Der Ausschnitt, den ich aus dem zehn Jahre späteren Brief rausgesucht habe, ist ‚München, sehr ausführlich‘, ohne irgendeinem Reiseführer Konkurrenz zu machen. Dr. Rüdiger Nolte war damals unser PR-Manager, später dann der Direktor der Freiburger Musikhochschule. Das wussten wir damals zwar noch nicht, aber hier wie auch für den folgenden Briefausschnitt gilt: Wer vorher neugieriger ist, ist hinterher klüger.

Foto: Privatarchiv H. R.

Genau genommen habe ich von Kanada nur Regen gesehen, aber der war groß und weit gewesen, so wie mein Vortrag kurz und gut gewesen war. ‚Natur und Kunst‘, das ist ein unergiebiges Thema, aber in Natürlichkeit und Künstlichkeit kenne ich mich halbwegs aus. Hätte ich Bäume fällen müssen, wäre ich erledigt gewesen, aber als Fallensteller habe ich mich hinreichend qualifiziert.

Dann aber – bei der Landung in München gegen sechs Uhr Ortszeit: Sommer. Wolkenloser Himmel und schon zwanzig Grad. Raffinierte Planung: Ich hatte mein Zimmer schon für den Vortag gebucht und damit die internationale Hotellerie ausgetrickst, die mir erst so gegen vierzehn Uhr mit höflichem Bedauern erlaubt hätte, meinen gejetlaggten Kopf ins weißbezogene Standardkissen zu betten. Einfallsreichtum und Geld steigern die Lebensqualität. Lebenssportler wie ich achten darauf, dass es eigene Einfälle und fremde Gelder sind. Wermutstropfen: Nicht in meinem Lieblingszimmer mit Terrasse fand ich den betthupferlnden Minztaler mit ‚Kempinski‘-Emblem und die vorgedruckte Anregung ‚Gute Nacht‘ vor, sondern auf dem Bett eines balkonlosen Zimmers auf der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes. Die von mir trotz Übernächtigung spontan bezweifelte Charakterisierung ‚aber auch sehr schön‘ konnte bereits bei Betreten des Raumes als die übliche Portierslüge entlarvt werden. Nicht benutzte Betten haben am Morgen immer so etwas Unrasiertes. Aber – es war warm, es war Sommer, es war München, und allen Menschen auf der Welt ging es schlechter als mir.

Außerdem war es inzwischen halb neun geworden, eine Zeit also, zu der ich davon ausgehen konnte, dass Cleo schon gebuckelt und die Krallen an der Seidentapete gewetzt hatte, somit Helen wohl schon dabei war, das Kalbsfilet fürs Katzenfrühstück zu pürieren. So wählte ich ihre Nummer ohne Skrupel und hörte an ihrer munteren Stimme schon im Voraus, dass meine Frage „Schläfst du noch?“ eine überflüssige Floskel war.

„Nein, ich bin gerade beim Katzifleischmachen“, antwortete Helen eifrig.

„Das ist aber eine gute Idee, hast du sie endlich geschlachtet!“, wollte ich gerade sagen, war dann aber doch noch wach genug, sie stattdessen an unser von langer Hand geplantes Mittagessen zu erinnern, das sie mir auch prompt ohne viele Fisimatenten und Hinweise auf Unpässlichkeiten oder Frisurprobleme bestätigte. Natürlich will das nicht besagen, dass das Gespräch unkompliziert verlaufen wäre. Im Gegenteil, denn nun galt es ja, die geeignete Speisestätte auszuwählen. Ich hatte noch meine vier Tage kanadischen Regens in den Knochen und fragte arglos: „Wie wär’s, wenn wir irgendwo hingehen, wo man draußen essen kann?“, worauf Helen mir Folgendes antwortete:

