Hanno Rinke

Blog

#2.4 Frieden und Krieg

2. TEIL – LANGLÄUFE, ANSTRENGEND
#4 Frieden und Krieg

Als Silke und ich gegen drei zueinanderfanden, ließ sich immerhin über WhatsApp ermitteln, dass Rafał und der inzwischen ebenfalls eingetroffene Carsten in einem Café ‚gleich um die Ecke‘ saßen. Nachmittag im Café. Grauenhaft. Ich zwängte mich ins ‚Sabinchen‘ und lief mit Silke, im Nerz, über vereiste Straßen zu den Konditorwaren. Drinnen war es voller als erwartet. Menschen bei Kaffee und Kuchen zu beobachten, ist fast noch schlimmer, als ihnen beim Frühstücken zuzusehen. Natürlich kann ich mich damit brüsten, viele Stunden wochenlang im ‚Café de Flore‘ in Paris verbracht zu haben und immer wieder in Wien bei ‚Demel‘ gewesen zu sein, aber wenn ich das tue, ist das literarisch; wenn andere das machen, ist das ein schlagobersverbrämtes Zeittotschlagen.

Wie zu erwarten aßen Rafał und Carsten Torten, und wie zu erwarten begnügte Silke sich mit einem Cappuccino. Ich trank einen ‚Jagatee‘. Das musste Silke aushalten. Laut EU-Verordnung darf sich ausschließlich das österreichische Gebräu so nennen, deutschen ‚Jägertee‘ gibt es nicht, auch nicht, wenn genau dasselbe drin ist, da herrscht Ordnung in Europa. Überhaupt war alles in Ordnung. Die Landschaft war verschneit, der Schlitten war bestellt und die Zimmer waren hübsch. So konnten Carsten und Rafał mit Sally durchs Dorf gehen, Silke auf ihr Zimmer und ich in meine Welt. Das gibt mir genügend Zeit zu erklären, warum wir hier waren. Dazu bitte ich alle, die sich mir anschließen wollen, zurück in den Februar 1965.

Ich hatte mein Abiturzeugnis erhalten und mich an der – wo sonst – Hamburger Universität für Jura immatrikuliert. Mit meiner Schwatzhaftigkeit wäre ich gern Strafverteidiger gewesen. Ich höre den Richter direkt sagen: „Ja ja, Freispruch, nur seien Sie endlich still!“ Aber die Musik stellte höhere Ansprüche an mich als der Rechtsstaat. Doch davon ahnte ich noch nichts. Erst mal musste ich meinen Eltern hinterher, wie immer. Am 13. Februar holten mich Gerda Becker und meine Mutter in Rosenheim vom Zug ab und fuhren mit mir nach Reit im Winkl, wo Kurt Becker ein Haus hatte. Wer nun hofft, er könne über Beckers in ‚Fast am Ziel‘ genauso viel erfahren wie über Werner und Erika Russ, den muss ich enttäuschen. Ich erzähle hier ganz frisch von der Leber weg.

Kurt Becker war ein Geschäftsfreund meines Vaters, es gibt schon Fotos aus den späten Dreißigerjahren, auf denen sie zusammen beim Wintersport zu sehen sind, gemeinsam mit meines Vaters Brüdern Achim und Arwed, die während des nächsten Krieges auf so unterschiedliche Art ums Leben kommen sollten.

Als die Rinke-Brüder mit Kurt Becker von einem Wintersport zurückkamen, wurden ihnen die Skier abgenommen: für die Soldaten. Vermutlich sind Skier weder kriegswichtig noch kriegsentscheidend, aber es ging schon langsam auf das zu, was Guntram von sich selber sagte, als im Herbst ’44 auch er eingezogen wurde: die letzte Goebbels-Spende.

Im Frühjahr zuvor hatte Kurt Becker bei Guntram in dessen Grunewald-Villa angerufen und gesagt: „Ich bin heute Nacht ausgebombt. Kann ich mit meinen Sachen zu dir kommen?“ – „Gern“, antwortete Guntram, „du musst dich allerdings ein bisschen beeilen, mein Haus steht schätzungsweise noch eine Stunde, das Obergeschoss ist schon ausgebrannt.“

Guntram zog zu einem seiner Geschäftspartner nach Frohnau, und dort erlebte später bombenlos Irena das Ende des Krieges, während Guntram ein kurzes Gastspiel als Gefangener der Roten Armee gab.

Den armen Kurt Becker hatte die Wehrmacht schon etwas eher erwischt, und er deckte Guntram, der sich als Sohn eines Offiziers die Waffengattung hatte aussuchen dürfen, erst mal mit zwei Garnituren ein, so dass immer eine tadellos gefaltete im Spind lag, um den Ordnungssinn des gern mal zum Überraschungsangriff in der Stube aufkreuzenden Feldwebels zu befriedigen. Kurt saß in der Schreibstube und hatte es gut. Guntram hatte es weniger gut. Er war Funker, und als er eines Abends als Vorgeschobener Beobachter an die vorderste Front musste, sagte der Kamerad, den er ablöste: „Das tut mir aber leid, dass es gerade dich erwischt. Sieh mal durchs Zielfernrohr! Die Russen rüsten zum Angriff.“

Entweder es waren seine eigentlich nicht besonders guten Nerven oder es war die totale Erschöpfung: Als Guntram am nächsten Morgen im Schützengraben aufwachte, war der Sturm der Russen schon über ihn hinweggebraust. Er befand sich hinter den sowjetischen Linien. Nun könnte ich stundenlang weitererzählen, wie Guntram von einem russischen General mit einem Schreiben der Roten Armee nach Berlin entlassen wurde, aber es geht hier ja überwiegend um Kurt Becker.

