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Frühling in Florenz  —   Teil 1: Von Zuhause nach Zuhause

#1.8 Gemischte Gefühle, gemischter Salat

Nürnberg kannte ich nicht gut, aber ein bisschen. Statt Rundgangs füge ich hier meine Eindrücke vom 20. Februar 1984 ein. Damals wollte ich die Pianistin Martha Argerich abholen, um mit ihr zu Aufnahmen nach London zu fliegen: Ravel – mit Abbado und London Symphony Orchestra in den beatlesberühmten ‚Abbey Road Studios‘.

Der nächste Morgen war kühl und blassblau. Aus dem Hotelfenster sah ich dort unten den Bahnhof. Wenig verlockend. Na doch, zum Abreisen. Nein. Ich wollte diese Stadt sehen. Bisher dachte ich bei Nürnberg nur an Lebkuchen, Reichsparteitag und Kriegsverbrecherprozesse, aber vielleicht mochte da unten etwas in mir zum Klingen gebracht werden. Wurde auch!

Zunächst diese bodenlose Fußgängerzone. Fernab im Dunst über allem die Burg, aber darunter? Was ich sah, war verwechselbar. Diese grässlichen Wiederaufbauten der Fünfzigerjahre, in deren stumpfsinnige Fassaden ‚McDonalds‘ und ‚Kaufhof‘ ihre Zeichen eingebrannt hatten: mürrisches Betonvieh, das im Asphalt weidet. Und da begann eine zärtliche Traurigkeit in mir zu schwingen. Nicht Verachtung, sondern ein zutraulicher Schmerz. Ungeahnt, ungewollt wurden Holzschnitte der Dürerzeit und Kulissen zu den Meistersingern in mir lebendig, ich sah auf diese belanglose Ansammlung von Häusern, in denen man kaufen oder Kaffee trinken konnte und – mein Gott hier auf dieses Papier darf man’s ja schreiben – eine schmerzlose Verzweiflung darüber, was Menschen machen, kam über mich, schmerzlos deshalb, weil ich plötzlich zu suchen anfing, und Suchen löscht den Schmerz, Finden tut weh. Ich suchte in dieser Wüste aus Eternitplatten und Neonschriften nach Nürnberg, einer Stadt, die mir ganz egal ist, mit der mich nichts verbindet, ich suchte nach der Würde eines Ortes und seiner Menschen, die einmal etwas bedeutet hatten. In Korinth hatte ich mich über dumm rumstehende Säulen lustig gemacht, in Mykene die leere Landschaft missbilligend zur Kenntnis genommen – aber was fällt einem ein angesichts von Pommes-Buden und ‚Woolworth‘-Portalen?

Gotische Ruinen und weinende Frauen rühren, aber was bewirkt, fast vierzig Jahre nach der Zerstörung, diese austauschbare Gleichförmigkeit in mir? Komischerweise mehr als Achselzucken.

Ein Suchen nach der verlorenen Zeit, womöglich. Und dann komm’ ich an eine Brücke. Ich sehe den Strom entlang, ein altes Haus, eine neu hergerichtete Anlage, unter der das Wasser hindurchfließt, in der Ferne ein Turm, hätte ich die Kamera bei mir gehabt, hätte ich daraus etwas zaubern können. Ich gehe weiter, steige hinauf zur Burg, vorbei am wiederaufgebauten Rathaus und einer restaurierten Kirche, höher, höher, durch ein Tor, ich stehe in einem Innenhof – fort ist die Zeit: Ich bin allein, kein Tourist, kein Landsknecht ist um mich, hastig, wie ich esse und trinke, sauge ich den Blick in mich ein, auch hier fehlt mir die Kamera, denn hier könnte ich sogar einen Schwenk wagen. Ich trete an die Brüstung: Da im Dunst liegt es, Eckiges wird undeutbar, Beton zu ‚Mauerwerk‘ – Nürnberg: Türme und Hügel. Eine Stadt, mit der mich nichts verbindet. Ich hätte sie, von hier oben ohne Hoffart streicheln können, wegen all derer, die nichts – die nie etwas – dafür können. Wie deutsch, wie verstockt werden sie gewesen sein, die Bürger dieser Stadt, vermutlich ist ihnen auch noch ‚Recht‘ geschehen. Wenn man vor den Trümmern steht, weiß ich nicht, wie weit das noch zählt. Steht man vor dem Wiederaufbau, sieht man ihn von oben herab, ist man sprachlos. Ich ging hinunter, die Dürerstraße entlang, sah in einer Seitenstraße plötzlich Mittelalterliches, störend fast, ging in eine Kirche, die Renaissancefassaden verdeckt von erklärenden Postern zur Neu-Errichtung. Überhaupt scheint sich Nürnberg für Phoenix zu halten. Vielleicht hält sich die ganze Bundesrepublik dafür.

Ich war im Germanischen Museum. Unendlich viele Nazarener. Vieles, was ich von Reproduktionen in- und auswendig kannte, hängt hier, in Originalgröße.

Natürlich hat für mich alles Symbolcharakter, so auch das. Erleuchtet, allerdings etwas zeitknapp, verließ ich das Museum.

Martha Argerich erschien verblüffend pünktlich im Foyer, und wir fuhren zum Flugplatz. Da wollte sie unbedingt essen, obwohl wenig Zeit war.

Sie sagte ein paarmal, ich solle, wenn ich nervös sei, ruhig schon zum Schalter gehen, das wollte ich aber auch nicht, denn es bestand für mich absolut kein Sinn darin, allein in London aufzukreuzen.

