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Frühling in Florenz  —   Teil 1: Von Zuhause nach Zuhause

#1.4 Kultur im Beutel, Schwank in der Oper

Der pharmazeutische Weichzeichner hatte meine Magenpforte wie gewohnt entkrampft, und trotzdem war ich nicht ohne Drangsal, als ich mich an der zuvorkommend auf- und zugleitenden, lasergesteuerten Eingangstür des ‚Palace Hotels‘ von Chris Schmökel bis auf unbestimmte Zeit und von Harry bis zum Abend verabschiedet hatte: Der zwischen mittlerem und kleinem befindliche Zeh, der Ringzeh gewissermaßen, tat weh – harmlos, aber heftig. Harmlos insofern, als kein Gelenkschmerz auf einen Gichtanfall hindeutete, den ich zwar noch nie gehabt habe, mir deshalb also umso zügelloser ausmalen kann, heftig insofern, weil sich mein Fuß so anfühlte, als versuche ein verirrtes Küchenmesser, meinen Zeh wie eine Pellkartoffel zu behandeln.

Ich ließ deshalb den Plan fallen, weiter nach einer schwarzen Kordhose zu fahnden, und lief mit gespreizten Zehen den doch recht langen Kurfürstendamm entlang zum ‚Hotel Dittberner‘, das herzlich zu grüßen mir Chris Schmökel mit auf den beschwerlichen Weg gegeben hatte, weil es ihm, bevor er eine eigene Bleibe in Berlin gefunden hatte, sechs Wochen lang als Unterkunft gedient hatte.

Natürlich ließ es mein Schuhwerk gar nicht zu, meine Zehen so richtig zu spreizen, wobei es doch schön ist, dass man es schafft, bei nur einem einzigen Fuß die Zehen zu spreizen, so wie man auch, wenn man die eine Hand zum Schwur erhebt, die andere unten lassen kann, egal ob man einen Meineid begeht oder nicht. Atmen dagegen muss man, ohne es beeinflussen zu können, mit beiden Lungenflügeln, wenn man sie noch hat, auch nur mit einem Ohr zuzuhören, ist schwierig, und mit allen beiden Augen kann man doch nur in eine einzige Richtung blicken. Sehen Außenschieler mehr?

Mein ohnehin stets freundschaftlicher Kritik ausgesetzter Gang wurde durch den Spreizschritt natürlich nicht anmutiger; was mich aber mehr beschäftigte, war, dass offenbar während unseres Mittagessens Joop!, Versace, Yves Saint Laurent und Laura Ashley zahllose neue Geschäfte eröffnet hatten (die Parfümerie Douglas ließ sich nicht mehr steigern).

Jedenfalls war die Strecke bis zur Wielandstraße viel länger als auf dem Hinweg. Es hätte sich vielleicht angeboten, einen Bus zu nehmen, aber nicht mir, und von Ecke zu Ecke lohnte sich die Fahrt weniger. In einer Apotheke Pflaster zu kaufen, war auch nicht nötig – ich hatte schlauerweise eins in meinem Necessaire. (Ehrlich gesagt: Ich will bloß demonstrieren, dass ich weiß, wie man ‚Necessaire‘ schreibt. In Wirklichkeit hatte ich absolut gar nichts in einen Kulturbeutel gelegt, sondern einfach den denkbaren Lagerbestand eines Großhandelsunternehmens für Pharmazie und Kosmetik in eine Plastiktüte gestopft.)

Die ängstliche Vorsorge, alles eventuell Erforderliche stets in greifbarer Nähe zu halten, habe ich genetisch von meinem Vater ererbt und in der Umwelt von meiner Mutter täglich vorgeführt bekommen. Welcher Triumph, wenn man jemandem, der in Yucatán in einen Kaktus getreten und verzweifelt ist, eine Pinzette reichen kann! Welche Genugtuung, wenn man sich in Bagdad von der Sonne oder von den Ausschreitungen eine rote Nase geholt hat und mit tadellosem Gesicht zum Abendessen erscheinen kann, weil man eine Tube Beige dabei hat!

