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Am Teich

#9 – Die Prachtstraße

Es ist ja so: Erst kommt die Elbe – Connaisseure genießen, dass sie von Osten nach Westen fließt –, dann kommt logischerweise die Elbchaussee, parallel dazu als Nächstes die Bernadottestraße, die zwar, nordsüdlich gesehen, nicht wesentlich später (örtlich gemeint) als die Elbchaussee anfängt, aber doch wesentlich eher aufgibt, denn da, wo die Elbchaussee in ihrem Dünkel noch nicht ahnt, dass sie in die Dockenhuder Straße münden wird, hat die Bernadottestraße längst dem Reemtsma- und dem Jenischpark Platz gemacht. (Dass sie auf ihrer anderen Seite bis über den Alexanderplatz hinausführt, weiß ja nur, wer diesen Text aufmerksam verfolgt hat.) Die nächste Ost-West-Achse nach der Bernadottestraße wäre die Jungmannstraße, aber die weigere ich mich zu zählen, weil sie dermaßen verkübelt ist, dass man sie praktisch nicht befahren kann. Sie kränkelt so zwischen Reventlow- und Parkstraße dahin und wird durch Senatsmittel künstlich am Sterben gehalten.

Foto: Privatarchiv H. R.

Das Nächste, was dann kommt, ist bemerkenswerterweise ein Gehweg. Das gefällt mir. Elbchaussee, Bernadottestraße, also schön: Jungmannstraße und dann nichts als eine begehbare Schneise. Ockerfarbener Sand, Hagebuttensträucher: der Jeppweg. Er beginnt am Haupteingang des für den Döner-Treff abgerissenen Bahnhofs und führt unterhalb der Gleise an seinem Nebenausgang vorbei bis zur Parkstraße. Als Kinder wurden wir in der Schule vor dem Jeppweg gewarnt: Da gäbe es ‚Mitschnacker‘! Ein sehr Hamburgisches Wort. Ich wäre sowieso mit niemandem mitgegangen, auch wenn ich mir das später immer sehr reizvoll ausmalte. Schlimmes nicht tun, sondern getan bekommen. Erspart die Beichte. Inzwischen wurden Straßen verbreitert und Flussbetten einzementiert. Der Jeppweg ist unverändert.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dann kommen die Gleise der Linie S1 von Wedel nach Poppenbüttel, und dann kommt die Waitzstraße. Da die Bahngleise die Bezirke trennen, liegt also die Waitzstraße gar nicht in Othmarschen, sondern in Groß Flottbek; sie gehört also nicht zu der Kirche, deren Pastor in dem Haus wohnt, dessen Voreigentümer sich wegen Ausweglosigkeit erhängt hat, sondern zu einer Kirche, auf die fünf Straßen zulaufen, die ampellos aufeinanderprallen. Aber solche Spitzfindigkeiten hat vor mir noch keiner aufgeschrieben. Aus gutem Grund. Man müsste ja sonst othmarscherseits der Tatsache ins Auge sehen, dass nicht die illustre Waitzstraße, sondern der Teich, der der Notwendigkeit gewichen ist, den Nordpol mit dem Äquator zu verbinden, dass dieser weggepflasterte Teich das Einkaufs-, also das kulturelle Zentrum dieses renommierten Stadtteils darstellt.

Foto: mit freundlicher Unterstützung des Archivs Flottbek-Othmarschen e.V./Bürgerverein Flottbek-Othmarschen e.V. | Fotos unten (2): Privatarchiv H. R.

Ach, die Waitzstraße! Da gab es die besten Nusstörtchen bei ‚Schmidt‘ und die besten Weinmöpse bei ‚Bassiner‘. Beides längst Vergangenheit. ‚Burmeister‘ an der Ecke zum Bahnhof wurde ‚Kaufhaus‘ genannt. Mit dem ‚KaDeWe‘ oder ‚Karstadt‘ hatte es allerdings keine Ähnlichkeit. Es gab da Eisenwaren, also Nägel, Gartenmöbel, Krimskrams und Spielsachen. Ich war eigentlich immer nur wegen der Nägel im ersten der drei Räume. Monilies sagte: „Burmeister ist eine Apotheke.“ Das verstand ich nicht. Medizin hatte ich dort nie gesehen zwischen den Werkzeugen und Vasen. Es sollte aber heißen, es sei alles sehr teuer. Das hätte meine Mutter weniger geschreckt (‚Aldi‘ gab es ja noch nicht), aber die Schaufensterauslagen verhießen nichts, was eine Dame, die den Kurfürstendamm gewohnt war, ins Innere des Ladens gelockt hätte. Inzwischen verkauft dort die volkstümelnde Kette ‚Dat Backhus‘ ‚ein Stück Hamburg, das schmeckt‘. Gegenüber von ‚Burmeister‘ dämmerte damals der ‚Othmarscher Hof‘ vor sich hin; eine leere Vorstadtkneipe mit ausgebleichten Gardinen und gebundener Ochsenschwanzsuppe. Jetzt ist diese immer ausgebuchte Steakhaus-Filiale von Eugen Block eine Goldgrube.

