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Am Teich

#17 – Nebenstraßen

Isabelle war, während sie studierte, ganz sicher gewesen, dass sie nie heiraten würde. Aber dann war Eduard so ganz anders gewesen als alle die, die sie nie in Betracht gezogen hatte: Er war zuverlässig, unnachgiebig und hinreißend. Wer kann dazu schon Nein sagen? Sie jedenfalls sagte: „Ja“.

Nach ihrem Studium hatte Isabelle ja eigentlich einen Beruf ergreifen wollen, Möglichkeiten gab es genug – sie verstand etwas von ihrem Fach und sie konnte auftreten. Aber Eduard wollte so viel reisen. Reisen. Damit war sie einverstanden: mitreisen, sich mitreißen lassen, fort, fort …
Doch dann war es nie Abenteuer gewesen, sondern das Abhaken von Sehenswürdigkeiten: Bildungsurlaub statt Urlaubsbildung. Keine Traumschlösser, sondern Tempelruinen. Isabelle mochte sich nicht eingestehen, dass Archäologie aufgehört hatte, sie zu interessieren. Das ging einfach nicht. Aber je mehr sie sich zwang, Eduards Begeisterung zu teilen, desto größer wurde ihr Widerwille gegen Kannelierungen und Kapitelle. Und eigentlich, was war oberflächlich daran, Musicals zu mögen? Jaja, Amphitheater sind alt. Aber das bedeutete nicht, dass jemand innere Größe hat, nur weil er sich über ausgetretene Stufen quält. Ein Hobby war es, sonst nichts. Doch irgendwo am Pool zu liegen und darauf zu warten, dass man sich anziehen kann zum Abendessen? Jachthafen, Frachthafen, Ehehafen. Auf Reede.

Genau gegenüber der Fleischerei mündet eine Querstraße in die Liebermannstraße (für uns weiterhin ‚Am Teich‘). Diese Querstraße führt an einem Teich vorbei, den es sogar noch gibt, obwohl nie eine Straße nach ihm benannt wurde. Sie heißt stattdessen Ernst-August-Straße, und kein Mensch interessiert sich dafür, wer das wohl mal war. Immerhin lebte dort in den frühen Achtzigerjahren eine Freundin meines Kollegen Klaus Bülow: Maria. Sie gab mir Französischunterricht, bevor ich eine recht kurze, aber sehr schöne Zeit in Paris verbrachte. Nie standen die Tore der Welt für mich offener, nie war ich glücklicher.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Fünf Tage lang schlief Maria zur selben Zeit in St. Germain, in der ich im Marais lebte. Dann verkaufte sie ihre Apotheke, heiratete und stürzte sich Anfang der Neunzigerjahre aus dem Fenster. Keiner wusste, warum. Ein Abschiedsbrief war nie gefunden worden, meine Französischkenntnisse sind versickert, und der Kollege starb bald nach ihr – Aids.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir bewegten uns die Ernst-August-Straße herunter: Guntram, von mir geschoben, ich von Erinnerungen, Irene von Wehmut erfüllt. Die Ernst-August-Straße, die parallel zur Bernadottestraße verläuft, machte diesen Ausflug zum Rundweg, und mehr hat Guntram nie gewollt: nicht umkehren müssen, weitergehen, weiterrollen und am Ende wieder am Anfang ankommen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Er brauchte nicht wie Irene und ich von New York aus nach San Francisco oder von Japan aus nach Australien.

New York

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

San Francisco

Fotos (8): Privatarchiv H. R.

Japan

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Australien

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Nicht mal von Meran aus nach Florenz drängte es ihn. Aber wenn er ‚auf hinzu‘ die Etsch am rechten Ufer entlangging, dann lief er sie ‚auf rückzu‘ am linken Ufer entlang. Inzwischen hatte Irene geduscht und Kartoffeln geschält; ich hatte für mich selbst Notizen und für uns alle das Mittagessen gemacht.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Irene und ich erzählen von Hongkong, Hawaii und Jerusalem, Guntram von Investitionen in Atlanta.

