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Am Teich

#10 – PLATZ 3: DIE SCHULE

Da, wo die Waitzstraße aufhört, Einkaufsstraße zu sein, steht ein Gebäudekomplex aus dem Jahr 1898, pompös mit Wandelhalle. Das war 1953, als wir nach Hamburg zogen, das ‚Bertha-Lyzeum‘, eine Höhere Mädchenschule. Eigentlich. Aber Raum war knapp, Kinder gab es reichlich. Bei den Höheren Töchtern wurden zunächst zusätzlich auch die ersten Grundschulklassen untergebracht. Ich ging in die zweite. Die Direktorin sagte zu meiner Mutter: „Einschulen mit fünf Jahren? Das klappt nie. Bei uns wäre das nicht möglich gewesen.“ Irene ließ sich sowieso nie einschüchtern, hier konnte sie außerdem mein schmeichelhaftes Zeugnis vorweisen. „Wir können es versuchen“, sagte die Direktorin. Damals herrschte die Auffassung, Kinder müssten so lange wie möglich ungestört spielen, bevor der Drill beginnt. – Klingt nach SPD. Heute meint man, Kinder seien wissbegierig und würden so bald wie möglich lernen wollen. – Klingt nach Leistungsgesellschaft. Ich blieb nie sitzen und verdanke meiner Mutter ein Lebensjahr, das ich nach dem Abitur planvoll vertrödeln konnte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ein Jahr später war die neue Grundschule fertig. Lauter Pavillons mit Ziegelsteinwänden. Sie lag am Klein Flottbeker Weg, gleich hinter Röpers Kuhweide, für mich vom Haus aus auf der Straße nach links, fünf Minuten zu Fuß. Die Freude wurde etwas getrübt: Schichtunterricht. Es gab noch nicht genügend fertige Gebäude, und so mussten die Klassen doppelt belegt werden. Unterricht eine Woche von acht bis halb eins, eine Woche von eins bis halb sechs. Sonnabend von acht bis elf und von halb zwölf bis halb drei. Das frühe Aufstehen machte mir damals noch nichts aus, aber meine Mutter zwang mich, in den Nachmittagsschulwochen gegen zwölf ein Mittagessen einzunehmen. Guntram kam gegen halb zwei aus dem Büro, dann wurde gegessen, dann schlief er eine halbe Stunde, dann fuhr ihn der Chauffeur wieder ins Büro zurück. Ich dachte, so sei es üblich. Ungefähr bis ich achtzehn war, machte ich mir nichts aus Essen. Zeitweilig hasste ich es sogar. Vor der Mittagsschule hasste ich es immer. Ich sehe mich noch am Tisch sitzen und würgen, Irene besorgt neben mir. Es hätte uns viel Kummer erspart, diese Zwangsmahlzeit einfach auszulassen, aber meine Mutter wollte nun mal alles richtig machen, und das meiste hat sie ja auch richtig gemacht. Nach wie vor bekomme ich um 12 Uhr keinen Bissen runter. Eine schlimmere Auswirkung der Nachkriegszeit habe ich aber nie zu spüren bekommen. Glückskind? Habe ich nicht so empfunden. Zu viel Angst, zu wenig Zuversicht. Ständige Bedrohung.

Foto: Privatarchiv H. R.

Inzwischen gibt es hundert Meter weiter ein Gymnasium. Da heißt die Straße mitten in ihrem kreuzungslosen Verlauf auf einmal Hochrad und führt zum Jenischpark. Dass vor dessen Zaun Schluss ist, macht nichts. Nach links windet sich das ‚Hochrad‘ hügelaufwärts am Park vorbei und mündet in die Straße des Barons Voght, dem die Gegend mal gehört hatte. Über Caspar Voght können Wissensdurstige, denen mein Bericht zu knapp ist, in Buch und Netz genügend Stoff finden. Nach links heißt der Weg Holztwiete und führt auf die Elbchaussee. ‚Twiete‘ bedeutet im Nordniederdeutschen ‚schmaler Durchgang‘. Das ist vornehm untertrieben. Rechter Hand der Park, linker Hand noble Villen. Schöner wohne nur ich. Der Ursprung des Wortes ‚Twiete‘ ist etymologisch unklar, aber vom Begriff her eindeutig. Das erschließt sich in Hamburg nicht immer. Die Hansestadt hat nicht einfach Straßen, Gassen, Plätze wie andere Orte: Oxford Street, Getreidegasse, Piazza San Marco. Nein, sie wartet auf mit ‚Schlump‘, ‚Raboisen‘ und ‚Schulterblatt‘. Auch ‚Hopfensack‘ und ‚Pumpen‘ gibt es. Klingt nicht so elegant wie ‚Avenue‘ oder ‚Boulevard‘, hat aber mehr Lokalkolorit.

