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Atlantische Turbulenzen

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#3 – New York (1)

Die Passkontrolle nahm ich mit weltmännischer Geschwindigkeit, dann stand ich zwanzig Minuten nach einem Gepäckkarren an, immer in der Angst, dass mein Gepäck inzwischen flöten geht, was ja das Anstellen nach dem Karren zur Sinnlosigkeit verdammt hätte. Auch diese war, wie so viele Sorgen, unbegründet. Mein Gepäck hatte gar keine Möglichkeit, flöten zu gehen, und niemand mit ihm, weil es einfach gar nicht erst kam. Erst als es sicher sein konnte, dass die Schlangen vor allen Zollabfertigungsschaltern nicht mehr länger werden würden und mir das nostalgische Nachkosten meiner verlorenen Socken erneut den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte, kamen sie wie verstockte Haustiere als Letzte aus dem Loch und mir auf dem Fließband entgegen.

Foto: r.classen/Shutterstock

Ich packte sie glücklich auf den Wagen und schob schwer beladen zum Zoll, der keine weiteren Umstände machte, außer, dass nach diesem Weg von zehn Metern die Gepäckkarren wieder abgegeben werden mussten, weil es nicht gestattet war, sie mitzunehmen in die Empfangshalle.

Foto: hxdbzxy/Shutterstock

Also schlurfte ich, Reisetasche und Anzugsack in der Rechten, Koffer in der Linken, meine auch als Rucksack zu tragende Neuerwerbung über der Schulter in die erwartungsfrohen Massen jenseits der ständig zuklappenden Automatiktür.
Für Inland- und Anschlussflüge führte ein gut ausgeschilderter Weg über mehrere Treppenabsätze aufwärts, und nach etwa dreißig Stufen fragte ich mich, ob wohl Menschen, die gebrechlicher sind als ich, diese rolltreppen- und fahrstuhllose Strecke noch beschwerlicher finden mögen.

Foto: Peter Titmuss/Shutterstock

Nach Erklimmen der letzten Stufe blieb mir der Stolz darüber in den Schuhsohlen stecken. Eine schier unübersehbare Menschenmenge drängte sich vor einer knappen Anzahl von Schaltern. In meiner ersten Panik reihte ich mich in die Wartenden ein, erkannte aber nach fünf Minuten, wie unvernünftig das war.

Foto: Song_about_summer/Shutterstock

Ich wich aus, sprach jemand Uniformierten an, bekam eine blöde Antwort und hievte meine Gepäckstücke zur Information, stand dort eine Weile Schlange, dann sagte jemand, der es wissen musste, denn er hatte ‚PAN AM‘ auf der Jacke stehen, ich solle aus dem Gebäude gehen und über die Straße, und da sei wieder ein Gebäude. So weit stimmte das. In dem anderen Gebäude sah es genauso aus wie in dem ersten Gebäude, vielleicht waren die Schlangen etwas länger. Auf den Monitoren standen alle möglichen Flüge, nach Boston entdeckte ich keinen. Mein gebuchter mit dem schönen Fensterplatz musste seit etwa drei Stunden weg sein. Ich bemerkte schließlich einen Schalter, vor dem nur vier Menschen warteten. Dahinter saß eine Inderin und kicherte verlegen, offenbar total unfähig, dem vor ihr nach Fassung ringenden Reisenden irgendwie behilflich sein zu können. Von Zeit zu Zeit schrie sie ratlos nach irgendwelchen Kollegen, manchmal kam auch jemand und lief dann gleich wieder weg. Mir schien es, als ginge es an den anderen Schaltern schneller, langsamer konnte es ja auch nicht gehen. Hinter mir hatten sich inzwischen auch schon sechs Leute eingereiht. Der Erste in meiner Schlange zog ab, die Inderin kicherte nun dem nächsten Verzweifelten zu und nahm ihm das Gepäck weg. Dann entließ sie ihn mit vagen Versprechungen. Ihre nächsten Opfer schickte sie gleich weg, dann kam ich dran. Ich wies meine Bordkarte für die entschwundene Maschine vor und versuchte ihr verständlich zu machen, dass ich trotzdem nach Boston wolle. Sie kicherte, und ich war fast sicher, dass sie nur Bengalisch verstand, sie sah mich an, irgendetwas in ihrem Gesicht bildete die unselige Mischung aus Brahmaputra und Burger King, dann griff sie entschlossen zu einem Sticker, malte ‚Boston‘ darauf und heftete ihn an meinen Koffer. Sie wiederholte denselben Vorgang für meinen Anzugsack, erkundigte sich bei jemandem in Uniform, der es wissen musste und gerade vorbeikam, was weiter zu tun sei, und warf meine Gepäckstücke aufs Fließband, dann aber kicherte sie auf und zog sie zurück, weil ihr einfiel, dass sie keine Flugnummer angegeben hatte. Das wurde nun nachgeholt und sie schickte mich zum Gate 18. Die beiden daumennagelgroßen Abrisse, die bewiesen, dass sie mir meine Habseligkeiten entwendet hatte, drückte sie mir in die Hand. Meiner Bitte, sie doch an meinem Flugschein festzuheften, wie das üblich sei, konnte sie nicht entsprechen. Kichernd wies sie darauf hin, dass sie keinen Klammerer hatte. Erleichtert – zumindest um mein Gepäck – verließ ich sie.

