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Am Teich

#24 – Im Schauspielhaus

So oder so oder so, irgendwann gehe ich ins Bett, na ja, ich schwanke mehr. Da liege ich dann und denke meinen Gedanken hinterher. Ich will etwas, was ich nicht kann, oder ich kann etwas, was ich nicht will, es ist so eine wohlige Balance. Arglos? Systematisch habe ich versucht, mir die Angst abzugewöhnen, richtig emsig! Aber eigentlich ist mir dabei nur die Gier abhandengekommen. Offenbar hängen die beiden zusammen. Na schön, in meinem Alter ist Gleichmut wohl in Ordnung. Vor Lust wahnsinnig werden und im Orgasmus verrecken. In der Hölle. Die furchtbare Qual dort ist die nicht enden wollende Seligkeit. Im Himmel wird jeden Tag gearbeitet, jedes Werk gelingt und findet Anerkennung. Nachts träumt man von der Hölle und ist froh, am nächsten Morgen wieder zu seiner Arbeit zurückkehren zu dürfen. Nun werde ich schläfrig.
Alexander der Große starb mit … dreißig? Brutus glaubte, dass Cäsar sterben musste. Die Hunnenfrauen kriegten ihre Kinder im Galopp. Sie waren so hässlich, dass die Männer an ihre Schäferhunde denken mussten, um überhaupt eine Erektion zustande zu bringen.
Zwei Schwestern: Die ältere ist am 1. Januar geboren, die jüngere am 31. Dezember desselben Jahres. Was bedeutet das für die Geschichte? Ist es eine? Zufall, Unfall, Abfall.
Ich weiß nicht, was ich möchten möchte. Von mir aus kann alles so bleiben, wie es ist. Das Schlimme am Einschlafen ist das Aufwachen. Aber vorher kommen die Träume.

Foto: Ashutosh Jaiswal/pexels

Ich gehe weg, ohne Gepäck. Ich habe es nicht verloren, ich habe einfach nicht gepackt. Ich weiß, dass das schlimm ist, aber es beunruhigt mich nicht. Ich wache schon wieder auf, ich wache dauernd auf, aber das macht nichts. Ich schlafe auch dauernd ein. Was haben Damenimitator und Amme gemeinsam? Ihr Beruf kann nie von einer Person des anderen Geschlechts ausgeübt werden. Soll ich das aufschreiben? – Lohnt sich nicht.
Ich habe eine leitende Funktion bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft und sehe aus dem vierten Stock auf die Mönckebergstraße. Es ist Mittag. Ich gehe mit Menschen, die ich nicht kenne, in ein Lokal jenseits des Rathausmarktes, in das ich immer gehe. Auf dem Rückweg kaufe ich ein für Freunde. Dann gehe ich zurück in mein Zimmer und arbeite. Ich wache auf. Ein Büro, das ich nie hatte, ein Lokal, das nie da war; Freunde, die ich nie besaß; Aufgaben, dies es nie gab. Das ist Glück.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ich gehe ausnahmsweise nicht ins Kino, sondern ins Theater. Die Treppe zum Parkett führt steil hinab, bloß weil die Treppe zum Vestibül so irrsinnig hoch war und das Foyer in Höhe des ersten Ranges liegt. Die Kandelaber sind völlig unpassend. Ich weiß, dass ich verantwortlich dafür bin und das ändern muss. Guntram wird diese Treppe nie schaffen. Ich erschrecke kurz, weil mir einfällt, dass ich keine Eintrittskarte habe, aber dann erinnere ich mich daran, dass ich ja der Ausstatter bin. Ich muss die Plätze ausprobieren, um zu sehen, ob die Vorstellung von überall aus so wirkt, wie sie gemeint ist. Gerade als ich auf einem Platz sitze, von dem aus man überhaupt nicht mitbekommt, was auf der Bühne vor sich gehen wird, beginnt die Vorstellung. Ich ärgere mich schrecklich, aber zu meiner Verblüffung spielen die Schauspieler direkt neben mir. Das Publikum klatscht sofort, ich schreie wütend „Ruhe!“ und bereue es gleich, weil es ja die Darsteller kränken muss, dass ich den Enthusiasmus der Zuschauer bremse. Mir wird auf einmal bewusst, dass die Leute die Sprache der Darsteller gar nicht verstehen, nur ich verstehe sie. Zunächst finde ich das traurig, aber dann denke ich: „Eigentlich ist es viel poetischer so. Besser, sie verstehen es nicht, denn es ist ziemlich hohl, aber niemand muss das merken.“ Außer mir. Plötzlich erkenne ich, dass ich als Einziger ungeschminkt bin. „Es spielt keine Rolle“, denke ich, und dass ich das denke, empfinde ich als das Schlimmste. Ich will wissen, wie es weitergeht. Ich nehme das Programmheft zur Hand. Meine Brille löst sich auf. „Ich werde mir keine so teure Brille mehr kaufen“, denke ich. „Morgen kaufe ich mir eine dieser Wegwerfbrillen von Fielmann.“ Das Programmheft fällt mir auseinander, es ist ein Faltplan, es wird immer breiter und tiefer, Straßen ergießen sich, ich kann gar nichts machen, hilflos sehe ich zu, wie immer mehr Straßen aus immer mehr Falten schwappen, es nimmt gar kein Ende, es kann auch kein Ende nehmen, denn die Straßenzüge passen immer noch nicht zusammen, weil die Querverbindung erst in der nächsten Falte liegt oder in der übernächsten. Schluss. Keine Lösung, keine Erlösung, bloß Aufwachen. Eine Drehung. Das Bett, Rolands Bett aus Berlin, quietscht. Hoffen auf den nächsten Traum. Vielleicht wird er besser. Aber dann wird das Aufwachen keine Erleichterung bringen, sondern Enttäuschung.

