Hanno Rinke

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#3.2 Bissfest

3. TEIL – ABFAHRTEN, STURZGEFÄHRDET
#2 Bissfest

Jetzt saß Rafał am Steuer; zehn Minuten, nachdem wir losgefahren waren, kamen wir an eine Schlucht, schneelos. Jenseits der Felsen wurde das Land immer flacher. Eintöniger Nebel, die Orte wie abgefedert, die Felder und Wälder auch. Landschaft, stoßfest für den Versand vorbereitet. Langeweile auf Reisen geschickt, reicht das? Angstlos sein, heißt, glücklich sein, meint man, wenn man Angst hat. Wenn man keine Angst hat, hat man Glück, aber das fällt einem erst auf, wenn die Angst wieder da ist. Ludwig, der ‚Märchenkönig‘ hatte sicher Angst, das gehört bei Märchen einfach dazu. Talente, die die Angst besiegen können, hatte er nicht, nur Geld, aber nicht genug. Das Neue Schloss Herrenchiemsee war teurer als Linderhof und Neuschwanstein zusammen, im Prunkschlafzimmer sind mehr als viereinhalb Kilogramm Blattgold verarbeitet. Hilft das? Die hohen Schulden brachten den König an den Rand des Bankrotts und führten mit zu seiner Absetzung und Entmündigung. Ertrunken ist er aber nicht hier, sondern im Starnberger See. Mord? Selbstmord? Wahnsinn? Die glaubhafteren Märchen enden nicht hochzeitsfroh, sondern schaurig.

Wir standen am Ufer. So grau, so grau. Ein knapper Gang nach rechts, nach links. Neujahr vorbei und Fasching noch fern. Hier wartete heute niemand auf irgendwas. Ist es netter in einer Hotelhalle? ‚Ihr Zimmer wird in zwei Stunden fertig.‘

Nein, nein. Wir kletterten wieder in unseren Wagen, verließen das dornröschenschläfrige Prien, fuhren über das genauso verschlafene Gstadt weiter nach Chieming. Von Zeit zu Zeit stiegen Rafał und ich aus, gingen ein Stück am Ufer entlang, und manchmal sagte Rafał dann: „Also, hier ist es doch eigentlich ganz …“, was, das wusste er auch nicht. Das Ufer war verschilft, da würde keiner laufen, baden, rudern wollen. Oder doch, irgendwann? Silke blieb sowieso hoffnungslos im Auto sitzen. Rafał und ich, wir gaben nicht auf. In den Türen von Häusern, die den Eindruck erweckten, gastfreundlich zu sein, klebten Zettel mit dem Hinweis: Wiedereröffnung am ersten März.

Doch dann kam das ‚Al Dente‘, oder: Wir kamen. Das ‚Al Dente‘ war offen geblieben für Unentwegte. Es gab Menschen, Tische, Pizzageruch. Stimmen und Besteckgeklapper.

Nun konnten wir zufrieden in München einreisen und sagen: Wir haben der Palette ganz spontan noch einen Farbtupfer hinzugefügt, nicht windelweich, sondern al dente.

Die Navifrau wusste, dass – wie auf unseren Reisen üblich – das ‚Hotel an der Oper‘ in gesperrter Straße liegt; ich wusste das auch und auch, dass Anlieger und Anschläfer dürfen. Ich mag Beschränkungen, aber natürlich nur, wenn sie für mich nicht gelten. Privilegiert sein, das ist fast so befriedigend wie Gutes zu tun. Wir waren im Nebengebäude untergebracht, und ich überlegte kurz, ob mich das kränken sollte, fand aber: nein, weil die Zimmer dort gegenüber nicht kleiner sind und die paar berechtigten Autos nicht lauter. Privilegien, Vorteile und die Kunst, so zu tun, als ginge es nicht um Postengeschacher, sondern ums Gemeinwohl. Die politische Kultur in dem Deutschland, das wir nun seit ein paar Stunden wieder um uns haben, ist in keinem guten Zustand. Hier, auf dem nicht zu weichen Bett, im nicht zu teuren Hotel, am nicht zu späten Nachmittag ist es leicht, alles zu vergessen oder alles zu überdenken. Silke und Rafał mögen auf der Straße sein, ich mag die Stille, vor allem, wenn ich von all der Geschäftigkeit weiß, die mich zwar nichts angeht, die mich aber auch nicht lähmt. Halbseitig gelähmt. Die europäische Politik wirkt gelähmt auf mich; links mehr als rechts; die deutsche Regierung nennt sich nun ‚geschäftsführend‘.

Ich muss sie ernst nehmen, die Politik, auch wenn ich das manchmal nicht mehr will. Manchmal denke ich, das kann gar nicht mehr gehen! Na ja, ich kann auch nicht mehr gehen. Von Zeit zu Zeit muss ich mich hintergehen, um das alles auszuhalten. Dann betrüge ich mich mit Gedanken, Gefühlen, Getränken, um mir vorzumachen, ich sei noch am Leben. Die Alten sind rücksichtslos. Die Jungen auch, aber von denen hat man das immer schon erwartet: Die müssen sich halt durchsetzen. Die Alten haben weniger Kraft, aber mehr Macht – Erfahrung ist mehr wert als Mut. Sich durchzusetzen mit Bajonetten auf dem Schlachtfeld war immer schon schwierig. Auf dem Feldherrenhügel war es immer schon einfacher. Bin ich amtierender General? Oder stehengebliebener Laufbursche? Was versäume ich, da draußen im Münchner Wochenendanfang oder in meinem Inneren, das sich Einsichten verweigert, die schmerzen. Ausgeschlossen. Eingeschlossen. Lustvoll vor sich hin denken. Narr sein.

