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Am Sonntag, dem 29. April fuhren wir also ab, ‚von Heim zu Heim‘, aber nicht wie geplant. Wir hatten alle übersehen, dass ich ausnahmsweise in meiner Liste 10:30 Uhr vorgesehen hatte, fuhren also wie üblich um zehn ab und waren auch prompt statt um halb zwei schon um eins in Nußdorf am Inn. Wer mehr über Nußdorf wissen will, als er bereits weiß, liest in meinem Blog unter Winterreisen (mit Sommern)‘, Teil 1: ‚Aufstiege leicht gemacht‘ im Beitrag #9 alles, was es über Nußdorf zu sagen gibt.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Dass wir so unvorhergesehen kamen, war von Vorteil. Hinter dem Brenner hatte das Wetter aufgehört, Südtiroler Trübsinn zu blasen. Die Sonne hatte uns durch das Inntal begleitet, oder eigentlich wir sie; sie ist ja ein Fixstern. In Deutschland war es sogar noch schöner. Die stramme Frau an der Schranke zwischen Österreich und Bayern hatte uns durchgewinkt, ohne meinen Ausweis sehen zu wollen; da hätte ich sie allerdings auch nach Florenz schicken müssen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Beim sonst so stillen ‚Schneiderwirt‘ saßen alle vor der Tür, und wenn ich ‚alle‘ schreibe, dann schließe ich neben den von mir zuvor nicht berücksichtigten Sonntäglern auch die Busladung ein, deren Gefährt Rafał das Parken unnötig erschwert hatte. Eigentlich verachte ich ja Menschen, die früh Mittag essen, weil ich sie für Frühaufsteher, also fantasielos oder für gierig halte, aber dem rüstigen Paar, das sich zum Weiterlaufen erhob, als wir kamen, gab ich ein ernst gemeintes ‚Grüß Gott‘ mit auf die Strecke – denn nun hatten wir einen herrlichen Tisch, mit Blick auf die blühende Kastanie und die wohlgelaunten Menschen, im Rücken nichts als die Gasthauswand. Ich bezwang die ganze Hälfte meiner Jungschweinportion, der Krautsalat schmeckte frisch und das Bier bayerisch, bildete ich mir ein. Wir waren zufrieden, und alles war lieb-gewohnt. Heimat?

Fotos (5): Privatarchiv H. R.

Mit 150 rund um München, mit 180 über die Donau. Mit der Dachbox mit meinem Rollstuhl, mit Vergnügen (Rafał: schön schnell), mit Argwohn (Silke: zu schnell), mit Gleichmut (ich: wenn Gott es will, fliegt der Rollstuhl halt unserem Hintermann vor die Windschutzscheibe, selbst, wenn er eine Frau ist).

Die raffinierte Mischung aus Altbekanntem und neuen Eindrücken ist mir wichtig, seit ich – so ab fünf – über eigene Erfahrungen zu verfügen begann: nochmal im selben Bett schlafen, aber eine neue Marmelade aufs Brötchen; nochmal mit demselben Partner schlafen, aber eine neue Stellung ausprobieren. In diesem Sinne war jetzt das Altmühltal dran. Seit den Sechzigerjahren hatte ich dieses ‚Altmühltal‘ auf der Autobahn überquert, oft im Stau wegen der heftigen Steigung, jetzt verließen wir die Autobahn bei Kinding und fuhren nach Beilngries, das als Name etwas fremdländisch, aber nicht islamistisch klingt. Heiligenbeil in Ostpreußen gibt es nicht mehr, es heißt jetzt Мамоново, also Mamonowo, und war auch früher keine Waffe, mit der Kreuzritter Moslems abschlachteten, sondern ein Hinweis: ‚Bila‘ ist das prußische Wort für ‚Sprache‘. Die wandelt sich ja ständig, jedenfalls seit es Denk- und Redemoden gibt. ‚Bilingriez‘ wurde am 1. November 1007 erstmals urkundlich erwähnt. Grundwort des Namens ist das althochdeutsche ‚grioz‘ = ‚Kies‘, ‚Sand‘, Bestimmungswort ist der Personenname ‚Bilo‘. Mehr muss man nicht wissen, wenn man die cafégesäumte Marktgasse des Ortes auf der Suche nach seinem Hotel entlangfährt.

Draußen war es warm, in Silkes Zimmer brütend heiß, meins hatte ein Fenster zur Mörtelwand und Rafałs einen Austritt über der Hauptstraße: So bekam jeder etwas anderes.

Foto: Zdenek Sasek/Shutterstock

18 Kommentare zu “#3.2 Sprache statt Waffe

    1. Sprache als Waffe kann allerdings langfristig auch recht unpazifistisch sein. Trump’s Kampf gegen die freie Presse oder seine Twitterattacken gegen Nordkorea’s Kim Jong Un z.B…

    2. Oh daran hätte ich nicht gedacht. Stimmt schon, in Zeiten von Twitter (und ziemlich fragwürdigen moralischen Standards) kann Sprache auch schnell große Konflikte auslösen.

  1. Oh Gott, die Photos von diesem Gasthof erinnern mich an ein paar meiner eigenen Reisen. Ich frage mich schon oft, wer ernsthaft auf die Idee kommt, dass Menschen in Ikeakatalog-Zimmern wohnen möchten.

    1. Ist auch nicht meins. Aber auch die Menschen, die selbst nicht so gut im organisieren sind bzw. gar nicht die Möglichkeiten haben, sollen doch etwas von der Welt sehen. Wenigstens im Touribus.

    2. Wissen tue ich es nicht, aber glauben möchte ich es: dass die bildungshungrigen Touristen im Bus über die Alpen mehr von Italien mitbekommen als die All-inklusive-Fliegen bei ihren Pool- Animateuren von der Türkei.

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