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1902
Am Teich

#21 – Himbeerjogurt

Nun kommt die erste wirkliche Entscheidung des Tages: Was mache ich aus diesem Nachmittag meines Lebens? Zur Auswahl stehen: schreiben, an meinen alten Filmen arbeiten, schlafen, wegträumen, ‚Spiegel‘ lesen und telefonieren. Wie seit jeher.

Fotos (9): Privatarchiv H. R.

Das Wegträumen, das bis vor Kurzem zweifellos die verlockendste und andauerndste Beschäftigung gewesen wäre, ohne dass ich mich auf den ekligen Orgasmus hätte einlassen müssen, ist bei mir ein wenig in Misskredit geraten, denn das Schicksal hat mir – sei es aus Pflichtgefühl oder aus Grausamkeit – neuerdings den Rausch gestrichen, und das ist für jemanden, der exzessbesessener Alkoholiker ist, wirklich verarmend. Ich, noch nachspürend, sehe ihn, den Rausch, wie ihn ein Versuchstier sieht, das sich an Suff und Sex erinnert, aber dessen Intelligenz nicht ausreicht, den Umweg zu gehen, um die Beute, von der es durch ein Gitter getrennt ist, durch ein Labyrinth hindurch zu erreichen. Lieber redet sich das Versuchstier ein, dass das Ziel, das unerreichbar bleibt, überhaupt nicht wert ist, erreicht zu werden: In Meran regnet es dauernd (also lohnt es sich nicht, dort hinzufahren). Im ersten Stock ist es ungemütlicher als im Hockstübchen (also macht es nichts, dass ich die Treppe nicht mehr schaffe). Schafft Guntram diesen Selbstbetrug? Ich ja. Der Gedanke, dass es anschließend, wenn das Ziel erreicht worden ist, sowieso weitergehen muss, weil man ja weder im Meraner Regen ersäuft noch sich beim Abstieg vom ersten Stock das Genick bricht – dieser Gedanke hilft. Lieber vernünftig bleiben, sich sein eigenes Grab schaufeln und sein eigenes Urteil bilden, über Inszenierungen von ‚Romeo und Isolde‘ zum Beispiel, als zu scheitern an der eigenen Inszenierung der Operette ‚Der lustige Witwer‘. Denken: na schön. Aber bloß nichts sagen! Ich versage … mir nichts. Ich verzage.
Du sollst nicht begehren. Tu ich auch nicht, ich entgehre, und ich habe auch nie Einsichten, sondern immer zwei Sichten. Also sollte ich lieber eine der kommunikativeren Nachmittagsbeschäftigungen wählen: meine eigenen Filme, meine eigenen Bücher. Den Oscar werde ich wohl trotz technischer Hilfe in meinem Bemühen um mein kinematografisches Schaffen nicht mehr kriegen, also sollte ich realistischer sein und auf den Nobelpreis hinarbeiten. Da Physik, Chemie und Medizin – zu spät! – auch nicht mehr infrage kommen, bleiben nur Frieden und Literatur. Friedlich zu sein, fällt mir, wie alle wissen, schwerer als zu schreiben, und so ist mein Weg vorgezeichnet, auch auf die Gefahr hin, dass, sobald es aufwärtsgeht, die Geschwindigkeitsbegrenzungen anfangen. Davon lasse ich mich nicht entmutigen, sondern rede mir ein: Ob jemand weltberühmt wird oder nicht – irgendwie ist das egal. Wenn ich schreibe, ist jedes Wort ein Stück Konfekt, jeder Satz eine Pralinenschachtel, jeder Absatz eine Bonbonniere – das Ganze ist also zum Kotzen: Im Großen ist es groß, aber im Ganzen ist es klein. Wenn diese Zeilen nicht geschrieben würden, wäre das kein Verlust für die Menschheit. Und wenn Beethoven seine 5. Sinfonie nicht geschrieben hätte, wäre die ‚Pastorale‘ die 5. geworden, ohne dass die Welt etwas vermissen würde.