„Ja, ich habe mir schon gedacht, dass du das sagen würdest, bei dem Wetter, und ich habe auch schon überlegt, wo wir hingehen könnten. Das Problem ist, dass am Samstag viele Lokale geschlossen haben, ich weiß gar nicht, warum! Wahrscheinlich wegen der Geschäftsleute, die dann nicht kommen, und nur wenige Lokale bieten die Möglichkeit an, draußen zu essen. Der Innenhof vom ‚Piazzetta‘ ist sehr eng, das ‚Franziskaner‘ hat ein paar Tische rausgestellt, aber da ist es ganz finster; vor dem ‚Trocadero‘ kann man sitzen, aber da ist es laut, und es zieht, außerdem hat die Küche sehr nachgelassen, da, wo draußen serviert wird, ist das Essen meist nicht so gut. Wir können natürlich ins ‚Roma‘ gehen, aber da war die Anna Haefliger neulich gar nicht zufrieden. Es gibt ein neues Lokal hier in Schwabing, das heißt, warte mal, wie heißt es doch gleich, ich komm noch drauf, der Name fällt mir sofort ein, aber ich weiß nicht, ob es heute offen hat, sehr gut ist das ‚Idalgo‘, aber das hat mittags immer geschlossen, das ‚Fontana‘ ist auch gut, aber ich glaube, dass man da nur drinnen essen kann, ich weiß es aber nicht genau, ich müsste anrufen, früher war das ‚Melanzana‘ immer sehr gut, wir waren oft mit Pollini dort und einmal sogar mit Carlos Kleiber, aber jetzt bin ich dort so lange nicht mehr gewesen, dass ich es nicht zu empfehlen wage. Wir können natürlich auch rausfahren: Beim ‚Rosenwirt‘ ist die Küche einfach, aber sehr gut, ich weiß nicht, ob du das magst, es ist eben einfach, aber gut, sehr gut, oder wenn du lieber Italienisch essen möchtest, ja, es ist wirklich schwierig, zu schade, dass die ‚Casserole‘ zurzeit Sommerferien macht, das wäre genau das Richtige gewesen; es ist nicht so leicht am Wochenende, natürlich kann ich auch selber eine Kleinigkeit machen, irgendetwas Leichtes, und wir können bei mir auf dem Balkon essen, aber das wirst du wahrscheinlich nicht wollen.“

„Nein, Helen, ich möchte, dass du keine Arbeit hast, sondern, dass wir zusammen sein können, ohne dass du hin und her laufen musst.“

Wir einigten uns auf das Lokal, dessen Namen sie vergessen hatte und verabredeten, dass ich sie gegen zwölf wieder anrufen würde. Dann legte ich mich schlafen, nicht ohne vorher mit dem Empfang verabredet zu haben, dass ich am Nachmittag in das – dann freie – Terrassenzimmer, das mir so vertraut ist, überwechseln würde. Wie komme ich dazu, weniger kapriziös zu sein als Helen?

Als ich Helen pünktlich um zwölf wieder anrief, nach flackerhaft-flachem Schlaf, war die Not groß; Helens Recherchen hatten zweierlei ergeben: Erstens hieß das Schwabinger Restaurant, dessen Namen Helen entfallen war, ‚Katzelmacher‘ und zweitens hatte es sonnabends geschlossen. Ich habe keine Vorstellung davon, was ‚Katzel‘-Macher sind, aber ich fand es ohnehin keine für Helen geeignete Essensstätte.

„Wir können natürlich ins ‚Hilton‘ gehen“, schlug Helen spontan vor, „die haben ein sehr schönes Restaurant oben mit dem Blick über München, aber es ist drinnen“, gab sie zu bedenken, „und ich weiß nicht, ob die Air-Condition meinem Auge bekommt.“ Ich wusste, dass sie keine Zyklopin ist, sondern das leicht irritierbare linke meinte. „Es gibt unten auch einen nicht sehr großen Vorgarten, aber da haben sie nur die kleine Karte, also eine recht begrenzte Auswahl.“

„Ach, das macht doch nichts.“

„Dann soll ich dort einen Tisch bestellen?“

„Ja, das wäre schön. Sagen wir halb zwei?“

„Ja, fein.“

„Ich komm’ dich um viertel nach eins mit der Taxe abholen.“

„Sag dem Fahrer, er muss von der Muffatstraße aus in die Unertlstraße reinfahren, wenn er von der Siegfriedstraße kommt, denn die Destouchesstraße ist Einbahnstraße in der entgegengesetzten Richtung, und wenn er die Clemensstraße fährt, darf er auf der Ansprengerstraße nicht links abbiegen. Es ist das dritte Haus vor der Degenfeldstraße.“

