Zunächst hatte ich jetzt, im November 2017, für den Abschluss unseres Weihnachtsurlaubs an Kitzbühel gedacht, erinnerungsträchtiger geht es kaum. Aber als uns die ‚Tenne‘ dort nicht haben wollte, fiel mir gleich die ‚Post‘ in Kössen ein und wie glücklich die wohl wäre, mich nach 52 Jahren wieder begrüßen zu dürfen, und dann noch über Nacht. Die ‚Post‘ war tatsächlich hocherfreut, allerdings nicht zum ausgebuchten Wochenende, sondern zwei Tage früher, wodurch mir die ganze Reiseplanung verrutschte, wie sich herausstellen sollte, zu unser aller Vorteil.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Weil die ‚Post‘ ja montags nicht ausliefert, jedenfalls kein Essen, hatte ich schon von Meran aus mit Silkes bewährter fernmündlicher Unterstützung den Tisch fürs Nachtessen beim ‚Erzherzog Rainer‘ vorgemerkt. Man sollte, wenn man dort speisen will, zumindest wissen, dass Rainer 1827 in Mailand auf die Welt kam und 1913 in Wien starb, den Beginn des Ersten Weltkrieges und den Untergang der Donaumonarchie also nicht mehr erleben musste. Erzherzog Rainer hatte keine Kinder, aber großes Interesse für Kunst und Wissenschaften. Schwul? Nicht nur war er der jüngere Bruder von Kaiser Franz dem Ersten, sondern seine Diamantene Hochzeit mit Marie Karoline galt auch als das letzte Großereignis in Wien, bevor das Reich zusammenbrach. Das reicht wohl an Vorkenntnissen, um in dem schön bemalten Haus, gleich gegenüber unseres Hotels, sein Schnitzel mit Preiselbeeren zu bestellen; aber die Karte hat auch ‚Filetsteak Andalouse‘ mit pikantem Tomaten-Paprikaragout, Reis und Salatteller zu bieten, was darauf hinweist, dass zu Zeiten Karls des Fünften Spanien und Österreich einen gemeinsamen Herrscher hatten.

Alle waren nett zu uns und wir zu ihnen, Carsten und Rafał aßen ihre Teller leer, Silke und ich unsere nicht, dann tranken wir aus und liefen über den stillen Platz ins Hotel zurück. Silke und ich, wir gingen wie gewohnt auf unsere Zimmer; Carsten und Rafał gingen noch vor die Tür, aber mehr als Bäume für Sally hatte ‚Kössen bei Nacht‘ nicht zu bieten, soweit ich weiß.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das Wetter war in Ordnung, und der Pferdeschlitten stand pünktlich um elf vor der Tür. Zwei Stunden Kutschfahrt am Hang und am Fluss entlang und einen zünftigen Jagatee (für Rafał und mich) bei der vom Einheimischen zielsicher angesteuerten Wirtin. Wo einem so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, da vermisst man doch keine Warteschlangen am Skilift. Auch meine geschätzten Leser sollen es schön haben: Damit ihnen von den vielen Wortkaskaden nicht das Hören und Sehen vergeht, habe ich mir erlaubt, einen Clip auf die ‚Petersburger Schlittenfahrt‘ zu schneiden, in der Hoffnung, dass der mehr sagt als viele Worte und dass er Augen und Ohren eine willkommene Abwechslung bietet.

Fotos (9): Privatarchiv H. R.

Wenn man nichts zu sagen hat, schließt man den Mund, wenn man klug ist. Wenn es nichts zu sehen gibt, schließe ich die Augen; zum Beispiel, wenn ich massiert oder rasiert werde. Die Ohren kann man nicht verschließen, leider. Die Nase auch nicht. Zur Nacht behelfe ich mir notdürftig mit ‚Ohropax‘, gegen Gestank ist man ziemlich machtlos. Aber im ‚Hotel Gasthof Post‘ ist es ruhig und riecht allenfalls nach Lavendel. Da kann man den Nachmittag angeregt allein auf seinem ‚Romantik‘-Zimmer verträumen. Ich lebe nicht in der Vergangenheit, aber aus der Vergangenheit, in der ich gelernt habe zu leben, damals. Kitzbühel. Da gibt es viel zu erzählen, von früher. Denn was bietet schon die Gegenwart, draußen, jenseits von Kössen? Wer möchte Merkel, Macron oder Messi sein? Bejubelt und beschimpft. Unablässig im Einsatz.

