Rafał und ich, wir setzten uns um halb sieben zu den Gästen ins Kaminzimmer und bekamen sogar den Tisch direkt vor dem Feuer: etwas heiß auf der Haut, aber angenehm für Auge und Gemüt. Carsten stieß zu uns und etwas später Silke; beide fanden es auch sehr malerisch; ich war beim zweiten Jagatee. Dazu bestelle ich mir immer ein Glas kaltes Wasser und schütte es in das eigentlich wesentliche Glas. Ob ich das tue, um schneller trinken zu können oder um den Rum zu verdünnen, lasse ich offen.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Auch das Speisezimmer war immer noch so gediegen, wie ich es in Erinnerung hatte. Wer braucht in Kössen moderne Funktionalität? Alles war schön, so wie es war, und bei etwas mehr Appetit hätte es herrlich länger gedauert, bis ich satt gewesen wäre. Aber auch so fand ich, genügend genährt, in mein Bett, und die anderen in ihres.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Für den Mittwoch war Kitzbühel vorgesehen. Es muss schon einiges passieren, bis meine Vorsehung über den Haufen geworfen wird. Es passierte aber nichts, am Himmel thronte die Sonne, und wir fuhren hin.

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Kitzbühel spielte in meinem Leben eine Zeitlang eine genauso wichtige Rolle wie Meran und Eichendorff, um nicht gleich mit Berlin und Beethoven zu übertreiben. Kennengelernt hatte ich Kitzbühel 1965 mit Beckers von Reit im Winkl aus, und mein Vater beschloss fast fünf Jahre später, für mich überraschend, seinen 60. Geburtstag, am 26. Januar 1970, in Kitzbühel zu feiern.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Umstände waren nicht günstig, außer für mich. Mir hatte mein Lehrlingsvater, Herr Bertz, zwei Wochen Sonderurlaub gewährt, damit ich den Geburtstag meines Regulärvaters angemessen mitfeiern konnte. Ich war eben sein Lieblings-Auszubildender: immer höflich, fleißig, einsichtig. Meine Ziele habe ich nie durch Revolution, sondern immer durch Anpassung erreicht. Das gilt zwar als erbärmlich, aber kann ich etwas dafür, wenn ich bei verständnisvollen Eltern in maßvollem Wohlstand aufgewachsen bin? Bei mir zu Hause gab es nichts zu beanstanden, und für Vietnam war ich nicht zuständig. Aufmüpfig war ich trotzdem: ein Wildfang mit Augenmaß. Was ich riskieren konnte, riskierte ich auch. Aber, so ist es nun mal, meine Karriere war mir immer wichtiger als die Menschheit. Hielt ich es meiner Karriere für dienlich, dann konnte ich mich gesprächsweise auch vehement für die Menschheit einsetzen, bei Drinks oder Diskussionen. Der Politiker, der es anders macht, werfe den ersten Stein! Hoffentlich trifft er dabei nicht seine selbstlose Kollegin.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mein Vater hatte sich Mitte Dezember anlässlich der Hochzeit von Herrn Gerisch eine Rundum-Grippe eingefangen. Herr Gerisch war flotte sechzig und nahm sich eine dreißig Jahre Jüngere zur Frau. In seiner Rede während des Festmahls erwähnte er dauernd seine ‚Glückseligkeit‘. Ein Jahr darauf wurde die Verursacherin seines Überschwangs so großzügig abgefunden, wie es nach seinem Konkurs im Sommer noch möglich war. Isabell war seine Tochter aus erster Ehe und als meine Tischdame ausersehen. So wurden meine Eltern und ich nach München eingeflogen und im ‚Bayerischen Hof‘ untergebracht. Bequemerweise fand dort auch das Essen statt, so dass wir keine Mäntel brauchten.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Trotzdem hörte ich Guntram am nächsten Morgen aus dem Nebenzimmer wehklagen. Der Hotelarzt kam mit Spritzen und richtete meinen Vater so weit auf, dass wir den Rückweg antreten konnten. Mein Vater lag wochenlang im Bett und hatte in dieser Zeit zwei Erkenntnisse:

1. ‚Der Gerisch gibt furchtbar viel Geld aus für pompöse Feiern. (Ob der sich das leisten kann?)‘

2. ‚Ich sollte meinen 60. auch ein bisschen feiern. (Ich kann mir das leisten.)‘

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Meine Mutter bekam den Infekt ein paar Tage später. Ich weiß noch, wie ich innerlich fiebernd auf dem Münchner Flugplatz hin und her gelaufen war und stumm zu mir gesagt hatte: „Nein! Nein, nein, nein, ich werde nicht krank!“ Hat geklappt. Irene hatte Guntram getröstet, statt sich derart aufbauende Autosuggestion zu gewähren, und da lag sie nun neben ihm. Heiligabend brachte ich meinen Eltern Hafersuppe ans Bett, saß daneben und mümmelte Gänseleberpastete. Maria und Joseph hatten es zu Jesu Geburt im Stall bestimmt auch nicht anheimelnder, und zu meinem eigenen Geburtstag würden wir ja wieder fröhlich auf der Terrasse sitzen, hoffte ich. (Nachträglich: war auch so!)

Aber zunächst mal kam ja Guntrams Geburtstag. Er bestellte Zimmer für uns in der ‚Postkutsche‘ in Kitzbühel. Silvester hatte er noch mit Irene im Bett verbracht. „Meine schlimmste Nacht“, sagten sie übereinstimmend. Schweiß, Schmerz, Viren und Raketen.