Hongkong

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Hawaii

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Jerusalem

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Irene sagt: „Manchmal denke ich schon, ich bin verrückt, aber wenn das Essen so gut ist wie heute, dann weiß ich doch, dass ich keine verklärten Erinnerungen habe, sondern, dass meine Maßstäbe stimmen.“ Meraner All- und Sonntag.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Aber jetzt, hier in Othmarschen, Guntrams erster geschobener Samstag – das war schon ein Einschnitt. Alle drei taten wir so, als merkten wir es nicht. Vor siebzig Jahren Guntram mit seinen Eltern, vor dreißig ich mit meinen – und nun das!

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die Ernst-August-Straße verläuft etwas abschüssig, wenn man vom Teich her kommt. Ich musste abbremsen, um Guntram nicht davonfahren zu lassen. Manches erinnert mich jetzt an die letzte Zeit von Roland, manches nicht. Roland fügte sich ergebener in sein Schicksal, obwohl er 45 Jahre jünger war. Er war gegen Ende seines Lebens demütiger und ergebener, und er konnte das, was ihm verblieb – ein Essen, ein Fernsehabend, ein Besuch von Freunden – im Augenblick, in dem es stattfand, schwereloser genießen, dadurch spendete er seinen Helfern mehr Energie, als Guntram das vermag.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Ernst-August-Straße mündet in den Roosens Weg, so wie sie in die Liebermannstraße mündet, Nebenstraßen gibt es nicht. Manche Straßen und manche Menschen haben weder Abzweigungen noch Kreuzungen noch Gabelungen. Es bedarf keiner Wegweiser, weil es keine Scheidewege gibt. Beneidenswert? Von Durchgangsstraße zu Durchgangsstraße zu führen, vorwärts wie rückwärts, ohne dass es vorn oder hinten gibt und auf keiner von beiden Seiten weitergeht – ich beneide das nicht. Die Sackgasse hat wenigstens ihre Ausweglosigkeit und für Fußgänger ihre Schlupflöcher: So lebe ich. Seit langer Zeit.

Foto oben: Privatarchiv H. R.

Der Roosens Weg ist auch nicht gerade das als Straße, was der Amazonas unter den Flüssen ist, denn er führt seinerseits nur zum unbefahrenen Teil der Bernadottestraße, das allerdings, am ehemaligen Haus von Maria Augstein vorbei, aufwärts. Wäre ich lieber eine Sackgasse für Millionäre oder die Autobahn, auf der Lastwagen von Reinbek nach Rom donnern? Möchte ich lieber mit Füßen getreten oder überrollt werden. Na, solch gedankliche Faxen vergingen mir schon, als ich Guntrams Rollstuhl der Bernadottestraße entgegenpresste, und mir wurde dabei klar, dass die Steigung, die vom Teich im Reemtsma-Park zurück zur Parkstraße führt, so nicht zu bewältigen sein würde. Dass es von der ruhigen Parkstraße, in die unsere viel längere, später viel turbulentere Bernadottestraße sang- und klanglos einmündet, dass es von dieser Ecke bis zu unserem Haus nur drei Gehminuten über flaches Gelände weit entfernt ist – wem nutzt das, wenn er vom Teich aus nicht den Hügel nach oben schafft?

Das, was unter Eingeweihten als ‚Reemtsma-Park‘ bezeichnet wird, beginnt an der Parkstraße als schmaler, dunkler Weg, dessen Dickicht die Verwaltungsgebäude des Zigarettenkonzerns versteckt. Dann aber öffnet sich der Pfad, den ich im Frühjahr 1996 mit meinem Body-Folterer täglich leidvoll entlanggejoggt bin, in einen überschaubaren Abhang, dessen Rasenfläche in einem Teich verendet. Der Weg verläuft die Rasenfläche quer hinab, umrundet den Teich und führt dann aufwärts zurück zum finsteren Pfad, es sei denn, man verlässt diesen als ‚Park‘ wirklich sehr großspurig bezeichneten Abhang durch das Tor zur Straße, kreuzt die Holstentwiete und gelangt sofort durch eine bescheidene Pforte ohne weißen Knopf in den Jenischpark. Er trägt seinen Namen zu Recht, erstens, weil der Architekt Jenisch die klassizistische Villa auf der höchsten Erhebung des Geländes für den Baron Voght gebaut hat, und zweitens, weil seine Ausmaße die Bezeichnung ‚Park‘ rechtfertigen. Ich streue hier eine Impression der beiden Parks mit unseren Freunden Herbert und Mario von 1980 ein, untermalt mit ‚L’Après-midi d’un faune‘ in der seltenen Kammermusikfassung.

