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Am Teich

#12 – PLATZ 2: DIE KIRCHE b) Beichte

Silvester wurden mir Lustigkeiten untersagt: Pietät. Raketen mochte ich sowieso nicht, aber das Tischfeuerwerk vermisste ich und den kleinen Zylinder, aus dem eine Riesenmenge graues Zeug wurstartig herausquoll, wenn man ihn anzündete. Manche nannten ihn ‚Kackhut‘. Wir natürlich nicht. Als Kompromiss fand Bleigießen statt. Lag mir nicht so. In die diffusen Formen etwas hineinzulesen, überforderte meine Fantasie.

Foto: Privatarchiv H. R.

Im Januar gingen die erforderlichen Maßnahmen weiter und im April war es dann so weit. Jedoch: Vor die Erstkommunion hatte der Herrgott beziehungsweise sein Stellvertreter das heilige Sakrament der Beichte gesetzt, das mir jahrelang erheblich zu schaffen machen sollte. Besonders nachts.

‚Abgabe des Beichtzettels‘

Eine bedeutsame Frage war: Was galt es zu beichten? Meine katholischen Freundinnen aus der anderen Doppelhaushälfte hatten in dieser Frage gewiss kompetentere Eltern, als es meine laizistisch gestimmten waren. Aber aus Scheu fragten wir sie nicht. Monilies war drei Jahre älter als ich, Kathrin zwei Jahre jünger. Wir spielten mit Wiemans ererbten Spielsachen: Puppenstube, Puppengeschirr, alles herrlich und antik. Aus den Tiegeln und Schüsseln füllten wir Haferflocken mit Zucker und Kakaopulver auf die kleinen Teller und fuhrwerkten mit winzigen Messern und Gabeln kennerisch in dem Gemisch herum. Trotzdem waren meine Eltern nicht der Meinung, dass ich so gute Tischmanieren hatte, wie sie es mir vorlebten.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei/Heinrich Hoffmann

Unser Lieblingsspiel war die heilige Messe. Monilies als die Älteste von uns war der Priester und bekam ständig den Messbecher. Ich bekam als Ministrant die Glocke und Kathrin als Gemeinde die Ohrfeigen, weil sie auf ‚Dominus vobiscum‘ nicht korrekt mit ‚et cum spiritu tuo‘ antwortete. Aus Personalmangel musste ich überdies als Kommunionsempfänger Brausepulver aus Kathrins Bauchnabel lecken, das während der Wandlung von Monilies gesegnet worden war. Dass dieses Spiel einen verbotenen Aspekt beinhaltete, wurde dadurch deutlich, dass Monilies erklärte: „Das müssen wir beichten.“ Es fiel ihrer – also auch unserer – Meinung nach unter den schwammigen Begriff ‚Unkeuschheit‘, ein von der Kirche erfundenes Phänomen. In den Zehn Geboten sollte ich bloß nicht begehren meines Nächsten Weib, woran ich mich mein Leben lang hielt. Die Unkeuschheit war in Gedanken, Blicken und Taten Sünde. Lüsternheit ohne Ende. Sicherheitshalber beichtete ich das ständig und schämte mich dabei sehr.

Foto oben: Wikimedia Commons/gemeinfrei/silberchen (bearbeitet) | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei/Stinkie Pinkie

Nachdem mir Horstl erzählt hatte, wie wunderbar es wird, wenn man längere Zeit seine Vorhaut und das knetet, was ich ‚das Lilane‘ nannte, da wurde es noch schlimmer. Erst beichtete ich: ‚Sechsmal‘. Bei der nächsten Beichte ergänzte ich, es könnten auch zweimal mehr gewesen sein. Dann versprach ich Gott, bis zu meinem Geburtstag auszusetzen, was mich darauf vorbereitete, später mir selbst zu versprechen, bis Weihnachten keinen Alkohol zu trinken.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei/Wilhelm Busch

Einmal im Monat brachte mich die ‚6‘ zu St. Marien, wo es mir auf der Bank vor dem Beichtstuhl wesentlich schlechter ging als im Wartezimmer meines Zahnarztes. Ich war immer froh, wenn ein Geistlicher hinter dem Vorhang saß, der mich nicht kannte, aber meistens war es doch der Vikar. Zur Buße brummte er mir mit Vorliebe die Lauretanische Litanei auf. Beten als Buße fand ich immer verräterisch: Dann plapperten die anderen das ‚Vaterunser‘ wohl genauso wenig gern runter wie ich; denn sonst hätte es doch folgendermaßen ablaufen müssen:

