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Als Kind fand ich es toll, dass Gott mich ständig beobachtete, aber ab der Pubertät fand ich das irgendwie indiskret. Alles hängt mit allem zusammen, das glaube ich immer noch, aber ob ich das jetzt Gott nenne, finde ich nicht so wichtig. Oder wohl doch! Sonst käme ich nicht dauernd auf dieses Thema zurück. Ich weiß einfach nicht, ob ich mir Gott als listig-lustigen Quiz-Master vorstellen soll, der mir hinterher eitel sagt: „Hab ich dich da nicht schön reingelegt, obwohl du die Täter im TV-Krimi anhand deiner Erfahrung und der Besetzungsliste immer schnell raus hattest!“, oder ob Gott als Oberlehrer Punkte für Anständigkeit vergibt. Das Versteckspiel spricht gegen seine Existenz. „Wenn du was von mir wolltest, hättest du es mir sagen müssen“, habe ich ihm eines Tages enttäuscht vorgeworfen, aber er schickte ja lieber Heilige zu Kindern als Erklärungen zu Erwachsenen, und so müssen wir halt ohne ihn leben, statt ihn in alles hineinzugeheimnissen.

Mit zunehmendem Alter ist es ratsam, sich zu fragen, wofür es sich zu leben lohnt und wofür bestimmt nicht. Ob ich mehr davon habe, in die Kirche zu gehen oder fernzusehen, ob ich lieber im Wohnzimmer gestylte Pornos betrachte oder auf der Straße pickelige Leute. Was ich mir noch zumuten und was ich endlich anfangen sollte seinzulassen. Ja ja, Gott, wenn es ihn gibt, kümmert sich um mich. Das wusste schon meine Kinderschwester. Vielleicht wird er mich strafen für all die Sünden, die ich zu feige war zu begehen. Ihn anzubeten, steht mir nicht zu: Entweder will er mehr von mir oder er-sie-es ist nichts als ein Phantom.

Übertriebene Selbstlosigkeit war ja nie mein Problem. Wenn ich früher von meinen Wünschen wegwollte, machte ich Autogenes Training, um zu mir zu finden, was im Allgemeinen in sexuelle Ambitionen mündete. Jetzt, so im Alter, finde ich die ‚Selbstlosigkeit‘ eine sympathische Eigenschaft. Manchen Menschen ist es sogar gelungen, durch Selbstlosigkeit berühmt zu werden, das macht sie gleich noch attraktiver.

Bevor ich sterbe, will ich vorher noch alles Mögliche – und alles mögliche lieber nicht mehr. Aber ich will eins: dem Leben auf die Spur kommen. Physiker, Biologen, Esoteriker, Ideologen und Gläubige – keinem traue ich, aber wenn ich von mir aus loslasse oder von den Mächten der Natur weggezerrt werde, dann will ich als meinen letzten Impuls denken können: Jetzt habe ich es begriffen! Und weil ich dann schon wieder stolz darauf sein will, dass ausgerechnet ich durch mein unvernünftiges Hiersein das geschafft haben sollte, greift mein Wunschtraum zu kurz. Nach meinem Tod auf etwas stolz zu sein, passt nicht zu meinen Vorstellungen von einer geläuterten Existenz da drüben. Wie man dort allerdings, nur unter guten Menschen, die Langeweile vertreiben soll, das weiß allenfalls ein putzsüchtiger Gehirnwäscher.

Ewiges Glück, ewige Verdammnis, ewiger Orgasmus? Wenn es die Zeit nicht mehr gibt, ist der Stillstand kein Ärgernis mehr. Aber erst dann. Dann erst ist ewiger Orgasmus weniger furchterregend, als Ungläubigen das heute erscheinen mag: Die Verzückung der heiligen Menschheit; vielleicht ist genau das Gottes Plan im Anschluss an die Folter oder Sauna oder Bewährungsprobe des Lebenmüssens.

Während meine lauftüchtigen Mitbewohner ausgedehnte Spaziergänge machen oder Besorgungen unter den „schrecklich vollen“ Lauben, nutze ich die Zeit, um zu trinken und zu denken. Das kann ich, selbst nach meinem Schlaganfall, immer noch gleichzeitig. Ja, ich denke viel hin und her und manchmal auch nach. Aber nachdenklich finde ich mich eigentlich nicht. Lieber laufe ich die Wendeltreppe runter und mache mir in der Küche einen doppelten Espresso oder ich schleiche mich sogar bis tief in den Keller und trinke etwas, das ich niemandem zumuten will, mir zu bringen. Umbringen muss ich mich schon allein. Solche winzigen Eskapaden sind übriggeblieben von einem selbstbestimmten Leben. Natürlich bin ich auf der Hut. Stufen sind eine unerbittliche Herausforderung für mein Gleichgewichtsgefühl. Dabei liebe ich Haltlosigkeit, aber ich hasse nun mal den Schwindel – es sei denn, ich begehe ihn selbst.