Video (Ausschnitt aus ‚Die Straße‘): Hanno Rinke | Foto: Privatarchiv H. R.

Das nächstliegende Gymnasium wäre für mich, örtlich gesehen, das Christianeum gewesen. Da hätte ich aber Altgriechisch pauken müssen, und das lag meinen Eltern und mir eher fern, so dass sich meine humanistische Ausbildung auf neun Jahre Latein beschränkte. Ich habe mein Wissen später aber konsequent ausgebaut und kenne inzwischen mehr griechische Götter, als in Kreuzworträtseln verlangt werden.

Dem Christianeum bekam die Nord-Süd-Autobahn nicht besser als dem Teich: Es wurde abgerissen zugunsten der Schnellspuren. Ich mochte die bauhausartige Anlage damals nicht besonders, vielleicht, weil dort die Leibesübungen stattfanden. Alle anderen Turnhallen der Umgebung waren kriegszerstört. Das Christianeum war heil geblieben und musste weg.

Foto oben (histor. Postkarte vom Christianeum Altona): mit freundlicher Genehmigung von akpool.de

Seit 1971 gibt es das neunte Christianeum südlich der Waitzstraße neben dem Golfplatz (gerade mal neun Loch). Es sieht so nichtssagend aus wie alle neueren Schulen, aber Christina Nur (Leistungskurs Kunst, 2003) schreibt: „Was mir am Christianeum besonders gefällt, ist die schöne Eingliederung in die Umgebung. […] Viele weiche, geschwungene, also organische Formen werden auf den ersten Blick am Christianeum kaum sichtbar, sind jedoch sehr wohl zu finden, z. B. an den geschwungenen WC-Einheiten.“1 Ich vermisse den eingestampften Bauhaus-Klinker. Aber nur ein bisschen.

1 Quelle: Auszug aus ‚Die Architektur des Christianeums. Das Gebäude von Arne Jacobsen‘, von Christina Nur

Das Gymnasium am Hochrad gab es noch nicht, als ich die ersten vier Klassen ruhmreich hinter mich gebracht hatte: netter Junge, gute Zeugnisse. Für das Ausweichinstitut wäre ein längerer Fußmarsch nötig gewesen. Ich nahm lieber mein Rad. Von der Kreuzung, gleich rechts neben unserem Haus, fuhr ich die Reventlowstraße entlang, bis sie hinter dem Bahnhof Othmarschen Dürerstraße heißt. So lernte ich nicht nur frühzeitig den Namen von Deutschlands bekanntestem Maler, sondern erhielt auch eine neun Jahre währende Stählung meiner Beinmuskulatur: Die Dürerstraße führt steil aufwärts. Dann heißt sie Ebertallee. Eine Assoziation, die den Namenswechsel begründen könnte, ergibt sich für mich weder aus der Biografie der beiden Deutschen noch aus dem geraden Verlauf der Strecke. Aber dann bog ich sowieso links ab und war kurz darauf an meiner Schlee-Schule. Als Abiturient bekam man Fahrradständer auf dem Gelände. Vorher musste man sehen, wo man sein Transportmittel abstellte. Im Beruf nachher war es genauso. Sechzehn Jahre lang musste ich mir mühsam einen Parkplatz in den vollgestellten Straßen rund um das Bürogebäude an der Alster suchen, dann wurde ich Prokurist und bekam einen Parkplatz in der Tiefgarage. Beides schön. Erst der Triumph, wieder eine Lücke gefunden zu haben, dann der Triumph, Lücken nicht mehr zu brauchen. Die volle Breite!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Der Wechsel von der Volks– zur Oberschule (eigentümliche Begriffe) machte mir nicht vom Lehrstoff her zu schaffen, sondern vom Sexuellen. Bis zur vierten Klasse waren wir Jungen und Mädchen von freundlichen Lehrerinnen unterrichtet worden. Von da an wurden tobende Rabauken und ich von prügelnden Lehrern gemaßregelt. Meine Übertreibungen sind Teil meiner selbst, aber ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Geschlagen wurde ich von größeren Klassenkameraden und älteren Studienräten, aber Opfer war ich nie. Gegen Mitschüler trat und biss ich, gegen Lehrer schritt Irene ein. Es gab bei uns nur einen in der Klasse, der aus Wut seinen Schulranzen in die Fensterscheibe schleuderte, die daran zerbrach. Das war ich.

Foto: Privatarchiv H. R.

Weder von meinem Klassenlehrer noch meinen Eltern bekam ich Vorwürfe. Das wunderte mich und war mir eine Lehre: Man darf sich danebenbenehmen. Jedenfalls dann, wenn alle voraussetzen, dass man die Regeln kennt. Wenn die Regeln erst vermittelt werden müssen, sind die Strafen härter: Sie reichen vom ‚Kopf-ins-Klo-Stecken‘ bei Rekruten bis zum ‚Kopf-Abhacken‘ bei Islamisten. Ab der Oberstufe war rohe Gewalt aber nicht mehr erforderlich: Ich setzte mich mündlich zur Wehr. Da hatte mein direkter Körperkontakt mit Männern für längere Zeit aufgehört.

