Kurt(chen)s Wohnung in der Reichsstraße wurde nach Bauch und Entbindungsanstalt meine dritte Bleibe und die letzte, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

Foto: Privatarchiv H. R.

Auf den schönen, großen Vorderbalkon, unter dem die wenigen Wagen vorbeiglitten, die damals durch Berlin fuhren, durfte ich aber nicht, sondern ich musste mit dem selbst bei gutem Wetter sonnenlosen Küchenbalkon vorliebnehmen. Wenn Irena meinen Kinderwagen wieder zurückschob ins Haus, waren mein Bett und mein Gesicht voller Kohlenstaub. Da hatte es Guntram, dessen Metier ja eigentlich die Kohle war, besser: Er saß sauber im Gefängnis, und meine entrechtete Mutter sorgte sich um unserer beider Gesundheit; ihre eigene schien längst irgendwo zwischen Zoppot und Frohnau auf der Strecke geblieben zu sein, aber das täuschte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Um mein Leben auch damals, 1947, lichter zu gestalten, wurde ich zum Bahnwärter-Ehepaar nach Schmalkalden gebracht, wo ich es nach Überzeugung meiner Mutter und meiner Großmutter auf dem Lande gut haben würde. In diesem Zusammenhang kann ich endlich wieder auf ‚Fast am Ziel‘ #18: ‚Brust oder Flasche‘ verweisen und brauche nichts Neues zu schreiben. Erwähnen will ich bloß, dass ich als Baby, fern von Vater und Mutter, vom pervers-dämonischen Bahnwärter von Schmalkalden aus meiner Wiege heraus allnächtlich missbraucht worden bin. Diese Tatsache nahm in meinen nächtlichen Fantasien immer wieder Gestalt an – zwar erst seit meinem dreißigsten Lebensjahr, von da an aber mit großem Genuss und ein bisschen auch unter dem Gesichtspunkt, wie es mit uns beiden wohl weitergegangen wäre …

Die beiden Ehepaare blieben befreundet, gingen zusammen aus und besuchten einander. Ich war ja als Kreisch- und Streitpunkt vom Tisch, sogar ohne noch mal, wie einst beim Windeln, unter den Tisch zu fallen. Außer einem Sturz von der Gartenbank im Grunewald ist mir in meiner ganzen Jugend nie wieder etwas zugestoßen, wenn man mal vom Katholizismus absieht; nicht mal beim Skilaufen in der Schweiz schaffte ich Hals- und Beinbruch. Schon noch früher hatte ich Rollschuhe bekommen und mir auch nichts getan, weil ich diese Fortbewegungsmittel nur dazu nutzte, meine hocherfreuten Stofftiere durch den Garten zu kutschieren.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Meine Eltern können sich an kein einziges Mal erinnern, dass sie bei Beckers eingeladen waren, ohne dass Carola Hühnerfrikassee und Fleurons gereicht hätte, das galt als gehobene Berliner Küche. Gott sei Dank war ich nie dabei, denn ich hasse beides bis auf den heutigen Tag.

Eigentlich erinnere ich mich deutlich nur an zwei Begegnungen mit Carola: die erste, 1951, als sie mich netterweise im Krankenhaus besuchen kam, nachdem mir alle drei Mandeln herausgenommen worden waren (keine Narkose, örtliche Betäubung). Sie brachte mir das Buch „Möpschen hat Zahnschmerzen“ mit, was ich angesichts meiner Halsschmerzen etwas deplatziert fand. Und dann nochmal, als Beckers uns in Hamburg besuchen kamen. Da war sie laut und lustig und schrie immer „Hilfe!“, wenn etwas sie auch nur im Mindesten überraschte. Das mochte ich. Ausbrüche mochte ich immer. Außer bei meinen Eltern, aber da kamen sie ja auch so gut wie nie vor.

Beckers Tochter Ursel hatte inzwischen Herrn Schmidt-Buchner geheiratet und zwei Kinder. Carolas Lippen und Fingernägel waren immer noch sehr rot, Ketten rasselten an den Handgelenken, aber Kurt hatte sich trotzdem eine jüngere, sportliche Freundin zugelegt, die weniger Make-up auftrug: Gerda aus Wien.

