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Am Teich

#5 – Was dann kommt

Die zwei Tennisplätze rechts deuten eine vornehme Villengegend an, links leben die Eltern des Delikatessen-Händlers Blohm aus Pöseldorf (‚Broders Delikatessen‘). Obwohl seine Waren als gut und teuer gelten, haben sich zwei ‚Grammophon‘-Sekretärinnen dort beim Mittagstisch über Fisch mit einer für sie inakzeptablen Fettschicht unter der blassen Haut entsetzt. Seither heißt der geschäftstüchtige Feinkost-Ladenhüter ‚Schweine-Blohmi‘.

Foto: Privatarchiv H. R.

Alle Häuser am Zypressenweg künden vom Wohlstand und der konservativen Gediegenheit ihrer Bewohner. Gepflegte Gärten, gepflegte Fassaden. Kaum ein Mensch auf den breiten Gehwegen, kaum ein Mensch auf der engen Fahrbahn: Kein Durchgangsverkehr, die Straße mündet auf unsere Gartenpforte. Vor den Garagen jenseits des Gartenzauns: ein, zwei Autos gehobener Preisklasse, mal zwei Kinder im Rasen oder eine junge Frau, die ‚Aldi‘ kauft und ‚Armani‘ trägt. Vor den Buchenhecken kunstreich geschmiedete Eisengitter. Oben Eichen- und Kastanienkronen, darunter die Rhododendren und japanische Kirschen: Blühen und Verwelken.

Foto: Privatarchiv H. R.

Das reetgedeckte Klinkerhaus, das nicht direkt unpassend, aber doch etwas überraschend von Sylt herübergekommen zu sein schien, war gerade fertig. Karin Brenk, Rolands Freundin aus seiner Berliner Zeit, war zu Besuch, ich hatte gerade meine New Yorker Amöbenruhr überstanden. Mai ’79. Da war das Haus neu. In meinem Film schlendern Roland und sie an der Keitum-Kulisse vorbei und federn dann unbekümmert den Hindenburg-Park herunter, um an der Övelgönne Mai-Scholle mit Speck zu essen. Ich aß Seezunge. Festes Fleisch und eine Haut, die vorne und hinten gleichermaßen genießbar ist, kostet natürlich mehr – auch bei ‚Schweine-Blohmi‘. Vielleicht würde ich ja auch Scholle mögen, aber dann dürfte ich die Seezunge nicht kennen.

Video (Ausschnitt aus ‚Leben ’79‘): Hanno Rinke

Die Sonne schien mir ins Gesicht, die Kähne fuhren die Elbe entlang, und wir lachten. Roland und Karin hatten ihr Abitur gemacht und studierten im ersten Semester: er Jura, sie Medizin. Ich war Bernsteins Produzent geworden und bald dreiunddreißig. Noch jung, noch ansehnlich und auf dem Umweg über meinen Vater und dessen Müllverbrennung, die Problemstoffe in einem Riesenkessel einschmolz, begann ich allmählich, im selben Tempo wohlhabend zu werden, in dem mein Schmelz schmolz. ‚Ready for the 80’s‘ sangen die Village People. Zehn Jahre später waren sie tot.

