abwechslungsreiche Stunde gewesen, und während des Rückwegs fand ich sogar noch einen Platz, der aus einem ganz bestimmten Winkel nahe dem Rinnstein und mit etlichen Kunstlinsen vor der Kamera ein Quäntchen Kolonialstil vorgaukelte.

Foto: Martin Mecnarowski/Shutterstock

Aus der Parkgarage rief Bill im Hotel an und hinterließ eine Nachricht an sich selbst. „Bitte“, sagte er, als sie nicht überbracht wurde, „sie ist nicht überbracht worden!“ Zum Trost wollte er Shoppen gehen, ich wollte das nicht, erstens hatte ich genug von der Straße und zweitens fiel mir nichts ein, was ich aus diesem Betonhaufen herausfischen und nach Hause schleppen mochte. Also hielt ich Siesta und ließ mich dann auf der Terrasse nieder, wo ich diesen Brief anfing.

Foto: Jeanpierre Guerra/Shutterstock

21 Kommentare zu “#12 – Caracas (3)

  1. Wie wunderbar ist dieser Moment wo man die Großstadt hinter sich lässt und in die Landschaft fährt. Solange man ein Stückchen Straße übrig hat wohlgemerkt 😉

  2. Gibt es heute auch noch Ecken, wo niemand Englisch spricht? Irgendwie sehnt’s mich manchmal nach dieser Prä-Globalisierungs-Zeit.

    1. In der Großstadt kann man sicherlich darüber streiten. Aber ich würde behaupten, dass sich in den Kleinstädten und Dörfern gar nicht allzu viel geändert hat.

      1. Geändert sicherlich schon. Aber Englisch wird deswegen noch lange nicht überall gesprochen. Wer mal eine Reise abseits der All-Inclusive-Touristenecken gemacht hat, weiss das aus eigener Erfahrung.

      1. Cuba Libre klingt einfach schon geschmacklos. Ich bleibe lieber bei Gin Tonic. Zugegebenermaßen auch nur noch sehr selten im Club.

  3. Pérez wurde ja irgendwann vom Obersten Gerichtshof aus dem Amt gedrängt. Dass nun gestritten wird, wer der rechtmäßig gewählte Präsident ist, ist gleichermaßen absurd wie erschreckend. Sollte Trump seine Wiederwahl verlieren muss man sich wohl auch in den USA auf dieses Szenario vorbereiten.

    1. Trump wird nicht verlieren. Die Demokraten haben immer noch nicht verstanden, warum dieser Mann gegen Hillary gewonnen hat. Ohne eine durchdachte und geschlossene Strategie wird das nix. Dafür geht’s der Wirtschaft zu gut.

      1. Erst einmal abwarten. Falls die Demokraten es schaffen, den vollen Mueller-Bericht schnell zugänglich zu machen, gibt es vielleicht noch Hoffnung. Je länger das dauert, desto größer der Erfolg für Trump.

      2. Alle Beschuldigungen halten aufrechte Tumpianer doch für Fake. Da könnten Vorwürfe über Sex mit kleinen Mädchen oder mit Putin kommen – Lügenpresse. Eine Wende kann es nur geben, wenn die Wirtschaft einbricht. Man hat Skrupel, sich das zu wünschen, aber man tut es trotzdem.

      3. Richtig. Trump mag zwar ein unfähiger Präsident sein, aber er kann eines ziemlich gut: er spielt ein Spiel ohne Regeln. Das macht ihn so unberechenbar und gefährlich. Nur weniger Geod in den Taschen der Menschen kann ihn stoppen.

  4. Dank der sehr sehr guten Iphone-Kamera, den etlichen Fotofiltern etc. traut man den meisten Urlaubsfotos gar nicht mehr. Oft wird da soviel getrickst, dass man endlich am Urlaubsort angekommen nur enttäuscht sein kann.

    1. In der digitalen Welt sind unsere Leben alle ganz großartig. Die Haut ist glatt, das Wetter schön, der Urlaubsort paradiesisch. Doof wenn die Realität einen doch mal einholt.

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