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Die Abgeschiedenheit, in der ich stattdessen lebe, hat etwas Behagliches, das mir ein wenig unheimlich vorkommt: der heimelige Vorläufer des Todes? Als ich mir noch eines Lebens nach dem Tod sicher war, konnte ich mich ungezwungener bewegen, allerdings auch bedrohter von Strafe. Atheisten ‚wissen‘: Alles muss jetzt passieren oder es passiert gar nicht. Das ist eine Bürde. Wer nur daran denkt, nichts zu versäumen, lebt nicht, wer nie daran denkt, auch nicht. Für Ungläubige ist Totsein wie Narkose. Dass man aus dieser Narkose nicht wieder aufwacht, ist gewöhnungsunmöglich, aber wer sich nicht von Illusionen über ein ewiges Leben hat betäuben lassen, der muss das aushalten. Alles ist da, nicht alles ist greifbar. Da greift mancher zum Rosenkranz oder zum Heroin.

Das Leben, es findet ja noch statt. Überwiegend ohne mich, was ich ihm etwas übelnehme, aber ‚Informationen‘ gibt es wie Sperma im Puff. Man entgeht ihnen nur mit Mühe. Ich will ja auch ‚wissen‘ und sage mir altklug: Leben heißt lernen. Wer nicht lernt, lebt nicht. Doch was heißt das? Medien, Menschen, Mutmaßungen – nichts glauben, alles denken? Besser: Nicht glauben, sondern denken. Zu vielem habe ich keine Meinung, weil es mich nichts angeht. Zu manchem habe ich eine Meinung, die aber niemanden etwas angeht. Und zu manchem habe ich einfach keine Lust mehr. Dieses ständige Nachtreten auf Trump. Ja, er ist der schlimmste amerikanische Präsident der Geschichte, und Angela Merkel hätte in ihrer Rede über die Zuverlässigkeit von Partnern ruhig noch deutlicher werden können, aber ‚nu’ is’ auch ma’ gut!‘ Gilt das für #metoo genauso? Ich selbst sage dazu gar nichts.

Foto links: sakkmesterke/Shutterstok | Foto rechts: Fure/Shutterstock

Ein skeptischer Mann könnte die Frauen in vier Kategorien einteilen:

1. Frauen, die sich so aufmachen und in solchen Klamotten rumlaufen, dass Schwule fragen: ‚Was soll das?‘, und Heteros sagen: ‚Die Schlampe will’s wissen.‘

2. Frauen, die froh sein müssen, dass sie überhaupt Beachtung finden, und die sich nicht noch damit wichtig machen sollten, dass man ihnen angeblich nachstellt.

3. Frauen, die sich so verhalten, dass ihnen nichts passiert, die aber ihren minderbemittelten Geschlechtsgenossinnen in feministischer Loyalität beispringen.

4. Frauen, denen schweres Unrecht zugefügt wurde, die aber jetzt erst, von der Welle der Empörung getragen, den Mut oder das Sendungsbewusstsein aufbringen, die Öffentlichkeit über ihr Schicksal zu unterrichten.

Ein optimistischer Mann wird dagegen sagen:

Diese Debatte ist gut. Endlich kommt ans Licht, wie skrupellos viele Entscheidungsträger mit ihrer Macht umgehen. Die Emanzipation der Frau hat durch diese Veröffentlichungen und deren Konsequenzen einen deutlichen Fortschritt erzielt, zumindest im Westen. Ach, wenn doch diese frohe Kunde demnächst auch bis Afghanistan durchdringen möge, damit die Selbstmordattentäterinnen bloß ja nicht noch begrapscht werden, bevor sie sich in die Luft sprengen!

Ich habe mich immer gefreut, wenn ich merkte, dass jemand mich will. Selbst wenn ich ihn unausstehlich fand, konnte ich es doch als ein Plus verbuchen. Mann kann die Komplimente feiern, wie sie fallen. Entmann-zipierte Frau muss erst noch zu sich selber finden und findet dabei erfindungsreiche Helfer. Wem geht es dabei um die Sache und wem um die Selbstdarstellung, und kann sie/er das eigentlich selbst noch unterscheiden? In der Politik und in den ‚sozialen‘ Medien regiert das hochgepushte Mittelmaß. War das schon immer so? Vielleicht.