Video (Ausschnitt aus ‚Die Welt ’80–’90‘): Hanno Rinke

Die Sehenswürdigkeit des Teichs im Reemtsma-Park besteht vor allem darin, dass es ihn tatsächlich noch gibt und dass er somit etliche Enten in die Lage versetzt, sommers auf ihm zu schwimmen und bei Frost unsicher auf ihm rumzuwatscheln. Bisweilen rutscht ein Ganter aus und fällt auf den Schnabel, was genauso komisch ist wie jedes Missgeschick, das anderen zustößt.

Video (Ausschnitt aus ‚Zirkus ’89‘): Hanno Rinke

Auch Kinder glitschen winters auf dem Teich herum, aber zum Schlittschuhlaufen ist er zu klein, man könnte allenfalls eine Pirouette auf ihm üben, doch dazu scheint mir sein Eis zu holperig, wobei natürlich als unfreiwilliger Abschluss einer Pirouette so ein Stolpern mit krönendem Hinschlagen – sei es aufs Gesicht oder auf dessen Gegenteil – noch wesentlich belustigender ist als das Weggleiten einer Ente, denn bei einem Menschen kann man voraussetzen, dass der Vorfall für ihn sowohl peinlicher als auch schmerzhafter abläuft als für das Federvieh. Ein Filmausschnitt des Geländes aus schlimmer Zeit: Sommer 1987.

Video (Ausschnitt aus ‚Heim ’87‘): Hanno Rinke

Den Weg um den Ententeich wieder mit Roland zu schaffen, dass Roland diesen Weg schaffte, auch die Steigung, das hatte symbolischen Wert. Wenn ich vom Krankenhaus zurückfuhr, wo ich ihn quälend-beglückend besucht hatte, wenn ich ihm zu Hause Lachs auf den Teller schob, dann dachte ich: ‚Sobald er die Strecke um den Ententeich wieder schafft, ist der Aufschub genehmigt.‘ Und wenn Roland und ich dann auf der Bank am Teich saßen, er, um auszuruhen, ich, um ihn ausruhen zu lassen, dann gab es keinen Ort auf der Welt, der wichtiger war: nicht Washington, nicht Moskau, nicht der Gazastreifen oder Portofino – nichts, nichts: nur das.

Video (Ausschnitt aus ‚Heim ’87‘): Hanno Rinke

Danach, als diese Spaziergänge um den Teich todeshalber unterblieben, war ich nie mehr glücklich, aber es gab doch viele Augenblicke, in denen ich nicht unglücklich war. Als ich die schreckliche Veranstalterin der Weimarer Sommerspiele 1992 wiedertraf, sagte sie mitfühlend zu mir: „Wir haben Sie ja alle so bewundert, dass Sie vorletztes Jahr mit diesem todkranken Mann noch zu uns gekommen sind.“ Ja, Roland war todgeweiht, und seine halbe Lunge hat ihm nie mehr ein freies Durchatmen ermöglicht. Aber er konnte doch lange Zeit noch – immer wieder mal – um den Teich im Reemtsma-Park mit mir gehen und Pläne schmieden – Pläne schmieden, die so aussagefähig waren wie das zu Silvester gegossene Blei. Gegen Ende zog er das Bein nach, es war ihm taub geworden, aber er schaffte die Strecke.

Video (Ausschnitt aus ‚Die Welt ’80–’90‘): Hanno Rinke

Guntrams Herz und Lunge sind zwar gerade von kompetenten Medizinern als gebrauchstüchtig eingestuft worden, aber ich werde ihn nicht um den Ententeich bringen können, so nicht: Die Steigung würde einen Rollstuhl mit Motor erfordern, der wiederum passt nicht ins Auto, also ist zunächst einmal für die Mobilität der leichtere, kleinere Stuhl wichtiger. Und später … Später? Zum Abschied von dieser Etappe noch mal Jenischpark und Reemtsma-Park in Rolands letztem Winter.

