Teilen:

0303
Am Teich

#26 – Die Anrede

Guntram saß im Rollstuhl und sah die Pforte immer näherkommen; es war wie der Blick durch eine Kamera, die aus dramaturgischen Gründen auf einen in der Handlung bedeutsamen Gegenstand zufährt, auf einem Podest mit Rädern. „Ob ich noch jemals nach Meran kommen werde?“, fragte Guntram leise.
––„Bestimmt“, sagte Irene. Sie log. Aus Barmherzigkeit oder aus Ungeduld.
––‚Vielleicht …‘ wäre wahrer gewesen. In die Villa kann er nicht mehr wegen der Wendeltreppe; der Abstieg zurück in die Wohnung nebenan, die jetzt ich beschlafe, wäre eventuell denkbar. – Dasitzen und auf die Berge starren. Aber das ist der Schnee von morgen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Guntram leidet. Wir leiden mit und stumpfen ab.
––Ophelia ist wundervoll tragisch, ein alter Mann, der schreit, er wolle nicht mehr leben, ist bloß ein Fall von vielen, nicht mal ein Unfall. Das Ende der Pein nach dem Ende des Lebens muss Genuss genug sein, denn den dramaturgischen PR-Wert seines eigenen Todes erlebt niemand, sonst gäbe es viel, viel mehr Selbstmorde.

Bild oben (Friedrich Wilhelm Theodor Heyser – ‚Ophelia‘, 1900): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain | Bild unten links (Gustave Courbet – ‚Le Désespéré‘, 1841): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain | Bild unten rechts (Vincent van Gogh – ‚Trauernder alter Mann‘, 1890): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

‚Friedlich im Bett entschlafen‘ – im Kino selten. Da wird wilder krepiert. Auf der Leinwand kommt ja meistens der Höhepunkt gegen Ende der Vorstellung. In Wirklichkeit rollt nicht der Sieger im Porsche blitzschnell durchs Ziel, sondern der Greis im Rollstuhl gemächlich den flachen Hang herunter. Guntram schiebt nicht mehr; er wird geschoben. Am Zypressenweg hinter seinem Rücken stehen Buchen, Eichen und Ahornbäume, aber das sieht er nicht.

Bild (Arnold Böcklin – ‚Heiliger Hain‘, 1882): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Es ist schön, zufrieden zu sein, dort, wo man ist. Noch schöner ist es, dort sein zu wollen, wo man sein könnte. Mit Roland war ich vor allem mit Roland, aber gleichzeitig auch an all den Stätten, zu denen es mich jetzt, allein, nicht mehr zieht.

London

Jerusalem

Paris

Rom

Lissabon

Sevilla

Mailand

Amsterdam

Kopenhagen

Athen

New York

Washington

New Orleans

Los Angeles

San Diego

Venedig

Madrid

Fotos (30): Privatarchiv H. R.

Wie anders würden mir wohl all diese Städte heute erscheinen, wo doch schon meine unmittelbare Umgebung nicht mehr wiederzuerkennen ist: weder in ihrem Aussehen noch in meinem Empfinden. Ziemlich ungern lief ich früher zum Teich, als Junge, als Kind. Sieben war ich gewesen, als mich meine Eltern aus dem romantischen, zerbombten Grunewald ins öde Othmarschen verschleppt hatten. In Berlin hatte ich meine Mutter zum Markt am Halensee begleitet und mich immer etwas stolz darüber gefreut, wenn die sehr blonden und sehr geblümten Frauen hinter den Holzkästen voller Spinat und Salat meine Mutter als ihre ‚Dame‘ bezeichneten: „Zuckersüß, meine Dame, Stück nur ein Groschen!“, priesen sie ihre Pfirsiche an. Im Lokal wurde meine Mutter dann zur ‚gnädigen Frau‘, bei Durchsehen meiner Schularbeiten eher zur ungnädigen und in der Waitzstraße bloß blass zur ‚Frau Rinke‘.
––„In Hamburg ist das so“, erklärte mir meine Mutter, „da sagt man nicht ‚gnädige Frau‘, sondern nennt beim Namen.“
––Gefiel mir nicht. ‚Meine Dame‘ und ‚gnädige Frau‘ gefielen mir besser. Noch weniger gefiel mir, allein zum Teich zu müssen. Das geschah regelmäßig, wann immer ich Ferien hatte: Dann wurde ich vormittags zum Einkaufen geschickt. Ich hasste das, weil es mich beim Theaterspielen mit meinen Stofftieren oder beim Puzzle-Legen unterbrach. Manchmal, aber selten, begleitete mich Kathrin, Wiemans jüngste Tochter. Das war zwar etwas lustiger als allein zu laufen, aber lieber verbrachte ich die Zeit mit ihr im Garten, und ich denke, an dieser Stelle muss ich eine Bildstrecke unseres ungeteilten Doppelhausgartens einfügen. Weiter gegen Ende des Textes könnte ich nicht mehr so selbstverständlich auf diese Kulisse zurückkommen. Sehr viele Fotos in diesem Beitrag, aber ich weiß ja: Moderne Leser hassen Text und lieben Bilder.