Der Einbrecher hatte (bis auf ihre Besitztümer) nichts von Isabelle gewollt: weder ihr Gefühl, noch ihr Gedächtnis, noch ihr Gewissen – bloß ihr Geld. Sie selbst war nicht vorgesehen und hatte deshalb – bestürzenderweise – beseitigt zu werden. Um das klarzustellen: Der Mann war kein gewalttätiger Wüstling, sondern hatte gute Manieren. Und Chuzpe. Trotzdem erschrak er heftig, als Isabelle fast geräuschlos das Badezimmer betrat, und der Flakon stand nun mal gleich neben seiner Hand, ein ganz überflüssiges Geschenk, Badesalz, das Isabelle und Eduard nie benutzten.
Er wollte nicht aus Eigennutz rauben, sondern er hatte eine krebskranke Tochter, die teure Medizin brauchte oder eine Frau, die ihn verlassen wollte, weil ihr das Leben neben ihm zu armselig vorkam, oder er war drogenabhängig, verführt von falschen Freunden, jedenfalls war er kein schlechter Mensch, sondern verzweifelt und wild darauf, zu leben, und er hielt bloß – in dieser einen einzigen Sekunde – die Gefahr, entdeckt zu werden, für geringer, wenn er diese erschreckend schöne Frau mundtot machte, als wenn er sofort aus dem Fenster fliehen würde, er sich womöglich – Unglück im Unglück – beim Absprung den Fuß verstauchte und sie währenddessen so laut schreien könnte, dass ihr Mann Gelegenheit hätte, die Polizei schneller auf sein weitläufiges Grundstück zu beordern, als es ihm, dem eigentlich eher sanftmütigen Dieb, gelingen würde, vielleicht gar noch hinkend, die prachtvolle Anlage zu verlassen. Er konnte ja nicht ahnen, wie laut einen Moment später, schneller als der Schrei, dieses Unisono von zwei Geigen, Bratsche und Cello, jenes D in Doppelgriffen über zwei Oktaven hinweg, in der Eduard gemäßen, maßlosen Lautstärke gebieterisch durch das Haus knallen würde – kein Dur, kein Moll, bloß dieser einzige Ton, das schauerlichste D der Musikgeschichte: die erste Note in Schubert Streichquartett ‚Der Tod und das Mädchen‘.

Bild(‚Das Mädchen und der Tod‘ – Egon Schiele, 1915): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain | Titelillustration mit Bildmaterial von Ashutosh Jaiswal/pexels (Mann auf Straße) und aus dem Privatarchiv H. R.

33 Kommentare zu “#24 – Im Schauspielhaus

  1. Ich bin eigentlich ein großer Schiele-Fan, aber dieses Bild vom Tod und dem Mädchen war mir völlig entfallen. Ich glaube ich habe es nur vor sehr langer Zeit einmal irgendwo gesehen. Toll!

      1. Eigentlich hatte ich ein Ballett-Foto ausgesucht, aber der Fotograf wollte für ein Jahr unkommerzielle Nutzung 300€.
        Da wollte ich dann lieber Schiele.

      2. Gute Entscheidung. Über Schiele freue ich mich auch immer. Einer meiner liebsten Künstler.

  2. Hoffen auf den nächsten Traum. Bei mir wechselt sich momentan ab ob ich über das Aufwachen erleichtert bin, oder mich darüber ärgere.

