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Atlantische Turbulenzen

#22 – New York (3)

Von da an ging alles glatt. Die Maschine wurde pünktlich abgerufen, die Stewardess begrüßte mich begeistert, ich glaube, sie hat mich umarmt, ob sie mich geküsst hat, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls setzte sie sich gleich neben mich, während die Passagiere der Economy Class stumm wie Büßer an uns vorbeipilgerten. Ich wartete auf einen Heiratsantrag und war nicht ganz sicher, ob ich ja sagen sollte, aber dann fragte sie nur, ob ich mein Gepäck oder was ich da verloren hätte, wiederbekommen habe. Ich schloss daraus, dass sie mich kannte und womöglich sogar auf meinem Flug von New York nach Houston gewesen war. Diese Schlussfolgerung bestätigte sich kurz darauf, als die Erste-Klasse-Sektion voll besetzt war und sie wieder zu mir kam und so laut, dass alle es hören konnten, fragte: „Champagner, was? Mann, Sie und der andere, Ihr habt ja ganz schön zugelangt vorige Woche. Wir hatten keinen Rotwein mehr auf dem Rückflug. Drei Flaschen habt ihr leergemacht zusammen.“ – Ich hoffe, dass ich in meiner deutschen Übersetzung den Tonfall einigermaßen getroffen habe.

Foto links: YuriyZhuravov/Shutterstock | Foto rechts: Dmitriy Bryndin/Shutterstock

In Texas gilt so etwas ausschließlich als Kompliment. Mein Nachbar erzählte mir, dass Alkohol am Steuer in Texas kein Relikt sei, und mein Hintermann grapschte dauernd am Fenster vorbei nach meiner Schulter, um mich darüber auf dem Laufenden zu halten, welche Stätten wir auf unserem Flug passierten. „Das ist New Orleans“, sagt er, „sieht ganz harmlos aus von hier oben, aber das Wasser, was für eine schreckliche Brühe der Mississippi geworden ist! Kennen Sie das French Quarter?“ Ich betrachtete das Muster der Stadt mit Zufriedenheit, froh da gewesen zu sein, mit Roland und mit Silke und ohne die Qual, sich das Erlebnis zurückwünschen zu müssen. „Wie viele Kinder haben Sie?“, fragte es hinter mir. „Eins“, antwortete ich und meinte damit mich selber.

Foto oben: Kit Leong/Shutterstock | Foto unten: ADA_photo/Shutterstock

Die Scampi waren scharf, also köstlich.

Wir landeten pünktlich, was bei nur einer Stunde Aufenthalt in New York wichtig war. Die Schlangen der vor den Schaltern Wartenden war noch viel schlimmer, als sie bei meiner Ankunft aus Frankfurt gewesen waren, aber mit Bordkarte versehen lief ich durch die schäumenden Massen wie Moses durchs Rote Meer.

Foto links: Victoria Labadie/Shutterstock | Foto rechts: Masha Arkulis/Shutterstock

28 Kommentare zu “#22 – New York (3)

  1. Da bestätigt sich mal wieder die Regel, dass es weniger zu erzählen gibt, sobald alles glatt läuft. Schön natürlich, wenn es auch mal ohne Umwege ans Ziel (bzw. zurück) geht.

  2. Wie Moses durchs Rote Meer. Da schließt sich zumindest doch irgendwie (wenn auch ganz weit entfernt) der Kreis zur Osterbotschaft 😉

  3. Ich habe so lachen müssen! („Wie viele Kinder haben Sie?“, fragte es hinter mir. „Eins“, antwortete ich und meinte damit mich selber.)

  4. Es gibt noch so viele Städte in den USA, die ich mir gerne ansehen möchte. Man landet ja irgendwie doch immer in den selben Ecken. New Orleans gehört auf alle Fälle zu den noch zu entdeckenden Städten.

    1. Bei mir ist es anders herum. Ich war familienbedingt zwar schon in ein paar Kleinstädten, habe es aber immer noch nicht nach NYC oder LA geschafft. Ist wohl die Ausnahme.

      1. Loriot äußerte sich zu einem Leben ohne Mops. So weit wie er würde ich nicht gehen und sagen, ein Leben ohne NY und LA sei möglich, aber sinnlos. Doch selbst Udo Jürgens, der Geld mit der Behauptung verdiente, noch niemals in New York gewesen zu sein, hat dort sogar geheiratet.

      2. Ich bin wohl zu voreingenommen, ich mag New York wirklich sehr. Aber ich würde einen Besuch wirklich empfehlen.

      3. Wie bei vielen großen Metropolen ist NY nicht gleich NY: Manhattan unterscheidet sich erheblich von Queens. Und je preiswerter das Hotel desto mehr Kakerlaken.

      4. Alles was nicht unmittelbar Touri-Zone ist, würde ich besuchen. Chelsea, East und West Village, SoHo, NoHo, Nolita, Brooklyn…

      1. In meiner Zeit als Vielflieger waren die in kleine Fläschchen abgefüllten Bordeaux und Burgunder völlig in Ordnung. Die großen Flaschen auf Langstrecke waren sogar gut. Außerdem brauchte ich sie vor allem als Einschlafhilfe noch über dem Meer. Die Qualität der Lage maß ich an der Länge meines Schlafs.

  5. Eine Stunde Aufenthalt vor einer Langstrecke ist ambitioniert. Ich bin meist zu ängstlich ohne einen Puffer von mehreren Stunden zu planen.

      1. Naja: die nächste Maschine von New York nach Pittsfield, Massachusetts, nach der, in der ich saß, flog erst wieder zwei Tage später – mit meinem Gepäck aus Hamburg. So hatte ich die Ehre, Ms. Kenneny zum Gala Diner des Tanglewood Festivals in Jeans führen zu dürfen. Sie wusste bescheid und fand es komisch. Andere nicht.

      2. Oh das waren wahrscheinlich auch noch ganz andere Zeiten. Zwei Tage habe ich noch nie auf einen Anschluss warten müssen. Muss auch nicht unbedingt sein.

  6. Sich wie ein Büßer zu fühlen ist sogar noch die harmlose Reisevariante. Wenn’s mich aufgrund der schnellsten Flugverbindung doch mal zu easyjet verschlägt, fühlt man sich ja schon fast wie Schlachtvieh.

    1. Stimmt wohl. Man muss dann aber auch mitbedenken, dass sich First Class, Business, Economy und Low Cost preislich dementsprechend unterscheiden. Wer mehr zahlt, bekommt auch mehr.

      1. Lieber wurde ich unterwegs überrascht als gefragt, wie ich essen möchte. Selbstherrlichen CEOs antwortete ich gern: „Schlecht und teuer.“ Oft genug wurde das für einen Witz gehalten, kam aber im Resultat hin.

      2. Die Antwort werde ich mir auf alle Fälle merken 😉 Dafür gibt es unzählige passende Situationen!

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