Hanno Rinke

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#3.3 Bildung gegen Missbildung

3. TEIL – ABFAHRTEN, STURZGEFÄHRDET
#3 Bildung gegen Missbildung

Dann kommt Rafał, und er hat in seinen drei Stunden Interessanteres erlebt, als ich mir in meinen dreien erdacht habe. Unser Mercedes steht gut im Parkhaus; zu Scheeles nehmen wir eine Taxe. Sie, Zülal, ist Türkin und findet alles schrecklich, was sich jetzt in der Türkei abspielt. Als wir zusammen in Istanbul waren, war es ihr wichtig, dass ich keine ‚betuchten‘ Frauen filmte. „Das gibt ein falsches Bild“, sagte sie. Leider wird das Bild immer richtiger. Er, Eberhard, war mein Partner bei Leo Kirchs Klassik-Filmfirma ‚Unitel‘. Mit vielen Interpreten, die ich für Tonaufnahmen betreute, hat er Fernsehproduktionen festgelegt. Am wichtigsten war dabei Bernstein. Als ich in einer Mischung aus Übermut, Größenwahn und Resignation ‚Deutsche Grammophon‘ verließ, war er es, der mir zutraute, Regie zu führen. Die Filme, die wir zusammen produziert haben, waren auch wirklich so, dass man sich nicht für Musik interessieren musste, um sie unterhaltsam zu finden, sagte ich, und andere sagten das auch.

Eberhard hatte gekocht: sehr gutes Essen, angeregte Gespräche. Ich bin es gewohnt, Gäste zu haben; selbst Gast zu sein, ist für mich ein selteneres Erlebnis, außer im Lokal, aber am Ende ist auch da meist meine Kreditkarte gefragt. Es gab reichlich Stoff: Gespräche und Getränke. Ich trank wohl zu viel, wie so oft, und hatte dadurch wie immer keine Beschwerden. Mein Körper hat es aufgegeben zu rebellieren, aber Ärzte drohen, dass er nichts vergisst. Silke belehrte mich, ich hätte keine Entzüge gehabt, sondern Entgiftungen. Worauf noch verzichten und worauf noch bestehen, und was ist jeweils der Preis? Weinbergschnecken, Weiberschenkel, Wanderwege. Was man genießt, das ist in hohem Maße eine Geschmacksfrage. Was ist da Wille, was Veranlagung, was Erziehung? Schopenhauer hat schon geahnt: Man kann tun, was man will – aber nicht wollen, was man will. Also ich jedenfalls will immer Abstand schaffende Abstraktion und im selben Augenblick überwältigt abhimmeln. Faustisch, was? Verweile doch, du bist so schlimm. Ach du, Goethe …! Geh schlafen!

Was immer zwischendurch passiert sein mag, Rafał klopfte pünktlich an die Tür. Nachdem die Morgen-Verrichtungen erledigt waren, konnte ich mich noch zwei Stunden mit mir selbst befassen und Rafał sich mit der Stadt, Silke konnte beides miteinander verbinden. Ich hatte als eine Möglichkeit, den Vormittag zu gestalten, die Alte oder Neue Pinakothek ins Programm geschrieben. Ich selbst mochte mich dieser Erwanderung nicht aussetzen, Silke und Rafał sich und einander auch nicht. Statt auf Peter Paul Rubens trafen sie lieber auf Fernsehkoch Alfons Schuhbeck, bei dem sie ihren Cappuccino einnahmen.

In Gemäldegalerien ging ich früher dauernd, jetzt nie mehr. Mangel an Stehvermögen oder an Interesse? Eigentlich mag ich es, wenn Menschen gebildet sind. Nicht, weil Bildung ein so hohes Gut ist, sondern, weil man sich besser miteinander verständigen kann, wenn man aus dem gleichen Katalog schöpft, selbst wenn man dabei zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommt. Obwohl – doch! Für mich war Bildung schon lange, schon in der Schule, ein ‚hohes Gut‘. Das unterschied mich. Sich in Kunst und Geschichte nicht auszukennen, stellte nach 1968 in bestimmten fortschrittlichen Kreisen, die das Spätbürgerliche bereits überwunden hatten, durchaus einen Wert an sich dar. „Was soll der Scheiß noch? Party oder Revolution machen, das ist wichtig!“ Heute braucht man sein Unwissen gar nicht politisch zu begründen. Scham ist aus der Mode. Kein Wissen, kein Gewissen, und auf der anderen Seite dann die ‚Political Correctness‘, die alles anstößig findet, was sich nicht wehrt. Da bin ich aus dem Schneider. Ich bin die personifizierte Korrektheit: Etwas jüdisch, ziemlich krüpplig und sehr schwul bin ich selber. Ich will keine Kinderpornos gucken, keinen Frauen an die Titten fassen, keine Neger beleidigen, keine Zigeuner rausschmeißen, keine AfD-Wähler an die Wand stellen, keine Skinheads krankenhausreif prügeln (na, das vielleicht doch …, kleine Schwäche). Ich will nicht ausgepeitscht werden; niemand braucht auf meinem Gesicht zu sitzen – und beides gönne ich denen, die das brauchen.

