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Atlantische Turbulenzen

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#11 – Caracas (2)

Für die Morgentoilette braucht Bill etwa 60 Minuten, von denen er dreißig unter der Dusche zubringt, danach ist er so ausgelaugt, dass er sich zehn Minuten cremen muss, dann geht es weiter.

Foto: Maridav/Shutterstock

Bill, der gut Spanisch spricht, nahm nun die Hotelseite des Branchentelefonbuchs und rief von A bis Z überall an. Die Auswahl wurde dadurch beschränkt, dass sich bei den meisten Anschlüssen niemand meldete. Nur zwei Hotels wollten uns haben. Wir fuhren mit der Taxe zum ersten, der Weg führte durch die regellosen Ansammlungen von Beton, Stein und Aluminium hindurch zu einem Einkaufszentrum, das nur über die endlosen Garagen zu betreten war. Im Innern dieses Einkaufszentrums lag das Hotel und machte dann gar keinen schlechten Eindruck, nur war ganz egal, was für einen Eindruck es machte, denn es gab keine freien Zimmer.

Foto links: Carlos Gi/Shutterstock | Foto rechts: Stephen Rees/Shutterstock

Das andere, nach einer halben Stunde Taxenfahrt zu erreichen, sah so aus, dass wir uns entschlossen, nicht zu fragen, um so den Eigentümern oder uns Enttäuschungen zu ersparen. Da standen wir dann in der dampfenden Mittagsglut, in Staub, Lärm, Gestank von Abgasen, Fetten, Ausdünstungen, umzingelt von schmutzigen Gebäuden und einkesselnden Bergen: Urlaub, jenseits des Massentourismus.

Foto links: Jonathan Mendez/Unsplash | Foto rechts: Frangely Moreno/Shutterstock

Ich gehe davon aus, dass man an seinen Leiden wächst, und so war ich etwas verblüfft, dass ich physisch noch in ein Taxi passte, als wir endlich, endlich eines fanden.

Foto links: Alf Ribeiro/Shutterstock | Foto rechts: Pabkov/Shutterstock

Statt gleich zum ‚Interconti‘ zu fahren, ließen wir beim verkehrsumtobten ‚Holiday Inn‘ halten, und aus irgendeinem Grund sagte irgendwer, ja, wir könnten bleiben. Sofort stellte ich natürlich Ansprüche: ein Zimmer so hoch oben wie möglich, und wie es denn um Terrasse und Swimmingpool bestellt sei. Alles in Ordnung, hieß es. Wir liefen, halbwegs erleichtert, den unbedeutenden Hügel aufwärts zum ‚Interconti‘, packten, ich filmte die Gartenanlage mit Bassin, damit wenigstens mein Publikum etwas von dieser Reise haben sollte, und Bill sagte, jetzt habe er aber wirklich Hunger. Wir gingen ins ganz hübsche Salopp-Lokal des Hotels, ich fühlte mich zurückversetzt in die zivilisierte Welt und genoss das in aller Stille, während Bill sich mit Bergen von Mayonnaisen- und sonstigen Salaten bediente, dann ließ er sich Fisch und Gulasch (hieß hier sicher feiner) schmecken und holte Ernesto, der ziemlich pünktlich um 13.30 Uhr in der Lobby erschien, ab, bevor er das Nachtischsortiment durchtestete. Ich gab mich bescheidener, nicht allerdings, was den Weinkonsum anging. Nach dem Essen fuhr uns Ernesto, der gar kein ‚Travel Agent‘ ist, sondern in einem Ministerium arbeitet, mit seinem – ich glaube, man könnte es ‚motorisierten Untersatz‘ nennen – zum ‚Holiday Inn‘. Auf mich wirkte er wie Mitte vierzig, aber wahrscheinlich ist er Mitte dreißig, und er war sehr hilfsbereit. Ich war schon gerührt über die Menge an Zeit, die er uns noch widmen sollte, aber Zeit ist eben das einzige wertvolle Gut, das es hier reichlich gibt.