Teil des Altseins, also meines Altseins, ist es, ständig abzugleichen: Den Fall der Mauer hätte ich nicht erlebt, wenn ich im Sommer 1989 mit 43 gestorben wäre. Meinen Schlaganfall hätte ich nicht bekommen, wenn mich im September 2010 schon ein Panzer überrollt hätte, weil ich, wie das so meine Art ist, wieder mal in einem Krisengebiet nach dem Sinn des Lebens geforscht hätte; denn mein eigener Garten wäre mir für diesen hehren Zweck zu popelig vorgekommen. Wenn ich im vorigen Jahr bei Rafałs forschen 180 die Autotür aufgestoßen hätte oder die Bauarbeiten am teuren Klotz aus Kostengründen eingestellt worden wären, hätte ich im vergangenen Sommer nicht in der Elbphilharmonie Richard Strauss hören müssen, dürfen, können.

Musik bedeutet mir nichts mehr. Ich habe nie Hunger, Durst oder Schweißausbrüche. Kinder mag ich nicht. Sie sind laut und überleben mich. Wahrscheinlich. Für die Natur wäre es besser, wenn die ganze unheilvolle Menschheit, die Krone der Ausrottung, selbst ausstürbe. Aber der Natur geschehen die fiesen Menschen ganz recht, denn die Natur kennt keine Ethik. Ob der Einzelne lebt oder liebt, Lust hat oder leidet, kümmert sie nicht. Bloß Evolution will sie. Eigentlich will sie gar nichts, weil es sie wie die einzigen, dreifaltigen oder zahlreichen Götter ausschließlich in den Köpfen ihrer Schöpfung ‚Mensch‘ gibt – ein Hirngespinst wie der Wert des Geldes: Glaubt man dran, wird es real. Glaubt niemand daran, wird es wertlos. Gott und Geld: Geistesgüter. Geister ohne Güte, die die Menschen riefen und nie mehr loswerden – das ist ihre Natur.

Datum:
7. April 2018
Kategorie:
Allgemein

15 Gedanken zu „#3.2 Bissfest“

  1. Die Natur kümmert sich nicht um uns, und wir uns nicht um sie. So ist es wohl irgendwie vorgesehen. Und irgendwann zerstören wir uns gegenseitig.

    1. Da fällt mir dieses Zitat von Gus Speth ein, das neulich auf Facebook zirkulierte: “I used to think that top environmental problems were biodiversity loss, ecosystem collapse and climate change. I thought that thirty years of good science could address these problems. I was wrong. The top environmental problems are selfishness, greed and apathy, and to deal with these we need a cultural and spiritual transformation. And we scientists don’t know how to do that.”

  2. Ein wenig erschreckend wie gut Privilege tun, nicht wahr? Geht mir nämlich auch öfters so. Man bekommt halt das Gefühl, dass es den anderen wenigstens noch schlechter geht.

    1. Glaubhafter, es zuzugeben als es zu leugnen. Heuchelei ist nicht ehrenvoller als Eitelkeit. ‚Den anderen geht es doch auch gut. Mir halt – in diesem Augenblick bloß – noch etwas besser …‘

    2. Völlig richtig. Außerdem wäre es schon ein riesiger Schritt nach vorne, wenn der weiße heterosexuelle Mann überhaupt verstehen würde, in wiefern er privilegiert ist.

  3. Dass Musik ihnen nichts mehr bedeutet klingt traurig. Liegt das am jahrelangen beruflichen Engagement bei der Deutschen Grammophon oder einfach am Älterwerden?

    1. Nach meinem Schlaganfall kann ich nicht mehr Klavier spielen, wie vorher jeden Tag. Da ist jetzt wohl auch Trotz im Spiel. Wenn’s sein muss, habe ich aber noch das ganze Repertoire von Bach bis Bartok drauf. Wenn Sie mögen, können Sie sich im vorigen Teil (Winterreisen II #7 „Glauben, Denken, Wissen“) ansehen, wie ich die Petersburger Schlittenfahrt aus lauter verschiedenen Interpretationen zusammengeschnitten habe. Das macht niemand, der keinen Spaß daran hat.

  4. Die europäische Politik wirkt gelähmt, genau wie die deutsche. Und nicht nur links, sondern auch in der Mitte. Wenn die Politiker nicht bald über neue Ansätze nachdenken, wird das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf sehr ungemütlich und sehr rechts.

  5. Ein Wintertag in der Chiemsee-Ebene in Zeiten der geschäftsführenden Bundesregierung – trostloser kann Deutschland nicht sein. Eine wunderbar gelungene Passage in der knappen Verbindung von Landschaft, Gesellschaft, Hannos melancholische Botschaft und was die Politik schafft, abschafft oder nicht schafft! Wir schaffen das… Gut, dass das ‚Al Dente‘ geöffnet hatte. Wenigstens auf die Italiener ist Verlass, zumindest in ihren Restaurants.

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