Video (Ausschnitt aus ‚Zirkus ’89‘): Hanno Rinke | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Privatarchiv H. R.

34 Kommentare zu “#17 – Nebenstraßen

  1. Ich bin trotz der vielen bisherigen Reiseberichte erstaunt und begeistert wo Sie schon überall waren. Man wird glatt neidisch.

    1. Australien steht immer noch ganz oben auf meiner Reiseliste. Aber das wird in der jetzigen Situation wohl erstmal nichts werden. Geduld ist gefragt.

      1. In der Tat! Ich habe mich über die ausgiebige Bebilderung dieses Abschnittes gefreut. Das weckt viele eigenen Erinnerungen wach. Danke.

      2. Das ging mir ähnlich. Trotz der traurigen Passage über den Verlust von Roland zeigen diese Fotos so viel Farbe und Leben, wie man es selbst gerne erfahren möchte.

  2. Dass Musicals oberflächlich sind wäre mir ja egal, wenn sie nicht so unglaublich langweilig wären. Ich habe immer das Gefühl diese Allrounder können gut singen, gut schauspielern, gut tanzen – aber sie sind eben in keiner der drei Disziplinen außerordentlich begabt.

    1. ‚Cabaret‘ war als Verfilmung erste Sahne. Die meisten Musicals sind wohl medioker, aber Hamburgs Tourimus lebt davon (in normalen Zeiten) fast so gut wie von der Hafenrundfahrt.

      1. West Side Story und Der Zauberer von Oz waren doch auch sehr gut gemacht. Und natürlich entsprechend erfolgreich.

  3. Sehenswürdigkeiten, die es noch gibt, sind die besten. Das soll gar kein Witz sein. Diese „Besichtigungen“ von Orten wo mal etwas war, wo man vor einem kleinen Täfelchen steht und liest, das hat wohl alles seine Berechtigung, aber wirklich Interesse wecken tut so etwas nicht.

      1. Pompeji wollte ich immer mal sehen. Fast wäre es letztes Jahr dazu gekommen, die Reise war sogar schon gebucht, aber dann kam das Virus dazwischen…

    1. Ohne Frage! Die meisten Orte, die einem wichtig sind, sind dies doch ohnehin nur weil man besondere Erinnerungen mit ihnen verbindet. Diese Erinnerungen kommen von dem Menschen mit denen man dort war, oder die man dort getroffen hat.

      1. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede. Also bzgl. verschiedener Orte. Nicht jede Reise, die ich mit meinem Liebsten gemacht habe, ist auch auch auf meiner Top 5 Liste gelandet.

      2. Mit Nahestehenen Neues entdecken; mit ihnen vor Ort in Erinnerungen schwelgen; Menschen, die man mag, Stätten zeigen, die sie noch nicht kennen: das sind die drei touristischen Glückserlebnis. Dagegen: Que C’est Triste Venise – Charles Asnavours schönes Chanson über eine schmerzlich einsame Wiederbegegnung.

  4. Zum Marais passen Sie natürlich sehr gut, ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, wie Sie dort in einem Straßencafé sitzen, die Menschen beobachten und schreiben.

  5. Nie mehr so richtig glücklich, aber ab und zu für vorübergehend nicht unglücklich. So treffend habe ich diesen Zustand nach einem schwierigen Verlust selten gehört bzw. gelesen.

  6. Ach ja, mit diesem Versuch nachzuholen, was nicht nachzuholen ist, sind doch viel zu viele beschäftigt. Meistens merkt man es leider selbst nicht.

      1. Haha, das klingt nicht nur nach Ihnen, das ist sogar von Ihnen. Heim ’87.

  7. Bildungsurlaub kann ja durchaus etwas schönes sein, da darf es dann aber natürlich nicht nur um das Abklappern von Sehenswürdigkeiten gehen.

      1. Das klingt beides ähnlich schrecklich und ähnlich verkrampft. Urlaub soll doch in erster Linie eine Gelegenheit sein, vom Alltagsstress auszuspannen und abzuschalten. Dass man da nicht nur wochenlang am Strand liegt ist doch auch klar.

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