Foto links: MR.Yanukit/Shutterstock | Foto rechts: MikroKon/Shutterstock

Inzwischen erstaunte es mich nicht mehr besonders, dass der Mann, der uns gesagt hatte, es gäbe Zimmer, nicht mehr da war, und dass die, die da waren, uns sagten, dass es keine Zimmer gäbe. Da noch kurz vor dem Mittagessen Bill sich hatte abschlägig bescheiden lassen von dem Hotel, das uns gestern Abend schon verstoßen, heute Morgen aber Hoffnung gemacht hatte, und uns außerdem ein ‚Hilton‘ zunächst von männlicher Stimme am Telefon Zusagen gemacht hatte, die beim Kontrollrückruf eine weibliche Stimme mit der Begründung widerrief: „Wir haben hier gar keine Männer!“, deshalb sah ich uns schon auf das von Ernesto angebotene Zelt zurückgreifen, aber dann fand das ‚Holiday Inn‘, das übrigens keins ist, sondern nur so genannt wird, weil es vielleicht früher mal eins war, doch noch die Buchung für uns. Zimmer gab es trotzdem nicht, noch nicht. In etwa zwei Stunden sollte etwas frei werden. Wir ließen unser Gepäck dort und Ernesto machte mit uns eine Autotour durch die Stadt, was natürlich sehr nett war – aber wäre ich je auf die Idee gekommen, zwei Stunden lang durch Marzahn oder das Elbe-Einkaufszentrum zu fahren? Nach etwas über einer Stunde hielt Ernesto ergriffen an einem Loch und erzählte uns, dass dort noch bis vor kurzem der letzte ältere Palazzo gestanden hätte, nun würde ausgehoben für ein Versicherungshochhaus. Er fuhr uns zu einem Ausguck oberhalb der Stadt, unmittelbar über der brausenden Autobahn, und es war von oben alles genauso schrecklich wie von unten. Dann verbrachte er uns in eine Fußgänger‚zone‘, in der nebeneinander drei riesige, na ja, ‚Cafés‘ lagen. Es hatte was von Eisenhüttenstadt im Hochsommer, aber ich konnte ziemlich viel filmen. Zum Schluss fuhren wir noch zur Plaza Venezuela, die sich vom Alexanderplatz in Ostberlin dadurch unterscheidet, dass der Springbrunnen etwas größer ist, dann ging es zurück zum Hotel.

Foto oben: Alexander Chaikin/Shutterstock | Foto unten: emilyz21/Shutterstock

Überraschenderweise war unser Zimmer fertig und – hübsch! Geräumig, vernünftig möbliert, zwei riesige Betten, ordentliches Bad, siebter Stock, Zählung fängt aber erst nach vier Stockwerken Wirtschaftstrakt an, also leidlich ruhig. Auf dem Bett liegend sieht man die Berge; wenn man vor dem Fenster steht, sieht man die diversen Staus. Die Terrasse mit Pool ist angenehm, ich habe sie am Anfang des Berichts ausführlich beschrieben, und, weil die Glückssträhne nicht abreißen wollte, aßen wir in einem nahen Lokal, das Bill kannte, gut, die Leute waren lustig zu beobachten und die Atmosphäre war auf fremdländische Weise ansprechend.

Foto links: Bigna/Shutterstock | Foto rechts: OlegD/Shutterstock

Als wir gingen, war es annähernd Mitternacht und Bill, der sich mit den vorangegangenen Schicksalsschlägen weniger rasch abfinden konnte als ich, sagte: „Es würde zu all dem passen, dass ich heute Abend noch ganz schlechten Sex mit jemandem habe, der am anderen Ende der Stadt eine verrottete Behausung hat.“ Da aber Bill seit Jahren schon an solcher AIDS-Phobie leidet, dass er Neujahr niemals damit rechnet, Silvester noch zu erleben, und deshalb nicht mal die Zahnpasta mit jemandem teilen würde, wusste ich, wie ich diese Aussage zu bewerten hatte. Immerhin lernte er im selben Club wie am Abend zuvor jemanden kennen, mit dem er in die Disco abschob. Ich hatte nicht mitkommen wollen. Mich freute sowieso nichts. Ich stand da zwischen all den vielen Menschen, Freitagnacht, und war einfach nicht neugierig, von tiefer liegenderen Gelüsten ganz zu schweigen. Ich drehte noch eine Runde durchs Lokal wie ein vegetarischer Tourist auf dem Kairoer Fleischmarkt, dann zog ich mich zurück und stocherte in meinem Innern nach dem letzten Bisschen Glut des Feuers, auf das ich immer so stolz gewesen war, aber da war nichts.