Delinquent:
„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Meine letzte Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue würde ich gern meine Sünden bekennen. Ich habe aber keine begangen.“

Priester:
„Sehr gut, mein Sohn. Zur Belohnung darfst du zehn ‚Vaterunser‘ beten und dreimal die Lauretanische Litanei.“

Ich leierte sie stattdessen strafehalber in der Straßenbahn während der Rückfahrt von Ottensen nach Othmarschen runter aus meinem Gesangbuch. Gleichzeitig beten und fahren sparte Zeit. Und je jünger man ist, desto knapper erscheint sie. So vieles, was ich tun wollte. Damals. Entdecken, verarbeiten, erobern. Aber ach! All diese Gewissensqualen, all diese vertanen Chancen, so richtig geilen Sex zu haben und anschließend mit Mitte vierzig ausgefüllt an Aids zu krepieren! Vor derartigen Ahnungen war ich geschützt, während die Räder in den Schienen knirschten: ‚… Du weise Jungfrau, Du ehrwürdige Jungfrau, Du lobwürdige Jungfrau, Du mächtige Jungfrau …‘

Foto: Erich Westendarp/Pixabay

Wenn man von der Kreuzung rechts neben unserem ASH nicht den Othmarscher-Kirchen-/Agathe-Lasch-Weg geradeaus stadteinwärts weiterging, sondern nach links in die Reventlowstraße abbog, lag hinter dem Bahnhof jenseits der Dürerstraße, noch bevor der Weg abzweigte zu meiner Schleeschule, linker Hand die St.-Paulus-Augustinus-Kirche, und so ist das heute noch, bloß dass ich nicht mehr hingehe.

Foto: Privatarchiv H. R.

Der Bau von 1930 ist sehr, sehr sachlich und innen eher karg. Für meine dekorationsaffinen Eltern war das ein Grund mehr, sie zu meiden. Ich besuchte sie immer, wenn meine Großmutter wochenlang zu Besuch war. Das geschah vor allem dann, wenn meine Eltern in Europa unterwegs waren und den unterbezahlten Dienstmädchen zu Recht nicht recht trauten. Der sonntägliche Kirchgang spielte für Maria Rinkes Auffassung von Kinderbetreuung eine weitaus wichtigere Rolle als das Mittagessen. Sie selbst kochte sowieso nie. Als sechste Person hätte aber nicht einmal meine schlanke Großmutter in Wiemans Ford hineingepasst, so dass sie nicht fahren konnte, sondern auf frommen Füßen mit mir zu Gott ging. Richtig toll machte die streitbare Oma ihren Job allerdings trotzdem nicht. Sie verbot mir, mit diesem ‚ordinären‘ Jungen Horstl zu spielen, schrieb an die Schule, weil ich deckfarbenverschmiert nach Hause kam (mein Neckpartner Peter Jobmann war noch viel verschmierter) und verweigerte mir die Tetanusimpfung. ‚Teufelszeug!‘ Ich schrieb Vieren und Fünfen, und erst, wenn mich meine Mutter wieder überwachte, Einsen und Zweien. Dafür redete die selbstbewusste Großmutter darüber, dass sie mich besser verstünde und ich sie lieber möge als meine Eltern. Denen wurde das hämisch zugetragen, und sie mochten es nicht.

