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0702
Am Teich

#16 – Etwas pikanter

Wir waren vor dem Fleischereibetrieb ‚Am Teich‘ angelangt. Dort, wo die Schlachtware teurer ist, aber der Meister grinsend behauptet: „Meine Rinder kenn’ ich beim Namen“, und er sagt es so, dass man nicht weiß, ob es ein Scherz, eine Lüge oder die Wahrheit ist.

Foto: Privatarchiv H. R.

Menschen sind die einzigen Aasfresser, die den Kadaver erhitzen, bevor sie ihn verschlingen. Beim Tatar ist das anders: Für andere Feinschmecker schwingt da noch so ein bisschen Homo erectus mit, der seine Beute zerkaut (mit Kapern, Eigelb, Pfeffer, Salz, Zwiebeln und Worcester-Soße nach Belieben), für uns wahrt das samstagabendliche Tatar den Anschein von Normalität und Tradition.

„Wenn das Fleisch wirklich gut ist, braucht es nichts weiter als etwas Pfeffer und Salz, aber gutes Fleisch gibt es ja heute nicht mehr“, sagt Irene. Sie ist grundsätzlich zunächst einmal voreingenommen, aber später manchmal auch eingenommen – eher von Menschen als von Rindern, aber selbst das nicht oft.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Nun konnten wir Guntram ja nicht gut vor dem Laden, dem einzigen, in dem er (früher) selbstständig gekauft hatte, abstellen wie ein Fahrrad oder seinen Rollstuhl neben dem Schild mit Hundekopf und der neckischen Aufschrift ‚Ich muss draußen bleiben‘ warten lassen. Irene, die es hasst, wenn ich unbeaufsichtigt einkaufe, weil sie weiß, wie ausufernd ich werden kann, sagte heroinnenhaft: „Ich bleibe hier bei Guntram, aber nimm nicht mehr als zweihundert Gramm, du weißt, ich esse ‚das‘ nicht mehr!“
––„Ich habe auch keinen Appetit“, Guntram sah sehnsüchtig in die Schlachterei, sein Kopf war auf Thekenhöhe.

Foto: Shutterstock/Safarov Nariman

Die Tradition für das Beefsteakhack besteht bei uns darin, dass es allsamstäglich auf den Küchentisch kommt, nicht darin, gegessen zu werden. Meist wandern erhebliche Teile in die Tiefkühltruhe und werden Monate später zu Spagetti-Soße verarbeitet.

Ich musste mich nun doch in die Schlange einreihen. Alle Leute, die vor mir an einem Lebensmittelstand stehen, haben nur zwei Dinge im Sinn: Entweder wollen sie je zwei Scheiben von der Jagdwurst, der Mortadella ohne Pistazien, dem Heideschmaus, dem Bierschinken, der groben Rügenwalder, der Blutwurst und dem Corned Beef oder sie brauchen für eine Grillparty Schweinerippchen aus der Hüfte geschnitten und in gulaschgroße Stücke zerkleinert. Dann werden die Vertreter beider Kategorien nachdenklich:
––„Wie ist der Fleischsalat mit Kräutern?
––„Den machen wir selber.“ (Das ist ja an sich noch keine Empfehlung.)
––„Was für Kräuter sind denn da drinne?“
––„Da muss ich den Chef mal fragen.“ (Das ist ihr Mann.) „Chef, was für Kräuter tust du in den Fleischsalat?“ Sie muss brüllen, denn ihr Mann schneidet da hinten, wo niemand reingucken kann, gerade etwas aus einem Tier heraus, was er als das verkaufen will, was die Hausfrau erbeten hat, die ganz vorn in der Schlange steht.
––„Der Fleischsalat ist prima“, antwortet er bestimmt.
––Seine Frau sieht die Kundin erwartungsvoll an.
––„Ich nehm’ mal hundert Gramm“, sagt die.
––Endlich ist der Mann vor mir an der Reihe. Männer weiß ich inzwischen mehr zu fürchten als Frauen. Und wirklich: „Wie ist denn das mit den Würstchen heute?“, fragt er so, als ob entweder die Würstchen gestern anders gewesen wären oder er heute über die Aktienkurse spräche.
––„Sehr lecker“, sagt die Tochter so geistesabwesend, als dächte sie nur an den Ladenschluss und Tom Cruise, oder als versuche sie, die Ingredienzen, die ihr Vater in den Kunstdarm gestopft hat, aus ihrem Gedächtnis zu löschen.
––„Ja, also wissen Sie, meine Frau will sie für die Erbsensuppe, aber die Pelle soll nicht so fest sein.“
––Die Mutter lässt die Jagdwurst fallen, um ihrer überforderten Tochter beizuspringen. „Mögen Sie es lieber etwas pikanter?“
––„Ja, soll schon nach was schmecken.“
––„Die Krakauer hier hat Knoblauch, nur ein bisschen, aber man muss es mögen.“
––„Und die da?“
––„Die sind milder, aber auch sehr gut.“
––Ich sehe durchaus ein, dass der Mann Schwierigkeiten hat. Wenn mein Leben von meiner Frau abhinge und meine Biografie von ‚aber man muss es mögen‘ oder ‚milder, aber auch sehr gut‘, wäre mir die Schlange hinter mir auch egal: So eine schwere Entscheidung!