Ich war bisher eigentlich immer ganz problemlos zu Helen gekommen, aber da muss ich wohl ungewohnt viel Schwein gehabt haben. Diesmal nannte ich die Adresse ‚Unertlstraße Fünfundzwanzig‘ mit einer gewissen Scheu. Ich fürchtete, der Fahrer würde mich gleich wieder rausschmeißen, so als hätte ich gesagt: „Ins Labyrinth bitte, an die Stelle, wo der Minotaurus hockt, Sie wissen schon!“

Er fuhr aber einfach los. Vielleicht hatte er vom langen Stehen vor dem ‚Vier Jahreszeiten‘ schon einen Sonnenstich – oder den Ariadne-Faden.

Nachdem ich zehn Minuten lang all meinen Mut zusammengekratzt hatte, sagte ich: „Am besten, Sie fahren von der Muffatstraße aus rein.“ Taxenfahrer, vor allem ältere, sind immer so empfindlich, besonders in München. „Ich weiß“, antwortete er, „anders geht es gar nicht. Die Destouchesstraße ist Einbahnstraße in der anderen Richtung, und wenn ich die Clemensstraße fahren würde, dürfte ich bei der Ansprengerstraße nicht nach links abbiegen.“

„Es ist das dritte Haus vor der Degenfeldstraße“, sagte ich und zerknüllte unauffällig den Zettel in meiner Hand, der rechten.

Helen kam mir, wenige Minuten nach meinem Klingeln, entgegen, wehendes graues Haar, wehender blauer Glockenrock, ein ausgeruhter Höchstsommertag, der Anlauf nimmt, es noch einmal richtig heiß werden zu lassen. Vorsorglich hatte ich dem Fahrer gesagt, es könne durchaus ein bisschen länger dauern, so dass er etwas unschlüssig war, ob er gleich – wie von mir während der Hinfahrt angekündigt – zum ‚Hilton‘ fahren dürfte, nachdem Helen das Taxi gestürmt hatte und auch ich schon saß, oder ob noch was käme. Es kam noch was.

„Ich habe den Tisch im ‚Hilton‘ zu halb zwei bestellt, lieber Hanno“, sagte Helen, „aber mir ist etwas viel Besseres eingefallen: das Restaurant im Luitpoldpark! Da kann man draußen sitzen, und es ist recht gut.“

„Schön“, sagte ich knapp.

„Das ist mitten im Park, ich glaube, das ist genau das Richtige, schattig unter hohen Bäumen.“ Sie beugte sich ein wenig vor. „Können Sie uns da hinfahren?“

„Nein“, sagte der Fahrer, „in den Park kann ich Sie nicht fahren.“

„Aber“, bohrte Helen, „Sie können doch jetzt rechts in die Belgradstraße einbiegen, dann links rüber in die Karl-Theodor-Straße und dann gleich wieder links in die Borschtallee.“

„Kann ich nicht“, beharrte der Fahrer, „ich kann von der Belgradstraße nicht links rein in die Karl-Theodor, ich kann höchstens die Belgrad’ weiterfahren und dann in die Voelderndorffstraße rein, und die dann bis zu Ende.“

„Das ist doch sehr gut“, sagte Helen beinahe ausgelassen, „von da aus können wir dann direkt in den Park gehen“, und zu mir gewandt: „du läufst doch gerne ein Stück?“

Ich sagte: „Ja“, ehrlichen Herzens und mit einem besorgten Blick auf die Uhr.

Wir schlenderten – ich mit einer gewissen Zielstrebigkeit – unter den hohen Platanen entlang: eine Kathedrale, in der Großwäsche stattfand, aber die Wäscherinnen verschnauften wohl gerade ein wenig in einem der Seitenschiffe vom Arbeiten im heißen Dampf; am Himmel wölbten sich ein paar flächige Wolken wie Laken auf der Leine, Trägheit ließ die Blätter ruhen, die Vögel waren still.

