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1804
Winterreise (mit Sommern)  —   Teil 3 - Abfahrten, sturzgefährdet

#3.7 München 1991: So geht es weiter

Foto: InnaFelker/Shutterstock

Die Luitpold-Villa ist eines dieser ockerfarbenen, südländisch anmutenden Gebäude, Ende des neunzehnten Jahrhunderts errichtet, mit seiner über eine Handvoll Stufen zu erreichenden, gedehnten Terrasse linker Hand, säulengesäumt, baumbeschattet.

Nur drei Tische waren besetzt, so dass es vor der Folterqual der Wahl kein Entrinnen gab. Wir entschieden uns für den unserer übereinstimmenden Meinung nach hübschesten Platz, nicht zu eng am Haus, die weiß gedeckte Leere der Anlage vor Augen. Sie stand in sonderbarem Gegensatz zum pflanzlichen Dichtwuchs jenseits der Balustrade, aber auch zur völligen Apathie des diensthabenden Personals. Die Einzigen, die sich um uns kümmerten, waren die Wespen, das allerdings mit einer Versessenheit, die mich, von den adretten, jungen Kellnern an den Tag gelegt, für sie eingenommen hätte. Die jedoch blieben teilnahmslos, als hätten sie reiche Liebhaber, die ihnen eingeschärft hatten, dass Trinkgelder anzunehmen würdelos sei.

Als sich eines dieser Exemplare im Anschluss an mein wildes Winken doch in Bewegung setzte, hatte ich endlich ein Erfolgserlebnis. Ein kurzes, denn er ging hoheitsvoll an uns vorbei zu einem der vorderen Tische, um den Teller mit Geldscheinen in Empfang zu nehmen. Dann entschritt er wieder, wobei er sein Haupt so angestrengt auf dem Hals balancierte, als trüge er kronenschwer an den Kosten des letzten Haarschnitts.

„Komm“, sagte ich zu Helen, „wir setzen uns lieber nach da vorne. Ich glaube, hier servieren sie nicht gern.“

Wir gingen an den Tisch neben dem, dessen Gäste gerade aufgestanden waren, und der ja nun würde abgeräumt werden müssen. Meine Hoffnung, dass die Wespen hier, etwas weiter entfernt vom Gesträuch, weniger zudringlich sein würden als dort hinten, erwies sich als ebenso trügerisch wie meine Hoffnung, dass einer der Kellner die nun kürzere Strecke als so zumutbar einschätzen würde, dass er es sich vorstellen könnte, uns die Speisekarte zu reichen. Aber dann malte ich mir auch gleich die Unbändigkeit der Wespen aus, wenn wir – gegen Spätnachmittag – wirklich etwas Essbares oder vielleicht nur ein stilles Mineralwasser auf den Tisch gestellt bekämen.

„Weißt du was?“, sagte ich zu Helen, „lass uns gehen! Die Einzigen, die uns hier wollen, sind die Wespen.“

„Wenn ich gestochen werde, brauche ich sofort Kortison“, griff Helen das Thema auf, „sonst sterbe ich innerhalb von fünf Minuten. Ich habe eine Wespenallergie, die sich auf das Zentralnervensystem auswirkt. Ich ersticke.“

Ich nahm diese Aussage nicht als Aufforderung zum Bleiben und stand auf, sie auch. Wir ließen die erregten und die reglosen Insekten unter sich. Dass uns keiner der Kellner nachtrauern würde, war klar, aber dass uns auch die Wespen nicht nachstellten, registrierte ich mit Erleichterung. Ob die Natur für manche Lebewesen, besonders im Dienstleistungsgewerbe, einen Sommerschlaf vorgesehen hat?

„Ich versteh’ das gar nicht“, sagte Helen. „Als ich letztes Mal hier war, waren sie so aufmerksam, es fiel mir noch auf, wie reizend sie waren. Es waren aber auch ganz andere. Wahrscheinlich haben die am Samstag frei.“

„Oder inzwischen Heiratsanträge angenommen“, sagte ich zerstreut. Meine Gedanken kreisten um ein anderes Thema: „Es ist jetzt kurz nach zwei. Am besten schnappen wir uns gleich eine Taxe und fahren zum ‚Hilton‘. Weißt du, wo hier in der Nähe ein Stand ist?“

„An der Schleißheimer Straße findet man eigentlich immer eine Taxe.“

Das Wort ‚eigentlich‘ hatte ich nicht besonders gemocht in ihrer Antwort, zumal ja jeder Sonnabend in München das zu sein schien, was in protestantischeren Gegenden der Buß- und Bettag ist.