Guntram kam Ende Mai bei Irena in Frohnau an. Zunächst musste seine Uniform verbrannt werden, dann ging er zu seinem Nachbarn. Der arbeitete wieder auf dem Einwohnermeldeamt und bestätigte mit Stempel, dass Guntram nie Soldat gewesen war. Das beendete Guntrams Kriegsgefangenschaft endgültig. Dann kam das Haus dran: Da mussten Exkremente aus Einmachgläsern im Keller entfernt werden und Filzläuse aus den Polstermöbeln.

Als alles wieder so richtig propper und wohnlich war, rückten die drei Westmächte ins bis dahin sowjetisch besetzte Berlin nach. Frohnau ging an die Franzosen, die ja immer schon Sinn für Wohnkultur hatten und das Haus beschlagnahmten. Irena feilschte erbittert mit einer französischen Uniformierten um die Gegenstände und Teppiche, die sie auf den von Guntram organisierten Kohlenwagen packen durfte, dann fuhr sie mit dem Rest ihrer Habe zu Kurt und Carola Becker, die mit ihrer Tochter Ursel in einer großen Wohnung in der Reichsstraße, nahe dem westlichen Zentrum, wohnten.

Irena und Carola freundeten sich erst allmählich an, erstaunlich, dass sie es überhaupt taten, unterschiedlich, wie sie waren, aber der Hang zum Damenhaften verband sie wohl. Damals entstand als Vorbote von Luxus eine Zeitschrift, die dann, als der Luxus endlich perfekt war, wieder einging: ‚Film und Frau‘. Irena war vermutlich mehr Film, Carola mehr Frau. Nach Irenas Ansicht war Carola eine ‚waschechte  Berlinerin‘, worunter meine Mutter eine Frau verstand, die sehr schnell spricht und ziemlich wenig sagt. Carola war älter als Kurt, vier Jahre. Sie glich den Unterschied mit Schick aus: rote Lippen, rote Nägel, beiger Teint. Die erste Schönheitsoperation nach der Währungsreform. Das Ergebnis überzeugte Irena so gründlich, dass sie sich vom selben Arzt die Nase eindeutschen und dadurch – wie er versprach – verjüngen ließ. Ab dann hieß sie ‚Irene‘.

Zu viert spielten die beiden Ehepaare ‚Doppelkopf‘, und dieses Kartenspiel verlor nie seine Bedeutung in unserer Geschichte. Man verlor nie allein, wenn man es spielte, sondern immer zu zweit, mit seinem – zugegebenermaßen durch den Zufall des Mischens bedingten – Partner. Darum bin ich beim Doppelkopf auch niemals so wütend geworden wie beim Skat, wenn ich verloren hatte: Ich hatte ja einen Schicksalsgenossen, das machte alles anders. Weil wir das Spiel Kurt verdankten, erwähnten wir ihn immer kurz, wenn später meine Eltern, Roland und ich in Hamburg und in Meran Doppelkopf-Abende veranstalteten. Das war ja eigentlich erfreulich für ihn, aber in Irenas – dann schon Irenes – Bezeichnung ‚Kurtchen‘ Becker schwang doch immer auch eine Prise Herablassung.

Datum:
11. März 2018
Kategorie:
Allgemein | Winterreisen (mit Sommern)

17 Gedanken zu „#2.4 Frieden und Krieg“

  1. „Wenn ich das tue, ist das literarisch; wenn andere das machen, ist das ein schlagobersverbrämtes Zeittotschlagen“ – Wahrer geht‘s nicht! Ist nicht alles im Leben eine Frage der Perspektive?!

    1. Dass Horst Seehofer der Preis ist, damit die AfD nicht noch stärker wird, hätte man sich vor der Wahl wohl nicht träumen lassen. Hoffentlich geht das irgendwie glimpflich aus.

  2. Einen Schicksalsgefährten, einen Leidensgenossen zu finden ist wohl nicht nur beim Doppelkopf, sondern auch im Leben die größe Aufgabe. Und im Erfolgsfall das größte Glück.

  3. Und wenn die Suche erfolgreich war, muss man es erkennen, festhalten und genießen, bevor es zu spät ist. Denn schon Schiller sagt in der „Glocke“ zwar umständlich, aber wahr: „Doch mit des Geschickes Mächtes / ist kein ew’ger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“ – Wohl denen, die sich ihres Glücks zuvor bewusst waren.

    1. Und wenn wir so einen Leidens- und Lebensgenossen aus welchen Gründen auch immer doch wieder verlieren, kann man es kaum schöner sagen, als Michael Stuhlbarg am Ende vom wunderbaren Call me by your name: „If there is pain, nurse it, and if there is a flame, don’t snuff it out, don’t be brutal with it. Withdrawal can be a terrible thing when it keeps us awake at night, and watching others forget us sooner than we’d want to be forgotten is no better. We rip out so much of ourselves to be cured of things faster than we should that we go bankrupt by the age of 30 and have less to offer each time we start with someone new. But to feel nothing so as not to feel anything—what a waste!“

    1. Ich glaub das kommt darauf an, wie wir mit dem Verlust umgehen. Ob wir es zulassen, dass sich unser Herz abnutzt, unsere Gefühle abstumpfen oder ob wir den Schmerz aushalten und uns einer zweiten Person wie beim ersten Mal öffnen können.

    1. Kann man zu so einem Thema denn überhaupt Ratschläge geben? Kann man jemandem vorschreiben, wie er mit Verlust umzugehen hat? Meiner Meinung nach etwas anmaßend.

    2. Es gibt Verluste, welche der Seele eine Erhabenheit mitteilen, bei der sie sich des Jammers enthält und sich wie unter hohen schwarzen Zypressen schweigend ergeht.

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