Im Februar 1965, als ich selbstverständlich lieber zu meinen Eltern in den Schnee fuhr, statt meine Zeit mit Gleichaltrigen zu verplempern, war Kurt immer noch so lebendig, wie es seinem ‚hölzernen‘ Naturell entsprach. Das Haus war noch hölzerner als sein Eigentümer, alles feinste Zirbeltischlerei. Es gab ständig Marillenschnaps, und wir waren alle sehr lustig.

Foto: Bjoern Wylezich/Shutterstock

Nur ich besuchte außerdem von Anfang an die Skischule und ab dem vierten Tag abends ein Mädchen aus Regensburg und aus meinem Kurs; es war für mich zum Anliegen geworden, ihr zu beweisen, dass ich besser küssen als wedeln konnte.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: Mariia Boiko/Shutterstock

Mittags fuhren Beckers und wir manchmal durch die Schlucht die paar Kilometer nach Österreich und aßen in der ‚Post‘. Diese Ausflüge hatte ich noch in bester Erinnerung, als wir im Jahr darauf ohne Beckers in deren Haus in Reit im Winkl waren. Dieser Aufenthalt war sogar noch schöner, weil ich mir, unbeobachtet von Außenstehenden, die Skischule schenkte. Meine Mutter hatte sich noch jedes Mal ein Bein verstaucht, wenn sie sich auf solche Bretter gewagt hatte, und mein Vater hatte die Hoffnung aufgegeben, in mir eine Sportskanone gezeugt zu haben. Trotzdem sind wir später noch ein paar Male ein paar Hänge heruntergeholpert, so gut es ging; beim Langlauf machte sogar die tapfere Irene mit. Ich glitt lieber durch einsame Wälder abwärts als über vielbenutzte Pisten, und ich träume noch heute davon, wie ich, schön in der Spur, ins Tal sause, immer gefährdet, nie gestürzt.

Fotos (3) oben:Privatarchiv H. R.

In der ‚Post‘ waren wir 1966 auch wieder gern, nur zu dritt. Von einem unserer Kleinfamilien-Ausflüge nach Kössen hatten wir einen Rehrücken mitgebracht. Der bayerische Zollbeamte ließ sich die Metzgertüte öffnen und sagte, Frischfleisch ginge gar nicht, das käme ihm nicht über die Grenze. „Ach“, sagte meine Mutter, „wie schade!“ Guntram kehrte um. Aber natürlich wusste er, dass man das mit seiner Frau nicht machen kann und wunderte sich noch ein bisschen weniger als ich, als Irene hinter der übernächsten Kurve das Wild aus dem Papier löste und sich vor den Unterleib klemmte. An der Grenze lächelte sie huldvoll, und im Bad im Winkl wusch sie sich das Blut vom Bauch. Dass wir nie im Leben einen zarteren Rehrücken gegessen haben, versteht sich von selbst.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: fotoart-wallraf/Fotolia

Gerade hatte ich das zweite Semester Jura hinter mir und schwelgte in meinem Kompositionsstudium. Gleichzeitig schrieb ich Lieder, Sonaten, Orchesterwerke und Songs, die nie Schlager wurden, weil nur ich sie krächzte und kein Berufenerer. Wer Lust hat, in meinen damaligen Seelenzustand einzutauchen, der kann sich hier drei Beispiele zu Gemüte führen …

… den dritten und vierten Satz meiner ersten Klaviersonate,

Adagio con sentimento

 

attacca

 

Rondo: Allegro agitato

 

… meine Liliencron-Vertonung ‚In einer großen Stadt‘, gesungen von Sebastian Naglatzki, begleitet von Ana Miceva …

In einer großen Stadt

 

… und einen meiner vielen Songs, die ich so sportlich wegschrieb, wie andere Dauerlauf machten.

Zwei Menschen

 

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wenn mich jemand verstehen will – und warum sollte er? –,  dann kommt sie an meinen Frühwerken nicht vorbei. Meine große Leidenschaft war die von der Mannheimer Schule entwickelte, von Haydn ausgebaute und von Mozart und Beethoven vollendete Sonatenform: zwei Thesen, ein wilder Kampf, eine Symbiose. Bei mir jedenfalls. Ich versuchte, dieses Form-Verständnis musikalisch umzusetzen. Im Allgemeinen kommen Exposition, Durchführung und Reprise harmloser daher. Nicht aber im ersten Satz der Unvollendeten und im Streichquartett ‚Der Tod und das Mädchen‘: Da kämpfen die Themen  –  auf vier Instrumente verteilt  –  mit sich selbst und gleichzeitig gegeneinander. Das ist für mich viel spannender als Tore zu schießen.

