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2004
Winterreise (mit Sommern)  —   Teil 3 - Abfahrten, sturzgefährdet

#3.8 München 1991: Bis zum ersehnten Ende

Foto: Peter Gudella/Shutterstock

Zusammen mit meinem Schlüssel übergab mir der Portier eine Nachricht, und die lautete: ‚Wo steckst du denn? Doris.‘

Die einzige Doris, die ich kenne, ist die Sekretärin des Leiters unseres Lektorats, und dass die ein anderes Verhältnis zu mir hat als ich zu ihr, wird mir jedes Mal deutlich, wenn ich in sein Vorzimmer komme und sie flirtbereit von ihrem Computer aufsieht; aber diesen Zettel konnte ich doch nicht so recht in die Reihe bringen.

Um es wie immer kurz zu machen: Langwierige Untersuchungen ergaben, dass diese Nachricht gar nicht für mich bestimmt war, sondern für denjenigen, der das Zimmer, das ich sowieso nicht hatte haben wollen, am Vortag geräumt hatte, vermutlich auf der Flucht vor Doris, womit ihre Frage eine gewisse Berechtigung erhielt.

Ich war genauso fest entschlossen, Zimmer 486 zu verlassen wie mein Vorgänger, aber weniger wegen Doris als wegen der Terrasse vor 558, von der ich ja noch nicht ahnen konnte, dass sie bis zu meiner Abreise unausgesetzten Regengüssen ausgeliefert sein würde. Der Portier hatte mir bestätigt, dass das Zimmer inzwischen für mich reserviert sei.

So wartete ich also: in 486 und auf den Gepäckträger. Die Wartezeit vertrieb ich mir wie meistens mit Grübeln: Ich hatte die Rede, die ich morgen aus Anlass der Bekanntgabe von Gidon Kremers neuem Exklusiv-Vertrag halten würde, schon in Salzburg geschrieben. Die Frage stand noch im Raum, also nach wie vor in 486, ob ich sie um des nachhaltigen Eindrucks willen nun auch noch so perfekt auswendig lernen sollte, dass es dem Publikum vorkommen musste, als perlten mir die wohlgesetzten Worte geradewegs aus dem Hirn. ‚Der Geiger von Weltrang und das bekannteste Klassiklabel‘, blablabla – na ja, nicht ganz so dämlich, schon ein bisschen mehr Ich, aber darf man das ablesen? Da ich zu keinem rechten Entschluss kam (in derselben Zeit hätte ich mir mindestens zehn Sätze einpauken können), wurde ich als Ablenkungsmanöver ab und zu erneut beim Portier vorstellig, was auch Sickerwirkung zeigte: Schließlich kam wer. Aber als dann der Kofferträger, auf den ich mehr als zwanzig Minuten gelauert hatte, mit leeren Händen, also ohne den Schlüssel für 558, erschien, straffte sich mein Geduldsfaden doch bedenklich.

Immerhin konnte er mein Gepäck auf seinen Karren laden (alles, was man bei Salzburg-Premieren, kanadischen Waldfrostfesten und Münchner Hitzegewittern so braucht), mich das eine Stockwerk umständlich per Fahrstuhl nach oben geleiten und mir mit Hilfe seines One-fits-all-Schlüssels die Tür zu 558 öffnen.

Entspannt packte ich endlich meinen monströsen Koffer aus.

Der Blazer fehlte. Das konnte aber gar nicht sein, ich hatte ihn nämlich auf der Reise angehabt. Schlussfolgerung: Er war das einzige Kleidungsstück gewesen, das ich in den Kleiderschrank von 486 gehängt hatte. Falsche Schlussfolgerung, denn als ich mit dem – geschickterweise von mir nicht abgegebenen – Schlüssel von 486 zurückkam zu jenem Raum, nachdem ich zuvor die Tür von 558 behutsam angelehnt hatte, weil ich für dieses Zimmer ja keinen Schlüssel besaß, stellte ich in 486 fest, dass neben meinem Blazer auch noch meine Flanellhose im Schrank hing. So viel Ordnungssinn hatte ich mir gar nicht zugetraut.