Foto links: diy13/Shutterstock | Foto rechts: Estrada Anton/Shutterstock

Es ist immer klüger, sich auf nichts einzulassen, aber am Ende ist der der Dümmste, der stirbt, ohne sich auf irgendetwas eingelassen zu haben. Na, na, so weit würde es bei mir nicht kommen können. Aber Selberwollen macht fett, andere wollen zu sehen, macht innerlich dünn.

Foto: Bobb Klissourski/Shutterstock

Als Bill gegen fünf kam, tat ich, als ob ich schliefe, und fragte ihn erst am Morgen, wie es gewesen war. Um zehn hatte ich ihn unbarmherzig geweckt, und erstmals spürte ich die auch recht süße Lust der Prüden, die Sünder leiden zu lassen.

Foto: Hieronymus Bosch/Wikimedia Commons

25 Kommentare zu “#11 – Caracas (2)

  1. Hahaha, der Einstieg ist super. Da fällt mir auf, dass es zwei Typen Mensch gibt. Der erste duscht warm um sich aufzufrischen, der zweite duscht warm und fühlt sich müde. Ich gehöre auch eher in die zweite Kategorie.

      1. Dreißig Minuten Dusche, dreißig Minuten cremen, Kleidung auswählen und anziehen: Das kommt den venezuelanischen Zeitvorstellungen schon ziemlich nahe. Vielleicht zieht sich ja deshalb auch der erhoffte Umsturz so in die Länge …

  2. So sehe ich es im Zweifelsfalle auch: Lieber eine schnelle Erleichterung alleine, als ganz schlechten Sex mit jemandem, der am anderen Ende der Stadt eine verrottete Behausung hat.

      1. Katholische Geistliche müssen widersprechen. Berufsethos. Unter der Hand fahren auch die gerne mal ans andere Ende der Stadt.

      1. Schon zehn Jahre vor Venezuela las ich an der Eingangstür eines Hamburger Szene-Buchladers: „Männer unerwünscht!“ Ich ging rein und fragte, ob das auch für schwule Juden gelte. Statt einer Antwort bekam ich einen Wink in Richtung Tür, dabei hätte ich dort so gern Casanovas Memoiren gekauft.

      1. „Der Anfang von Betrunkensein ist immer das Schönste“, sagte mein Vater. Wohl dem, der dann aufhören kann. Meinem Vater gelang das. Mir meistens. Ich bekomme nie einen Kater. Das ist fürs Maßhalten pädagogisch weit weniger heilsam als brüllender Kopfschmerz und krasse Übelkeit …

      2. Mittlerweile denke ich, ich fühle jedes einzelne Glas. Vielleicht liegt das am Alter, aber selbst ein Glas Rotwein macht beim Aufwachen am nächsten Morgen einen kleinen Unterschied.

  3. Irgendwie hat jede größere Stadt diese unendlich hässlichen Ecken. Wie eben Berlin den Alexanderplatz. Ob sich da ursprünglich mal jemand Gedanken gemacht hat Oder sind das einfach zufällig entstandene Un-Orte einer Stadt?

    1. Beim Alexanderplatz gab es 1993 ja sogar mal einen internationalen städtebaulichen Wettbewerb um das Trauerspiel in etwas Sinnvolles zu verwandeln. Passiert ist allerdings noch nicht allzu viel.

    2. Die meisten Un-Orte sind wohl durch Un-Planung entstanden. Das Problem von Caracas ist, dass die ganzen Stadt ein einziger Un-Ort geworden ist. In Berlin gibt es neben dem Alexanderplatz auch den Gendarmenmarkt.

      1. Traurig aber interessant. Detroit und Sao Paulo sollen ähnlich triste Betonwüsten sein. Ich habe alle drei noch nicht sehen dürfen. Das verfallene Detroit würde mich am meisten reizen.

      2. Manch hässliche Stadt ist ja aktuell auch gar nicht unbedingt von Elend geprägt. Da sind wir z.B. wieder beim Alexanderplatz. Berlin wäre nicht Berlin ohne seine Platten.

  4. Staub, Lärm, Gestank von Abgasen, Fetten, Ausdünstungen, umzingelt von schmutzigen Gebäuden … das erinnert mich sehr an meinen einzigen Besuch in Jakarta Anfang der 2000er.

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