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1805
Frühling in Florenz  —   Teil 1: Von Zuhause nach Zuhause

#1.6 Im Hinterhof neben der Abfalltonne

Montag, 26. März: In dem Tempo kann ich unmöglich weitererzählen. Berlin ist doch eine fixe Stadt, zumindest eine Fixerstadt. Frühstück kostet im ‚Sofitel‘ 30 Euro. Ist mir ja egal, aber Silke und Rafał verzichteten ebenfalls. Für jemanden, der wie Silke zum Kaffee ein Croissant runterknautscht, ist das unangemessen; für Geschäftsleute, die vier Brötchen mit Graved-Lachs, Parmaschinken, Zimt-Wachholder-Konfitüre und Pyrenäenkäse essen, zwei Pampelmusen, eine Mango und eine halbe Ananas, einen Teller Knusper-Honig-Müsli, danach ein Stück Bananentorte und sich die Taschen voll mit Rührei und Bacon stopfen, um bis zum Nachmittagskeks durchzuhalten, geht der Preis natürlich in Ordnung.

Wir fuhren nochmal nach Mitte, mit dem eigenen Auto, um uns mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass die Linden durch den U-Bahn-Bau total verschandelt und die Arbeiten am Schloss nicht merklich fortgeschritten sind; trotzdem steht ja jetzt schon fest, dass Berlin ein altes Schloss schneller hinkriegt als einen modernen Flugplatz. Gefällt meiner konservativen Seite.

Bei ‚Wald‘ kauften wir Marzipan für Ostern und überhaupt. Meine kindliche Scheu vor Süßigkeiten ist einem gewissen Verlangen gewichen, besonders abends nach zehn. Dass ich nicht mehr wie früher Sodbrennen davon bekomme, bekommt meinem Leibesumfang prächtig.

Den Rest des Tages verbrachten wir im Wedding. Wenn Rafał uns den Weg durch all die orientalischen Passantinnen auf ihrem Weg zu ALDI freigekämpft hat, klappt er die Seitenspiegel ein, damit wir durch die enge Toreinfahrt passen. Im Hinterhof ist dann ein Platz neben der Abfalltonne für uns reserviert, damit wir den Wagen nicht in Reinickendorf abstellen und anschließend eine Stunde zu Fuß gehen müssen: Wenn man seine Autoschlüssel nicht dem ‚Sofitel‘-Portier übergeben kann, ist Parken in Berlin anstrengend. Dafür bekommt Rafałs Duzfreund zum Abschied übermorgen nochmal Trinkgeld im Wert eines halben Frühstücks.

Foto: Privatarchiv H. R.

In der Agentur bei Aleks und Shantu volles Programm: Blog, Buch, Film, Theater.

Zum anschließenden Abendessen im ‚Cassambalis‘ kamen neben meinen mehr privaten Betreuern Silke und Rafał auch meine mehr beruflichen Betreuer Tobi (rundum) und Karin (Lektorat) mit. Außer uns soll auch die Kanzlerin Stammgast sein. Sie ist uns aber weder mittags noch abends je störend oder bewundernswert aufgefallen.

Karin saß rechts neben mir. Ich habe eine eigenwillige, aber ziemlich bestimmende Vorstellung von Wortschöpfungen und Zeichensetzung. Karin dagegen kennt die Regeln sehr genau. So haben wir immer Gesprächsstoff. Links neben mir saß Birgit. Sie hatte mir erst kurz vorher aus einem Seminar heraus zugesagt. Birgit ist einfach so irrsinnig beschäftigt!

Kennen lernte ich Birgit 1966 durch meine Nachbarin Kathrin, die mit ihr gemeinsam eine Buchhändlerlehre absolvierte. Während Kathrin eher bodenständig war und es mit zunehmendem Alter als Rechtspflegerin noch mehr wurde, war Birgit immer schon flippig und politisch so rot wie ihre Haare, was in den mittleren Sechzigerjahren einen eigenwilligen Akzent am Wohnzimmertisch meiner Eltern setzte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Kathrins Mitschülerin an der Sacré-Coeur-Schule Gisela hatte damals über die vorige Generation die weitverbreitete Meinung: „Mit denen zu reden lohnt sich gar nicht!“ Ich dagegen habe erbittert, aber nie verbittert mit meinen Eltern und mit meinen Freunden um die Bewertung der Vergangenheit und die Ausrichtung der Zukunft gestritten, oft gleichzeitig mit beiden über beides. Diese Diskussionen fanden immer in meinem, nie in deren Elternhaus statt. Da ging es hoch her in unserem Wohnzimmer, bis Irene aufstand und Schnittchen brachte und Guntram aufstand und mehr Wein aus dem Keller holte.

