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0703
Am Teich

#28 – Film und Frau

Neben Bäcker Mielke befand sich etwas außerordentlich Interessantes. Dort drinnen roch es seltsam künstlich, und es sah dort noch unordentlicher aus als in meinen Schränken. An Silvester bekam Bernie, Kathrins größerer Bruder, etwas Geld, und dann kaufte er Raketen. Ich mochte ja lieber das Tischfeuerwerk: Wenn aus dem Stück Zucker eine (Plastik-)Fliege in die Teetasse schmolz oder ein Papphäuschen aufflog und Schnickschnack spie, das imponierte mir mehr als die Leuchtkörper: Entweder verbrannte Bernie sich nur die Finger an den Streichhölzern, ohne dass noch etwas passierte, oder eine klägliche Kugel schwappte hoch und verendete im Himmel. Ganz schlimm waren die ‚Piepmannsche‘, die auch in diesem Laden zu kaufen waren: brüllend laut ohne weitere Bedeutung. Hasste ich Krach! Schon damals gehörten für mich Motorradfahrer auf den Scheiterhaufen, gleich neben die Gemüsefrauen.

Wenn nicht Silvester war, also ziemlich oft, kaufte meine Mutter dort Watte, Kerzen und Haarklammern. Sie nannte den Laden ‚Drogerie‘. Unsere Mädchen waren feiner und sagten ‚Droscherie‘ dazu.

Foto oben (Drogerie in der Wrangelstraße, um 1920): mit freundlicher Unterstützung des Archivs Flottbek-Othmarschen e.V./Bürgerverein Flottbek-Othmarschen e.V.

Foto: Privatarchiv H. R.

Auf der anderen Straßenseite fiel neben der Straßenbahnhaltestelle nur ein runder Pavillon auf. Dort gaben Lottospieler ihre Scheine ab, also Versager; denn von meinen Eltern wusste ich, dass man für sein Glück etwas mehr tun muss als Kreuzchen zu machen. Nicht einmal Sparen würde helfen: Vermögen werden erarbeitet oder ererbt. Auch damit hatte Guntram recht. Irene kaufte, während er am Reichtum werkelte, im runden Kiosk jede Woche die ‚Hörzu‘, manchmal die ‚Constanze‘ und ab und zu die ‚Film und Frau‘. Wenn ich ausreichend quengelte, bekam ich ein ‚Micky-Maus‘-Heft.

Fotos oben (5): Privatarchiv H. R.

Foto oben: Leica/Privatsammlung der Zeitschrift ‚Film und Frau‘ | Foto unten: edpics/Alamy Stock Foto

Meinen Drang zu Walt Disneys Erfindungen schätzte meine Mutter nicht sehr viel höher ein als meine Hingabe an Caterina Valente, aber beides ertrug sie tapfer in der berechtigten Hoffnung, dass ich irgendwann zu Thomas Mann und Johannes Brahms umschwenken würde.

Ins Kino hatte ich ja sowieso immer schon gedurft, in die Nachmittagsvorstellung. Kathrin war neben vielem anderem auch das untersagt. Film war für die frommen Wiemans, wenn nicht sündiger Schund, dann zumindest überflüssiger Tand. Kathrin und ich lasen dafür umso ehrfürchtiger die strengen Kritiken des katholischen Gemeindeblattes, in dem als Zusammenfassung für einen Prädikat-Besonders-Wertvoll-Film stand: ‚nur für Erwachsene – mit erheblichen Vorbehalten‘. Mich dagegen hat meine Mutter nicht nur Einkaufen geschickt, um mich auf mein späteres Leben als kochender Single vorzubereiten, sondern sie hat auch meine Karriere als Filmregisseur energisch vorangetrieben. Vorbehaltlos.

Foto: Zarya Maxim Alexandrovich/shutterstock

1970 wurde die Straßenbahn- durch eine Buslinie ersetzt und ‚Am Teich‘ waren drei weitere, größere Häuser gebaut worden. Von da an war der Teich nicht mehr zu sehen gewesen, dafür gab es jetzt das Einrichtungshaus ‚Steen‘, daneben einen Laden mit Süßwaren und Spirituosen, ein Gemüsegeschäft zu ebener Erde, einen Fleischer mit ansehnlichen Auslagen, später dann die Apotheke, den neuen Bäcker und den winzigen ‚Supermarkt‘, der aber nur so hieß, und schließlich an der Kreuzung die schmächtige Volksbank, die zu überfallen nie jemand Lust hatte. Ihr schräg gegenüber, schon an der Liebermannstraße, hatte die ihrem Ruf nach teuerste Tankstelle Hamburgs eröffnet. Trotzdem war sie sehr günstig, spätestens seit mein Vater mir Mitte der Achtzigerjahre gestattete, meinem biederen Mittelklassewagen dort auf Kosten seines Firmenkontos Benzin nachfüllen zu lassen. Ach, da waren die Läden in der Ansorgestraße längst eingegangen, und die zunächst als Errungenschaft bestaunte erste Ampel Othmarschens zwischen Bank und Tankstelle war nur noch eine unter vielen.

Tankstelle auf dem Peleponnes (li.) und in der Emilia Romagna (re.)

Tankstelle in Apulien (li.) und im Veneto (re.)