Foto: Archive Images/Alamy Stock Foto

Was ist schlimmer: etwas zu verlieren oder etwas nie zu finden? „Ja, es gab Momente, aber das Glück – nein, ich habe es nicht gefunden“, sagte meine Kollegin Helen mir einmal. Sie war für Aufnahmen in München zuständig und begleitete mich zu den Festspielen in Lockenhaus. Ein Ausflug ins nahe Ungarn schien eine kleine Abwechslung, bevor am Abend wieder die Geigen fiedeln würden. Die Abwechslung wurde aber sehr groß. „Schau mal, wie die Lerche aufsteigt!“, sagte Helen. „Das musst du filmen!“ Die Lerche stieg wieder ab. Ich filmte. Ohne zu wissen, wie nahe wir noch den Grenzanlagen waren. Eine Militärstreife wusste es. Sie war gleich zur Stelle und nahm uns fest. Es war siedend heiß. Der Asphalt schmolz unter unseren Schuhen. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Wir kauerten im Straßengraben, sprachen einzelne Wörter in die schwere Luft und lauschten dem Klang der Männer im Jeep und dem Klang der Grillen im Mohn. Zirpten sie ungarisch?

Nach zwei Stunden fragte uns der freundlichste unserer Bewacher in K.u.k.-Deutsch: „Mögen S’ etwas trinken?“
––Daraufhin sagte die halb verdurstete Helen Folgendes: „O ja! Ja! Bitte! Wasser. Nur ein Glas Wasser! Frisches Wasser. Noch besser einen Jogurt. Einen ganz einfachen Jogurt. Oder geht es vielleicht doch mit Geschmack? Egal, was. Himbeerjogurt habe ich am liebsten. Der ist so erfrischend.“
––Dass wir kurz darauf freigelassen wurden, ohne meinen Film allerdings, das wunderte Helen mehr als mich. Jogurt gab’s keinen, aber im nächsten Dorf Kirschen am Stand. Mehr Glück war nicht vorgesehen für Helen. Seine Umgebung genau zu kennen hat am Teich und im Spandauer Forst Vorteile. Seine Grenzen zu kennen, hilft überall.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Im Allgemeinen neigen wir dazu, Verluste auf der Schmerzskala höher einzustufen als Versäumnisse und Ungeschehnisse, weil wir uns doch noch mehr nach der Haut zurücksehnen, die wir einst berühren durften, als dass wir die Haut vermissen, die wir nie berühren werden.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Also schreiben? Bei allem, was du siehst, darfst du nicht bloß gucken, was passiert, sondern du musst dir bei allem vorstellen, was daraus werden könnte: die Peinlichkeit nach dem Zweiersex, der nächste Weltkrieg, die Trabrennbahn. Wenn du die Straße mit all ihren Ampeln und Verbotsschildern nicht nur erträgst, sondern bereit bist, weiterzugehen oder wegzureißen – oder weiterzugehen und wegzureißen, Ampeln, Schilder und Asphalt; teerende Arbeiter, spielende Kinder –, dann kannst du den Versuch machen, zu schreiben. Sonst füll lieber Formulare aus! Das sag’ ich mir und finde mich über solchen Gedanken in gehobener Stimmung. Ich kreuze im Formular ‚Ja‘ an. Zum wirklichen Unglücklichsein gehört als Accessoire wie ein Gürtel um den Mund die Sprachlosigkeit: Unglücklichsein lässt nicht reden, sondern verstummen. Glück hingegen ist kein Thema. Der Stoff reicht bloß für einen Satz. Aber keine Sorge, man braucht bloß ein bisschen zu denken – schon ist das Glück weg und man kann wieder schreiben, falls man schreiben kann. Ich denke, und ich erlaube mir zu denken, was ich denke. So ein bisschen Zyankali hat noch niemandem geschadet.

Fragonards ‚Inspiration‘ und Porträt des Dichters Nikolaus Lenau

Fotos (links/rechts): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Das Gegenteil von Schreiben ist Sprechen (denken darf man in beiden Fällen, es gibt da keine Verkehrsbeschränkungen, was Diktatoren immer schon sehr verdrießt hat). Sprechen scheint bequemer als Schreiben. Auch bei meinen Eltern lässt sich der Mund leichter bewegen als der Zeigefinger, der den Stift führen muss. Das Geschriebene ist außerdem viel verfänglicher, nur dass es eben keinen Nobelpreis im Quasseln gibt.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Wenn man sich nicht zu schreiben traut und nicht mal reden mag, dann bleibt noch das Gegenteil: Lesen. In letzter Zeit habe ich hintereinander drei Bücher verdaut, und es würde mich nicht wundern, wenn diese Lektüre Einfluss auf die Art hätte, wie ich zurzeit schreibe. Und dann tue ich das einzig Richtige: Ich schreibe nicht, ich lese nicht, ich rede nicht: Ich lege mich ins Bett und schlafe.

Foto: Privatarchiv H. R.

