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Am Teich

#20 – Am Küchentisch

Nudeln von gestern, tiefgefrorene ‚Chicken Wings‘, Dosen mit Serviervorschlägen auf dem Etikett – natürlich ist Spontaneität das Erstrebenswerteste, aber wie soll man die planen? Man will doch planen! Da sagt man sich: ‚Jetzt will ich geil sein!‘ (womit man sich die Erektion vermasselt), ‚jetzt will ich traurig sein!‘ (womit man sich Lachanfälle auf der Beerdigung einhandelt), ‚jetzt will ich vernünftig sein!‘ (womit man sich sein Leben verpfuscht).

Foto: oleschwander/shutterstock

Ich schmeiße spontan in den Mülleimer, was ich für unverwertbar halte – bei Lebensmitteln bin ich pingeliger als bei Laken – und beginne das, was ich gestern heimlich am Teich gekauft habe, zuzubereiten.
––„Ich bin hier das Küchenmädchen“, sagt Irene, während sie den Salat zerpflückt. Wenn ich die Weinflasche entkorkt habe, hat sie, bevor ich den ersten Schluck nahm, gesagt: „Sauf nicht so viel!“, und bei meinem dritten Glas, später am Küchentisch während des Essens, fängt sie an zu weinen und sagt: „Ich kann das einfach nicht mehr ertragen!“

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Mir ist übel“, schreit Guntram aus dem Hockstübchen, „ich kann nichts essen.“ Er weiß, dass wir das Essen nur für ihn machen. Die Mahlzeiten sind ein Ritual geworden, bei dem ich nur noch auf die Predigt warte, und die halte ich. Ab halb zwei sagt Guntram dann: „Ich habe schon wieder abgenommen. Ich muss etwas essen.“
––„Ich denke, du hast keinen Appetit?“
––„Nein, hab’ ich auch nicht. Aber ich muss etwas essen.“
––Warum dann nicht wirklich Aldi-Suppen oder ‚Essen auf Rädern‘? Wozu die Mühe, wozu die Zeitverschwendung? Manche Forderungen bleiben auch unausgesprochen Befehle, vielleicht finden sie nur in meinem Kopf statt: fiktiv. – Ein Stöhnen unter mir: Fick tief!
––Mehr tun, als man muss. Mehr wollen, als man muss. Weil man es muss. Irene und ich müssen Guntram helfen, damit er sich an den Tisch setzen kann: Erst sehen wir zu, dass er in die Mitte der Sitzfläche seines Stuhles plumpst, dann schiebe ich den Stuhl mit ihm als Ballast vor seinen Teller. Ich habe mir angewöhnt, ihm ein Gläschen dessen hinzustellen, was die Aldi-Version von Fernet Branca ist: St. Vitus Boonekamp. Danach kann er dann essen; aber es darf weder das sein, was er als ‚scharf gewürzt‘ empfindet, noch das, was ihm zäh vorkommt. Also: Chicken Curry ohne Curry und Rumpsteak ohne Steak. Der Salat wurde ‚bei uns‘ (also als Guntram zehn war) immer mit Zucker und Milch gemacht. Das nehme ich meiner Großmutter beinahe noch übler, als mir das Vaterunser beigebracht zu haben.

Foto: Privatarchiv H. R.

Meistens wünsche ich mir, dass er weiterlebt, wenn er sagt, dass er sterben möchte. Manchmal weiß ich nicht, was ich mir wünschen soll, und vor allem nicht, was ich ihm selbst und Irene wünschen soll. Am unproblematischsten ist der Nachtisch: Ein Plastiknapf von Aldi, wahlweise Vanille- oder Schoko-Geschmack, Irene steigert den Genuss noch durch ultraerhitztes Sahnespray. Wer jeden Tag Tiramisu selbst zubereitet, der werfe den ersten Stein! Dann tritt Guntram tief gebeugt den Stuhlgang nach Canossa an. Mal klappt’s, mal nicht. Essen, Scheißen, Schlafen: die Dreifaltigkeit der lebenden Leichen.

Isabelle hatte selbst gekocht. Sie tat es nicht immer, aber sie konnte es besser als die Haushälterin, und sie verwendete grundsätzlich keine Reste: kein Eintopf aus den Überbleibseln von Montag bis Freitag. Suppen-Archäologie konnte man bei ihr nicht betreiben.
––„Gut“, sagte Eduard.
Sie nickte. Sie wusste, dass er recht hatte. ‚Ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, das Esszimmer lavendelfarben streichen zu lassen? Zum Weiß der Regale sah es gut aus.‘ Sie erschrak bei der Feststellung, dass es ihr egal war, ob sie sich die Farbe übersehen würde.

