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Nie habe ich Hunger, nie habe ich Durst, nie schwitze ich. Bin ich ein Alien? Ich mag kein schönes Obst, keine kleinen Kinder und keine frische Luft. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mich sportlich zu betätigen, und anderen dabei zugucken, wie sie sich abrackern, das mag ich nun schon gar nicht. So ist die Ausgangslage. Abscheulich! Verachtenswert! Das darf nicht herauskommen. Deshalb muss ein Programm her:

Am erfolgversprechendsten belügt man die anderen, wenn man sich vorher erfolgreich selbst belogen hat. Man beweist sich das Gegenteil von dem, was man fürchtet. Hilfreich dabei, meine Erinnerungswut zu besitzen: Ich wollte schon mal vor einiger Zeit ungehörig einen Bissen auf die Gabel spießen, bevor der Kellner Silkes Teller überhaupt gebracht hatte. Ich habe neulich den ersten Schluck Bier getrunken, nicht, um mich zu benebeln, sondern weil ich es gar nicht abwarten konnte, die bittere Flüssigkeit am Gaumen zu spüren. Ich bin voriges Jahr in irgendeiner unerheblichen Nacht klitschnass aufgewacht. Zu viel Wein? Zu viel Traum? Egal, ich kann also Hunger, ich kann also Durst, ich kann also die Schwitze machen. Ganz klar: Ich bin wie alle. Manchmal.

Ich laufe gern über Fruchtmärkte, und ich pflücke gern Walderdbeeren von der Hand in den Mund. Ich bewundere das Wache im Gesichtsausdruck von Babys. Ich lehne gern an einer Mauer und genieße die Berührung des Windes. Ich liebe also Obst, Kinder und Frischluft. Ich bin wie alle.

Will ich das überhaupt? Nein. – Also? Ich zwinge mich. Wozu, das überleg’ ich mir dann später. Wenn ich so weit bin, geht es los: Ich mache Pläne. Dann zwinge ich mich wieder: nämlich, an meine Pläne zu glauben. Und dann zwinge ich mich gleich schon wieder: meine Pläne durchzuführen oder – ganz raffiniert – sie durchführen zu lassen. So haben es schon Cäsar, Friedrich der Große und die Architekten von Eisenhüttenstadt gemacht.

Ich habe eine Stiftung ins Leben gerufen, die das Gefühl für Sprache fördern soll. Im Rahmen dieser Stiftung gibt es auch einen Schülerwettbewerb (weil mir junge Menschen so am Herzen liegen. Die sollen sich und mich mögen!).

Das Thema, das ich mir für die zurzeit laufende Runde ausgedacht habe, lautet: ‚Ausgeschlossen!‘. Ich mache mich schon gefasst auf viel Weinerliches und wenig Beherztes. Jedes Jahr beteuere ich, dass ich dieses Mal während der Preisverleihung keine Rede halten werde, sondern die Ansprache einem anderen Stiftungsmit-oder-ohne-glied überlassen werde, und jedes Mal spreche ich länger. Verzichten? Auf das letzte bisschen Anerkennung? Ausgeschlossen! Die Mischung aus Erwartbarem und Unvorhersehbarem ist  immer wichtig, im Geschmack von Eintöpfen wie in der Dramaturgie des Lebens, nicht bloß beruflich, auch privat: Gutes Wollen kann jeder. Gutes Durchsetzen, das ist die Kunst!

Gleich nach dem Aufwachen geht es los. Schon bevor Rafał zu Hause in Hamburg oder in Meran in mein Schlafzimmer tritt, denke ich darüber nach, was wohl die angemessenste Kleidung und was das passendste Mittagessen wäre. Mal zünftig, mal exotisch. Vom ‚Schlesischen Himmelreich‘ bis zu ‚Hột vịt lộn‘ (theoretisch. Wirklich auf den Tisch gebracht hat Rafał angebrütete Enteneier noch nicht.) Unterwegs wie jetzt fällt meine Lieblingskategorie innerhalb der Textilien ‚Heute mal was ganz Hässliches!‘ wegen der Leute weg, und die Gerichte kommen auch nicht aus dem eigenen Kühlschrank, sondern aus der fremden Speisekarte. Trotzdem. Im Großen ist die zukünftige Jahresplanung gegen Silvester abgeschlossen, wobei das Lokal für den Abend des 11. September in Paris eventuell nochmal überdacht werden kann. Wer wie ich weiß, wie unberechenbar das Schicksal ist, der findet überall Windmühlenflügel, gegen die es sich zu kämpfen lohnt.

