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1964 war das ganz anders. Am 1. Juni traf ich ein, dieses Mal ganz allein, aber zu meiner vollständigen Klasse, die letzte Gruppenreise vor dem Abitur. Obwohl es mein Vater gewesen war, auf dessen Initiative am Elternabend hin Franken von uns bereist wurde – weil er wusste, dass ich die Nordsee und unser Schullandheim auf Föhr verabscheute –, war ich doch erst zur zweiten Woche der Fahrt meiner Klasse hinterhergereist, als tapferer Rekonvaleszent im Trans Europa Express, erster Klasse. Wer wissen will, warum das so war, braucht sich bloß das Kapitel #98 – ‚Die schlimme Inge‘ in ‚Fast am Ziel‘ durchzulesen.

Dieses Mal wurde aber richtig gebambergt: Die Altstadt ist der größte unversehrt erhaltene historische Stadtkern in Deutschland, wofür man sich damals als Abiturient zu interessieren hatte; dass diese Altstadt 29 Jahre später Weltkulturerbe der UNESCO werden würde, brauchte man nicht zu wissen. Der romanische Dom St. Peter und St. Georg (hätte ein Heiliger nicht gereicht?) musste ehrfürchtig begangen werden. Betreten war auch unser Klassenlehrer, Herr van der Walde, weil wir die von ihm eingeteilten ‚Essenkolonnen‘ nicht ausnutzen mochten. Besonders Heinrich von Rantzau und ich aßen lieber Kalbsschlägel im großbürgerlichen Lokal, was für den überzeugten Kommunisten van der Walde einen gesellschaftlichen Rückfall in feudalistische Zeiten darstellte. So murrte er, dass – er wolle keine Namen nennen – seit jemand dazugekommen sei, sich ‚ein überspitzter Individualismus‘ breitgemacht habe. Harald und ich lachten darüber noch Mitte der Siebzigerjahre, als die Studenten längst wie ‚Waldi‘ dachten, als RAF sogar handelten, aber nicht durchgehend auch dementsprechend lebten. Andreas Baader liebte schnelle Autos genauso sehr wie die Revolution, da war Heinrichs und mein Ausbruch in die Welt der Speisekarten weniger ausufernd gewesen. Sicher waren wir einer der letzten Jahrgänge von Othmarscher Gymnasiasten, die der vorigen Generation einen Respekt entgegenbrachten, der zwar nicht ungebrochen war, aber doch gutwillig.

Das Grab des einzigen heiliggesprochenen Kaiserpaars des Heiligen Römischen Reichs und das einzige Papstgrab nördlich der Alpen gingen mich als einzigen Katholiken in meiner Klasse besonders viel an. Eigentlich. Aber ich befand mich schon knapp im Umbruch mit Gott und war wesentlich begeisterter davon, dass auch die Klasse von Karin Schnelle zur selben Zeit wie wir in der Jugendherberge übernachtete. Mit ihrer Mädchenschule hatten wir mal eines der vom Lehrkörper organisierten Feste absolviert, und ich war der Meinung, mich dabei in Karin Schnelle verliebt zu haben, wie zwei Jahre zuvor in Aimee und noch zwei Jahre früher in Renate Schubert. Diesen Zweijahresrhythmus behielt ich aber genauso wenig bei wie das Geschlecht meines Interesses. Doch in Bamberg war ich ‚von ihrem Gruß beglückt‘, zumal ich Schillers ‚Glocke‘ auswendig aufsagen konnte: alle vierfüßigen Trochäen aller zehn Strophen.

Karin Schnelle war nicht nur weit weniger an mir interessiert als ich an ihr, sondern lebt heute noch im selben Haus wie damals, so dass ich immer mal wieder aus dem Autofenster verfolgen konnte, dass sie einen langweiligen Mann (aus der Klasse über mir) heiratete, mehrfach Kinderwagen schob und alt und stämmig wurde. – Hatte ich ein Glück!

Neben dem Frühstück in Mädchenbegleitung und der Geschichte der Babenberger war sogar ein Besuch des Freibades in den Tagesverlauf eingeplant. Diesem Besuch verdanke ich eigentlich sogar das wichtigste fränkische Erlebnis, aber – wer bin ich schon? – vorher muss es natürlich um die Babenberger gehen: Sie verloren das Lehen 903 an die Konradiner, wobei drei babenbergische Brüder aufgespießt wurden. Tut bestimmt weh. Die Besitzung machte aber niemandem recht Freude, und Kaiser Otto II. schenkte das Castrum seinem Vetter, dem offenbar etwas streitlustigen Herzog von Bayern, Heinrich dem Zänker. Dessen Sohn ließ 1007 den ersten Dom errichten, der brannte aber zweimal ab; der Dom aus dem 13. Jahrhundert hielt länger und steht bis heute. Dann wurde es noch turbulenter. Im Januar 1430 rückten die Hussiten auf Bamberg vor. Das Domkapitel floh mit dem Domschatz, der Bischof selbst nach Kärnten. Die wohlhabenden Bürger flüchteten nach Nürnberg. Aber: Die Hussiten kamen gar nicht; doch weil die Obrigkeit ja nun mal weg war, plünderten die in Bamberg verbliebenen Handwerker, Tagelöhner und Bauern erst die Weinkeller und dann die Bürgerhäuser und Klöster. Das kommt davon, wenn man Besitz hat – oder keinen. Der Bauernkrieg 1524/1525 aus eben diesem Anlass „hinterließ in der Stadt seine Spuren“, wie Wikipedia es so ausdrückt, dass jeder in seiner Fantasie selbst auf Spurensuche gehen kann, und da kann er auch bleiben: „Im Dreißigjährigen Krieg litt die Stadt sehr unter den schwedischen Truppen, im Siebenjährigen Krieg durch preußische und zu Zeiten Napoleons durch französische Truppen.“ So geht es weiter.