Historisches Foto ganz oben: mit freundlicher Unterstützung des Archivs Flottbek-Othmarschen e.V./Bürgerverein Flottbek-Othmarschen e.V. | Foto darunter: Privatarchiv H. R. | historisches Foto unten (Bahnhof): http://www.hamburg-bildarchiv.de | Foto ganz unten: Privatarchiv H. R.

In den frühen Sechzigerjahren standen wir nach der Schule, unsere Fahrräder zwischen den Beinen, auf dem Beinahe-Platz (so groß war diese Straßenausbuchtung) in der Straßenmitte vor der Unterführung zur S-Bahn und leckten am Eis, am Leben. Die Waffeltüte schmeckte schrecklich, aber das Leben war so neu, was man natürlich erst jetzt weiß, da es alt ist. Ich kann mich an kein einziges Wort erinnern, bloß an den Sattel, auf dem ich nicht saß. Die Fahrradklingel, mit der ich die unendlich vielen Worte, die ich sicherlich gesprochen hatte, effektvoll hätte unterstreichen können. Ich wollte alles unbedingt verändern oder die Änderung unbedingt verhindern. Gleichgültigkeit gab es nicht, seit ich reden konnte. Vorher war alles nur ein Kampf ums Überleben gewesen. Wehrlosigkeit ist eine frühe, unauslöschliche Erfahrung. Im Gegensatz zu meinen Eltern habe ich mich nie entscheiden wollen, ob ich die Macht bekämpfen oder mir zunutze machen soll.

Foto: Privatarchiv H. R.

Jetzt besteht die Waitzstraße überwiegend aus Banken und Modeläden. Ich meide sie. Da, wo wir früher unser Eis gekauft haben (erst mit Vanille- und Erdbeergeschmack, später mit Pistazien- und Mangoaroma), da gefällt sich jetzt ein Bistro. Das ist ein Gewinn. Da fühlt man sich fast so städtisch wie in Eppendorf. Aber sonst? Na schön – ich bin greisenhaft vermeckert. Dabei gebe ich durchaus zu: Man kann immer noch in der Papeterie Kock Tesafilm und in der Fisch-Boutique Forellenkaviar kaufen. Am ‚Teich‘ gibt es beides nicht, aber meistens geht es ja auch ohne. Für uns reicht heute ‚Am Teich‘.
Doch bevor ich endlich damit beginne, den Ausflug zu schildern, um den es hier eigentlich gehen soll, möchte ich rasch noch die wichtigsten drei Institutionen jeder Gemeinschaft, also auch Othmarschens, abhaken. Ich gestehe es ein, das tue ich erst 2020, aber dafür fange ich meinen Abriss gründlicherweise bereits im Grunewald an.

Foto: Privatarchiv H. R.

BERLIN
Wenn ich unseren zusammengeflickten Villenstumpf verließ und links langging, kam ich zum idyllischen Hasensprung, einem Fußweg, der erst steil nach unten verläuft und dann steil nach oben. An seinem tiefsten Punkt liegt die behaste Brücke zwischen Koenigssee und Dianasee. Im Winter bildete der Hasensprung eine wundervolle Schlittenbahn. Heute ist Rodeln da natürlich längst verboten. Zu gefährlich. Ich lasse mich immer noch gern vor dem Hasen auf der linken Brückenseite ablichten. Auch mit Freunden.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Damals, 1952, überquerte ich anschließend die vielbefahrene Koenigsallee. Dann kam erst die Lassenstraße mit dem Kino ‚Pan‘, 300 Meter später, in der Delbrückstraße standen einander gegenüber rechts die Kirche, links die Schule. So lernte ich früh, dass Glauben etwas ist, was nach rechts gehört. Denken findet eher links statt. Ich war zwar erst fünf, als ich in die ‚Volksschule‘ kam, aber natürlich ging ich dorthin von Montag bis Samstag allein und am Sonntag allein in die Kirche. Ungefährlich.

