Nach so viel Text werden der Betrachter und sein weiblicher Widerpart heilfroh sein, wieder mal ein Stück Film sehen zu dürfen, natürlich erst nach einer langen Einleitung. Immerhin lasse ich die Jahre 1971 bis 1973 weg und komme gleich auf Weihnachten 1974: Da bekam ich von meinen Eltern eine Super-8-Kamera, und es war noch nicht gleich klar, was sie auslösen würde, in mir und überhaupt. Wir verbrachten die Festtage bei Doktor Rumpoldt und Dora. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich zwar – wie immer – mit meinen Eltern zusammen war, aber in der Fremde, wie die Heilige Familie. Silvester aßen wir in der ‚Tenne‘, danach verließ ich wie von ungefähr meine Eltern auf dem Rückweg und watete durch tiefen Schnee bergaufwärts. Gegen Mitternacht erreichte ich eine Lichtung. Unten sah ich den Ort, unter und über mir das Feuerwerk, und ich dachte: In diesem Jahr muss sich mein Leben ändern. Tat es auch. Kaum war ich zurück in Hamburg, da bekam ich einen neuen Job angeboten – und griff zu. Im Herbst lernte ich Roland kennen – und griff auch zu. Vom nächsten Jahr an lebten wir zusammen.

Fotos: Privatarchiv H. R.

Der und die Interessierte können nun Ausschnitte aus meinem allerersten Film sehen. Danach geht es weiter; für Desinteressierte sogar gleich.

Fürs erste Mal gar nicht so schlecht, fanden meine Eltern und ich. Von Anfang an nutzte ich eine große Leinwand für die Präsentation, und von Anfang an legte ich großen Wert nicht nur auf ordentliche Motive, Fotos, Dokus, sondern auch auf zwei Tonspuren – für Sprache und für Musik (eigene, klassische, Pop) – und vor allem auf den Schnitt mit meiner kleinen Guillotine. Mühsam damals. Aber die Mühe hat das Publikum nicht zu scheren. Bloß das Ergebnis zählt. So ging es Jahr für Jahr. Mit Kitzbühel, mit meinen Filmen, mit meinen Texten. Zur Veranschaulichung füge ich hier den mittleren Teil eines Briefes an Pali von 1981 ein.

Dann also zur – ja, es ist wohl eine sehr individuelle – Kur. Kitzbühel tief verschneit. Nacht am Bahnhof. Eine Taxe, die einzige. Um halb elf bekam ich noch ein Wurstbrot, dann wünschten mir der Doktor Rumpoldt und seine Dora eine gute Nacht. In der Praxis siezen sie sich immer, bei Tisch mich.

Wie es hier ist? Es schneit. Ununterbrochen. Es schneit morgens, wenn ich die Rollos rauflasse, und abends, wenn ich wieder dichtmache. Während ich, bis zum Schienbein einsackend, durch Landschaft wate, schneit es. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Alles ist dicht. So was von Schnee. Und so weiß! Darunter das blanke Eis. Also man fällt ja nur.

Gott, was hab ich mir schon wehgetan! Aber man ist ja gelenkig und robbt weiter. Außerdem falle ich vergleichsweise weich in ‚Natascha‘. Ein nützliches Kleidungsstück. Gehwege gibt es nicht. Fußgänger haben hier so viel Bewegungsfreiheit wie auf dem Überholstreifen der Autobahn. Man rechnet mit ihnen hier ebenso wenig wie mit Sporttauchern. Es ist fast wie in Beverly Hills. Aber nicht nur das. Die einzigen beiden Möglichkeiten, eine Strecke zurückzulegen, bestehen darin, sich auf Landstraßen mit dem Verkehrsaufkommen der Westtangente niedermähen zu lassen, was nicht weiter schlimm ist, weil einen die Auspuffgase der wegen der Witterungsverhältnisse nur im stinkenden ersten Gang fahrenden Lastwagen ohnehin betäubt haben – oder man stapft eine Skipiste entlang, auf der man einsackt, umgerast und anschließend verdroschen wird von sympathischen jungen Leuten in bunten Anzügen.

Im Ort selbst müsste eigentlich permanenter Smogalarm sein und auf den Hängen – na ja, das kann ich eben nicht beurteilen, weil man ja da nicht hinkommt zu Fuß. Meine Skier sind noch in Meran. Da liegen sie gut.

Hat man sich erst mal durchgekämpft nach außerhalb, ist alles natürlich sehr schön: holzgetäfelt, holzgescheuert, so richtig was für Dich, Pali. Die Bauersfrau grüßt freundlich, während ihr Hund einem die Hand zu zerfleischen trachtet. Den Spruch: ‚Hunde, die bellen, beißen nicht‘, hab ich hier glatt widerlegt bekommen. Aber – Gott sei Dank! – man ist ja dick vermummt. Wie sollte man die schneidende Kälte und den Schneesturm wohl sonst auch aushalten?

Mein eigenes Zutun: Ich mache vierzig Minuten brutalste Gymnastik, aber, um die Qual auszudehnen, verteilt auf vier mal zehn Minuten. Im Grunde genommen esse ich gar nicht oder jedenfalls nichts, was ich als Mahlzeit bezeichnen würde, sondern nur das, was mir Herr Doktor Rumpoldt empfohlen hat: biologisches, geschrotetes oder ungeschrotetes Brot (wer soll sich da auskennen?) und Hüttenkäse, eine fade Scheußlichkeit aus weißen Grieseln, wie der Schnee draußen. Meine Getränke: ‚Rüeblisaft‘ (Karotten) und ‚Randensaft‘ (Rote Beete). Ein halber Liter ‚saure Milch‘. So bekomme ich von Herrn Dr. Rumpoldt mein Fett weg. Irene hat er ja 1970 auch geheilt, tröste ich mich immer.

