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Atlantische Turbulenzen

#8 – Houston (1)

In Houston kam außer mir zwar mein Koffer an, aber weder mein Anzugsack noch Bill war da. In meinem Anzugsack waren alle Hosen, Hemden und Schuhe, in Bill lag meine Hoffnung auf ein Bett für die Nacht begründet. Schließlich, als die Verzweiflung gar zu bitter zu werden drohte, und auch Bangladesch nicht mehr tröstete, fand ich den Anzugsack auf einem völlig anderen Fließband und Bill an einem völlig anderen Gate.

Foto: Jaromir Chalabala/Shutterstock

Draußen war es angenehm warm und natürlich stockfinster. Wir fuhren zu einer Bar, in der ich Abel kennenlernte, er ist Venezolaner aus Caracas, hatte für unsere Unterkunft dort gesorgt und sollte am Wochenende nachkommen, um uns die Schönheiten des Landes zu zeigen. Außerdem war ein Dschungeltrip per Flugzeug geplant. Nachdem ich mir das alles wohlgefällig angehört und zwei Margaritas getrunken hatte, konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten. Es war dann auch nach Mitternacht, für mich noch eine Stunde später, und der Tag war erschöpfend gewesen.

Foto links: VanHart/Shutterstock | Foto rechts: Ara Aire/Shutterstock

Wir fuhren eine Weile durch die Dunkelheit und hielten dann vor einem Haus, das wohl Bills neue Bleibe sein musste. Ich schleppte meine Sachen rein und mich ins Bett, dann passierte etwas mit mir, das ich eher als Ohnmacht denn als Schlaf deutete.

Foto: Olena Yakobchuk/Shutterstock

Als ich richtig wach war, war es Morgen. Sieben Uhr. Ich blieb liegen. Mir war seltsam. Später hörte ich Bill. Er lief hin und her und hustete. Dieses nervöse, gestoßene Husten, das von keiner körperlichen Krankheit sprach. „Hörst du, jetzt fängt er wieder an zu husten“, sagte Roland manchmal, wenn er bei uns in Hamburg zu Besuch war, „gleich dreht er durch.“ Meist war das, wenn er unter die Dusche ging, bevor er etwas vorhatte. Aber er war nie durchgedreht, und ich hatte das Husten auch nie bemerkt. Jetzt merkte ich es.

Foto: Luis Molinero/Shutterstock

Ich stand auf und ging noch im Schlafanzug vor die Tür. Alles war wunderschön. Der Morgen, der tiefblaue Himmel, die warme, frische Luft. Das leuchtend helle Grün, überall Grün. Gestern noch kahle Bäume in unwirscher Kälte, heute Blüten, Duft, Sommer, ein junger Sommer, der nie altern würde, so schien es. Aber er würde altern, er würde ein alter Sommer werden, und dann kommt – winterlos – der nächste Frühling.

Foto: Konstanttin/Shutterstock

Ich wusste sofort, dass die nächsten paar Stunden das Schönste sein würden, das diese Reise mir zu bieten hatte. Die Stille in der Ansammlung von acht verschachtelten Häusern, die südliche Harmonie ausstrahlten. Glitzernde Gärten, ein Lächeln über der Landschaft. Die Zikaden zirpten, jemand mähte, und der Geruch von frischem Gras erinnerte an Kinderspiele, an Toben und Stillsein. Ein Heidenlärm beendete diese Stille abrupt. Ich war nach draußen gegangen, ohne die Alarmanlage abzustellen, und Bill musste rasch die Polizei rufen, bevor sie uns besuchen kam.

Foto links: DenisProduction.com/Shutterstock | Foto rechts: Aaron Amat/Shutterstock

Ein gelassenes Frühstück, ein Gespräch, eher das Wechseln von Worten, und dann wieder das Draußen dieses endlosen Junis. Ich wollte bleiben, ich wollte nicht weg. Ich wollte an dem geräuschlosen Bassin liegen, die Grillen hören und meine Gedanken, oder – beider überdrüssig – die Musik aus meinem Walkman, während meine geschlossenen Augen mir die Songs bebilderten.

Foto links: Yuricazac/Shutterstock | Foto rechts: Nerijus Juras/Shutterstock

Umso sehnsüchtiger wollte ich das Greifbare festhalten, als Bill mir gesagt hatte, dass der Rückflug am Montag ausgebucht war, erst Donnerstag sei möglich. Und Donnerstag war mein letzter Tag. Freitag würde ich zurückfliegen müssen – und wollen.