Guntrams Worte konnte ich durch die Glasscheibe nicht verstehen, aber ich sah seinem Gesichtsausdruck an, dass er sagte: „Es ist kalt hier, nicht? Von irgendwoher zieht es.“ Nun würde Irene sagen: „Nimm meine Jacke!“, aber weniger in einem Tonfall von Barmherzigkeit, sondern mehr in der Hoffnung, bereits auf dem Rückweg einer Lungenentzündung zu erliegen. „Nein, Schatz, nein.“ – „Ja, also, was willst du denn?“ – „Mein Gott, kann man nicht mal etwas sagen?“ Nicht Loriot. Alte Ehepaare.

„Vielleicht nehm’ ich doch die ohne Knoblauch.“
––Zu meiner Erleichterung nahm die Tochter das ‚vielleicht‘ nicht wörtlich, sondern grapschte in die Schale. „Wie viel?“
––„Zwei Paar?“, fragte er zurück.
––Als Antwort wickelte sie zwei Paar Würstchen in dieses altrosa-beige Papier, auf das alle Fleischer abonniert sind. Madonna stand ihr näher als diese Frau, die ihren Mann losschickt, damit er die Einlage für ihre Erbsensuppe aus der Tüte beschafft. „Tüte?“
––„Ach ja, das wäre nett.“
––„Bitte?!“ Damit war ich gemeint. Trotz der barschen Frage änderte sich ihr Gesichtsausdruck, denn obwohl sie Fleisch und Wurstwaren verkauft, weiß sie inzwischen, dass mit mir nicht gut Kirschenessen ist. Ihr Vater hat das Tatar frisch für mich durchzudrehen, und wenn ich länger als fünf Minuten warten muss, nehme ich noch etwas dazu, damit sich das Anstehen gelohnt hat. „Drei Scheiben gekochten Schinken, ganz dünn geschnitten“, sagte ich routinemäßig, und sie regt sich nicht mehr auf darüber. Unter der Woche kaufe ich hinter Irenes Rücken Lammkoteletts und Filetsteaks, und so bin ich zwar Eil-, aber nicht Laufkundschaft.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Irene registriert, leicht verbittert, dass ich nicht nur mit einem babyfaustgroßen Klümpchen, sondern auch mit etwas Handgroß-Flachem aus dem Laden komme. „Wenn ich so verschwenderisch gewesen wäre wie du, wären wir heute nicht, wo wir sind.“ Immer wenn Irene das sagt, beflügelt sie meine Fantasie. Dann sehe ich uns nicht mehr am Teich – Guntram im Luftzug und im Rollstuhl, sie im C&A-Pullover und im Hader mit dem Schicksal, ich im gerade noch anständigen Regenmantel aus Rolands Nachlass und im Begriff aufzubrausen –, sondern Guntram im Grab, ich im Waisenhaus und Irene im Pelzmantel am Strand von Acapulco.