Fotos (3): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Privatarchiv H. R. sowie von Shutterstock: ryoheim91 (Schulbänke) und Marynchenko Oleksandr (Medaille)

34 Kommentare zu “#10 – PLATZ 3: DIE SCHULE

  1. Kinder sind von Grund auf wissbegierig und wollen so bald wie möglich lernen. Dann kommen sie in die Schule und würden am liebsten wieder ungestört spielen.

      1. So viele Menschen haben starke Gefühle über ihre Schulzeit. Ich muss sagen für mich war diese Zeit vor allem ziemlich belanglos. Ich habe später im Leben spannendere und wichtigere Dinge gelernt und tiefergehende Freundschaften geschlossen.

      2. Interessant war bei mir die Untergliederung: 1 – 4. Klasse: gern
        5. – 8. Klasse: schrecklich. 9. – 11. Klasse: okay. 12. + 13. Klasse: sehr gern.

      3. Stimmt, so über einen Kamm scheren kann man das bei mir auch nicht. Ich würde sogar ähnlich wie Rinke die Grundschul- und Oberstufenjahre am höchsten bewerten.

      4. Dass es wegen Corona bedingter Schließung von Schulen später zu mehr Analphabetentum und geringeren Berufschancen für viele kommen wird, wie ich in Interviews gelesen habe, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Dennoch: ‚Bildungsferne‘ Impfgegner einerseits, Lieferschwierigkeiten bei den Herstellern andererseits – man mag gar nicht mehr aufstehen.

      5. Daran glaube ich auch nicht, zumindest nicht als grundsätzliche Regel. Ich frage mich allerdings schon ob die Schüler und Studenten die Zeit, die sie durch die Pandemie verlieren, wieder aufholen können. Das muss als junger Mensch doch besonders frustrierend sein.

      6. Beim Lernen, Ausgehen, Abschleppen kann das Aufholen klappen. Die nicht gemachte Urbaubsreise, der nicht gekaufte Pullover kommt auf Wiedervorlage in die nächste Saison, fällt also eigentlich aus.

  2. Haha, mit dem Schulranzenwurf in die Fensterscheibe haben Sie wahrscheinlich ordentlich Eindruck gemacht. Ich musste mich in der Grundschule einmal gegen pöbelnde Mitschüler wehren und habe dabei die Scheibe einer Tür zerbrechen lassen. Das war zu gleichen Maßen peinlich der Direktion und dem furchteinflößenden Hausmeister gegenüber, wie respektschaffend unter den anderen Jungs.

      1. Klar, wenn überhaupt werden solche Sachen ja nur wichtig gemacht. Am Ende ist so ein kaputtes Fenster doch nun wirklich nicht so wichtig.

      1. Ich bin ja wirklich nicht überzeugt, dass Politiker Kriege nicht auch anzetteln weil sie diese Machtspiele „geil“ Überzeugung bis aufs Blut kämpfen, hmmm…

  3. Wenn direkter Körperkontakt zwischen Männern grundsätzlich nicht so verschrien wäre, würde es dann weniger Gewalt geben? Oder ist das zu viel naiv-schwule Weltanschauung?

      1. Die Dinge ändern sich ja grundsätzlich wahnsinnig langsam. Fran Lebovitz sagte mal über den Umgang mit Frauen, dass sich von Adam & Eva bis #metoo im Grunde gar nichts getan hätte. Erst jetzt denke man anders. Ähnlich ist das bei Männern und Sensibilität sicher auch.

      2. Dass Männer grundsätzlich unsensibler sind als Frauen, glaube ich nicht. Dass es ihnen abtrainiert wurde, schon. Während der Romantik warfen sich die Männen dauernd „an den Busen“ des Freundes. Von Penthesilea bis Marine le Pen hat sich auch nicht viel mehr getan als von Adam bis Weinstein.

  4. „Schichtunterricht“ für Kinder ist natürlich doof. So passiert es jetzt ja ab und an wieder, virusbedingt. Ein freier Vormittag ist nicht dasselbe wie ein freier Nachmittag.

      1. Ich stehe auch gerne früh auf. Aber ich würde zumindest zustimmen, dass freie Zeit vor bzw. nach der Arbeit (oder Schule) gerne unterschiedlich genutzt werden.

      2. Seit Corona und dem Home Office ist mein Tagesablauf sowieso im Eimer. Da ist frühes Aufstehen nicht mehr aktuell.

  5. Schlump, was für ein Name. Der beeindruckt mich jedes Mal wenn ich nach Hamburg komme. So dumpf und doch so bilderreich 😉

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