„Dass die Zeit, in der wir leben, verrückt ist, kann man schon daran merken, dass wir im vorigen Jahr zwei Millionen an der Börse gewonnen haben, stell dir mal vor! Das waren hundertdreißig Prozent. Natürlich liegt da nicht der Schwerpunkt unseres Kapitals, aber wie findest du das?“
Er sah sie an, einfach froh.
––„Unglaublich! – Ich habe einen Artikel von mir bei der ‚Zeitschrift für Archäologie‘ unterbringen können. Sie haben mir immerhin dreitausend Mark gezahlt. Das ist viel.“
––„Entschuldige …!“
––„Nein, warum? Das war gar nicht spitz gemeint. Wir beschäftigen uns mit ganz unterschiedlichen Gebieten, beruflich.“
––„Da ist Thymian dran, nicht wahr?“
––„Ja, du hast eine feine Zunge.“ Ihr Lächeln war vollkommen anspielungslos.
––Eine Weile saßen sie schweigend über dem Lamm zu Gericht.
––„Soll ich das graue Kleid anziehen, heute Abend?“, fragte sie. „Mir fällt nichts anderes ein.“
––„Das Graue …“, er überlegte, denn er nahm sie ernst.
––„Das mit dem Rückenausschnitt, Seide, ein ganz helles Grau. Ich hatte es aber schon auf der Adventsfeier bei Salmbrucks an.“
––„Ach das, ja, natürlich.“ Eduard spießte seine Gabel in die Bohnen, ohne den Bissen zum Mund zu führen. „Es könnte aber auch ruhig etwas Farbiges sein.“ Vorfrühling.
––„Ich trage immer nur Schwarz, Weiß und Grau, das weißt du doch.“
––„Vielleicht solltest du mal etwas Rotes probieren, ja Rot, das wäre gut für dich, zu deinem Haar.“
––„Für heute Abend ist es wohl zu spät.“ Sie drehte das Weinglas, ohne zu trinken. „Du hast mir nie gesagt, dass du mich bunt wolltest.“
––Er mochte nicht zugeben, dass es ihm nie zu Bewusstsein gekommen war: die weißen Hosen und das weiße T-Shirt in Ephesos, jeden Tag frisch und jeden Tag dasselbe. Das schwarze Kleid auf der Beerdigung ihrer Eltern, was denn sonst. Weißer Pullover, schwarze Hose. Weißer Rock, schwarze Bluse. Anthrazitgrau, Taubengrau, Silbergrau. – ‚Mein Gott!‘
––„Ich muss mir noch die Haare waschen“, sagte sie.
––Er führte die Gabel mit den Bohnen zum Mund. Noch nie waren ihm Bohnen so grün vorgekommen. „Es tut mir leid wegen heute Vormittag“, sagte er.
––„Nein, nein“, sagte sie, „es war meine Schuld.“
––Er sah sie an, um festzustellen, ob sie nur dieses Thema vermeiden wollte oder ob sie es ernst meinte.
––„Egal, wie viel es zu denken geben mag“, sagte sie – das Lamm war wirklich ausgezeichnet –, „das Wichtige ist, zu entscheiden.“ Aktien.

Für den Börsenball war ein Büfett im Innenhof aufgebaut, windgeschützt: Frühling vortäuschend. Die Gebäude ringsum waren ziemlich nobel, regnen tat es auch nicht, der Platz war schwer beschreibbar: weder eckig noch rund, sondern so, wie Architekten Häuser gebaut hatten, ohne zu ahnen, dass sie zum Teil eines Hofes beitrugen. Isabelle fühlte sich, während sie die Zufälligkeit der Architektur bewunderte, wie ein ausgeweidetes Lamm, kein Unschuldslamm, ‚bitte nicht auch das noch!‘ Eduard sprach sehr angeregt, ihr hellgraues Kleid berührte seinen nachtblauen Anzug, sie war nicht ausgeschlossen, überhaupt nicht, und in ein Gespräch über das Wetter oder die Phönizier hätte sie sofort eingreifen können, wenn es um eins von beiden gegangen wäre. ‚HERR, sprich nur ein Wort! Das Lamm; das Fleisch, das hinwegnimmt die Sünder der Welt. Hatte sie sich je so sündigen lassen, dass sie dessen Opfers bedurfte? War es umsonst gestorben, weil sie nicht genügend gesündigt hatte?‘