Fotos (4): Privatarchiv H. R. | Titelillustration mir Bildmaterial von Max Schwalbe/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 und aus dem Privatarchiv H. R.

34 Kommentare zu “#28 – Film und Frau

  1. Ich schließe mich Ihnen an. Bei mir gibt es zum Neuen Jahr auch lieber Tischfeuerwerk als Raketen. Dieser Brauch ist eh nicht mehr zeitgemäß, hat mir aber auch vorher nie zugesagt.

    1. Ein Feuerwerk an einem Sommerabend am Meer ist ein eindrucksvolles Erlebnis. Die Silvesterbemühnungen zielen auf Teilhabe ab. Das will ich akzeptieren, auch wenn ich nicht dazugehöre.

      1. Ich finde solche „großen“ Feuerwerke manchmal ganz nett. Mehr aber tatsächlich auch nicht. Am Ende ist es ja doch immer wieder dasselbe.

      2. Feuerwerke hab ich ganz gerne. Dieses stupide Geböller zum Neuen Jahr verstehe ich hingegen nicht so richtig. Daran sehe ich jedenfalls nichts freudiges oder feierliches.

      3. Krach ist vielen Menschen Bedürfnis: im Schwimmbad, auf dem Motorrad. Dafür habe ich genauso wenig Verständnis wie für Grafitti-Geschmiere. Mein Bedürfnis wäre es, diese Lärmer und Sprayer so zu behandeln, dass eine Wiederholung nicht zu befürchten ist.

      4. Und vertreibt der Krach an Silvester nun die bösen Geister oder drückt er einfach Vorfreude aufs kommende Jahr aus? Oder ist es einfach der Spaß daran mal ein wenig die Sau rauszulassen?

  2. Ich hatte als Jugendleiter alle Ausgaben der ‚Lustigen Taschenbücher‘. Irgendwann haben meine Eltern die ganzen Kisten verkauft. Ich nehme es ihnen bis heute ein bisschen übel.

      1. Ach, und ich sah Sie schon bei der FDJ!
        Wenn man Zuhause auszieht, sollte man mitnehmen, was einem wichtig ist. Ich musste das nicht, weil meine Eltern zu mir zogen. 30 Jahre später …

    1. So ein Fehler habe ich auch mal gemacht. Meine Eltern haben 40 Jahre nicht ausgemistet. Und dan gab es auf einmal einen recht überraschenden Kahlschlag. Blöd gelaufen.

      1. Ich denke ja immer, das was man über Jahrzehnte nicht in seine eigene Wohnung holt, das ist einem auch nicht so richtig wichtig. Das kann dann irgendwann auch gerne ausgemistet werden.

      1. Aber doch nicht vor der Ehe! Da wird in den einschlägigen Jugendfilmen (z.B. bei der Twilight-Reihe) ja doch sehr drauf geachtet.

      2. Da gibt es solche und solche. Bei den Produktionen, die wirklich auf Kinder oder Jugendlicher zielen, da wird tatsächlich mehr auf solche Sachen geachtet wie hierzulande. Disney ist da ja auch sehr korrekt. Aber in den restlichen Hollywoodfilmen wird, wie Herr Rinke ja auch schon anmerkt, dafür hemmungslos durch die Betten getobt.

  3. Toll wenn die Eltern Mann und Brahms als Zielrichtung vorgeben. Aber Caterina Valente und Walt Disney sind ja durchaus kompatibel. Fantasia könnte gut als Übergang dienen 😉

      1. Ich habe es als Kind gesehen und fand es fürchterlich. Richtig wertschätzen konnte ich diesen Film auch erst viele Jahre später.

  4. Ich gönne jedem Lottogewinner sein Geld. Erstaunlich ist dann immer nur, wie viele mit so einem Gewinn doch nicht umgehen können.

      1. Diese Parallele kam mir auch gleich in den Sinn. Es scheint also ein generelles Phänomen zu geben, dass von diesem plötzlichen Reichtum ausgeht.

      2. Es scheint pädagogischerweise so zu sein, dass erarbeiteter Reichtum vorsichtiger macht. Boris Becker ist dafür allerdings kein gutes Beispiel.

  5. Film und Frau sagte mir gar nichts. Aber Wikipedia schreibt, dass es das Magazin auch nur von 1949 bis 69 gab. Das wäre dann doch einen Hauch zu früh für mich gewesen.

    1. Ich kenne die Heftchen von diversen Flohmärkten. Die Ausgaben werden scheinbar weiterhin gesammelt. Jedenfalls von ein paar besonders begeisterten oder sentimentalen Lesern.

      1. Heft 17 von 1959 ist für 8.99€ plus 4.80€ Versand zu haben. Alle anderen Angebote sind teurer. Die goldglänzenden Magazine für die gehobene Dame wären ziemlich beleidigt, als ‚Heftchen‘ bezeichnet zu werden.

      2. Sie haben mich neugierig gemacht. Meine Ebay-Suche hat neben den antiquarischen „Film und Frau“ Magazinen allerdings auch gleich solche Absurditäten wie „Die Frau -Schamhaare, frisiert und rasiert“ (brandneu) vorgeschlagen. Man weiss wirklich nicht was man von diesen Algorithmen halten soll.

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