Ich gehöre eben einer anderen Generation an: Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg alle vergewaltigten Frauen wahnsinnig geworden wären, alle Hungernden auf die Reinerhaltung der Lebensmittel geachtet hätten und die Sieger und Besiegten bei erhöhter Schadstoffbelastung ihrer Luft aufgehört hätten, sie einzuatmen, dann wäre Europa jetzt wieder flächendeckend von Wölfen und Füchsen besiedelt, womit auch deren derzeitiges Problem gelöst wäre.

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Gut, dass wir stattdessen solche Zeiten überwunden haben und uns Verfassung und EU-Regeln immer bessere Voraussetzungen schaffen, um ein Leben in Würde und Wohlstand zu führen. Warum liest sich dieser Satz so ironisch? Ich meine es doch ernst! Na ja, wir wissen wohl, dass das Aussitzen selbst bester Voraussetzungen Gesäßmuskelkater verursachen kann.

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13 Kommentare zu “#2.7 Glauben, denken, wissen

  1. Völlig Ihrer Meinung. Die Vorraussetzungen für ein anständiges, würdevolles Miteinander werden tatsächlich stetig besser.
    P.S. Pelz steht Ihnen überaus gut Herr Rinke 😉 Und auch das soll nicht ironische gemeint sein.

  2. Nachtreten ist unsympathisch. Aber im Falle von Donald Trump sollte man schon im Auge behalten, dass dieser man sehr gefährlich werden kann. Ein Atomkrieg mit Nordkorea oder dem Iran nach Bruch des Abkommens ist immer noch möglich.

    1. Sehe ich genauso. Bevor der Mann die ganze Welt um 70 Jahre zurückwirft bzw. den nächsten Weltkrieg anzettelt, kann man ruhig ein paar mal zuviel Kritik üben.

  3. #MeToo ist eine schwierige Debatte. Wenn man vor lauter Hysterie jeden blöden Spruch in die selbe Kiste wie sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung wirft, untergräbt man die eigentlich sehr wichtige Auseinandersetzung.

    1. „Die Wurzel des Problems mit dieser Medien-Dynamik ist, wie brutal präsent das Opfer in der Erzählung sein muss, während der Täter passiv und vage im Hintergrund schwebt. Das Problem ist nicht, dass Frauen ein Problem damit haben, sich selbst als Opfer sexueller Gewalt zu sehen, sondern dass Männer ein Problem damit haben, sich als Täter zu begreifen. Es dürfte uns allen schwerfallen, ehrlich darüber nachzudenken, wie viele der Männer aus unserem Bekanntenkreis wohl schon einmal sexuelle Gewalt ausgeübt haben. Deswegen werfen Menschen in Situationen wie dieser auch so gern mit Wörtern wie „Hysterie“, „Hetzkampagne“ oder „Männerhass“ um sich – weil es wirklich verrückt wirkt, wenn man erst einmal anfängt, sich die Zahl der Täter zu vergegenwärtigen. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, wie viele Männer mitschuldig sind.

      Weil die Menschen sexuelle Gewalt dem „Bösen“ zuschreiben, erkennen sie sie nicht bei sich selbst oder ihren Freunden. Und auch, weil diese Taten spezifisch und kontextabhängig sind – es läuft eben nicht immer plakativ und filmreif ab. Und immer gibt es „Gründe“ dafür, kleine Rechtfertigungen und Ausreden, die wir uns erzählen können, die Opfer wie die Täter.“ (Vice Magazine)

    2. Alles was dieses uralte System und die Stellung des heterosexuellen, weissen Mannes als das Nonplusultra zur Diskussion stellt ist mir recht. Gleiche Rechte für alle Menschen kann doch nicht wirklich länger eine Utopie bleiben!

  4. Wenn dann mal nicht wieder nach Zeiten der friedfertig sachliches Regentinnen ein carismatischer Amazonerich auftaucht, den, wie in Chila und Russland, begeisterte Wahlermächtigte auf Lebenszeit ins Amt zu hieven …

    1. Ich frage mich mittlerweile auch, ob man so etwas wie „diese zeit ist vorbei“ überhaupt noch sagen kann. Den Brexit hat kaum jemand vorhergesehen. Trumps Wahlsieg auch nicht. Man sollte das Beste versuchen, aber auch auf’s Ärgste gefasst sein.

  5. Kategorien sind bei Frauen natürlich genauso unnötig wie in der Genderdebatte. Aufmerksamkeit für Vielfalt ist wichtig. Die zugehörigen Schubladen weniger.

    1. Vor allem schafft die (durchaus nötige) Diskussion Aufmerksamkeit für ein Thema, dass bisher niemanden so recht interessiert hat.

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