Aber es half alles nichts. Ich packte um, ließ einiges zurück, völlig idiotischerweise auch meine Schreibblocks, und beobachtete Bill bei seinen Vorbereitungen. Er bügelte den ganzen Vormittag. Ich dachte: „Er reist nur, um sich aus diesem Anlass zu zwingen, seine Wäsche in Ordnung zu bringen.“ Eine unübersichtliche Menge von Hemden, Hosen, Socken lag bereits aufgeschichtet, und Bill sagte, er könne sich bis zum Schluss nie entscheiden, was er mitnehmen wolle, ganz zuletzt raffe er dann irgendetwas, und so fiele die Entscheidung. Diesmal lief die Sache anders: Er nahm alles mit. So fuhren wir, gut bestückt, aus der Idylle den Highway entlang, an allen ‚McDonald’s‘ und ‚Burger Kings‘ vorbei zu einem riesigen Parkplatz, von dem aus ein Bus zum Flugplatz führte.

Foto links: BOKEH STOCK/Shutterstock | Foto rechts: FabrikaSimf/Shutterstock

24 Kommentare zu “#8 – Houston (1)

  1. Das Koffer-pack-Problem kenne ich auch nur zu gut. Ich kann mich nie im voraus entscheiden, was ich ind en kommenden Tagen/Wochen wohl gerne anziehen würde.

    1. So geht’s mir auch. Aber sobald man unterwegs ist, kommt man eh mit den Sachen klar, die man nunmal dabei hat. Völlig unnötiger Stress.

      1. Wie angenehm! Ich stelle unterwegs eher fest, dass ich doch den einen Gürtel, der farblich zu den Socken passt, nicht mit einkalkuliert habe. Ein Trost: außer mir merkt das kein Mensch.

      2. Zurecht komme ich auch. Mich ärgert’s beim vielen Unterwegssein nur, dass meine schönen Sachen größtenteils zuhause bleiben müssen.

    1. Ich habe vor vielen Jahren einmal den falschen Koffer vom Band genommen und es erst rund 30 Minuten später gemerkt. Wo wir schon von Flughafenalbträumen sprechen…

      1. Am Anfang meiner Reisezeit waren Koffer sehr unterschiedlich. Jetzt sehen viele ganz ähnlich aus. Gut, wenn man seine Initialen an den Schlössern hat oder ein Gepäckstück ergattert, dessen Inhalt interessanter ist als die eigenen Habseligkeiten.

  2. McDonalds, Burger King, KFC, Taco Bell, Wendy’s … damit sind die Erinnerungen an amerikanische Kleinstädte ziemlich abgedeckt.

    1. Na ein wenig mehr Eindrücke gibt es dort sicherlich auch. Davon abgesehen, unsere Innenstädte sehen mit der immer gleichen H&M / Douglas / McDonald’s Filialbestückung auch sehr monoton aus.

    2. Kleinstadt ist Kleinstadt. Meine schönsten Eindrücke von meiner Amerika-Reise vor 8 Jahren sind allerdings die landschaftlichen. Es gibt so wunderschöne Ecken!

      1. Das sind die echten Nachteile der Globalisierung.Im Gegensatz zum ganzen Müll, den rechte Gruppen verbreiten.

  3. Venezuela … und dann auch noch mit einem ortskundigen Führer. Das ist also das Ziel dieser transatlantischen Abenteuerreise?

      1. Ganz genau! Zuerst wollte ich nur den langen Venezuela-Teil in den Blog stellen, aber der Anfang gehört doch dazu, gerade, weil Klima und Aufgaben so sehr unterschiedlich waren.

      2. Ich finde es eh immer spannend, wie oft die An-/Abreise einen wichtigen Teil der späteren Erzählung ausmacht. Da passieren oft die interessantesten Dinge.

  4. Der Morgen ist meine liebste Tageszeit. Vor allem früh, wenn noch niemand auf den Straßen unterwegs ist und man sogar in der Großstadt mal ein Gefühl für Weite und Freiheit bekommt.

    1. Freiheit habe ich in der Großstadt. Aber die Ruhe am frühen Morgen ist wirklich etwas tolles. Da schließe ich mich dann doch an.

    2. Das verstehe ich. Aber wenn ich um zehn aufstehe, ist es auch schon wieder ziemlich still. Nach Mitternacht, wenn die meisten anderen schlafen, genieße ich dann meine „Weite“. Als Lehrling musste ich um 7 Uhr in der Fabrik sein. Je weiter meine Karriere voranschritt deso länger durfte ich im Bett bleiben.

    3. So sehr ich die frische des Morgens verstehe, ich laufe doch erst am späten Abend zur vollen Form auf. Da bin ich am produktivsten, da kann ich mich am besten konzentrieren.

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