Ich ergriff beide Kleidungsstücke, lief den Flur entlang zur Treppe, die Treppe rauf und den nächsten Flur entlang zu meinem neuen Zimmer, schlüpfte hinein in 558 und wollte endlich auch in mein Bett schlüpfen, um nicht während des Konzertes am Abend einzunicken. Dazu wäre der Schlafanzug nützlich gewesen, aber der war nicht da. Unangenehmer Verdacht: Der lag noch im Bett von 486.

Ich zog mich also wieder an und ging zum zweiten Mal zurück zu meinem vorigen Zimmer: Den Flur des fünften Stockwerks entlang, die Hintertreppe in den vierten Stock, den Flur des vierten Stocks entlang zum Zimmer 486, schloss auf, trat ein, entnahm dem Bett meinen Pyjama und lief den ganzen Weg wieder zurück. Dieses Mal hatte ich vergessen, die Tür angelehnt zu lassen, eine Steigerung wäre es nur gewesen, wenn ich außerdem den Schlüssel von 486 vergessen hätte und der jetzt in 558 läge, in das ich nicht reinkam. Stattdessen klingelte das Telefon. Hollywood? Das große Los? Falsch verbunden?

Der Leser und ich werden es nie erfahren. Nur, dass die Leserin vor 558 verweilen kann, während ich, meinen etwas angetragenen Schlafanzug in der Hand, runter musste zum Portier, um mir den Schlüssel für 558 geben zu lassen und um – nach einem sehr bedächtigen Zögern – den Schlüssel für 486 abzugeben. Dabei tastete ich das Gesicht des Portiers mit misstrauischem Blick auf Schadenfreude ab und fand, dass er sich auf abgebrühte Weise neutral verhielt.

Der Fahrstuhl blieb nicht stecken, ich stolperte nicht über die Auslegware, der Schlüssel passte ins Schloss, Doris hatte keine neuen Nachrichten hinterlassen: Ich konnte mich ohne Weiteres zum Jetlag-Mittagsschlaf flach und für den turbulent geplanten Wochenendabend fit machen.

ls ich meine späte Siesta beendet hatte, freute ich mich gleich über meine schöne, große Terrasse: Sie zeigte mir deutlicher, als irgendein Fenster es getan hätte, wie ungestüm es immer noch goss: Ich würde sowohl Mantel als auch Schirm als auch Galoschen brauchen, um anschließend den Saal der Philharmonie einigermaßen ansehnlich betreten zu können.

Unser ‚Deutsche Grammophon‘-PR-Manager Rüdiger Nolte war schon vorausgefahren, denn er sah es als seine Pflicht an, sich mit dem Veranstalter des kleinen Festivals zu treffen, in das hinein das Konzert des heutigen Abends gebettet war.

Meine Karte war an einer Stelle hinterlegt, die mir Rüdiger in zehn Sätzen beschrieb, nach dem letzten Satz sagte er: „Es ist ganz einfach zu finden, das siehst du dann schon.“

Ich sah aber eigentlich nur Wasser, als der (verwirrte?) Taxefahrer unvermutet anhielt, nachdem er erst über den Gehweg und dann zwischen zwei Säulen hindurch über ein paar Stufen vor ein schwach erleuchtetes Tor gefahren war. Dahinter befanden sich zwei Männer in schmucklosen Uniformen, und sie waren die Ersten, die mit Rüdigers Beschreibung etwas anfangen konnten: „Da müssen Sie rechts ganz um das Gebäude rum“, sagte der eine. „Besser, Sie gehen links“, sagte der andere. „Das bleibt sich gleich“, sagte wieder der Erste, „jedenfalls dort ist ein Gang zum nächsten Gebäude, und da an der Hinterseite ist der Eingang, den Sie meinen.“

Ich fand alles genau wie vorhergesagt, einschließlich meiner Karte, als mir auch schon Rüdiger entgegenkam, und fünf Minuten später ging das Konzert los. Rüdiger mochte es nicht, und mir war es egal.