„Es tut mir so leid“, sagte Isabelle, „aber es geht mir wirklich nicht gut. Ich nehme mir eine Taxe.“
––„Nein, nein“, sagte Eduard, „ich habe schon mit allen gesprochen, mit denen ich reden musste. Wir fahren zusammen.“
––„Wirklich?“
––„Ja sicher.“
––„Es tut mir so leid. Seinen Mund kann man zur Not halten, seinen Darm nicht.“
Eduard lachte irritiert. Die Sprüche machte immer er, nicht sie. „Es braucht dir nicht leidzutun.“ Mosaikboden, weiße Säulen, eine Galerie, auf der festlich gekleidete Menschen sich angeregt unterhielten. Er schied ungern.

Sie ging sofort nach oben ins Badezimmer.
––Erst viel, viel später erinnerte sich Eduard daran, dass sie die Treppe langsam heraufgegangen war: nicht wie jemand, der dringend etwas loswerden will, sondern wie jemand, der einen Schritt tun muss, von dem er weiß, dass er keine Gelegenheit mehr haben wird, ihn zu bereuen.
––Sie öffnete die Badezimmertür, und eine Sekunde lang standen sie sich gegenüber, zwei Fliehende.
––Der Fremde, der damit gerechnet hatte, dass die Bewohner des Hauses viel länger wegbleiben würden, und sie. Als er das Auto ankommen gehört hatte, war er mit allem, was sich greifen ließ, raufgerannt, und schon während er die Treppe nach oben hastete, war ihm klar, wie unsinnig das war. Er warf die – womöglich teuren – Gegenstände in die Badewanne. Das Geld, das er im Nachttisch des Schlafzimmers gefunden hatte, das offensichtlich einer Frau gehörte, hatte er in seine Tasche gestopft. Er war gut angezogen. Casual Chic. Zweckmäßige Kleidung wäre ihm zu auffällig erschienen – um diese Zeit in dieser Gegend. Nachts wie ein Dieb, tags wie ein Dieb.
––Im anderen Schlafzimmer waren die Nachttischschubladen leer gewesen, bis auf eine Taschenlampe, Papiertaschentücher und einen Notizblock mit Stift. Auf dem Notizblock standen keine Wörter, bloß Zahlen.

Sie sah sein entsetztes Gesicht. Ein aufregendes Gesicht. „Ihn hätte ich lieben sollen, ihn!“ Das war das Letzte, was Isabelle dachte, und es war genau der Augenblick, in dem Eduard die Schubert-CD aus dem Regal griff.

28 Kommentare zu “#21 – Himbeerjogurt

    1. Es gibt allerdings auch Menschen, die ihr Leben lang auf der Suche sind. Mal nach etwas ganz Bestimmtem, mal nach einer vagen Idee. Die denken dann meistens schon, dass sie etwas im Leben verpassen. Das kann ziemlich an einem nagen.

      1. Die Suche nach Neuem oder dem Mehr ist sicherlich grundsätzlich eine gute Sache. Man muss halt nur aufpassen, dass man vor lauter Suchen das Jetzt und das was man schon hat nicht verpasst.

  1. Versäumnisse interessieren mich auch eher selten. Was will man sich denn auch über etwas ärgern, was man eh nicht mehr ändern kann? Mit Verlusten ist das natürlich anders, da kommt zum Ärger ja der Schmerz. Den kann man selbst weitaus weniger beeinflussen.

  2. Man kann natürlich nicht einfach drauflos schauen was passiert, da würde man auf Dauer in Teufels Küche kommen. Aber alles kann man sich natürlich auch nicht vorher ausmalen. Dafür gibt es dann wieder zu viele mögliche Faktoren und Szenarien.

      1. Manchmal ist das so etwas wie Schicksal, manchmal sind das auch einfach die Mitmenschen, die nicht so wollen, wie man sich das selbst ausgemalt hat.

  3. Mich würde tatsächlich interessieren, wie viele der Nobelpreisträger auf ihre jeweiligen Preise hingearbeitet haben. Also wessen Hauptziel nicht das Schaffen eines einzigartigen Werkes, oder das Entdecken neuer Zusammenhänge, sondern tatsächlich das Erhalten solch eines Preises gewesen ist. Ich wäre gespannt ob sich da so jemand findet.

      1. Ich habe schon Freunde erlebt, die kopflos in ihr Unglück gerannt sind … aber ebenso welche, die sich durch zu viel Grübeln immer weiter in fixen Ideen verrannt haben. Da gibt es wohl in beide Richtungen keine Grenzen.

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