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Harald und ich feierten erst im Keller die beiden neuen, ausreichend schweinischen Eigentlich-Wesentlichen, dann bei Tine. Sie, genauer: ihr Vater, veranstaltete eine größere Feier für die Jugend der Elbvororte, um ihr eine Gelegenheit zu bieten, ihr neues, paillettenbespicktes Kleid zu demonstrieren, mutmaßten wir süffisant. Heute, fast fünfzig Jahre später, weiß ich, dass Tines Vater Anfang der Achtzigerjahre sterben wird, weil er die Saunatür nicht mehr von innen aufbekam und Tine selbst, weil sie sich nach einem Sturz weigerte, aufzustehen oder den Arzt kommen zu lassen. Wie weit die überforderten Ehepartner das jeweilige Unglück ausgelöst oder ausgenutzt haben, bleibt offen. Nur bei Haralds Tod neben der Wodkaflasche war mit Sicherheit kein Fremdverschulden im Spiel: Er war ganz allein.

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Zur Jahreswende ’69/’70 fuhr er aber erst mal mit mir zum ‚Spundloch‘. Damals achtete man höchstens mal auf den Verkehr, aber nie auf seinen Alkoholpegel. Leider war der Wirt mit seinem Freund zu unserem Entsetzen nach Spanien ausgewandert, die erste Enttäuschung des neuen Jahrzehnts. Von da an war das ‚Spundloch‘ eine geheimnislose Allerwelts-Disco. 1995 war ich nochmal mit Bill aus Houston da und erfuhr, dass die beiden Spanien-Veteranen der Aids-Welle erlegen waren. Bill starb zwei Jahre darauf und so weiter …

Meine Mutter war im Januar 1970 auch darauf gefasst, nicht in der ‚Postkutsche‘, sondern im Sarg zu landen, gab sie später zu. Unser Hausarzt kam täglich und gab ihr Spritzen, Erfolge waren nicht zu verzeichnen. Irene hatte die Lebenslust verlassen, was sich ungünstig auf ihren Lebensmut auswirkte. So lag sie in der ‚Postkutsche‘ überwiegend im Bett, immerhin mit Baldachin, und kam nur gelegentlich zu den Mahlzeiten nach unten. Zu Guntrams Geburtstag erschienen außerdem sein Bruder Hasso mit Drittfrau Karen und Kurtchen plus Gerda Becker.

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Dann war wieder Bettruhe, bis die Hotel-Direttrice vorschlug, Herrn Doktor Rumpoldt aufzusuchen. Das taten wir dann auch gemeinsam. Irene bekam Infusionen und die heilsame Wirkung eines Frauenverstehers zu spüren. Schon sehr bald ging es ihr besser, wenn auch nicht gut genug: Am 6. Februar fuhren Guntram und ich zurück nach Hamburg, Irene siedelte über in das Haus von Herrn Doktor Rumpoldt und ließ sich weiter pflegen. Erst am Samstag, dem 28.02. holte Guntram sie abends am Bahnhof Altona ab, sagt mein Tagebuch. Tine, Harald und ich saßen derweil mit Hans-Dieter im Party-Keller und warteten darauf, dass gleich meine erstarkte Mutter von der Garage her eintreten würde oder vorher schon die Wirkung von Hans-Dieters neuen Mitbringseln. Meine Mutter ging gleich nach oben ins Schlafzimmer, und Tine fuhr die beiden immer noch nüchternen, also enttäuschten Jungen nach Hause.

Fotos (2): lassedesignen/Fotolia

Im Bett merkte zumindest ich dann doch etwas. Eine durchaus heftige Erfahrung. Den anderen erging es schlimmer. Tine glaubte zu rasen, fuhr aber nur 20. Den mitgenommenen Harald setzte sie an der Ecke zu seinem Elternhaus ab. Er brauchte für die 30 Meter zwei Stunden, glaubte er. Das lag vor allem daran, dass ihm ‚sämtliche friderizianischen Heere‘ entgegengebrandet waren, wie er am nächsten Tag beteuerte.

Irene schien ziemlich genesen, wenn auch, wie meistens, schonungsbedürftig. Doch ihr Leben war noch lange nicht zu Ende. In zehn Jahren würde sie nicht mehr zur Hochzeit alternder Pleitiers reisen, sondern zu Konzerten in San Francisco, Tokio und Australien. Sie hatte es eben geschafft, nicht nur geschickt zu heiraten, sondern auch geschickt zu gebären.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

14 Kommentare zu “#2.8 In der ‚Postkutsche‘

  1. Autosuggestion hat mir bisher noch bei fast jedem Zipperlein geholfen. Ich rede mir zumindest ein, dass gutes Zureden hilft. Wenn ich doch mal krank werde, ist das Schicksal. Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.

  2. Wenn „geschickt heiraten“ nur so einfach wäre. Ich treffe (und mag) leider viel zu selten Kandidaten, die man wirklich als „geschickt“ bezeichnen könnte. Ich hoffe das Leben überrascht mich doch noch einmal 😉

  3. Natürlich. Und alles ausgeben*, damit man arm stirbt! (Wobei geschickt zu gebären für Mutter Zuckerberg und für Mutter Silbereisen sicher genauso hilfreich war.)
    *Luxus, Spende, Steuer

    1. Geld ausgeben macht ja auch wahnsinnig Spaß. Man arbeitet ja eigentlich eh nur, damit man das Geld danach sofort wieder loswerden kann 😉

    1. Wer wirklich eine tolle Geschäftsidee hat findet auch Unterstützer. Und wenn die Bank zu blöd ist, hilft das Crowdfunding.

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