Helen nicht. „Ich kann nicht sagen, wie der Wein dort ist. Als ich neulich mit meiner Schwester da war, habe ich Bier getrunken. Es ist mir überhaupt nicht bekommen. Ich vertrage Bier nicht mehr. Ich weiß nicht, ob es am Hopfen liegt. Früher habe ich gern mal ein Bier getrunken. Besonders im Hochsommer.“

Und ich bin früher gern Gespensterbahn gefahren, wie alle ängstlichen Kinder: Die aufleuchtenden Lappen waren viel weniger furchteinflößend als die dunklen Nächte allein im Raum. Jetzt würde ich freiwillig nicht mehr in diesen Hokuspokus gehen, dafür schlafe ich gerne in verdunkelten Zimmern. Schade, dass auf den meisten Dingen, die man nicht mehr tut, der Mehltau der Melancholie liegt und die Erinnerung eintrübt. Aber Erinnerungen ohne Verlustempfinden sind wohl weniger wertvoll. Ließe sich die Vergangenheit nicht betrachten wie eine Gespensterbahn, in der man nicht mehr fahren will? Eine ulkige, nebensächliche Erinnerung, die von früher Lust am Grusel erzählt und von der Langmut meiner Eltern, die sich von mir – nicht immer klaglos – auf Rummelplätze schleppen ließen. Überstehen die, die gar nicht oder ohne Sehnsucht zurückblicken, die Achterbahn des Lebens unbeschadeter? Mag sein, aber soll man sich das wünschen?

„Woran denkst du, Hanno?“

„An dein Bier.“

„An mein Bier?“

„Weißt du noch, unser Mittag im ‚GrünTal‘ 1983, an dem langen Tisch auf der Wiese?“

„1983 war das?“

„Du hattest dieses Literglas vor dir …“

„Sie schenken dort nur eine ganze Maß aus. Ich hab es nicht leergetrunken.“

„Nein, aber wie du den Humpen so angesetzt hast, die eine Hand stützend von unten, die andere an den Henkel geklammert: Es passte irgendwie zu dir – wie zum Vampir der Biss in die Knoblauchknolle.“

„Hanno, du bist böse!“

– Ja, wahrscheinlich bin ich das.

Foto: Montypeter/Shutterstock

11 Kommentare zu “#3.6 München 1991: Von Anfang an

  1. München, sehr ausführlich & Helen, sehr ausführlich. Das klingt nach einem anstrengenden Treffen. Aber nach 25 Jahren haben Sie sich sicherlich davon erholt.

  2. Ohne irgendeinem Reiseführer Konkurrenz zu machen… immerhin hat der aufmerksame Leser mittlerweile bereits einen kleinen Restaurantführer quer durch Deutschland und Italien 😉

    1. Ich finde auch: selbst wenn Sie sagen, dass Sie mittlerweile kein großer Esser mehr sind – bei all den Restaurants, die sie Europaweit besucht haben, sollten Sie wirklich über eine kleine Empfehlngsliste nachdenken 😉

  3. Taxifahrer sind tatsächlich empfindlich! Ich bin nie sicher, ob ich als Auftraggeber bestimmen oder als Gast im Auto kuschen muss.

    1. Wenn mir ein Taxifahrer blöd kommt, steig ich auch. Ganz einfach. Man soll doch schließlich nett miteinander umgehen!

    2. Ohne inländerfeindliche Vorurteile schüren zu wollen: Fahrer mit geringen Deutschkenntnissen sind meistens freundlicher als unsere Landsleute auf dem Fahrersitz, und seit es Navis gibt, ist es auch nicht mehr schlimm, wenn der Mann am Steuer nicht weiß, wie man vom Ku-Damm zur Gedächtniskirche kommt.

  4. Schließe mich dem Kommentar von Frau Schmoller an was den unterhaltsamen Text und die kreative Wortfindung anbetrifft. Kurzweilig und unterhaltsam. Herzlichst, Mariöle

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