Helikopter-Eltern gab es damals noch nicht, und warum mir die Kirche ein Bedürfnis war, meinen Eltern aber nicht, das habe ich mich auch nie gefragt. Als Katholik bekam ich mit sechs anderen Kindern gesonderten Religionsunterricht, was ich damals schick fand und aus heutiger Sicht überflüssig finde. An manchen Sonntagen ging ich nach dem Mittagessen zur Kindervorstellung ins ‚Pan‘. Ich glaube, es gab meistens Cowboy-Filme. Die Schießereien schreckten mich überhaupt nicht, ganz im Gegensatz zu Walt Disneys grusliger Schneewittchen-Hexe. Ich besaß selber einen Cowboyhut plus Revolver mit Platzpatronen und eine Indianerhaube plus Tomahawk aus Hartgummi. Damals konnte man noch spielend die Seiten wechseln: mal heldenhafter Eindringling sein, mal verfolgte Minderheit. Der Marterpfahl war meistens die stämmige Rotbuche. Sie spielte eine bevorzugte Rolle in unserem Treiben. Jemanden, der angebunden war, mit Farbe zu beschmieren, machte Spaß, aber selbst angepinkelt zu werden war auch lustig. Alles ungefährlich. Kein Wunder, dass ich mich nie an politische Korrektheit gewöhnt habe. Vorurteile brauchen bei uns nicht abgebaut zu werden. Noch dreißig Jahre später gab es zwischen Harald und mir keine höhere Wertschätzung, als jemanden zu loben: ‚So ein richtig geiles Stück Dreck!‘ Ich glaube, wir waren früher einfach nicht so schnell beleidigt, aber wir hatten auch kaum je unter Willkür zu leiden.

Foto: shutterstock/Travel Drawn | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Archiv Flottbek-Othmarschen e.V./Bürgerverein Flottbek-Othmarschen e.V. (Haus) und aus dem Privatarchiv H. R. (S-Bahn-Brücke)

29 Kommentare zu “#9 – Die Prachtstraße

  1. Ah Herr Rinke, wir haben etwas gemeinsam: Walt Disneys gruselige Schneewittchen-Hexe hat mir als Kind nämlich immer Albträume beschert.

    1. Hahaha, die Hexe fand ich nie schlimm. Aber es gab diesen Musical-Kinderfilm, den meine Eltern toll fanden, Tschitti Tschitti Bäng Bäng hieß er. Da hat es mich wahnsinnig vor diesem Kinderfänger gegruselt.

  2. Der eigentliche Aufhänger der Teich-Reihe ist also ein noch vor uns liegender Ausflug! Ich war bisher nämlich dem Eindruck erlegen, die „Einführung“ wäre bereits das Thema der Erzählung.

    1. Im Gegenteil würde ich sagen. Oft gibt es ja etwas später in der Reihe nochmal einen großen Aha-Moment oder einen fiesen Twist.

    1. Das wird es auch noch eine ganze Weile tun. Drosten macht mit seinen Vorhersagen für Frühjahr / Sommer 2021 jedenfalls nicht wirklich viel Hoffnung. Da wird noch einiges auf uns zukommen.

      1. Die Herstellung zu langsam, das Pflegepersonal zu skeptisch. Als in der Durchführung außenstehender, in der Reihe anstehender Betroffener kann man es nur mit Geduld versuchen. Einflussnahme ausgeschlossen.

  3. Tja, politische Korrektheit ist manchmal angemessen, aber of bedeutet sie auch beleidigende Absichten zu unterstellen wo eigentlich gar keine sind.

    1. So kann man das aber auch nicht sehen. Es geht bei so etwas ja nie um die Menschen, die es eh gut meinen, sondern darum den Rest aufmerksam zu machen.

      1. Ich finde schon. Jedenfalls regen sich doch genügend Menschen über diese Dinge auf. Wohin das führt ist wieder eine andere Frage. Aber man spricht definitiv über die entsprechenden Themen.

      2. Die Schlussfolgerung: wenn ich mich beleidigt fühle, bin ich auch beleidigt worden, finde ich unzulässig. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Attackierten und einer Leberwurst.

      3. Das finde ich auch ein sehr kompliziertes Thema. Einerseits ist es super, dass es mehr Interesse, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit untereinander gibt, andererseits finde ich diese Diskussionen aber viel zu oft vollkommen verkrampft und mimosig. Es fehlt ein bisschen die Balance.

    1. Dachte ich auch gleich. Man kann sich ja freuen oder aufregen, beides hält jung. Gleichgültigkeit und Langeweile führen dagegen eher in die Depression.

      1. Ja das ist sicher auch richtig. Da kommt man dann schnell zur Frage ob erst das Huhn oder doch eher das Ei da war.

    1. „Eine Studie der Universität Bern und der Universität Leipzig zum Zusammenhang von Religiosität und Rechtsextremismus zeigt, dass kirchlicher Glaube im Osten Deutschlands gegen Rechtsextremismus «immunisieren» kann. Aberglaube geht dagegen in ganz Deutschland häufig mit rechtsextremen Einstellungen einher. Während die Kirche Weltoffenheit und Toleranz fördern kann, ist Aberglaube mit einer simplen Weltsicht, Ethnozentrismus und Fremdenfeindlichkeit verbunden.“

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