Morgens, mittags, nachmittags, abends und zur Nacht schlucke ich jeweils einen anderen Extrakt (10 Tropfen). Zum Mittagsschlaf und für nachts ein Zäpfchen ins Arschloch und einen Spritzer Spray in die Nase. Morgens und abends Injektionen in Venen und Gesäß. Immer so zwischen drei und fünf Stück. Zu Anfang auch mal sechs.

Als Ausgleich bade ich nicht mehr und unterlasse die Haarwäsche. So was dient ja doch nur dazu, Sexpartner anzulocken, und die gibt es hier nicht.

Ab Montag werde ich vielleicht wieder Fleisch essen, aber Alkohol bleibt streng verpönt. Es geht mir bei all dem körperlich erschreckend gut. Geistig?

Ich lese Fontane mit milder Begeisterung, Aktuelles auch und sitze an Skizzen. Ideen schneien auf mich ein wie Flocken, während meiner ausgedehnten Spaziergänge an zuvor erwähnter frischer Luft, aber auch beim Gurgeln mit ätzender Medizin (nach jeder Mahlzeit, falls man die zwei Scheiben Biobrot so nennen will).

Eben war ich nochmal draußen. Es ist sehr kalt geworden. Die Schritte knirschen, und der Mond malt Dämmerung an die Hänge. Überall sieht man Lichter: Gehöfte, Sterne und unten der Ort – still.

Weiße Nächte. Ich fühle, dass ich nicht schlafen kann. Ich habe zu viel geschlafen, die ganzen Tage. Meine Müdigkeit ist verbraucht.

Sehnsucht nach einem Gespräch – und einem Glas Wein oder Whisky.

Ich will mich so aufladen in diesen zwei Wochen wie ein Akku, damit ich das ganze Jahr über strahlen und verströmen kann. –

Pali, wenn ich nach Hause komme und Du findest nicht, ich sähe aus wie der uneheliche Sohn von James Dean und Montgomery Clift, bring ich einen von uns beiden um.

Tage später, im Krankenbett. Herr Doktor Rumpoldt war sehr zufrieden, weil meine fiebrige Unterleibserkrankung ihm zu erkennen gab, dass seine Kur anschlug. Er vertritt da einen homöopathischen Standpunkt; ich glaube, Fachleute nennen es die ‚Erstverschlimmerung‘: Wenn man fast tot ist, sind die Aussichten geheilt zu werden, wesentlich gestiegen.

Meine Mutter war inzwischen auch eingetroffen. Als wir hier in Kitzbühel 1970 Guntrams 60sten Geburtstag zwei Wochen lang im komfortablen Hotel ‚Postkutsche‘ begangen hatten, konnte Irene partout nicht von einer Grippe genesen. Das Leben erschien ihr sinnlos. Der smarte Dr. Rumpoldt päppelte sie zunächst ambulant und dann stationär bei sich zu Hause wieder auf, während Guntram und ich längst wieder in Hamburg arbeiteten. Seither denkt Irene, Dr. Rumpoldt habe ihr das Leben gerettet, und Guntram denkt, er habe sie verführt.

Um noch eins draufzusetzen, gibt es jetzt auch den Filmausschnitt von diesem Aufenthalt.

9 Kommentare zu “#2.10 Kur mit Anschlag

  1. Prosa, Poesie, Theater, Musik, Film… wenn der ein oder andere nur halb so viel Talent und Interesse an der Kunst hätte wie Sie, wäre die Welt um einiges reicher. Danke.

    1. Obwohl ich in den obigen Beifall einstimme hatte Flaubert auch nicht ganz Unrecht: „Das Genie schenkt Gott, aber das Talent ist unsere Sache.“

  2. Interessanter Beitrag. Fontane (bzw. seine Bedeutung) habe ich nie verstanden. Ob ich ihm im fortgeschrittenen Alter nochmal eine Chance geben sollte?

  3. Fontane war ein aufmerksamer Beobachter. Ob uns seine Erkenntnisse heute noch viel zu sagen haben – das ist ein weites Feld.
    Brutalste Gymnastik ist alles, was man mit den Gliedmaßen zwanzig Mal häufiger macht, als man möchte.

    1. Ein weites Feld ohne Frage. Manche Schriftsteller sind sicherlich im Literaturunterricht oder als historische Lektüre gut aufgehoben. Andere, wie z.B. Adorno, Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir, Sartre und viele andere sind aber auch heute noch aktuell. Am Ende entscheidet wohl jeder selbst was einen interessiert und inspiriert. Lesen sollte man auf alle Fälle.

    2. Es gibt doch so viele, die man heute genau wie damals lesen kann… den Faust, Camus‘ Der Fremde, alles von Kafka, Hemingway, Beckett…die Bücher von Orwell, Huxley und Bradbury sind so aktuell wie nie…Nabokov, Joyce, Kundera, Kerouac… es geht nichts über lesen, lesen, lesen! 🙂

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