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Am Teich

#23 – Abseits der Überholspur

Es kommt vor, dass ich nicht nur ein anderes Programm, sondern dass ich überhaupt nicht fernsehe. Was immer ich tue, habe ich dann getan. Unkorrigierbarkeit hat etwas Faszinierendes. Nie kann ich löschen, was ich dir auf den Anrufbeantworter gesprochen habe, ich mag die Unbedachtheit meiner Worte noch so bereuen. Ich muss dir, wenn du zurückkommst von deinem Ausgang, vor der Haustür auflauern, damit du mein Gesagtes nicht hörst; denn wie kann ich sonst sicher sein, dass du auch ohne mein Eingreifen im Hausflur leblos zusammenbrechen wirst? Isabelle ist nicht nur darmkrank, sondern tot. Ein Bein ist nicht gebrochen, sondern ab. Eine Krankheit führt nicht zur Genesung, sondern zum Lebensende. Ein Gedanke ist gedacht, ein Wort ist ausgesprochen, ein Satz ist veröffentlicht, unwiderruflich.

Foto links: Peter Niemayer/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 | Bild rechts (Gerard Dou – ‚A Scholar Sharpening his Quill‘): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Wenn man zu jemandem „Du Sau!“ gesagt hat, kann man hinterher noch – wie in jedem anderen Fall auch – behaupten: „Es war nicht so gemeint.“ Das hat ja bereits Galileo Galilei vor dem Papst versucht, aber das Sonnensystem hat sich deswegen auch nicht verändert. Der Arzt, der Guntram Prostatakrebs bescheinigt, kommt mit einem „Es war nicht so gemeint“ ebenso wenig weiter wie Guntram selbst mit seinen nie wieder funktionierenden Beinen.

Bild (Joseph Nicolas Robert-Fleury – ‚Galileo before the Holy Office‘): Wikimedia Commons/gemeinfrei

Schon seit Isabelle zur Unzeit das Badezimmer betrat, schon seit Othello Desdemona nicht mehr traute, waren beide tot. Schon seit ich denken kann, habe ich gedacht. Das Unkorrigierbare, untergehakt mit dem Unabänderlichen, wälzt uns alle platt. Anderes dagegen lässt sich korrigieren: mit Petersilie und mit Maggi. Manchmal habe ich abends ja auch Besuch. Sylvia oder Kristina bleiben länger, oder Rolands Mutter Margot wird von mir eingeladen. Neulich gestand sie mir unter Tränen, dass ich ihr mehr bedeute als ihr eigener zweiter Sohn Rochus. Na ja, das Zusammensein mit mir macht ja auch – falls man mich leiden kann – Spaß: Ich kann lustig sein, koche gut oder weiß ansonsten Restaurants, in denen es schmeckt. Landschaftliches verbinde ich gern mit Philosophischem und decke damit praktisch alle Gemüter vom Prenzlauer Berg bis zu den Harburger Bergen ab.

Komik ist nett. Fanatiker auf der Überholspur haben keinen Humor, ihre Direktheit drängt den zum Grinsen notwendigen Abstand weg. Modern sein? Zeitgemäß sein? Kind seiner Zeit sein? Fortschrittlich, reaktionär. Will ich irgendetwas davon unbedingt sein oder unbedingt nicht sein? Wie mein Buchtitel ‚Niemals und auch dann nicht‘. – Schade. Ich hätte gerne so machtvoll an etwas geglaubt, dass ich durch diese Kraft Diktator, Religionsstifter, Regisseur oder Dichter hätte werden können. Aber das neue Jahrtausend mischt die Karten neu. Irgendwo hat es vielleicht auch für mich noch ein Plätzchen zum Ruhm reserviert, abseits aller Abseitigkeiten, da, wo wir uns alle treffen – dieser Punkt ist bisher bloß der Tod. Aber wenn ich mich mit ein paar weniger Leuten zufriedengebe, kann es ja vielleicht auch schon früher oder halt erst später klappen.

Bild (Originalzeichnung von C. W. Allers – ‚Ein verkanntes Genie‘/erschienen in ‚Die Gartenlaube‘, Ernst Keils Nachfolger): Wikimedia Commons/gemeinfrei