„Gibt es hier irgendwo in der Nähe eine Telefonzelle?“, fragte ich, während wir den weitläufigen Park durchmaßen.

„Ja, wenn wir hier rechts gehen, kommen wir an die Brunnerstraße, und da ist gleich an der nächsten Ecke eine Telefonzelle.“

Tatsächlich. Woher weiß sie so was?

Bevor ich in Aktion treten konnte – wollte? –, betrat Helen die Zelle, wählte die Nummer der Taxen-Zentrale und sagte: „Wir brauchen einen Wagen zur Kreuzung Brunnerstraße/Ackermannstraße. – Wie lange? – Danke.“

Helen trat wieder auf die sengend heiße Straße. „In fünf Minuten“, sagte sie.

Ich sah zum Himmel. Die Wolken sahen nicht mehr aus wie Laken, zumindest nicht wie frisch gewaschene. Mein Blick senkte sich aufs Straßenschild.

„Die Straße hier heißt Karl-Theodor-Straße. Ich hab’ gehört, dass du am Telefon etwas anderes gesagt hast.“

„Ach“, sagte Helen, „ist das nicht mehr die Ackermannstraße? Aber die Ackermannstraße fängt gleich da hinten, hinter der Schleißheimer Straße, an, das wird er schon finden. Eine Kreuzung zwischen Brunnerstraße und Ackermannstraße scheint es gar nicht zu geben, dann fährt er ja automatisch richtig. Eigentlich ist es zum ‚Hilton‘ gar nicht so weit. Wenn wir mehr Zeit hätten, könnten wir zu Fuß gehen, durch den Englischen Garten, das ist ein sehr schöner Spaziergang, direkt am Chinesischen Turm vorbei. Die Taxe muss einen Umweg machen, weil die Strecke für Autos gesperrt ist, man kann entweder über den Isarring fahren, bei der Ifflandstraße raus und dann immer an der Isar entlang bis zur Tivoli-Brücke oder man fährt über die Leopoldstraße und dann Prinzregentenstraße, das ist zwar ein Umweg, aber …“

„Helen, es sind jetzt schon zehn Minuten vergangen. Ich glaube, die Taxe kommt nicht.“

„Ich werde nochmal anrufen“, sagte Helen tapfer und begab sich wieder in die brütende Kabine. Ich fand, ich müsste ihr gestatten, die Scharte auszuwetzen.

Kaum trat Helen aus der Zelle, da kam eine Taxe angefahren.

„Das ist sie“, rief Helen in den heißen Dunst und winkte triumphierend. Ausgeschlossen, dass das der eben erst bestellte Wagen war, aber wir fuhren weg, und zwar über den ‚Umweg, aber …‘

Kurz nach halb drei traten wir auf das, was Helen gemeint hatte: eine mit etlichen Plastiktischen bestückte Zementfläche seitlich des ‚Hiltons‘, zum Parkplatz hin begrenzt von einigen Sträuchern, die aber zu schütter waren, um als Hecke gelten zu können.

Es war kein Mensch weit und breit zu sehen, außer einem eher zufällig und sehr zu seinem Pech vorbeilaufenden Kellner. Helen stürzte auf ihn zu.

„Wir haben uns leider etwas verspätet. Ich habe einen Tisch für dreizehn Uhr dreißig bestellt. Auf den Namen Kuzaj. Können wir trotzdem noch einen Platz bekommen?“

Der Kellner reagierte absolut professionell, steuerte, ohne sich zu besinnen, auf einen der etwa zwanzig leeren Tische zu und sagte mit einer Stimme, die jede Beliebigkeit ausschloss: „Bitte sehr.“

Wir setzten uns erleichtert und genossen den Anblick, wie der Kellner wenig später nicht allzu kleine Papierservietten und einen Teller mit Bestecken auf dem Tisch drapierte.

„Nur noch kleine Karte“, sagte er. Entweder er wollte nicht schwatzhaft erscheinen, oder eine blumigere Ausdrucksweise lag nicht im Bereich seiner Sprachkenntnisse, aber wir hatten ja sowieso nicht mehr erwartet.