Das war Carola nicht verborgen geblieben. Als die geliebte Gerda eines Tages auf dem Beifahrersitz von Kurts Wagen saß und auf ihn wartete, während er als Möpschen beim Zahnarzt war, öffnete plötzlich Carola die Fahrertür, setzte sich hinters Steuer und sagte: „Ich glaube, wir müssen miteinander reden.“ – Dabei kam aber nichts heraus.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

„Für mich gibt es nur die Familie, sonst nichts“, hatte Carola mal zu Irene gesagt. Die erhielt sie nun reichlich, aber nur in Form ihrer tobenden Enkelkinder, die Ursel immer bei ihr ablieferte, wenn sie selbst etwas Besseres vorhatte. Kurt unterstützte das nach Kräften, weil er Carola auf diese Weise beschäftigt glaubte, und selbst sowieso nicht da war. Eines Tages war es dann so weit. Die quirligen Kinder wurden angeschleppt. Ursel ging weg, Kurt ging fremd, Carola ging ins Bett. Schlaftabletten.

Ihr Tod berührte mich nicht, ich kannte sie ja kaum. Für Irene war es eine Zäsur. Ihre erste wichtige Tote. Kurt hat später mal zu Irene gesagt, dass er Carolas Tod nie wirklich verwunden habe. Gerda reagierte auf den Selbstmord, indem sie ausrief: „Jetzt bleibt uns gar nichts anderes übrig – jetzt müssen wir uns auch umbringen!“ Irene hielt das für Taktik, und das war es vielleicht auch, denn statt auf den Friedhof begaben sich Kurt und Gerda aufs Standesamt.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Irene hatte bei späteren Begegnungen die schmerzliche Genugtuung zu erleben, wie oft sich Gerda und ihre mitgeheiratete Tochter über Kurt lustig machten und wie vergleichsweise schlecht sie ihn behandelten. „Das hätte Carola nie getan“, sagte sie ein wenig triumphierend, sobald wir wieder zu dritt waren, aber manchmal stiegen ihr bei dem Satz auch die Tränen in die Augen. Trotzdem gab selbst sie zu, Kurt sei ‚etwas hölzern‘ und verführe ein bisschen dazu, ihn aufzuziehen. „Aber Carola hat das immer liebevoll gemacht“, beharrte Irene.

Mitte der Achtzigerjahre sahen meine Eltern Kurt zum letzten Mal: in Berlin, im Krankenhaus. Er war fast gelähmt und stammelte unverständliche Worte – ein Nervenleiden. Irene war erschüttert. Gerda war in Reit im Winkl. Und wenige Wochen später war sie lustige Witwe.

13 Kommentare zu “#2.5 Kurt

  1. Mir ist „in meiner ganzen Jugend nie wieder etwas zugestoßen, wenn man mal vom Katholizismus absieht.“ Hahaha, das ist zu wahr und zu köstlich!

    1. Und ein wenig tragisch! Ganz glaube ich das allerdings nicht. Ihnen ist bestimmt mehr zugestoßen (im positiven Sinne), als Sie uns verraten wollen Herr Rinke.

  2. Ist es nicht seltsam, wie der Tod uns entweder völlig aus der Bahn werfen und zerstören kann, und uns in anderem Zusammenhang völlig kalt und gleichgültig lässt?!

    1. Es macht natürlich einen Riesenunterschied wie nahe man der Person steht. Ich bin aber auch manchmal geschockt, wenn z.B. schlimme Unglücke in den Nachrichten keine emotionale Reaktion bei mir hervorrufen.

    2. Sind wir nicht durch die Unmenge an Skandalnachrichten, Unfällen, Anschlägen, Amokläufen, Todesfällen in den täglichen Nachrichten völlig abgestumpft? Jedenfalls wenn es um den Tod in Verbindung mit uns unbekannten Menschen geht…?

    1. Kommt es mir nur so vor, oder geht man in Deutschland (oder generell im Westen) besonders unbeholfen mit dem Tod um? In anderen Kulturen trauert man zwar, feiert man aber auch den Toten, hat einen „normaleren“ Umgang mit diesem Thema. Oder irre ich mich?

  3. Basiert die Bahnwärter-Geschichte denn auf wahren Tatsachen, oder waren dies wirklich nur nächtliche Fantasien. Bin auch beim Rückblick auf Fast am Ziel nicht ganz schlau geworden…

  4. Was mir erzählt wurde: Im Sommer 1947 wurde ich zum Bahnwärter ins friedliche Schmakalden von meiner Mutter aus dem füsten Berlin weggegeben, im November wurde ich auf Drängen der Bahnwärtersleute wieder abgeholt. Zuhause in der Reichsstraße habe ich dann das einzige Mal in meiner Kindheit gierig gegessen. Den Rest habe ich mir später ausgemalt.

    1. Hahahahaha, das gierige Essen muss natürlich wirklich durch ein Trauma bedingt gewesen sein 😉 Ausgemalte Geschichten sind die besten!

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