Hellgrau ist weder Tag noch Nacht, weder Gut noch Böse. Nichts sein ist das Verwerflichste. Die Lauen schmoren bei Dante in der tiefsten Hölle. Nichts sein auf einer Party wie dieser. Sie war immer ‚Etwas‘ gewesen. Wenn sie einen Raum betrat oder einen Innenhof, geschah etwas. Was war sie wirklich gewesen? Etwas intelligent, etwas neugierig, etwas inkonsequent. Isabelle besaß Radikalität, dessen war sie sich sicher, aber wenn sie ihr Leben betrachtete, dann führte diese Radikalität eher zu Tabletten als zu Bomben, nicht aufwärts vom Teich her, in dem die Babys auf den Klapperstorch warten, sondern geradewegs zur Trabrennbahn, wo die Pferdchen im Kreis laufen. Sie hatte unbedingt wissen wollen, wie alles einmal war, deshalb hatte sie Archäologie studiert. Aber vielleicht hatte sie eigentlich nur wissen wollen, wie seit ewigen Zeiten die Menschen das Leben ertrugen, und um das herauszufinden hatten ihr keine Gesteine und keine Knochenfunde etwas sagen können. – Im Gegenteil: Die Funde von Edelsteinen in Königsgräbern hatten sie bestärkt in dem Verdacht, dass hier nicht genug war und dort nicht genug sein wird. Eine lange Straße, von der man abzweigt, um zu leben, und deren Verlauf zur Entscheidung führen wird: rechts oder links – zur Stadt oder zum Friedhof. Und dann wünscht man sich, man hätte die Elbchaussee am Halbmondsweg gar nicht verlassen, sondern wäre weitergefahren: Teufelsbrück?

Nun wurde man vom Party-Service ‚gebeten‘ – schwarze Röcke oder Hosen, weiße Hemden oder Blusen, graue Westen – vom Innenhof ins Gebäude, von draußen nach drinnen, von innen nach außen. Ganz innen liegen die Eingeweide oder die Charaktereigenschaften, ganz, ganz außen liegt das dicke Fell. Von dem, was dazwischen liegt, versuche ich gerade zu schreiben. Auf und Ab, wie an der Börse, wie die Parkstraße: die nächste Abzweigung der Elbchaussee nach dem Halbmondsweg in Richtung Teufelsbrück. Hinter dem Reemtsma-Park führt sie zum Klein Flottbeker Weg und sinkt hinter der Ampel ermattet ab: tief, tief. Gerade da, wo sie wieder steil aufwärtssteigt, verliert sie ihre Vorfahrt. Ein Schild besagt, dass nun rechts vor links gilt, es gibt Kübel und Hubbel alle fünfzig Meter, die das Gebot ‚30‘ vollkommen überflüssig machen, bis die Straße auf die Groß Flottbeker Kirche zuläuft, genauer gesagt, auf einen Stern: Fünf Straßen begegnen hier einander, nördlich jenes Knotenpunktes steht die Kirche. Das Verblüffendste an diesem Platz ist: Es gibt dort keine Ampeln – nicht für Fußgänger, nicht für Autos, weder für Mensch noch für Gott. Der Verkehr bleibt sich regellos selbst überlassen. Es ist ein Wunder. Es ist Place de la Concorde.

Foto oben: Hartmuth Groth/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 | Foto unten: Wikimedia Commons/gemeinfrei/Alexander Hoernigk

Sahne mit 10 Prozent Fett, Zucker, Glukosesirup, modifizierte Stärke, Milcheiweiß, Verdickungsmittel Carrageen, Gelatine, Emulgator E 471, Aroma, Farbstoff: Beta Carotin, Aufschlagmittel: Luft. Das ist die Aufzählung der Inhaltsstoffe des ‚lockeren Sahnepuddings‘, den Guntram und Irene sich einverleibt haben, bevor sie, auf dem Umweg über das Badezimmer, ins Bett gehen, und ich mich wieder auf mein eigenes Stockwerk begebe.

Foto oben: VITTO-STUDIO/shutterstock | Foto unten: Privatarchiv H. R.

36 Kommentare zu “#20 – Am Küchentisch

  1. Nichts sein ist vielleicht verwerflich, aber für viele Menschen völlig ausreichend. Es kann ja auch nicht jeder etwas ganz Besonderes sein. Auch wenn einem das immer eingeredet wird.

    1. Gar ‚Nichts sein‘ ist ja außerhalb von Isabells Gedankengängen unmöglich. ‚Etwas‘ ist eins von Andersens schönsten Märchen. Bei Dante kommen die in die tiefste Hölle, die weden heiß noch kalt sind, sondern ‚l a u‘: also nichts Bestimmtes. Was man an Sommernächten schätzt, mag man nicht an Charakteren.