Genetisch eingepflanzt und täglich vorgelebt bekommen habe ich von meinem Vater, dass man seine Meinung vertritt, aber dass man zuhört, beurteilt und einen Ausgleich findet. So ist er zu seinem Vermögen gekommen, von dem ich jetzt lebe. Meine Eltern waren einfach nicht schlimm genug und die Wertvorstellungen der 68er einfach zu unausgegoren. Und weil ich Franz Schubert mehr bewunderte als Mick Jagger, bin ich damals schon ein bisschen der gewesen, der ich heute noch bin: immer noch kindisch, aber noch nie naiv. Meinen Eltern gefiel ich ohnehin viel besser, als ich endlich – dem Sprachgebrauch nach – erwachsen war. Übertrieben kinderlieb waren sie nie, und so ist es sowohl für sie wie für die Ungeborenen ein Segen gewesen, dass es ihnen erspart geblieben ist, Großeltern zu werden.

Meine Jugendliebe Gisela, die erst so katholisch und dann so fortschrittlich war, brachte sich Anfang der Siebzigerjahre um, und mit Anette, ihrer älteren Schwester, rede ich manchmal darüber, wie es dazu kommen konnte. Anette glaubt, dass Gisela ihre Situation in der militant-linken Szene nach einem verfehlten Studium für nicht korrigierbar hielt, ich habe mich die ganzen Jahre über mit meinem ersten Gedanken angefreundet, dass Gisela, die so viel mutiger war als ich, von den Drogen, die sie immer gern ausprobierte, eine überhöhte Dosis erwischt hatte.

Fotos (2): H.R./Privatarchiv

Da war Birgit dann doch realitätszugewandter. Ich hatte sie längst aus den Augen verloren, als sie sich bei Kathrin, zu der mein Kontakt nie ganz abgerissen war, vor einigen Jahren wieder meldete. Inzwischen hatte Birgit geheiratet, sich scheiden lassen und zwei Söhne aufgezogen. Sie hält Seminare ab und berät Firmen. Ihre weiträumige Wohnung liegt in Moabit in einem komfortablen Neubau zwischen Tiergarten und Gefängnis, also sehr passend zu ihr.

Rafał musste sich am Anfang beim Birgit-Zuhören erst daran gewöhnen, dass jemand genauso viel genauso schnell sagen konnte wie er; inzwischen sind beide einander vertraut.

Rechts neben Silke saß Cuco, links Nikolaus. Er ist mecklenburgischer Pfarrerssohn und hatte sich und seiner Frau Heidi die Ausreise ertrotzt, ein paar Monate, bevor die Mauer fiel. Nikolaus hatte Grafik studiert und kam zu einer für mich schwer erträglichen Zeit als Art Director ins ‚Creative Services‘ der Deutschen Grammophon. Heute ist er einer der wenigen, mit dem ich noch Kontakt habe aus dieser Berufszeit, während derer ich all diejenigen meiner Talente, die mir unwichtig erschienen, einsetzen konnte. Er hat meine Texte und CD-Hüllen illustriert, und er gestaltet die Wiedererkennungsembleme meiner Filme. Neben ihm Tobi, gegenüber Rafał und dann wieder Karin. Sitzordnungen sind mindestens so wichtig wie die Speisefolge. Wenn sie nicht stimmen, nutzt das schönste Essen nichts.

Foto (2): Privatarchiv H. R.

Mein Vater hatte von seinem Offiziers-Vater gelernt: Wenn ein Pferd nicht richtig futtert, dann stellt man es zwischen zwei Gutfresser. Da saß ich zwischen Birgit und Karin durchaus richtig. Mit Cuco, Silke und Rafał teilte ich mir nach den Vorspeisen einen schönen, großen Fisch, frisch aus dem nahen Mittelmeer, da merkt keiner, wie wenig man isst, und Süßes hinterher rutscht sowieso immer. Klar, dass ich früher die Strecke zum Hotel gelaufen wäre, nur, dass ich noch lange nicht zum Hotel gegangen wäre, sondern quer durch die Nacht. Aber dann fand ich den Weg in der Taxe doch gar nicht soo kurz, und den Weg vom Fahrstuhl zu meinem Zimmer erst recht nicht.

1981 war alles noch so anders. Beginnen wir hier, an der Joachimsthaler Straße, und dann lassen wir uns ein paar Minuten lang durch die Vergangenheit treiben.

11 Kommentare zu “#1.6 Im Hinterhof neben der Abfalltonne

  1. Die ziemlich misslungenen Plänen zur Erbauung des neuen Stadtschlosses gehen wohl nur irgendwie durch, weil jeder auf den noch misslungeneren BER schaut. Typisch Berlin.

    1. Ich dachte mittlerweile spricht man eher vom Abrisstermin?! Ein kompletter Neubau wäre doch sicherlich sowohl schneller als auch kostengünstiger, nicht?!

    1. Ich halte es ausnahmsweise mit Lagerfeld. Ich bin eigentlich sehr bodenständig. Ich stehe bloss nicht auf dem Boden dieser Welt.

  2. Oh wow, das Cassambalis sieht toll aus. Frau Merkel muss ich beim Essen gar nicht unbedingt treffen, aber beim nächsten Berlinbesuch werde ich trotzdem gerne mal vorbeischauen 😉

    1. Machen Sie das, kann ich nämlich auch sehr empfehlen. Es gibt sicherlich billigere Italiener in Berlin, aber wer Wert auf gute Zutaten und wirklich leckeres Essen legt, ist hier richtig.

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