Foto: deckard_73/Shutterstock

22 Kommentare zu “#3 – New York (1)

  1. Da kam das Gepäck ja doch noch. Verlorene (oder verspätete) Koffer sind mein Albtraum. Ich habe schon einmal so lange auf die Lieferung gewartet bis ich schon wieder abreisen musste. Nach 1,5 Wochen war der Koffer dann endlich wieder zurück in Deutschland.

  2. So wird ein Trip in eine der größten Metropolen schon einmal zur endlosen Irrfahrt, die eher an eine Entdeckungsreise in noch unentdeckte Zipfel der Erde erinnert..

      1. Na mal abwarten… New York City war und ist bestimmt noch spannender als ein paar Stunden Verspätung am Flughafen 😉

      2. Der Vorlauf ist so ausufernd, da enttäuscht der NYC-Besuch sicherlich nicht. Rinke hat doch immer ein paar spannende Geschichten parat.

  3. Als Berliner freu ich mich schon wenn 2020 der neue BER mit zehn Jahren Verspätung eröffnet. Ich sehe schon wochenlang Koffer verschwinden, Flüge ausfallen, Sicherheitskontrollen schief gehen etc etc. etc.

      1. Der BER ist wie Bielefeld. Manche sagen es gibt ihn (es wird ihn geben), manche sagen es handelt sich nur um ein Märchen.

      2. Connaisseur und Connaisseuse machen mit Recht darauf aufmerksam, dass Berlin so richtig geil=sexyyy nur in den 90er Jahren war. Fryderyk Chopins Mallorca war 1838 exklusiver, Gustav von Aschenbachs Venedig war 1910 romantischer, und Detlev von Tuckendorffs Mykonos war 1980 schwuler als heute. Den Ersten beißen die Mücken, den Letzten die Ängste, zu spät zu kommen. Urenkels Europa wird 2101 geeint sein: als Museum.

    1. Und trotzdem wünschte man sich in manchen unangenehmen Situationen, wenn schon nicht Mitgefühl, dann doch wenigstens ein kleines wenig Kompetenz.

  4. Manche Flughäfen scheinen mir weder für gebrechliche noch für fitte Menschen gebaut. Frankfurt ist zum Beispiel so ein unsäglicher Marathon-Flughafen.

    1. Schwerpunkt bei der Planung scheint mir eher immer wie man die ganzen Menschenmassen möglichst effizient von A nach B schleusen kann. Komfort kommt erst ein bischen später in der Dringlichkeitsliste.

      1. Gerade heute wurden mir per e-mail Flüge nach San Francisco und zurück für 305 € angeboten. Wer da nicht fliegt, muss Veganer sein. Oder kein Interesse haben. Verbieten wäre schwer begründen. Und dann wird eben nicht Champagner ausgeschenkt, sondern „effizient von A nach B geschleust.“

      2. Das schlimmste sind die ganzen Low-Cost-Terminals wo man sich eher wie das Vieh auf dem Schlachthof fühlt als wie Tourist kurz vor dem Urlaub.

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