Zweimal brachten mich Carsten und Rafał auf den Weihnachtsmarkt, im Rollstuhl. Beschämend. Nicht, dass es für jeden Gelähmten beschämend wäre, im Rollstuhl zu sitzen. Für mich schon. Ich zwinge mich nicht genügend, meine Muskeln zu trainieren. Ich lasse mich gehen. Ich lasse mich schieben.

Zum Glühweintrinken begab ich mich dann aber doch aus der Blowjob-Position auf Augenhöhe. Ich sah die lustige, heile, heimelige Welt um uns herum, nahm noch ein zweites Glas von dem dunkelroten Heißgetränk und ließ mich wieder bergauf zurückkarren in mein lustiges, heiles, heimeliges Zuhause. Zufrieden und dankbar. Noch vor zehn Jahren wäre ich über diesen Ausblick entsetzt gewesen. Die Zukunft nicht zu kennen ist das Liebenswerteste an ihr.

Meine Reiseplanung sieht immer Zeiten vor; ohne Uhrzeiten wäre es doch gar keine Planung. Am Freitag, dem 18. Januar 2018, fuhren wir fort von Meran, mit Verspätung gegenüber der Vorlage, was ja keine Rolle spielt, wenn es völlig egal ist, wann man ankommt. Sich hetzen zu müssen ist scheußlich, aber nicht erwartet zu werden ist schlimmer.

Wenn jemand Rafałs Vorstellung von einer flüssigen Fahrweise nicht entspricht, fährt er bedrohlich dicht auf und schreit mehrfach: „Wichser!“ Silke hat beide Maßnahmen nicht so gern. Zumindest hätte Rafał „Masturbant“ sagen können. Sitzt eine Dame am Steuer, so wird sie mit dem Vulgärausdruck für ihr Geschlechtsorgan tituliert, was Silke noch weniger schätzt. Ich verstehe Silkes Empfindsamkeit, aber ich mag auch Rafałs Furor. Die Macht der Worte. Kant ist ein berühmter Philosoph und, genauso ausgesprochen, das englische Wort für Fotze. Worte verletzen, töten, heilen. Musik habe ich studiert und komponiert, aber mehr und mehr hänge ich am Wort, mehr und mehr wird die Musik, deren Architektur und Aussagekraft das Wichtigste in meinem Leben waren, zu einer Art Begleitung – zur Tafelmusik meines Lebens: Während die Solisten spielen, nagen die Herrschaften am Hühnerschenkel. Ja, den Soundtrack produziere ich selbst und lasse mich gleichzeitig von ihm berieseln. Performer und Publikum in Personalunion.

Gegen halb drei waren wir in Kössen. Montag ist im ‚Hotel Gasthof Post‘ Ruhetag, deshalb kamen wir nicht zu spät zum Mittagessen. Einen Fahrstuhl gibt es auch nicht; Rafał musste ganz schön schleppen. Dann war erstmal Pause.

11 Kommentare zu “#2.3 Was Gott denkt

  1. Ich finde es gleichermaßen anmaßend und inakzeptabel von Gott ständig beobachtet zu werden, wie ich eine übertriebene Überwachung durch Sicherheitskameras oder eine Dauerauswertung meiner Daten durch Google und Facebook verabscheue. Jeder muss für sich selbst verantwortlich bleiben. Basta.

  2. Montag ist Ruhetag? Gibt es das wirklich noch? Das kenne ich sonst nur noch aus Urlauben in Frankreich. Eigentlich ganz sympathisch.

    1. Jeder kann sich inszenieren. Jeder kann sein wer er will. Wenn die Leute doch nur ein bischen mehr Mut (und Spaß) hätten! Ich finde Social Media eine tolle Chance…

  3. Die Kirche – manchmal auch wir selber – zwingt uns ein Leben in ständiger Demut auf. Die Sünde ist allgegenwärtig, die Suche nach Vergebung stets notwendig. Sie macht uns klein, anstatt uns zu unterstützen Großes zu tun. Wir sollten egozentrischer werden. Größer in unserem Denken und unseren Ideen.

    1. Das ist ja nicht mal ein Widerspruch. Jesus war (laut Bibel) ja selbst demütig. Und soll trotzdem große Dinge vollbracht haben. Ich stimme allerdings trotzdem zu, dass die Kirche (genau wie die Politik) uns gerne klein und unter Kontrolle halten möchte. Da muss jeder selbst entscheiden ob er sich anpasst oder rebelliert.

    2. Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren – So schlau wie JWG war bisher allerdings leider keine Regierung.

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