Fotos (25): Privatarchiv H. R.

Zum ‚Einkaufen‘ ging ich über die kaum befahrene Kreuzung, an der alle vier Straßen mit neuem Namen anfingen, weiter unter hohen Eichen den sandigen Fußgängerweg entlang zum kurzen Roosens Park, der für Autos zum Vergnügen der Anwohner an dieser Stelle als Sackgasse endete. Nach fünfzig Schritten erreichte ich die Ansorgestraße, und so ist das immer noch, aber von da an ist inzwischen alles anders.

Foto: Privatarchiv H. R.

Erst kam jenseits des Roosens Park ein ziemlich neues Haus, hinter dem kein Garten blühte, sondern ein Kohlenhändler sein Lager hatte. Noch 1975 konnte ich mir dort für meinen ersten Film etwas Koks holen, den ich als Kackestückchen im Klobecken meiner Wohnung drapierte, um anschließend diese Nachahmung von Hartschissigkeit auf Super-8 zu bannen. Ich illustriere das aber lieber mit meinem Vater, als er 1948 die Kohleversorgung Westberlins über die Luftbrücke organisierte: Ist appetitlicher.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Vorn im Klinkerhaus befand sich rechts das Lebensmittelgeschäft von Anneliese Schulte. In Berlin hatte ein solcher Laden noch ‚Kolonialwarenhandel‘ geheißen, also viel vornehmer. Anneliese Schultes Schwiegersohn sagte zu meiner Mutter ‚Frau Rinke‘, und als meine Mutter in meinem Beisein zu ihm einmal ‚Herr Wölter‘ sagte, fand ich das so komisch, dass ich sie noch zehn Jahre später damit aufzog, und sie war dann auch immer ganz schuldbewusst: Sich ranschmeißerisch mit Dienstboten gemeinzumachen, das ging gar nicht. Gar nicht ging auch der Fleischer, der seinen Laden links neben Frau Schulte hatte. Kathrin nannte ihn ‚Schlachter‘, was nicht nach Schinken und Würstchen klang, sondern nach Schweinetotmachen. Meine Mutter fand ihn ‚fies‘, und das bezog sich sowohl auf seinen altrosa Aufschnitt als auch auf seine Fettleibigkeit. Deshalb wurde alles vom Tier nicht bei ihm gekauft, sondern beim mundgerechteren ‚Friess‘ in der Waitzstraße.

Das Haus von Schultes Feinkostladen heute

Foto: Privatarchiv H. R.

Auf der linken Seite der Ansorgestraße hatte in einem langgestreckten ehemaligen Bauernhaus, das quer zum Weg lag, Herr Mohrenhaupt seine Werkstatt. Dessen inzwischen politisch unkorrekter Name gefiel mir fast so gut wie der meines Vaters Berliner Geschäftspartner, Herrn Mägtefrau. Herr Mägtefrau hatte bestimmt wie mein Vater etwas mit Kohle zu tun, aber zweifellos sehr viel übergeordneter als der Betreiber des Hofes hinter Frau Schulte. Als mein Vater 1943 um meine Mutter warb, hatte er sie im Zug von Posen nach Berlin mit der Mitteilung beeindruckt: „Ich bin bei den Kokswerken, das ist zukunftssicher: Kohle brauchen die Menschen in jedem Winter und die Industrie das ganze Jahr über.“ Tatsächlich hatte seine Stellung Guntram bis zum Herbst 1944 davor bewahrt, in den Krieg ziehen zu müssen, bis er „als letzte Goebbels-Spende“ doch noch vereinnahmt worden war. Da halfen auch der Batzen und der Heller nichts. Meiner staatenlosen, rassisch falsch gezeugten Mutter hätte vielleicht auch ein Fahrgast mit weniger rosigen Aussichten als Unterschlupf gereicht, aber dass Guntram eher als andere erkannte, die Fabriken und Haushalte würden in Zukunft womöglich auch ohne oberschlesische oder sonst welche Kohle auskommen und deshalb schon frühzeitig in den Umweltschutz investierte, das schuf später den Wohlstand, von dem wir jetzt zehren: in Othmarschen. Hier, in den Elbvororten, ist das Einkommensteueraufkommen pro Kopf dreimal höher als im Hamburger Durchschnitt, und der Hamburger Durchschnitt ist der höchste von allen Bundesländern.

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von: Privatarchiv H. R. (Paar), RPD PHOTO/Shutterstock (Rollstuhl), Olly Molly/Shutterstock (Korb), Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain (Arnold Böcklin – ‚Heiliger Hain‘, 1882)

31 Kommentare zu “#26 – Die Anrede

    1. Ich habe mir vorgenommen wieder mehr zu reisen wenn man es dann irgendwann unbesorgt darf. Ich habe das die letzten Jahre einschlafen lassen, dafür merkt man jetzt erst was man an dieser Freiheit hat.

      1. Eingesperrt fühle ich mir gar nicht. ich genieße die Zeit zuhause sogar ein bisschen. Aber ich verstehe was Sie meinen. Die Möglichkeit reisen zu können sollte man wirklich mehr zu schätzen wissen.