Aber wir lassen jetzt zunächst mal alles bis 1933 aus und kommen gleich auf die Schande, die Björn Höcke nebenan in Thüringen gern unerwähnt ließe: Bamberger Bürger beteiligten sich rege an der Verfolgung jüdischer Mitbürger. Am 1. Juli 1933 wurden auf der Hauptkampfbahn des Volksparks unliebsame Bücher verbrannt. Der Unternehmer der ‚Hofbräu Bamberg‘, Willy Lessing, wurde 1936 enteignet und bei den Novemberpogromen 1938 so schwer misshandelt, dass er kurze Zeit später starb. Das war aber noch vergleichsweise freundlich gegenüber dem, was ab dem 16. Jahrhundert geschah: Das ehemalige Hochstift Bamberg war eines der Hauptzentren der Hexenverfolgung in Deutschland.

Die ‚Constitutio Criminalis Bambergensis‘ von 1507 bestimmt: „die straff der zauberey – Item so jemandt den leuten durch zauberey schaden oder nachtheyl zufuegt, soll man straffen vom leben zum todt, vnnd man soll solch straff mit dem fewer thun.“ Georg II. Fuchs von Dornheim errichtete für die der Hexerei Beschuldigten im Jahr 1627 das Malefizhaus ein, in dem gefoltert wurde, dass die Schwarte krachte. „Erst der Einmarsch schwedischer Truppen im Februar 1632 setzte dem Treiben des Bischofs ein Ende“, empört sich auch Wikipedia und informiert weiter, dass es bei den Bamberger Hexenprozessen in erster Linie um machtpolitische Auseinandersetzungen ging. Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim nutzte den Vorwand der Hexerei gezielt zur Ausschaltung machtpolitischer Gegner im Domkapitel und im städtischen Bürgertum Bambergs. Ärgerlicherweise hob Gott sich – wie so oft – die Bestrafung fürs nächste Leben auf, denn Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim floh mit Teilen des Domschatzes nach Oberösterreich und starb dort bald, aber unbehelligt an einem Schlaganfall. Wer Großartigeres über Bamberg erfahren will, sollte zum Polyglott-Reiseführer ‚Bamberg, Bayreuth, Oberfranken‘ greifen, bei Amazon ab 2,29 EUR zu haben (Stand: 04.01.2018), wer Unwichtiges lieber hat, liest einfach weiter.

17 Kommentare zu “#1.3 Großbürgerlich

  1. Das sogenannte Unwichtige ist natürlich viel interessanter. Das war bei Klassenfahrten schon so und es ist es auch heute noch. Über Bambergs Hexenhysterie muss ich mal mehr lesen…

  2. Ach ja, die gute alte Zeit der Klassenfahrten. Das war immer irgendwie komisch. Gezwungene Bildung und gezwungener Spaß. Immerhin hat es mich neugierig auf weitere Reisen gemacht.

    1. Schule ist natürlich immer irgendwie gezwungen. Klassenfahrten eingeschlossen. Ich möchte die Erlebnisse trotzdem nicht missen. Zum ersten Mal ohne Eltern unterwegs und dann noch im Ausland. Das macht doch etwas mit einem.

    2. Der erste Sex ist ein einschneidendes Erlebnis. Das muss man schon sagen dürfen. Aus meiner Erinnerung war dieser Teil der Klassenfahrten wirklich der interessantere. Von den aufgezwungenen Wanderungen und Führungen ist nicht wirklich viel hängen geblieben. Zwang ist halt immer unergiebig. Auch wenn man in noch so hübsche Ortschaften gebracht wird.

  3. Sie machen einem Bamberg nicht unbedingt schmackhaft. Der historische Stadtkern klingt aber trotzdem interessant. Ich war in der Ecke ebenfalls auf Klassenfahrt, allerdings in Rothenburg ob der Tauber. Das hat in meiner Jugend allerdings eine so untergeordnete Rolle gespielt, dass ich mich kaum erinnere.

    1. Wir sind ja noch ganz am Anfang von Bamberg. Es wird schon noch freundlicher. Und lebendiger als Rothenburg o.d.T. ist es allemal, wenn man unter Lebendigkeit Einheimische versteht. (Ohne natürlich selfie-vernarrte chinesische Touristen zu diskreminieren.)

  4. Was Klassenfahrten und Schule im allgemeinen angeht, hab ich’s immer mit Mark Twain genommen: Ich habe nie meine Erziehung durch Schulbildung beeinträchtigen lassen. 😉

    1. Völlig richtig. Falls die neue Regierung jemals zustande kommt, wäre eine Überarbeitung unseres Schulsystems vielleicht mal interessant.

    1. Naja, für die 128 000 Euro, die das die Stadt gekostet hätte, müssen die Touristen im Schlenkerla schon ziemlich viel Rauchbier trinken. Für so viel Geld bekommt der FC Bamberg 1901 doch bestimmt einen repräsentativen Drittligisten als Verteidiger.

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