Meine letzte vernünftige Mahlzeit hatte auf dem Boot im kanadischen Wald stattgefunden.

„Ich werde einen Hirtensalat nehmen und hinterher ein Steak“, entschied ich.

„Das werde ich auch nehmen“, erklärte Helen. „Hirtensalat ist so erfrischend. Schafskäse ist überhaupt sehr gut. – Und ein Steak ist jetzt genau das Richtige.“

Aus Angst vor langen Erklärungen fragte ich nicht, warum ausgerechnet ein Steak jetzt das Passendste sei, und wir klappten unsere ‚kleinen‘ Karten zu.

„Ich esse manchmal Fleisch“, sagte Helen, und dabei lag etwas so Grundsätzliches in ihrer Stimme, als hätte sie gesagt: ‚Ich esse nie Fleisch.‘ Oder: ‚Ich esse ausschließlich Fleisch.‘

„Hanno, es tut mir leid, ich kann hier nicht sitzen.“

Ich trank hastig den ersten Schluck Wein.

„Ich vertrage die Sonne nicht. Ich kriege sofort Kopfschmerzen.“

„Wollen wir die Plätze tauschen? Mir macht es nichts aus.“

„Nein, du hast auch Sonne, da, an der Seite.“

„Sollen wir an den Tisch da am Fenster gehen, der steht ganz im Schatten?“

„Ja, bitte.“

Erst wechselten wir an den Tisch in der düsteren Nische zwischen Hauswand und Parkplatzmauer, dann trug uns der Kellner unsere Gläser und Bestecke nach, und dann verschwand die Sonne für den Rest meines dreitägigen Münchenaufenthalts hinter den Wolken.

Nun kam der Hirtensalat, Mykonos lag in der Schüssel, einstige Gefährten grinsten verschmitzt aus dem Grab der Vergänglichkeit, aber natürlich handelte es sich, bei Licht besehen, um bleiche Schafskäsewürfel in einem bunten Gemisch aus Tomaten, Paprika und Gurken.

„Würden Sie die Paprika bei mir bitte herausnehmen“, bat Helen wie ein wohlerzogenes Kind, „ich vertrage Paprika nicht.“

Erst jetzt – und das zeugt von der vorzüglichen Hotelfachschule – erst jetzt mengte sich ein Anflug von Verzweiflung in den Gesichtsausdruck des Kellners.

„Vielleicht kannst du sie einfach liegen lassen“, regte ich vorsichtig an.

Helen war bereit, sich auf diesen Vorschlag einzulassen.

Während wir den Hirtensalat zu uns nahmen, schützte uns noch das Vordach des Hotelgebäudes, aber während wir anfingen, unsere Steaks zu zerschneiden, peitschte der Sturm uns den Regen doch schon so heftig in die Teller, dass wir uns entschlossen, den Rest unseres Hauptgerichtes in der Hotelhalle, die Teller auf den Knien, zu uns zu nehmen. Ich machte nicht den Fehler, Helen die schlecht beißbaren Teile meines Steaks für ihre Katze anzubieten, denn ich weiß ja, dass Cleo vom Rind bloß das Filet isst.

Foto: Olha Afanasieva/Shutterstock

15 Kommentare zu “#3.7 München 1991: So geht es weiter

  1. Teilnahmslose Kellner sind ein Graus. Überfordert kann ich verstehen, vergesslich auch, ungeschickt kann auch passieren. Für Teilnahmslosigkeit gibt’s in dem Job keine Ausrede.

    1. Ich habe auch mal als Kellnerin gearbeitet. Unaufmerksam darf man natürlich nicht sein. Aber man ist manchmal auch einfach mit den Eitelkeiten der Gäste überfordert.

  2. Ich esse manchmal Fleisch. Ich esse nie Fleisch. Ich bin Veganer. Ich esse nur glutenfrei. Ich esse gerade eher low-carb. Ich esse alles. Ich esse gar nix. #FirstWorldProblems

    1. Unsere heutigen Diäten sind wirklich ein wenig asozial. Vielleicht gesünder (vielleicht auch nicht), aber auf jeden Fall tragen sie nicht zum Miteinander bei.

    1. Oh mein Gott, in jeder Hinsicht. Ich mag Wespen ja eh schon nicht leiden. Der Film ist natürlich obendrein noch besonders scheußlich.

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