Als wir in der Pause Kremer, der nur im ersten Teil geigte, Begeisterung vorgaukeln wollten, nahm der unsere Huldigungen mit so brüsker Freundlichkeit an der Garderobentür entgegen, dass wir es mit dem Beweis unserer Anwesenheit genug sein lassen wollten und auf eine Einladung zum Abendessen verzichteten.

Nicht allerdings für uns selbst.

Wir schnappten uns eine Taxe und fuhren durch die geflutete Münchner Innenstadt wegen des traditionell schlecht-teuren Essens und der stets aufdringlichen Wirtin aus alter Gewohnheit in die ‚Bouillabaisse‘, die allerdings sommerferienhalber geschlossen hatte. So blieb uns nichts weiter übrig, als am letzten freien Tisch des ‚Spaten-Bräus‘ Bayerisch zu essen.

Danach liefen wir die paar Schritte zum Hotel durch Niesel zurück, um uns umzukleiden: So wie man für Gidon Kremer aussieht, will man noch lange nicht den Rest des Abends verbringen.

Bis wir wieder auf der Straße waren, hatten die Wolken sich ausgeheult, Gott sei Dank, denn es gibt ja nichts Lächerlicheres als ältlich juchzende Tucken in Lederjacken unterm Regenschirm.

Nun gingen wir meinen geheiligten Weg, den ich Jahr um Jahr gelaufen bin, unterbrochen nur von einigen Pausen im Gebüsch am Wegesrand, weil Blase und Darm genauso aufgeregt waren wie Kopf und Herz. Die Büsche sind weg, die Aufregung ist weg. Aber damals: auf Turnschuhen federnd, das ‚Vier Jahreszeiten‘ im Rücken, den ‚Ochsengarten‘ im Sinn, Pochen im Unterleib, Roland in der Seele – und in der Mansarde des ‚Kutscherhäuschens‘ oder auch nicht –.

Man schwingt durch die Drehtür des Hotels von der saumseligen Gediegenheit der Halle auf die auch spätabends geschäftige Maximilianstraße, überquert sie nur kurz – wenn man in etwas lässigem Abstand zweier Autos seine Chance wittert, meist muss man auf der Straßenmitte einen Augenblick verharren, weil die Lücke im Gegenverkehr nicht synchron läuft –, man huscht auf den Gehweg und biegt gleich wieder links ab, so kommt man nach wenigen Schritten zum Platzl, wo junge Männer – anderes im Sinn als man selbst – vor dem ‚Hofbräuhaus‘ grölen. Man schert sich nicht um sie, sondern wippt unverwandt geradeaus durch die Passage, das Spießercafé zur rechten, die Möbel-Schaufenster zur linken, und gelangt so zum ‚Tal‘, Münchens Mönckebergstraße, man biegt rechts ein und ist Gott sei Dank gleich auf dem Marienplatz, auf dem man den Kopf nach rechts dreht, um einen raschen Blick auf das stimmungsvoll erleuchtete Rathaus einzufangen, bevor man nach links in den ‚Rindermarkt‘ einbiegt. Die Verlängerung dieser Straße heißt noch zünftiger: ‚Oberanger‘, das hat doch fast schon was von Hexentanzplatz oder Totentanz, von dort aus geht’s die schmale Gasse entlang, die sich den anschaulichen, aber unzutreffenden Titel ‚Roßmarkt‘ erschwindelt hat, unterm Torbogen hindurch – man weiß, gleich ist man da –, bloß noch über die stark befahrene Blumenstraße, dann wird es kurz mal zehn Häuser lang pädagogisch: ‚Pestalozzi‘-Straße, aber die Hürde ist rasch genommen, ohne dass einem Weihwasserspritzer die Teufelei genommen hätten, denn da ist man auch schon auf der Müllerstraße, die man mit markanter werdenden Schritten überquert – Vorsicht Straßenbahn! –, und festen Tritts, ganz Mann, hat man zwanzig Sekunden später den Türgriff des ‚Ochsengartens‘ zu fassen. Früher befanden sich hinter dem wuchtigen Eingangsvorhang alle Herrlichkeiten des Irdischen, jetzt befinden sich dahinter tonnenweise Altschwule, die auf dem grell erleuchteten, verkommenen Abort von Zeit zu Zeit das zu viel gesoffene Bier rauslassen und dabei den Schwanz in der Hand verstecken wie der Lungenkranke die Zigarette.