      2. So viel ich auch gesehen habe, für die noch verbleibenden Gebiete der Welt muss es wohl beim Betrachen von ‚Terra X‘ bleiben. Das ist weniger aufregend, aber bequemer und in Kühlschrank-Nähe.

  1. Noch schöner ist es, dort sein zu wollen, wo man sein könnte. Wie wahr! Dieses „Wollen“ ist ja ganz generell immer richtig belebend. Erst wenn das „Wollen“ wegfällt neigt sich alles dem Ende zu.

  2. Manche Städte verändern sich in einem wahnsinnig rasanten Tempo und doch bleibt die Atmosphäre grundsätzlich immer die gleiche.

    1. Ich finde auch die Atmosphäre, die man vielleicht lange zeit gewohnt war, ändert sich nach und nach. Aber wer das als etwas sieht, dem man dauernd nachtrauern muss, der sollte nochmal überdenken, was im Leben wirklich wichtig ist.

      1. Bestimmte Orte vermitteln einem das Gefühl von Heimat. Wenn sich diese Orte nun so sehr verändern, dass man sich nicht mehr zuhause fühlt, dann ist das schon ein wichtiges Problem.

      2. Wer wie ich ganz Italien Mitte der 60er Jahre kennengelernt hat, vermisst jetzt viele Köche damaliger Ristosanti und findet die vielen Touristen von heute störend. Aber da ich jedes Jahr dort war, habe ich mich an das Zuwenig und das Zuviel in erträglichen Dosen herangewöhnt. Den Rest schreibe ich mir aus meiner Seele – in möglichst viele verwandte Seelen.

      3. Wenn dieses Virus irgendwann hlabwegs verschwunden ist und das Leben langsam wieder zu einer Art von Normalität zurückkehrt, dann werde ich einige lieb gewonnene Restaurants, die die Krise nicht überstanden haben, sehr vermissen. Solche Veränderungen sind dann in der Tat schmerzlich.

      1. Das freut mich. Eigentlich müsste der Text reichen, aber der Blog bietet diese Möglichkeit. Die Phantasie der Lesenden sollte trotzdem gefordert bleiben.

    1. Wahrscheinlich kann ich nicht nachempfinden, was es heißt, sich ständig benachteiligt zu fühlen. Dem muss man entgegenwirken, unbedingt. Für Menschen mit sehr festen Vorstellungen biete ich allerdings selbst genetisch, religiös, politisch und sexuell große Angriffsflächen. Die Opferrolle habe ich trotz Anfeindungen immer vermieden. Das war vor allem Glück, aber auch eine souveräne Erziehung und angeborene Chutzpe.

    2. Das ist alles ein sehr schwieriges Thema. Zum einen werden endlich Dinge angesprochen, die man Jahrzehnte lang als unwichtig oder gar witzig abgetan hat, zum anderen schießt man mitunter zu sehr über das Ziel hinaus und versucht es jedem recht zu machen und prophylaktisch jegliche Art von möglichem Unwohlsein zu vermeiden. Man kann hoffen und erwarten, dass sich das in den nächsten Jahren ein wenig einpegelt.

  3. „Guntram leidet. Wir leiden mit und stumpfen ab.“ Das ist so ein trauriger Satz, aber ich kenne das von meinem Vater ebenfalls. Es ist leider wirklich wahr.

      1. Anders ginge es wohl nicht. Das Leben hat sich da schon was einfallen lassen um mit diesen Dingen fertig zu werden.

  4. Wer einfach nur Fotos sehen will, der browst durch die letzten Instagram-Stories. Rinke-Leser lesen ja meistens doch gerne. Aber was rede ich, das sind ja trotzdem tolle Fotos und bestimmt auch tolle Erinnerungen.

  5. Manchmal denkt man wirklich, dass der altrosa Aufschnitt farblich genau auf den Metzger hinterm Tresen abgestimmt ist. Irgendwie gehört das zu diesen „alten“ Metzgereien dazu. Eklig finde ich das wirklich nicht.

  6. Im Zuge des sich immer mehr verbreitenden Veganismus nimmt die erotische Anziehungskraft der Metzger natürlich ab. Bzw. es gibt wohl einfach nicht mehr so richtig viele junge Nachwuchsmetzger.

    1. Aber den Metzgerburschen darf man mögen. Schwul ist akzeptiert. So ziemlich. Der Radieschen-Verkäuferin Komplimente zu machen, ist für einen alten, weißen Mann viel heikler.

      1. Ach auch da kommt es doch auch immer darauf an, wie man solche Komplimente macht. Wer da nicht aufdringlich oder anzüglich wird, muss sich da glaube ich keine großen Sorgen machen. Man merkt doch selbst wenn sich jemand unwohl fühlt.

      2. Jaja. Es macht wohl einen Unterschied, ob ein älterer Herr zur Radieschen-Verkäuferin sagt: „Ihre Schürze passt aber wirklich sehr gut zu Ihren Birkenstocks!“ oder: „Mein Gott, Sie sind ja fast noch knackiger als Ihre roten Knollen!“

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

neunzehn − 5 =