Wenn Wettbewerber ihre (un)ansehnlichen Schwänze in Talkshows genauso ungeniert zur Schau stellen dürften wie ihre mickrige Bildung, wäre das Fernsehprogramm noch näher am Verbraucher. Einerseits. Andererseits werden die Anforderungen immer höher. Hochgebildeter mit befristetem Arbeitsvertrag. Start-up-Unternehmer mit getuntem BMW. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander, klagen alle, aber woran das liegt, beurteilt jeder aus seiner Situation heraus, also anders. Die Welt sei so unübersichtlich geworden, klagen Demokraten und Börsianer. Aber wer will lieber der gottesfürchtige, vom Lehnsherren abhängige Landmann des dreizehnten Jahrhunderts oder der Mitläufer in der Übersichtlichkeit des italienischen Faschismus’ sein? Rhetorische Frage eines alten Mannes, den vieles nicht mehr betrifft und der deshalb sein Programm von Dichtung, Wahrheit und Lüge nach Herzenslust durchziehen kann. Ein paar Skrupel habe ich dabei aber wohl noch.

Im Alter ist Ehrlichkeit viel wichtiger als in der Jugend. Man hat manches gelernt, manches nicht. Man hat manche Standpunkte geändert, manche nicht, man! Ich habe das Problem kaum, und ich weiß immer noch nicht, ob es für oder gegen meine Dummheit spricht, dass ich mit zwanzig schon ziemlich dasselbe geahnt habe, was ich jetzt immer noch ahne. Man und ich sollten zumindest inzwischen gelernt haben, wann ‚Ehrlichkeit‘ als Waffe einsetzbar ist und wann sie sich gegen uns selbst richtet. Für die richtige Einschätzung der Lage ist es von Vorteil, wenn man den Selbstbetrug rechtzeitig aufgegeben hat, so lästig das auch für das Selbstwertgefühl gewesen sein mag, denn dumm zu sterben ist bisweilen erfreulicher als klug zu leben. Bloß, man kann es sich nicht aussuchen. Die Gabe, nichts dazuzulernen, ist nicht jedem gegeben; deshalb sollte jeder, der diese Gabe nicht hat, vermeiden, ausgeleierte Denkmuster mit sich rumzuschleppen. Die Vorwürfe, die man sich macht, wenn man diese Fehlinterpretationen endlich abgeschüttelt hat, gestalten die Nächte nicht lustiger, sagen mir Betroffene. Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist trotz ärgerlicher Einsichten durchaus hilfreich für die Aussichten. Ohne diesen Kompass im Inneren weiß man überhaupt nicht, wann man an der Oberfläche lügen muss.

Damit ich nicht weiter rumdenken muss, klopft Rafał an meine Tür, was es mir erlaubt, wieder in die Vergangenheit zurückzudriften. Ich nahm meinen Stock und so wenig wie möglich mit. Eigentum bindet, bewegliches Eigentum besonders, vor allem unterwegs. Was man nicht hat, kann man nicht verlieren: Kreditkarte, Intelligenz, große Liebe. Was man mitschleppt, will man im Allgemeinen behalten. Bei mir sollen das möglichst bloß Erinnerungen sein.

Wir gingen zu dritt meine Lieblingsstrecke. Am Hofbräuhaus vorbei (Rafał und ich kurz ins brodelnde Innere, Silke damenhaft vor der Tür) zum Marienplatz und von da zum Viktualienmarkt, den Rafał noch nicht kannte. Jemandem etwas Neues zeigen zu können, macht mir immer großen Spaß, und nun kommt mir gleich all das in den Sinn, aus dem ich eine Auswahl treffen muss, um meine Blog-Betrachter(innen) nicht zu überfordern. Abschreckend viel wird es trotzdem, aber jeder kann ja aufhören, wo es ihm passt. Das ärgert mich zwar, doch es erleichtert mein Gewissen.

Ich habe drei Filmbeiträge und drei Wortbeiträge rausgesucht. Es liegt mir daran, nicht nur München zu porträtieren, sondern auch den Wandel, meinen Wandel, und den der Zeit. Hier die Film-Clips: Marienplatz, Viktualienmarkt, München und ich. 1981, 1983, 1988. Neuer Kommentar überflüssig.

Datum:
9. April 2018
Kategorie:
Allgemein

13 Gedanken zu „#3.3 Bildung gegen Missbildung“

  1. Die Welt ist unübersichtlich geworden. Aber wer will schon zurück? Also ernsthaft zurück, ich meine nicht das dumme Gelaber der AfD… Es gibt viele neue Probleme, aber die wiegen den Fortschritt nicht auf.

  2. Ist Bildung nicht wirklich ALLES wenn es um Gespräche geht?! Ich weiss oft gar nicht worüber ich reden soll wenn keine gemeinsame Basis da ist… Klingt vielleicht überheblich, aber es stimmt.

    1. Mich interessiert in Gesprächen meist mein Gegenüber. Da findet sich immer ein interessanter Ansatzpunkt.

    2. … wenn der, die, das Gegenüber bereit ist, Nähe zuzulassen und den Tonfall versteht! Sonst ist ein ähnlicher Bildungsgrad ganz hilfreich, falls man nicht bloß über das Wetter oder den Brotaufstrich reden will.

    3. Richtig, wenn mein Gegenüber eine spannende Person ist, ergibt sich alles von alleine. Muss man sich aber durch einen Small Talk quälen bei dem man keinerlei Entgegenkommen hat, hilft zumindest ein wenig Bildung. Wenn man sich grundsätzlich schon nicht versteht, versteht man vielleicht zumindest worüber man gerade redet.

  3. Freunden „meine“ Stadt zeigen gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. „Meine“ Stadt kann dabei jede sein, die ich als mir bekannt betrachte. Dass ein Reiseerlebnis durch meine Erfahrungen gefärbt und geprägt wird, begnügt mich doch zu sehr.

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