Foto: Wikimedia Commons/Mario Casciano/gemeinfrei

Bis zum Halbmondsweg gibt es keine Abzweigungen und dann ist der Zypressenweg zu Ende, sein Charme besteht in seiner verkehrstechnischen Bedeutungslosigkeit.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dem Halbmondsweg wurde ein anderes Schicksal zuteil. Man überquert ihn rasch und kommt auf seiner der Stadt zugewandten Seite sofort an eine Abbiegung, die nicht mal einen Namen hat, sie wird von den langen Flanken zweier weitgestreckter Gärten begrenzt, bis man nach fünfzig Metern auf etwas stößt, das Taxusweg heißt, aber seinen Namen genauso wenig zu Recht trägt wie der Halbmondsweg: nicht wegen des fehlenden Taxus, sondern weil er eigentlich nur aus einem länglichen Platz besteht, so wie man ihn viel in London als luxuriöse Ausbuchtungen der belebten Hauptstraßen findet – geräuschärmere Häuserzeilen für finanzreichere Innenstädter. Circuit, Path, Gardens, Terrace, Walk, Park, Green heißt das dann. Der Taxusweg besteht aus einem ansehnlichen Rasenstück mit Rosenbeeten in der Mitte und drum herum einem Rechteck roter Klinkerhäuser mit tiefen, tiefen Vorgärten und so ausladenden, von weißen Holzgittern begrenzten Balkonen, dass jeder sie ‚Terrassen‘ nennen kann, wenn er sich dieses Wort nicht, im englischen Sinne, für den ganzen Platz reserviert hat.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Gegenüber dem Haus meiner Eltern am Klein Flottbeker Weg gab es genauso ein rotes Klinkerhaus mit weißem, halbrundem Balkon. Der Eigentümer war hoch verschuldet und konnte nicht wie Frau Fritze Parzellen verkaufen. Die Hamburgische Landesbank, Arbeitgeberin meines engsten Freundes Harald und Gläubigerin des Zahlungsunfähigen, ließ das Haus abreißen und ein Sechs-Parteien-Appartementhaus errichten. Irene musste hilflos und wütend zusehen. Schon im Jahr zuvor, 1978, war die wundervolle, riesige Kastanie gefällt worden, die einen Bau, wie ihn die Hamburgische Landesbank plante, nicht gestattet hätte: Sie musste weg. Als die Abholzer kamen, alarmierte Irene Roland, der sich in unserem Kutscherhäuschen auf das Abitur vorbereitete, und beide setzten sich protestierend ins Geäst der zum Scheitern verurteilten Kastanie. Man hob sie einfach gegen ihren bloß verbalen Widerstand aus den Zweigen. Für eine Bürgerinitiative war es wohl schon ein bisschen spät, auch hatte Irene in dieser Hinsicht wenig Erfahrung und Roland wenig Zeit.

Foto: Privatarchiv H. R.

Irene hat nie aufgehört, dem Baum nachzutrauern und von Jahr zu Jahr mit wachsender Berechtigung gesagt: „Heute würde das gar nicht mehr erlaubt, einen solchen Baum zu fällen.“ Harald berichtete von seinem Insider-Wissen, dass noch am selben Tag, an dem vom staatlichen Gartenbauamt der befreundeten Hamburgischen Landesbank die Genehmigung erteilt worden war, die Kastanie zu fällen, das Vollstreckungskommando losgeschickt wurde, weil auch damals schon mit Protesten zu rechnen war. Wir waren empört. Harald wurde zur Strafe zwei Wochen lang nicht mehr von uns eingeladen. Da musste er seinen Wodka vorübergehend zu Hause in Pöseldorf trinken.

Foto: Privatarchiv H. R.

Als wir 1953 nach Hamburg zogen, gab es nicht nur gegenüber das inzwischen abgerissene Haus mit der noch ungefällten Kastanie, sondern neben unserem Arbeitersiedlungsdoppelhäuschen, von der Haustür aus gesehen linker Hand, wenn man das Haus betreten und nicht verlassen wollte, also stadteinwärts, die käsegelbe Villa mit grauen Säulen und genauso grauen Einfassungen der langgestreckten Fenster des ersten Stockwerks. Die Räume müssen sehr hoch sein, die Treppe steigt majestätisch zum Portal empor, und das ganze Gebäude, das noch steht, weil seine Eigentümer nie in Geldnot gerieten, sieht aus wie das in die Pubertät geratene uneheliche Kind von Palladio und Albert Speer.

Foto: Privatarchiv H. R.

Es steht an der Südwest-Ecke der damals natürlich noch ampellosen Kreuzung, von der aus es für den, der auf der Mitte der Kreuzung stand, was man damals minutenlang gefahrlos tun konnte, in alle vier Himmelsrichtungen geradeaus weiterging, ohne dass der Straßenzug seinen Namen beibehalten hätte: Der Othmarscher Kirchenweg führte nach Osten, zur Innenstadt; der Halbmondsweg nach Süden, auf die Elbchaussee; die Reventlowstraße nach Norden, zu allem, was wichtig war (wird bald ausführlich beschrieben). Stadtauswärts, in westlicher Richtung, begann der Klein Flottbeker Weg, in dessen zweitem (Doppel-)Haus – roter Klinker, weiße Fensterläden – wir und Wiemans wohnten.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Das nächste Haus war wieder mindestens so herrschaftlich wie die Mesalliance zwischen Palladio und Speer, es prunkte mit weißen Säulen und rotem Klinker und hatte einen durch hohe Bäume und urwaldartig wuchernde Rhododendren verfinsterten Vorplatz: Man konnte mit dem Auto durchs eine Tor reinfahren und, im Bogen am Portal vorbei, auf der anderen Seite wieder heraus. Auch dieses Gebäude ist mit seiner gesamten Anlage nach wie vor zu besichtigen, es hat nur drei Mal den Eigentümer gewechselt und wirkt so finster und uneinrichtbar, dass man dort bestimmt lieber aus- als einzieht, falls man nicht vorher kinowirksam umgebracht wurde und das Glück nicht von anderen Dingen abhängt als von einer erträglichen Umgebung.