      1. Ich glaube da auch ehrlich gesagt nicht dran. Selbstverständlich gibt es genügend Menschen ohne große Ambitionen, aber dass jemand tatsächlich nichts erreichen, nicht sein will, das glaube ich nicht.

      2. Früher unterstellte man dem ‚abendländischen‘ Menschen, immer weiter, immer anderes zu wollen: seine Musik von der Renaissance bis zur Zwölfton-Verirrung, seine Architektur, seine Philosophie, seine Eroberungen. Der ‚Afrikaner‘ und der ‚Asiate‘ wurden in sich ruhend gesehen: Musik, Bauwerke, Weltauschauung blieben gleich. Heute sind Pop, Film und technischer Fortschritt mehr oder weniger global. Ein Gewinn? Ein Verlust? Etwas!

      3. Wer ernsthaft behauptet, dass „der Asiate“ in sich ruhend und zufrieden auf das ihm bereits bekannte setzt, der war noch nie in Seoul, Shanghai oder Tokyo.

  2. Es soll Menschen geben, die ihre Spontanität genauso planen wie den ehelichen Sex. Wer’s mag soll’s machen. Manchmal hilft es ja auch sich selbst etwas vorzumachen.

      1. Darüber macht sich der Autor doch auch gleich im ersten Satz lustig. Wobei Regen ja genauso trocknen kann, wie Spontaneität unter Umständen in Routine verdampft.

  3. Dass sich der Verkehr regellos selbst überlassen wird, kenne ich so ähnlich von Geschäftsreisen nach China. So ganz stimmt das natürlich nicht, regeln gibt es dort ja, aber die werden schon recht frei interpretiert. Als Resultat ist alles etwas chaotischer aber auch irgendwie fließender.

  4. Lockere Sahnepuddings von Aldi oder Lidl, schön und gut, aber wird denn heute eigentlich noch selbst gebacken? Die Menschen haben doch gar keine Zeit mehr für so etwas.

    1. Na aber klar doch, ich glaube so viel wie während COVID ist doch seit Jahren nicht gebacken worden. Vom Sauerteigbrot bis zur mehrstöckigen Torte war da doch alles dabei.

    2. Jetzt, im Lockdown, wieder. Außerdem hat man die Zeit, die man sich nimmt. Bei uns wird eigentlich täglich gekocht, geröstet und gebacken. Allerdings bin ich selbst bis zum Wochenende noch auf Joghurt-Diät. (Sehr anders als zu der gerade im Blog beschriebenen Zeit.)

      1. Am Sonntag werde ich es nach vier Wochen grünem Tee mal wieder mal mit einem Glas Sancerre versuchen. Wenn ich danach auf dem Tisch tanze, verlier ich höchstens das Gleichgewicht, nicht meine Unschuld.

      2. Ein Glas Sancerre ab und zu soll ja, zumindest nach einer Theorie, der Gesundheit ja durchaus zuträglich sein.

  5. Die Serviervorschläge auf dem Dosenetikett beschränken sich ja meistens eh auf ein Blättchen Petersilie. Da ist also trotzdem immer noch genügend Raum für die eigene Kreativität und Spontanität.

    1. Ich habe das Gefühl ‚Jetzt will ich geil sein‘ kommt auch relativ häufig vor. Ob das deshalb aber so wirklich funktioniert würde ich trotzdem bezweifeln.

      1. Wie, Pinkel ist doch gerade das, was den Grünkohl gerade noch so rettet. Also zumindest den tradtionellen deutschen.

      1. Da muss man seine Umgebung halt einmal im Jahr am Geburtstag mit mattem Taubenblau oder schrillstem Türkis überraschen. Zum Kofferpacken: Nehm ich nun das Flanellgraue, das Elefantengraue, das Stahlgraue oder das Platingraue? Zum Verzweifeln!

      2. So ist es. Selbst wer nur auf Schwarzes setzt wird schnell merken, wie viele unterschiedliche Schwarztöne es gibt: mit Blauschimmer, mit Braunschimmer, Tiefschwarz, Verwaschen, Anthrazit…

  6. Diese Episode mit Guntram hat mich nachdenklich gemacht. Was wünscht man jemandem, der darum bittet endlich sterben zu dürfen? Wie geht man damit um? Diese ganze Diskussion ist ja immer noch ein riesiges Tabu, nicht nur rechtlich, auch im ganz klein gedachten emotionalen Kontext.

      1. Oft lassen sich diese unterschiedlichen Wünsche ja kaum miteinander vereinen. Und selbst wenn man doch einer Meinung darüber sein sollte, was die beste Lösung wäre, steht man vor dem Dilemma, was man mit dieser Einsicht anfangen soll.

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