Na ja, man geht – man ging! – sowieso allein hierher, allenfalls mit Geerd Westrum, dem man entwischen kann. Mit Rüdiger im ‚Ochsengarten‘ abzustehen, ist, wie mit Joe Cocker im ‚Weißen Rössl‘ abzusteigen.

Heute ist das anders, wenn auch nicht besser: Die hartschaligen Trauben sehr erwachsener Männer hängen aneinander und vermeiden jeden Kontakt mit einzelnen oder anderen Trauben. Aids-Angst.

Wir wechselten in ein Lokal, das mehr auf Rüdiger zugeschnitten war: bogenförmiger Tresen, Punktbeleuchtung, Spot auf die Flaschen. Rüdiger gefiel auch gleich einer sehr gut, den er aber schon deshalb nicht kriegte, weil er sich ihm in keiner Weise näherte. So fuhren wir gegen eins, unsportlich per Taxe, zurück ins Hotel, beide froh und erleichtert, dass wenigstens der andere auch nichts abbekommen hatte.

Ich lag im Bett und grämte mich. So sein wie die kanadischen Holzfäller. Schlicht und fröhlich? Quatsch. Wahrscheinlich hat man es dann auch nicht besser, aber man hat ein besseres Gewissen. Na ja, ich hab’ ja auch kein schlechtes Gewissen, weil ich kein Gewissen besitze. Wenn ich Gutes tue, dann, weil’s mir Spaß macht, aus Lust, nicht wegen der Moral. Die umständlichen Freizeitgestaltungen mit Helen sind eine Form meiner Vergnügungen. Das ist sogar noch der nachvollziehbarste Teil dessen, was ich so tue. Wo hört Originalität auf, wo fängt Wahnsinn an? – Geschmackssache.

Foto: manorial1/Shutterstock

11 Kommentare zu “#3.8 München 1991: Bis zum ersehnten Ende

  1. Wahnsinn fängt tatsächlich bei jedem woanders an. Bei meinen Nachbarn ist‘s schon wenn man es wagt am Feiertag den Staubsauger rauszuholen…

    1. Haha, bei meinem Nachbarn ist’s wenn man am Abend mal ’nen Stuhl zu fest über den Boden schiebt. Naja, jedem seinen eigenen Spleen.

  2. „Heute ist das anders, wenn auch nicht besser: Die hartschaligen Trauben sehr erwachsener Männer hängen aneinander und vermeiden jeden Kontakt mit einzelnen oder anderen Trauben. Aids-Angst.“ Und heute ist auch das wieder ein bischen anders. Ein HIV-Stigma gibt es zwar immer noch, aber die Angst hat dem medizinischen Fortschritt sei Dank nachgelassen.

    1. Dass man heutzutage HIV+ Menschen nach wie vor ausgrenzt geht mir nicht in den Kopf. Wie uniformiert oder ignorant oder dumm kann man denn sein?

    1. Interessant oder?! Man kann halt doch nicht immer man selbst sein. Zumindest nicht das liebste „selbst“. Man hat sich ja in der Regel mit vielen Versionen zumindest angefreundet.

    2. Man muss halt die Balance finden, wo man so gut es geht man selbst ist ohne völlig asozial zu werden. Oder zumindest die Konsequenzen in Kauf nehmen und ein paar Leute vor den Kopf stossen.

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