Schon während sie die Speisekarte des Flugplatzrestaurants, das wir über endlose Laufbänder erreicht hatten, überflog, stieß sie mehrfach aus, als stünde das auf der Karte: „We have no time“, dann kam der Kellner und sie wiederholte sehr ruhig, ohne Anflug von Nervosität: „We have no time.“ Das konnte der Kellner aber nicht bringen, und so bestellte sie stattdessen einen gemischten Salat und Schinkenomelette.

Ich ließ sämtliche Vorsätze fallen und orderte einen Rotwein. Meinen Nerven war Mineralwasser nicht zuzumuten.

Im Gegensatz zu meinen versonnenen Eindrücken von 1984 waren Silke und Rafał durch Regen gelaufen, so dass ich mich dazu überreden konnte, sie nicht zu beneiden.

In Rafałs Beisein zog ich mich so an, wie es mir für das auserwählte Lokal angemessen erschien, und es blieb noch Zeit, unten in der Bar einen Martini-Cocktail zu bestellen. Bar und Martini sind für mich Synonyme. Der Drink kam mit zu viel Wermut und einer großen Knoblauch-Olive. Geschieht mir ganz recht. Warum trinke ich nicht fränkischen Schlehengeist oder noch besser: ‚Franken-Brunnen medium‘ mit giftgespritzter Zitrone? Dann kam Silke, sonst niemand. Waren wir die einzigen Hotelgäste? Rafał hatte inzwischen das Hackbrötchen ganz aufgegessen und fingerte in den Erdnüssen herum. Silke war für ihre Verhältnisse fast sportlich gekleidet; sie hatte sich die Lässigkeit durchgehen lassen, ihren Koffer für diesen einen Abend nicht ganz auszupacken.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die ‚Restauration Fischer‘ lag mitten in der Altstadt, war aber per Taxe, ohne Verbote zu missachten, erreichbar. Ich freute mich darüber, wie weit es war. Das hätte ich zu Fuß weder am Nachmittag noch jetzt geschafft. Von außen sah das Fachwerkhaus sehr ehrwürdig aus, wenn auch waltdisneyneu. Von innen war es bis auf Koch und Kellner leer. Wir grüßten beide höflich und ließen uns in den ersten Stock führen. Da war außer uns niemand. So blieb es auch. Das Essen war gut und teuer, eins von beidem muss wohl Gäste verschrecken.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Die Hotel-Lobby war wie schon gewohnt menschenlos. Kann man eine Stadt als ‚ausgestorben‘ bezeichnen, wenn noch das Personal da ist? Zombies? Werden wir ab morgen früh auch Zombies sein und uns von nun an allnächtlich auf nichtsahnende Touristen stürzen, um deren heißes Blut zu schlürfen? Nein. Rafał sah am Morgen aus wie immer, woraus ich schloss, dass ich wohl auch wie immer aussähe.

Foto: Andrey Kiselev/Adobe Stock

16 Kommentare zu “#1.8 Gemischte Gefühle, gemischter Salat

  1. Vor ein paar Tagen Praunheim, heute Argerich – wie man neudeutsch sagen würde: lief schon immer und läuft auch noch bei Ihnen!

  2. Martha Argerich ist nach wie vor eine meiner liebsten Interpret(inn)en! Täusche ich mich oder ist auch die klassische Musikszene ein wenig langweiliger und konservativer geworden?

    1. Das vermute ich auch, aber ich begleite diese Szene nicht mehr Anteil nehmnd und kann mir deshalb kein ausgewogenes Urteil erlauben: ein paar Stars, eine bemühte Gruppe Gutwilliger sehe ich. In meiner Kindheit war klassische Musik selbsverständlich in meinen Bürgerkreisen, heute ist sie Nische.

    1. Ach bitte nicht, der letzte Versuch einer deutschen Serie auf Netflix (wie hieß die gleich nochmal?) war doch ein eher nicht sonderlich erfolgreicher. Nur weil was hochwertig gefilmt, geschnitten und abgemischt ist, wird der Rest nicht automatisch besser.

  3. Nürnberg kommt ja nun nicht so gut weg. Ich war zweimal dort und hatte eigentlich immer eine recht angenehme Zeit. Geschmäcker sind aber natürlich verschieden.

  4. So menschenleer kenne ich sonst nur Görlitz. Da dachte ich auch sofort an eine Geisterstadt. Ich habe sogar gehört, dass man mittlerweile eine Prämie gezahlt bekommt, um dort in die Innenstadt zu ziehen.

    1. Görlitz kommt im übernächsten Block im Blog über Schlesien und Polen dran. Es war im Mai dort heiß und bemenscht. Nürnberg war grau – kein Weihnachtsmarkt mehr, noch kein Frühling. Solche Momentaufnamen verraten mehr über die Schreiber als über die Stadt.

    2. Verrät ein Brief, Buch, Gedicht, Blog, Tweet nicht immer mehr über den Schreiber als über das Geschriebene?! Ich bin gespannt auf Schlesien 🙂

    3. Und trotzdem stimmt auch irgendwie was Thomas Mann über den Leser dieser texte sagte: Wir finden in den Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor zum Genie erklären.

  5. Die Wüste Nürnberg lebt! Dort scheint der Wiederaufbau abgeschlossen zu sein. Und es gibt offenbar keinen Grund den Wiederaufbau des Wiederaufbaus noch weiter hinauszuzögern. So, wie man in Hamburg auch alles, was älter ist als 20 Jahre, und sei es noch so denkmalgeschützt oder baumbegrünt, wegreißt und durch hässlich kalte Betonklötze „verdichtet“. Noch’n Gedicht! Folglich titelt das Abendblatt heute „Hamburg war mal die schönste Stadt der Welt…“ Vielleicht war ja auch Nürnberg mal nicht so schlecht.

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