Teilen:

2802
Am Teich

#25 – Nach vorn sehen und nach hinten

Inzwischen hatte ich Guntram auf unserem Weg vom Fleischer ‚Am Teich‘ das namenlose Straßenstück rechts vom Taxusweg entlanggerollt. Wo kein Briefkasten ist und keine Eingangspforte, da sind Namen überflüssig. Und die Stadt verschwendet schon genug Geld für Ampeln, die nicht gebraucht werden und für Betonkübel, die stören. Irene hatte nach rechts und nach links geguckt, sie ist vorsichtig. Ich hatte mich auf mein Gehör verlassen und Guntram sicher über den vom Rhythmus der Ampelschaltungen belebten Halbmondsweg geradewegs auf den unbelebten Zypressenweg gebracht, der zu nichts führt als zu unserer rückwärtigen Gartenpforte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Guntrams Perspektive war etwa die eines Mercedes-Fahrers. Im Porsche sitzt man tiefer. Ich schob Guntram immer weiter auf sein Grundstück zu, rechtlich gesehen auf Irenes. Kein Kreis; wir fuhren denselben Zypressenweg ohne Zypressen wie vor einer halben Stunde zum Teich ohne Teich. Man kann sich damit abfinden, dass von der entgegengesetzten Seite aus betrachtet, alles anders aussieht. Aber damals als Fünfzehnjähriger unter den Ahornbäumen in der Waitzstraße zu stehen, das Fahrrad zwischen den Beinen, die Eistüte in der Hand, die Mathematikarbeit hinter sich, das Leben vor sich und die Weinmöpse von Bassiner fünf Häuser weiter – das war doch schöner. Natürlich gab es diese zarten, milden Verwandten des grobschlächtigen Rollmopses nur Samstag Abend, vor dem Tatar, so wie es ein Frühstücksei nur Sonntag Morgen und Karpfen ausschließlich Heiligabend gab. Damals, damals.

Foto: bonchan/shutterstock

Foto: Privatarchiv H. R.

Foto: Rutchapong Moolvai/Dreamstime.com

Wie kann man als dramaturgisch empfindender Mensch den Höhepunkt anstreben, ohne ihn zu wollen, weil man ratlos vor dem steht, was danach kommt? Die Natur hat es einfach. Sie kümmert sich um so etwas nicht. Sie lässt qualvoll langsam verrecken oder macht kurzen Prozess, weil ihr schon etwas Neues eingefallen ist, womit sie spielen kann. Gott lässt sie gewähren, und es ist unfassbar, dass Menschen, die an ihn glauben, ihn auch noch mögen.

Bild (Jean-Auguste-Dominique Ingres – ‚Jupiter und Tetis‘, 1811): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Alle, die an ihn glauben, beten ihn an. Wenn ich an ihn glaubte, wäre ihn anzubeten das Letzte, was mir zu ihm einfiele. Aber er hat es mir im Laufe der Zeit so komfortabel eingerichtet, dass ich keine Fragen nach ihm mehr zu stellen brauche. Ein bisschen komme ich mir vor wie der irdische Sohn eines himmlischen Mafiabosses, und bisher musste ich nicht mal ans Kreuz.

Illustrationen (2): Danny Yeo, South Korea

Christus hatte lieber Männer um sich statt Frau und Kind. Sich nicht fortzupflanzen – besteht darin eine Aufgabe? Die katholische Kirche hat es für ihre Beamten seit jeher so verstanden. Wer Verzicht leistet, hat die Neigung, sich – gewissermaßen als Ersatzbefriedigung – für etwas Besonderes zu halten, und wenn es mehrere davon gibt, nennen sie sich ‚Elite‘. So wie diejenigen sich ‚Elite‘ nennen, die nicht Selbstverständliches freiwillig unterlassen, sondern, im Gegenteil, zwanghaft Unerhörtes tun: ein Virus dingfest machen (Verdienst um die Menschheit), mit dem Gasballon die Welt umrunden (Medien), auf eine teure Schule geschickt werden (Karriere).

Bild (Raffael – ‚Christ’s Charge to Peter‘, 1515): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Isabelle hatte die beste Ausbildung genossen, die man sich denken konnte. Die Schule, das Internat, die Universität. Ein Kind? Vielleicht ein Kind?
––Sie waren auf dem Weg vom Börsenball nach Hause, Isabelle starrte aus dem Fenster. Straßen, Straßen, Straßen, aber kein Ausweg. Das Einzige, wonach sie sich sehnte, war eine Abkürzung, aber es kam ihr so vor, als gäbe es nur Umleitungen.
––Eduard merkte, wie sie litt. „Wird es gehen?“, frage er.
––„Ja, sicher“, sagte sie. „Mach dir keine Sorgen.“
––Das war, dem Wortlaut nach, ein beschwichtigender Befehl. In Wahrheit war es eine Lüge.