War ich nicht ein Wirbelwind? Einst? Nein, nie. Aber in mir, hinter all dem dünnen Fell, im Innenhof, wo der Partyservice bedient, da war doch so etwas Zugiges wie vor der Schlachterei, und dann musste ich Klavier spielen oder mit gehetztem Stift schreiben oder mit Tine ins ‚Chapeau Claque‘ oder ohne sie ins ‚Mineshaft‘; den Kopf hinhalten oder die Kamera, schräg, oder den Schwanz, aufrecht, und die Ampel missachten – stehenbleiben, wenn sie Bohnengrün zeigt, Gas geben, wenn es blutrot wird, zwischendurch ist es gelbgrau, jedenfalls für Farbenblinde, ich fahre weiter, und du fragst: „Musst du das immer tun?“, und ich antworte: „Wieso, das mach ich zum ersten Mal.“ Ich fahre über all diese Kreuzungen, die früher keine Ampeln hatten und biege dieselben Straßen ab wie vor fünfundvierzig Jahren, im Auto, gefahren; zu Fuß; mit dem Fahrrad, in den Pedalen stehend, damit es schneller geht; im Auto, selber am Steuer, und immer noch mündet die Elbchaussee in die Dockenhudener Straße, obwohl es weiter geradeaus geht, aber der dürftige Abzweiger nach links heißt dafür Elbchaussee, die ‚Linden‘ in Berlin hören kläglich am asbestverseuchten Palast der (untergegangenen) Republik auf, und Guntram tappt irgendwie vom Klo zum Bett und denkt an die Zeit, als er über die Halenseebrücke hinweg den Kurfürstendamm entlangfuhr, um in irgendein Kino oder Lokal zu gehen, und nicht mehr erleben musste, dass Berlins Prachtstraße hinter dem Wittenbergplatz nur noch geradeaus weitergeht und sonst gar nichts.

Ja, ich spüre ihn manchmal immer noch in mir, diesen Wirbelwind, und ich frage mich übermütig: „Schreibe ich jetzt ein blödsinniges, schweinisches Gedicht, hämmere ich mir über die Kopfhörer meine Jugend ins Hirn, oder gehe ich schlafen?“ Meistens das.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Natürlich gibt es auch noch die Möglichkeit, dass ich mich mit mir selbst beschäftige, bis hin an den Rand des billigend in Kauf genommenen Selbstmordes: der Höhepunkt nach dem Höhepunkt, die Heerstraße, die an der Siegessäule endet, statt sich aufzufächern in Straßen, von denen eine jetzt wieder mauerlos zur Charité führt, in ein Zimmer, in dem man weder leben noch sterben kann, egal, wie viele Siege man zu seiner Glanzzeit errungen hat, nicht der von Bonvivants erträumte Genickschuss vor dem Schaufenster des Herrenausstatters, sondern der Schlaganfall vor dem Ende ohne Würde.

Foto links: Sandratsky Dmitriy/Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Oder es geht gut und ruft das in Erinnerung, was früher mal Rausch war: keine Veilchen mehr, aber doch wieder ein Potsdamer Platz. Männersex ist brachialer und absoluter als Frauensex. Frauen sehen Sex nie losgelöst als Element wie Feuer, Wasser, Erde, Luft. Frauen sehen Sex als Brücke: zum Partner, zum Kinderkriegen, zum Dasein. (Ich kann das beurteilen. Keine Frau, die ich je durchgevögelt habe, war anders.)

Fotos (3): Priavtarchiv H. R.

Es hat mich wirklich entsetzt, dass Serben moslemische Bosnierinnen in einem Lager immer wieder vergewaltigten und, wenn sie schwanger wurden, noch so lange gefangen hielten, bis die Frauen nicht mehr abtreiben lassen konnten. Die Frauen sollten in ihren Familien verfemt sein. (Der Papst würde sie segnen.)

Foto links: Mostarac/Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain | Foto rechts: mehmetkocaman/Shutterstock

Ist eine vergleichbare Demütigung eines Mannes durch eine Frau denkbar? Kaum. Frauen würden für einen Mann, den sie nicht wollen, sondern nur um der Idee willen benutzen, gar keine Erektion zustande bringen. Wahr ist zumindest, dass die Samen verspritzenden Männer für das, was die Natur sich als Aufgabe auferlegt hat, nämlich weiterzubestehen, ein unbekümmerteres Verhältnis zu ihrem Begattungsobjekt haben müssen, als die monatelang brütenden und danach auch noch aufziehenden Frauen. Papa jagt durchs Büro. Mama füttert die Geschirrspülmaschine. Zeugen und Gebären – mehr interessiert die Natur nicht. Für die Moral mussten die Menschen erst (un)moralische Götter erfinden.

Bild (James Barry – ‚Jupiter und Juno auf dem Berge Ida, Detail‘): Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain

Für die Verantwortung nutzen sie auch: Wenn da oben ein anderer etwas entscheidet, während ich unten ‚Der Tod und das Mädchen‘ höre, dann ist das Lenkung, Fügung, Vorhersehung, und man selbst ist aus dem Schneider. Gewiss, man muss auch Opfer bringen, allen Göttern, aber das erträgt man halt in stolzer Trauer. Wertmaßstäbe müssen nun mal sein, da gebe ich Irene vollkommen recht, ich würde bloß das Gute, Schöne und Wahre leichter erkennen können, wenn ich sicher wäre, was das Schlechte, Hässliche und Falsche ist. Da scheitere ich bereits an den neuen Stiefeln von der Dame aus unserem Nachbarhaus: Die halte ich für schlecht im orthopädischen Sinne, falsch für ihr Alter und hässlich sowieso. Es gelingt mir nur nicht, aus dieser Ansicht ein Dogma zu machen. Ich mag keine Vorschriften machen, weder Hermès’ High Heels nicht zu tragen noch Hitlers Hakenkreuze. Ich glaube daran, dass Vielfalt das Gegenteil ist von Einfalt. Und so lasse ich noch einmal die Möglichkeiten Revue passieren. Schreiben, Lesen, Hören, Sehen, Wichsen. Ich bin hin- und hergerissen. Auf der einen Seite möchte ich mich auflösen in diesem Trieb wie Mondamin in Brühe, auf der anderen Seite möchte ich ihn abhacken wie einen Zweig, der in die verkehrte Richtung wächst und den freien Zugang behindert. Aber im Allgemeinen lasse ich mir meinen Willen. Manchmal male ich den Männern auf meinen Lieblingsfotos Sonnenbrillen vor die Augen, mit Filzstift, nicht weil sie mich so blöd angucken, als glaubten sie, sie könnten mich mit ihrem komisch-verworfenen Blick herausfordern, sondern, damit ich mir einbilden kann, dass sie mich hinter dieser Sonnenbrille mit ihrem komisch-verworfenen Blick herausfordernd angucken.

Fotos (3): Privatarchiv H.R. | Titelillustration mit Bildmaterial von: Victor Torres/Shutterstock (Siegessäule) | Wikimedia Commons/gemeinfrei/public domain (James Barry – ‚Jupiter und Juno auf dem Berge Ida, Detail‘)

33 Kommentare zu “#23 – Abseits der Überholspur

  1. Ein Satz im ersten Absatz ist mir gleich aufgefallen: Unkorrigierbarkeit hat etwas Faszinierendes. Man ist das ja fast nicht mehr gewöhnt. Jeder Social Media Post lässt sich ja im Nachhinein abändern. Videos lassen sich austauschen ohne die bereits erhaltenen Reaktionen zu verlieren. Whatsapp-Nachrichten lassen sich zurückholen. Da bleibt heute nur noch das gesprochene und persönliche Wort.

  2. Ist eine vergleichbare Demütigung eines Mannes durch eine Frau denkbar? Ich würde eigentlich mit „Ja“ antworten. Es heißt ja in der Frage schon „vergleichbar“, nicht „identisch“.

    1. Ich glaube, dass Frauen sehr viel sublimer vorgehen können, um einen Mann zu vernichten als die rohe Gewaltanwendung, die unbedarften Männern als einziges Mittel zur Verfügung steht..

      1. Frauen gehen in vielem geschickter vor als Männer. Nicht nur wenn es um das Vernichten geht. Davon abgesehen, haben Frauen diesen Drang weitaus weniger.

      2. Ich würde auch sagen, dass Männer von Grund aus aggressiver und gewalttätiger sind. Natürlich ganz grob gesagt. Ob das wirklich so ist, oder ob das nur ein persönliches Gefühl ist, wer weiss.

      3. Solche Verallgemeinerungen sind immer schwierig. Allerdings finde ich die Idee, dass Männer und Frauen In ihrem Verhalten komplett gleich sind auch weltfremd.

      1. Seit 12 Jahren bin ich Selbständig. Ein besseres Gefühl als keinen Vorgesetzten zu haben, der einem sagt was zu tun ist, gibt es im Berufsleben kaum.

  3. Wenn sich Mondamin in Brühe doch nur so gut auflösen würde, wie man das mit Glück in einem dieser tollen Lebensmomente tut 😉

  4. Die Champs Élysées ist zwar weitaus prächtiger als der Ku’damm in Berlin, aber ich habe mich da immer nur verloren gefühlt. Berlin bleibt mir sehr viel lieber.

      1. Ist das tatsächlich so? Ich war noch nie oben. Die Ecke um den Alexanderplatz lädt ja auch nicht unbedingt zum Verweilen ein.

  5. Bei der Sau ist allerdings recht wenig Interpretationsspielraum. Da gibt es nicht allzu viele Arten wie man das gemeint haben kann.

  6. Wer sich zu viel mit sich selbst beschäftigt, der erreicht ihn vielleicht früher als ihm lied ist, diesen Höhepunkt nach dem Höhepunkt. Vielleicht gleitet man auch einfach nur in den Wahnsinn ab.

      1. Wenn es nicht aus der Seele dringt
        Und mit urkräftigem Behagen
        Die Herzen aller Hörer zwingt.

  7. Das Unabänderliche, hält uns im Positiven alle auf Trab, und wälzt uns andererseits gleichermaßen alle platt. Wer buddhistisch veranlagt ist, sieht da vielleicht das Ying und Yang.

      1. Ah Veranlagung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber man kann sicher eine Neigung oder Offenheit gegenüber einer bestimmten Religion haben oder entwickeln.

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