Das ‚deutsche Kunstlied‘ fand ich dagegen immer schon antiquiert. Aber auch da ist Schubert die Ausnahme. Als ich zum ersten Mal abends die ‚Winterreise‘ hörte, konnte ich vor Aufregung und Ergriffenheit die ganze Nacht nicht schlafen. Ich hatte den ‚Kranz schauerlicher Lieder‘, wie Schubert selbst ihn nannte, auf meinem Tonbandgerät aufgenommen und stellte die Musik alle halbe Stunde wieder an, um die Kombination von Stimme und Klavier, die Modulationen und Übergänge zu verstehen.

Pali machte sich lustig über mich, wenn ich im November sagte: „Jetzt kann ich bald wieder die Winterreise hören.“ Natürlich habe ich Musik nie nach Jahreszeiten aufgeteilt, eher aus Witz im Juli ‚Stille Nacht‘ gesungen, aber wenn ich behauptete, mich auf die ‚Winterreise‘ zu freuen, wollte ich mir vielleicht Mut machen, die graue Zeit zu ertragen, und ich wollte Pali Gelegenheit geben, sich zu echauffieren.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Durch meinen längsten Film (1978, 13 Stunden) zieht sich Schuberts ‚Winterreise‘ von Anfang bis Ende, und ich freue mich immer, wenn Gäste sich den Film auf vier Tage und nicht auf vier Jahre verteilt ansehen, weil ich hoffe, dass ihnen dann das Konzept einleuchtet.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Schon durch Reit im Winkl begleitete mich die ‚Winterreise‘ auf Schritt und Tritt, vor allem deshalb, weil auch ich ‚die Wege, die die andren Wandrer gehn‘, vermied, sinnend in gefrorene Bäche starrte und mich in ‚verschneite Felsenhöhn‘ träumte. Liebeskummer war mir ja bisher erspart geblieben, aber Weltschmerz lag mir sehr. Der rastlose Wanderer, niemals zu Hause, immer unterwegs: Das war mein Mann! Das war ich selbst!! Doch dann saß ich wieder mit meinen Eltern in der Schänke, und wir machten uns über alles lustig, was zu offensichtlich oder zu unverständlich war.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

18 Kommentare zu “#2.6 Winterwanderer

    1. Oh la la, 13h klingen wirklich episch. Vielleicht hat Netflix Interessen für ein Hollywood Remake?! 😉

    2. 13 Stunden innerhalb einer Serie („Season“) sind doch weder ungewöhnlich noch bestürzend. Die Erzählweise ist völlig anders als bei einem 90-Minuten-Fernsehspiel und orientiert sich mehr am Roman als am Action-Thriller.

  1. Ihre Lieder kenne ich ja mittlerweile aus dem ein oder anderen Beitrag. Dass Sie auch klassische Werke geschrieben haben, war mir trotz Hörsaal entgangen. Das Adagio ist wunderbar Herr Rinke! Danke

  2. Es wunderte mich: Eines Tages besuchte mein Kompositionsprofessor aus der Musikhochschule meine Eltern und sagte ihnen, ich sollte Jura sein lassen und mich ganz auf die Musik konzentrieren. Meine Eltern waren aufgeschlossener als ich es war. Denn, ohne es ändern zu können, wusste ich: Was ich schrieb, war – hoffnungslos? – veraltet. Aber erst jetzt weiß ich, was er damals schon wusste: ich war der begabteste Schüler, den er je hatte.

    1. Zählt so etwas wie „veraltet“ denn überhaupt, wenn etwas Qualität hat? Ich frage mich ohne Ironie. Setzt sich Qualität nicht letztendlich durch?! Vielleicht ist das naiv…

    2. Auf Dauer mag die These stimmen. Aber nicht alles was Qualität hat, hat auch automatisch Erfolg. Dafür gibt es zu viele Faktoren, die eine Rolle spielen.

  3. Als ich 1968 studierte, durfte man auf keinen Fall ‚gestrig‘ sein. Die schlimmste Kakophonie war besser als eine klassische Sonate. Heute ist ‚retro‘ chic. Immer habe ich Zeitgeist und Lebensgefühl beobachtet. Beobachten heißt: nicht dazugehören.

    1. Ich habe noch nie verstanden, warum alle immer konform sein, dazugehören wollen. Trends gut und schön. Als Inspiration für Eigenes vielleicht. Trends setzen ist viel spannender. Wenn überhaupt.

    1. Es gab vor ein paar Jahren eine recht überraschende Aufnahme von Christine Schäfer. Die hat mir sehr viel besser gefallen, als ich erwartet hätte. Es gibt so viel mehr als (die unbestritten großartige Aufnahme von) Fischer-Dieskau.

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