Wissen, Wahrheit und Lüge haben mich immer sehr beschäftigt. Nicht nur, dass mir stets bewusst war, dass der Mensch vom Baum der Erkenntnis essen muss, um er selbst zu werden, wodurch er sich – als Konsequenz – das Paradies verwirkt. Neben dem Quatsch von Eva und dem Apfel hat mich dabei immer auch des Schneiders Weib beschäftigt: Sie streute Erbsen auf die Treppe, so dass die Heinzelmännchen in Köln ausrutschen und nie wiederkamen. Immerhin: Des Schneiders Weib hat sie gesehen – sie hat ihr Ziel erreicht. ‚Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn, man muss nun alles selber tun.‘1 – Raus aus dem Paradies! Rein ins Leben! Das Schicksal des Intellektuellen.

1 Quelle: August Kopisch – ‚Die Heinzelmännchen zu Köln‘ (1836), Auszug aus Vers 8

Bild (Farblithografie nach Aquarell von Karl Offterdinger – ‚Die Heinzelmännchen zu Köln‘ / ‚Des Schneiders Weib‘): picture alliance/akg-images

Es gab Zeiten, und sie sind weniger als zweihundert Jahre her, da galt es, den Dingen nicht auf den Grund zu gehen, sondern zu glauben. Sicher, Orpheus hat sich umgedreht, Faust hat geforscht, das waren Einzelne, und der Preis, den sie zahlen mussten, war hoch: Verlust der Gattin, Verlust der Seele. Heute versuchen die Medien, sich gegenseitig die letzten Wahrheiten und Geheimnisse abzuluchsen und sie gewinnbringend auszubreiten. Dabei ist die Lüge und ihre Vorgeschichte häufig interessanter als die Wahrheit. Das liegt vermutlich daran, dass sich der Teufel, der Transvestit und die Verstellung alles erlauben können, Gott und die Wahrheit haben lauter zu sein. Das einzig Spannende an der Wahrheit ist, dass sie passiert (ist). Die Lüge ist für Ideologien und Anekdoten geeigneter. Und die Frage, ob uns die Wahrheit (die keiner kennt) oder die Unwahrheit (die viele gern glauben möchten, sei es als Schreckgespenst, sei es als glorreiche Utopie) weiterbringt, weiß ich nicht zu beantworten. Bis heute – auch nach Trump – nicht. (Nachtrag im Februar 2021)

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial von bonchan/shutterstock (Rollmops) und Privatarchiv H. R.

35 Kommentare zu “#25 – Nach vorn sehen und nach hinten

  1. Man weiss halt nie wann denn nun wirklich der Höhepunkt da ist. Man merkt es ja erst im Nachhinein, wenn es möglicherweise wieder bergab geht. Also hat man eigentlich gar keine anderen Möglichkeit als weiter nach vorne zu streben.

      1. Darum warten auch manche Anleger so lange, bis die Aktie abstürzt. Da gilt wie überhaupt: lieber mal den Gewinn mitnehmen und ein neues Glück versuchen.

      2. Das ist die große Kunst, nicht wahr? Weder verfrüht abzubrechen noch den Moment zu verpassen. Das gilt für Aktien natürlich wie fürs Leben.

    1. Niemand bezeichnet sich selbst als Elite. Glaube ich jedenfalls nicht. Aber weiss natürlich schon was man selbst erreicht hat, was man selbst kann – und dementsprechend was andere nicht können, oder nicht erreicht haben.

      1. Die Schüler mancher Privatschule halten sich für Elite und sagen es auch. Das Wort ist nicht mehr so verpönt wir Ende der 60er Jahre. Man kann wieder stolz sein, zur ‚Elite‘ zu gehören, und man müsste auch nicht von ‚abgehobener‘ Elite sprechen, wenn diese Eigenschaft schon im Begriff steckte. ‚Elitär‘ zu sein, ist allerdings negativ besetzt.

      2. Ja das wird sicher so sein. Ich dachte eher an Elite als Schimpfwort. Also so wie es von Verschwörungstheoretikern und AfD-Wählern gerne gebraucht wird.