Foto oben: Mikhail Turov/Shutterstock | Foto unten: Privatarchiv H. R.

Titelillustration mit Bildmaterial von Natalia Lisovskaya/Shutterstock (Tatar) und aus dem Privatarchiv H. R.

35 Kommentare zu “#16 – Etwas pikanter

  1. Wirklich verschwenderisch kann man nur dann sein, wenn soviel Geld da ist, dass man mit dem ausgeben nicht nach kommt. Bezos-artig. Ansonsten sind das doch meistens einfach unterschiedliche Prioritäten.

      1. Wer das Talent hat, Geld zu verdienen, hat meistens weniger Talent oder Interesse, es auszugeben. Verschwenderisch sind dann, wenn die Erwerbsperson Pech hat, eher die Partner(innen) oder die ungeratenen, also schlecht erzogenen, Kinder.

      2. Es soll ja auch ehemals reiche Menschen geben, die sich in den Ruin verschwendet haben. Johnny Depp fällt mir aus jüngerer Zeit ein. Aber da ist vielleicht der Unterschied, dass bei so einem Star-Reichtum viel Glück im Spiel ist. Bei Bezos hingegen eher Hartnäckigkeit gepaart mit Macht- und Geldsucht.

  2. Menschen, die sich beim Lebensmitteleinkauf verlieren können sind mir immer sympathisch. Es gibt doch nichts schöneres als Genuss.

      1. Beim Besitzen ist es manchmal schwieriger. An einigen Dingen kann man sich jahrelang immer wieder erfreuen, an anderen verliert man schnell die Lust. Nicht wahr?

  3. Irgendwo habe ich neulich gelesen, dass die Pelle deutscher Würste dicker und zäher ist als anderswo. Ich kann selbst gar nicht beurteilen, ob das wirklich so ist.

  4. Wir Menschen nehmen das Tierfleisch, wenn wir nicht eh schon zum Veganismus übergegangen sind, eben doch lieber unverwest zu uns. Das unterscheidet uns von den wirklichen Aasfressern.

  5. Beim Tartar ist es anders, und beim Sushi auch. Trotzdem werden die Tartar- und Sushi-Esser gerne als etepetete abgestempelt. Dabei ist das stundenlange Eintopf einkochen eigentlich viel gezierter als die Nahrung roh zu sich zu nehmen.

    1. Die Zeit ist doch langsam vorbei. Tartar ist zwar vielleicht nicht auf jedermanns Speisekarte, aber Sushi gibt es mittlerweile doch an jeder Ecke.

      1. Zerkocht ist ja inzwischen nicht mal mehr beim Blumenkohl beliebt. Aus Angst vor verpasstem ‚al dente‘ servieren schlechte Köche die Pasta und das Risotto heute lieber roh als matschig.

      2. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie viele Artikel zum Thema „Richtig Nudeln kochen“ es zu ergoogeln gibt…

      3. Salz ins kalte oder heiße Wasser, Öl oder kein Öl, Abschrecken oder nicht Abschrecken, Wann ist al dente al dente? Ich glaube in Italien werden diese Fragen gar nicht gestellt.

  6. Solche Leute, die zwei drei Scheibchen von jedem haben wollen, habe ich auch viel zu oft vor mir. Da vereint sich Überschwang mit Askese.

    1. Was glatt läuft, fällt ja gar nicht auf. Man merkt es immer nur, wenn einer trödelt, zuschlägt oder stirbt. Darum steht man auch immer in der längsten Schlange. Alle nebenan sind längst geimpft.

      1. Das mit der längsten Schlange stimmt natürlich. Das ist bei mir Standard. Aber ich achte demnächst mal darauf ob, ohne dass es mir bewusst wäre, auch mal etwas glatt läuft 😉

      2. Gut, dass nicht immer alles so funktioniert wie geplant. Sonst hätte man weder was zu erleben, noch zu erzählen.

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