Foto: Privatarchiv H. R.

Danach kamen Wiesen, die bis zur Droysenstraße reichten, dann wurde es wieder vorortlicher. Nie versäume ich es zu erwähnen, dass während meiner Grundschulzeit noch die Kühe vom Röperhof, an unserem Haus vorbei, über das Kopfsteinpflaster morgens zu den Wiesen getrieben und bei Sonnenuntergang von den Weiden zurückgetrieben wurden. Bei meinen überschwänglichen Kindheitserinnerungen habe ich da vielleicht manchmal etwas übertrieben.

Foto: Privatarchiv H. R.

Mitte der Siebzigerjahre klotzte dann aber ein verantwortungs- oder geschmackloser Architekt zwei Appartementsiedlungen auf die Wiese, genau dorthin, wo früher die Kühe geweidet hatten. Der Bauer war geldgierig oder nachkommenlos, jedenfalls ließ er es nicht bei den Wiesen bewenden, sondern verschacherte auch sein uriges Reetdachhaus. Inzwischen ist es ein Restaurant, immerhin ein gutes.

Fotos (4): Privatarchiv H. R., historisches Motiv: mit freundlicher Unterstützung des Archivs Flottbek-Othmarschen e.V. / Bürgerverein Flottbek-Othmarschen e.V.

Sehr viel schlimmer sollte es aber nicht werden: Statt weiteren Schadens kam der milieuschutzbedingte Baustopp für die ganze Umgebung. Alle Investoren gaben das Gebiet auf, und die Töchter von Frau Fritze mussten das unabreißbare Kutscherhaus für eine unbedeutende Summe an Rinkes verschleudern. (Der Umbau kam Guntram doppelt so teuer zu stehen.)

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Privatarchiv H. R. (Häuser links und rechts)

27 Kommentare zu “#5 – Was dann kommt

    1. Ach man muss grundsätzlich sicher keine Massenproduktion unterstützen, aber wenn es Supermarktketten geht, dann ist Aldi auch nicht schlimmer als Edeka oder Rewe.

      1. Die Filialen sind meistens so trostlos, dass ich weder den Preisen noch den Produkten eine Chance gebe. Vielleicht verpasse ich da was, macht mir aber ehrlich gesagt nicht allzu viel aus.

  1. Ready for the 80s. Dass ausgerechnet Mr. Trump diese schwulste aller Gruppen für seine Rassisten-Rallies ausgesucht hat amüsiert mich immer wieder.

    1. Definitiv eher als das zweite herrschaftliche Häuschen. Ich bin aber immer noch am meisten vom Rinkschen Kutscherhaus überzeugt. Das hat irgendwie mehr Charme.

  2. Bei uns ist neulich auch ein Baum vor dem Haus gefällt worden. Anscheinend damit das Wurzelwerk nicht noch mehr Schaden am Gehweg anrichtet. Schade fand ich es trotzdem. Zum Glück wurde gleich wieder etwas kleineres nachgepflanzt. So ist wohl einfach der Kreislauf.

    1. Zivilisation und Natur kommen sich halt immer wieder ins Gehege. Aber inzwischen gibt es sogar Weinanbau bei Bitterfeld. Mein Verleger hat mir eine Flasche geschickt. (Noch nicht verkostet.)

      1. Oh das ist wahr. Aber der Prenzlberg gehört ja auch schon wieder zum liberalen Establishment. Neukölln ist dagegen deutlich unaufgeräumter.

      2. Ja aber das spricht doch genau dafür, dass man eben nicht konservativ CDU wählen muss um hübsche Gärten und Balkone zu haben. Da stimmt das Prenzl-Beispiel also wieder.

  3. haha, diese über das grundstück getriebenen kühe hätten zumindest noch einmal erklärt, woher später dann der drang nach dem tor mit dem berüchtigten weißen knopf kam 😉

    1. Ich lerne jedenfalls mit jedem neuen Beitrag auch einen neuen Begriff. Indolenz und Mesalliance werden auf alle Fälle in mein Vokabular aufgenommen. Man dankt.

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