  2. Dass Christus lieber Männer um sich hatte als Frauen ist wohl eine überspitzte These. Dass in seiner Anhängerschaft nicht allzu viele Frauen vorkommen mag hingegen geschichtlich Sinn machen, aber wenn man die Bibel als Gleichnis liest, dann wäre ein wenig weibliche Beteiligung schon schöner.

    1. Zu Jesus Zeiten war die Gesellschaft patriarchal, da wäre es schon überraschend zwischen den Aposteln auch Frauen zu sehen.

      1. Maria und Maria Magdalena nehmen ohne Frage beide eine ziemlich wichtige Rolle im Neuen Testament ein. Natürlich eine andere, als es die Männer in der Geschichte tun.

    2. Ich schreibe nicht, dass Jesus Männer lieber hatte als Frauen, sondern als ‚Frau und Kind‘, also Familie. So hat es die christliche Kirche für ihre ‚Diener‘ übernommen. Luther und Heinrich VIII verließen den Verein auch deshalb. Die katholische Kirche blieb stark. Ihre Diener nicht immer. Pädophilen Priestern ist es mit zu verdanken, dass bis in unsere Zeit Schwule vielfach für Kinderschänder gehalten wurden.

      1. Das klingt hart, aber so muss man das wohl sehen. Diese Priester haben dem Ruf der Homosexuellen sicher keinen großen Gefallen getan.

      2. Interessante Frage. Wer hat dem Ruf der Homosexuellen einen großen Gefallen getan? Klaus Wowereit, Rosa von Praunheim, Conchita Wurst, Leonaro da Vinci, Kevin Kühnert, Hendrik Streeck? Ich werde drüber nachdenken.

      3. Ru Paul wäre international so jemand. Ich schaue ihre Sendung zwar selbst nicht, aber so Mainstream war Homosexualität und Drag noch nie.

      4. Wenn man dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung glaubt, dann wird auch 2021 noch jeder dritte LGTBQler diskriminiert. Die Frage wäre dann eher was man noch alles für den Ruf der Homosexuellen tun müsste um dies endlich einmal zu ändern.

  3. Frühstückseier gibt es bei mir wann immer ich darauf Lust habe. Aber es gibt ein paar Gerichte, die haben meine Eltern immer nur an Feiertagen gekocht. Das waren gar nicht unbedingt besondere Rezepte, Rinderrouladen mit Rotkohl und Klößen zum Beispiel. Solche Rituale habe ich mir auch beibehalten. Irgendwie mag ich das.

  4. Nach Trump … soweit ist es ja leider noch nicht. Dieser Mann hat immer noch viel mehr Einfluss als man nach vier Jahren Idiotie denken würde. Seine Rede bei CPAC heute zeigt das wieder eindrucksvoll.

      1. Im Gegensatz zu allen vorherigen abgewählten Präsidenten scheint er allerdings weiterhin die stärkste Stimme in seiner Partei zu bleiben. Das ist wohl tatsächlich etwas Neues.

      2. Er wird sicher auch die nächsten vier Jahre weiterhin für Unruhe sorgen. Dass er nochmal als Präsident antritt, kann ich mir trotzdem nicht vorstellen.

      3. Ich glaube es auch nicht. Allein die Chance, dass er noch einmal verlieren könnte, wird ihn abhalten. Er wird aber sicherlich bis ganz zum Ende damit kokettieren. Dann kann er seine Gegner besser in Schach halten und die diversen Untersuchungen in seine Finanzen etc. als politische Hexenjagd abtun.

      1. Ah, das ist eine wichtige Unterscheidung. Die Verfügbarkeit von Wissen muss ja nicht unbedingt gleich bedeuten, dass dieses Wissen auch gewusst wird. Da gibt es wahrscheinlich sogar eine enorm große Lücke.

      2. Ich würde sogar sagen, dass diese Lücke umso größer wird, je mehr Wissen vorhanden ist. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher. Wissen wird dann auch automatisch viel selektiver und spezifischer. Andererseits fehlen einem vielleicht grundlegende Informationen auf einem Gebiet, das einen nicht tangiert.

      1. Nachher weiss man immer alles besser. Aber blind in sein Unglück zu rennen ist halt nicht immer die schlaueste Lösung.

      2. Nein, aber die schlechteste.
        Frau Schneider lief allerdings mit Kerzenschein in die selbstverschuldete Mündigkeit und muss seither die Hausarbeit allein erledigen.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei × 5 =