Das Programm heißt also: planen, bis es quietscht, einschließlich täglicher Gymnastik und ständigen Ausdauertrainings; bloß anderen Menschen bei ihren Körperverrichtungen im Fernsehen oder gar in der Natur zuzusehen, das steht nach wie vor nicht auf dem Programm. Es reicht, wenn ich meine eigenen Sport-Pläne alle paar Tage umsetze und zwischendurch genüsslich schwänze. Besonders auf Reisen.

Auch für Rafał fällt unterwegs einiges weg. Anderes bleibt. Betritt er morgens nicht als planender Koch mein Zimmer, so kommt er doch als einsatzbereiter Altenpfleger, setzt meine Muskeln unter aushaltbaren Strom und beknetet meinen Leib mit lavendelversetzter Bodylotion. Während der Einschmier-Prozedur unterrichtet er mich darüber, wie es Menschen ging, die er vor mir betreute. Die Frau mit so dünner Haut am Bauch, dass man die Organe sehen konnte, und der Mann, der auf St. Pauli mit Schnapsflaschen nach den Pflegern schmiss, gehören zu seinen Lieblingsgeschichten; die beiden sind mir direkt schon ans Herz gewachsen. Allerdings endet die Erzählung immer mit der Feststellung: „Schon lange tot.“ Dann drehe ich mich auf den Bauch.

Im Gegensatz zu mir mochte es meine Mutter nicht, wenn jemand Fremdes sie befummelte; besonders unerträglich war ihr das im Gesicht, und so ist es ein Wunder, dass sie trotzdem regelmäßig zum Zahnarzt ging. Doch genau dadurch behielt sie wohl bis zum Schluss ihre eigenen Zähne, aber auch ihre Haut war ohne Kosmetikerin sehr lange straff und glatt.

An manchen Abreisetagen verkürzen wir die Morgen-Prozedur oder lassen sie ganz ausfallen, aber heute war das nicht nötig. Im Gegenteil: Die Strecke von Kössen nach München war so kurz, dass ich mir einen Umweg ausdenken musste. Wer trifft denn gern bett- oder badlüstern irgendwo ein und lässt sich sagen: „Ihr Zimmer wird in zwei Stunden fertig. Tragen Sie sich schon mal ein hier!“?

Ich wollte es nicht übertreiben und vorschlagen, über Salzburg nach München zu reisen, zumal ich mich dort in meiner kopflastigen Anekdotensammlung dermaßen festgefahren hätte, dass kein Abschleppdienst der Welt den Karren aus dem Wortdreck hätte ziehen können. Aber der Chiemsee, der lag praktisch auf der Strecke. Den zu umrunden war herrlich spontan und kostete bloß Zeit, von der wir sowieso zu viel hatten.

Mit Roland bin ich 1988 die Autobahn am Chiemsee entlanggefahren. Ich saß am Steuer, der Boden war glitschig, und die Lastwagen spritzten mir den Schneematsch vor die Windschutzscheibe. War die rechte Spur aber frei, dann stach mir das Sonnenlicht wie Zwiebelschwaden in die Augen. Das Blau des Himmels kreischte hysterisch. Zermürbende Fahrt. Roland saß furchtlos neben mir. Bis auf ein bisschen Herpes am Rücken gegen zu viel Übermut gönnte uns das Aids-Virus unseren Winterurlaub und ließ Roland in Ruhe.

13 Kommentare zu “#3.1 Vom Freak zum Idol

    1. Es scheint seltsam, ist aber vielleicht folgerichtig, dass die große Anzahl an Möglichkeiten, die wir heute haben, viele Junge nach einem Weg suchen lässt, der Gemeinsamkeit verspricht: in der Kleidung, im Kino, im Denken. Ich war damals viel individualistischer, ohne das Feindbild meiner Altersgenossen, der 68er, zu teilen. Nachdem ich dem Papst Lebewohl gesagt hatte, bin ich keiner Ideologie mehr verfallen. Die Einsamkeit, die das mit sich bringt, muss man auszuhalten lernen.

    2. Ist dieser neue Nationalismus (Brexit, Trump, Front National, AfD…) dann auch eine verzweifelte Suche nach dem Gemeinsamen? Ich meine das gar nicht so ironisch wie’s klingt. Was treibt die Menschen weg vom Fremden/Andersartigen und zurück in ihr Schneckenhäuschen?

    1. Sehe ich ganz ähnlich. Interessante Vorhaben und Pläne, die man mit Genuss durchbricht und verwirft sind auch meine liebste Methode.

  1. In der Hotellobby darauf warten, dass der Reinigungsservice das Zimmer fertig säubert gehört mit zum deprimierendsten Teil einer Reise. Frühe Anreisen sind furchtbar.

  2. Der Weg vom Freak zum Idol ist oft ein sehr kurzer. Manchmal ändert sich einfach auch nur die Sicht der anderen. Bin sehr froh diesen Blog für mich entdeckt zu haben 🙂

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