    1. Auf Netflix gibt es gerade eine neue Serie, in der die Hauptdarstellerin durch Astralprojektion im Schlaf dazu noch quer durch die Gegend reisen kann. Ich finde es eher gruselig als esoterisch.

      1. Menschen, die behaupten, sie träumten nie, beneide ich nicht, obwohl sie das oft so siegesgewiss mitteilen, als seien sie auf ihren unbehelligten Schlaf genauso stolz wie darauf, noch nie eine Austernvergiftung gehabt zu haben.

      2. Das fände ich auch furchtbar. Ich mag meine Träume, da gibt es imemr so viel zu entdecken, so viele interessante Bilder zu sehen…

      1. Ich kann mich tatsächlich auch häufig nicht erinnern was ich vorher geträumt habe. Das ärgert mich immer. Manchmal werde ich kurz (halb)wach und denke, dass muss ich mir unbedingt merken und am Morgen ist dann trotzdem alles weg.

      2. Die Dramaturgie des Traumes (die es wohl nicht gibt) ist vom Bewusstsein, das so gern ordnet, nicht zu beeinflussen. Darüber ärgern wir uns, und Gott und die Evolution schweigen.

  3. Ist das Gleichgültigkeit, wenn man sagt alles kann so bleiben wie es ist? Oder nur Gemütlichkeit? Man gewöhnt sich ja an alles, selbst an den Lockdown.

    1. Also der Lockdown muss meinetwegen nicht bleiben, da dürfte sich schon gerne etwas ändern. Aberman passt sich natürlich an seine Umstände an, das ist ganz klar.

      1. Die Behauptung, dass nun viele, die noch nicht wieder in die Schule dürfen, psyschische Betreuung brauchen, finde ich seltsam. Wie ging es den Menschen durch die Jahrhunderte oder schon unseren Eltern, die während des Krieges Schulkinder waren? Wird da womöglich eine Verweichlichung unterstellt, die auch nicht gerade lebenstauglich anmutet?

      2. Ich glaube da geht es weniger um die Schule. Da wäre dann ja eher die Sorge, dass die Kinder im nationalen oder internationalen Vergleich zurückfallen. Aber da wir alle in der gleichen Situation sind, wird das wohl nicht passieren. Die Sorge ist dann sicher eher, das jegliche sozialen Kontakte wegfallen. Gerade dass ist es ja, was uns im jungen Alter prägt.

      1. Bei Langeweile ist die Zufriedenheit natürlich weg. Aber gläubigen Menschen wird der Rosenkranz, der Koran, die Meditation eben nie langweilig.

      2. Aber stimmt schon: Wiederholung gibt Sicherheit, langweilt aber rege Geister. Die muntere Schwester der Wiederholung ist die Variation, die Abwandlung. In der Musik beliebt, und ‚Variationen von der Birne‘ las man oft auch auf Dessertkarten, als Restaurants noch geöffnet waren. Etwas Eis, ein bisschen Helene, ein Klecks Marmelade. Wer will mehr?

  4. Eine nicht enden wollende Seligkeit 🙂 Das klingt in der Tat nach einer höllischen Vision. Spätestens dann würde man doch dem Wahnsinn verfallen.

      1. Die Wahrscheinlichkeit spricht für Sie. Aber wissen kann man es trotzdem nicht.

      2. Das ist wohl der große Unterschied zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen. Die einen können diese Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit hinnehmen, die anderen suchen nach einer Alternative.

      3. Da gibt es sicherlich noch mehr Gründe, die einen zur Religion bringen können, aber es ist sicherlich ein möglicher Grund.

      4. Ausweglosigkeit (die Kanzlerin sagt: ‚alternativlos‘) ist ja nur dann verstörend, wenn einem der vorgegebene Weg nicht passt. Wer seinen Führer liebt, vermisst kein Wahllokal.

  5. Ich wache dauernd auf, schlafe aber dann auch nicht immer direkt wieder ein. Da ist Ihre Kombi wohl die bessere. Aufregende Träume gibt es natürlich trotzdem ab und an.

    1. Ah das ist schlimm. Schlaflose Nächte können einem ja wirklich den letzten Nerv rauben. Und ein gesunder Schlaf ist ja so wichtig.

      1. Eine schlaflose Nacht muss man hinnehmen. Zwei schlaflose Nächte sind blöd. In der dritten liegt die Tablette auf dem Nachttisch. Und später vielleicht als Nachtisch im Magen.

      2. So eine Schlaftablette hilft ab und an. Aber auf Dauer ist das natürlich trotzdem keine Lösung.

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