Hanno mit Horstl

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Als ich einmal auf halbem Weg zur Kirche einen Schluckauf bekam, schrie mich meine Großmutter an: „Nu hör schon auf! Weißt du nicht, dass der Papst daran gestorben ist?“ – Wusst’ ich nicht. Mein Vater erzählte, sie habe immer einen Mittagsschlaf abgehalten, und wenn die Jungen dann das geringste Geräusch gemacht hätten, sei sie rausgetobt gekommen und hätte zeternd und tobend mit dem langen Schuhanzieher um sich geschlagen. So eine zarte Frau! Aber sehr energisch. Und sehr engstirnig. Wollte trotz attraktiver anderer Angebote unbedingt einen Offizier heiraten. Der wurde ausgemustert und konnte nur das Geld ihres Vaters verjubeln (neues Pferd, neue Uniform; Rechnung kommentarlos an den Schwiegervater). Selber Geld zu verdienen lag ihm gar nicht. „Nie hätte ich gedacht, dass ich mal meine Kinder selbst ernähren soll!“, zitierte ihn Guntram und fügte hinzu: „Das hat er auch nicht getan.“ Die Pension des Oberstleutnants war für den Haushalt mit vier Söhnen und Tante Miezel fürs Grobe knapp. Marias Vater hatte während der Inflation 1923 sein Vermögen verloren. Als er starb und Guntram seinen eigenen Vater fragte, ob der nicht zur Beerdigung gehen wolle, soll er geantwortet haben: „Ja, wenn da der reiche Mann gestorben wäre! Aber so … Was hab ich davon?“ Nichts hatte er. Oder zumindest zu wenig, und so musste sich seine stolze Gattin gegen Monatsende Geld von der Nachbarin Frau Stattländer pumpen, um den Schweinebraten zahlen zu können, den sie von Wertheim für die Familie ranschleppte. Das hatte sie nun davon!

Foto: Privatarchiv H. R. | Titelillustration mit Bildmaterial aus dem Privatarchiv H. R., Wikimedia Commons (Gemälde) und Marynchenko Oleksandr/Shutterstock (Medaille)

28 Kommentare zu “#12 – PLATZ 2: DIE KIRCHE b) Beichte

  1. „Nie hätte ich gedacht, dass ich mal meine Kinder selbst ernähren soll!“ HAHAHA! Das ist natürlich wirklich eine zutiefst ernüchternde Einsicht.

      1. Wenn ich es richtig verstanden habe, rechneten Offiziere damit, einem reichen Kaufmann sein Fräulein Tocher abzunehmen und sich für diese Gefälligkeit lebenslang aushalten zu lassen. Sehr männlich!

    1. Wer das alles dem Pastor erzählen will, was man da als Kind erlebt und denkt und fühlt – das hilft beim Heranwachsen sicher wenig. Aber heute beichtet ja kaum noch jemand, alles gut.

      1. Seit Corona kann man online beichten 😉 Die schweizer App „Confessara“ macht’s möglich. Neulich noch in den Nachrichten gelesen.

      2. Es heißt, dass es tolle Psychologie von der katholischen Kirche sei, auf der Beichte zu bestehen: erspare den Gläubigen das schlechte Gewissen. Auf Mafia-Bosse trifft das sicher zu. Rechtschaffene Gangster betrügen nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

      3. Sündigen ohne schlechtes Gewissen ist natürlich nicht schlecht. Auf der anderen Seite ist so eine „offizielle“ Beichte ja auch äußerst unangenehm.

  2. Dieses ständige Beichten und Büßen und Beten hat mir die katholische Kirche immer unsympathisch gemacht. So viel Druck und Leid … und am Ende stirbt man und alles war umsonst.

      1. Ja schon klar, so stellt man sich das als gläubiger Katholik halt vor. Aber dann ist nach dem Tod wohlmöglich doch alles vorbei und dann hat man den Salat.

      2. Wer weiss schon genau was im Leben umsonst war und was nicht. Es wird ein Rätsel bleiben, dass niemals gelöst werden kann.

  3. Ich fand spezielle Tischmanieren bzw. die Angst im Restaurant auf einmal das falsche Messer zu benutzen immer übertrieben. „Normale“ Manieren sollten da doch ausreichen. Aber darum hat man sich beim Spielen mit dem Puppengeschirr sicher noch keine Sorgen gemacht. Winzige Messerchen mag ich übrigens heute noch.

      1. Nee, auch nicht. Dann wird das unbenutzte Besteck nämlich abgeräumt bevor der nächste Gang kommt 😉

  4. Bleigießen, Tarotkarten, Handlesen – am Ende geht es doch immer irgendwie darum sich mit sich selbst zu beschäftigen. Die Vorhersagen sind so wage, dass es vielmehr um die Auseinandersetzung mit der eigenen Realität und den Wünschen für die Zukunft geht.

  5. Tja, und was ist nun eigentlich der ‚Job‘ der Eltern? Gemocht zu werden, für Mittagessen zu sorgen, oder die Basis für gute Noten zu schaffen?

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