Welcher logistisch denkende Mensch würde ohne darmlähmende Kapseln in eine womöglich klolose Gegend aufbrechen? Das wäre ja, wie mit leerem Tank einen Wüstentrip anzutreten, bloß umgekehrt. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Wer das nicht tut, auch, aber oft sehr viel später. Denken lenkt ab. Also weiter solchen Unfug denken und laufen. Weiter! Immer weiter.

Voller Freude sah ich das Blut zwischen meinen Zehen, als ich mir – endlich im Hotel – die Strümpfe auszog. Es entzückt mich immer, wenn ich nicht übertrieben habe. Nachdem der Ringzeh verpflastert war, ließ ich in bewegten Bildern all das vor meinen Augen Revue passieren, was ich in den kommenden drei Stunden unternehmen könnte, dann schloss ich sie und schlief ein.

Foto: New Africa/Shutterstock

Im April 2018 gebe ich zu Protokoll: Chris und Harry hat es geschmeckt. Sie sind beide tot. Ich habe gewürgt und lebe noch. Schlussfolgerung: Wer das Leben genießt, darf sterben. Wer sich quält, muss weiteressen.

Foto links: Mathisa/Shutterstock | Foto rechts: Cello Armstrong/Adobe Stock

Dann zogen Rafał und ich mir gemeinsam etwas Hübsches an. In meinen vier Wänden liebe ich es verwahrlost; unter Menschen würde ich nie ohne Sakko gehen, obwohl die meisten Männer selbst auf Veranstaltungen bloß noch Pullover anhaben. Meine hundert Krawatten hängen seit Jahren ungenutzt im Schrank, aber Pullover – und ich habe sehr viele, sehr schöne – sind mir am Abend in der Öffentlichkeit einfach zu salopp. Da trage ich nicht nur Jacke, sondern Gesinnung. Zur Schau.

Cuco Wallraff war mein Regisseur gewesen, als ich mich 2009 mühte, die Touristen einer Mittelmeer-Kreuzfahrt mit einigen meiner Texte und Lieder (fremdgesungen) zu belustigen. Er brachte mir bei, eine endlos lange Treppe – ins Publikum redend – hinabzuschreiten, das Mikrofon wie eine Unfallnarbe an der Backe, und dabei weder auf die Stufen zu schielen noch runterzupurzeln. Wie man stilgerecht lang hinschlägt, wusste ich zwar von den Zeichnungen meines Freundes Harald, wollte diese Kenntnis aber möglichst nicht in die Realität umsetzen.

Cuco und ich saßen eine halbe Stunde in der Lobby zusammen, bevor Silke und Rafał zu uns stießen, ein paar Begrüßungsfloskeln redeten und sich und mich per Taxe zur Komischen Oper beförderten. Schon meine Eltern waren dort zu Felsenstein-Inszenierungen gewesen. Ostberlin. Die Anfahrt hatte sie eine Stunde Zeit und mehr als die Eintrittskarte gekostet.

Jetzt waren wir in zehn Minuten da. Den Unterschied genießt man nur, wenn man ihn kennt. Wie soll jemand, der nie Asphalt gesehen hat, einen Garten schätzen? Digital sehen wir heute alles. Reicht das? Vielleicht, wenn die ‚Virtual Reality‘ uns erst voll im Griff hat.

Eigentlich hatte ich ‚Anatevka‘ sehen wollen, weil ich darüber viel Gutes gehört hatte, aber es gab am Sonntagabend nun mal ‚Die Perlen der Cleopatra‘, und dann gingen wir eben da rein.

Das Stück, Text wie Musik, ist an Unerheblichkeit nicht zu überbieten. Überflüssiger geht nicht. Nicht mal die Albernheiten sind albern. Aber die Ideen der Regie sind drollig, die Inszenierung ist ‚camp‘, wir hatten unseren Spaß, und das wirklich nicht mondäne Publikum klatschte im ausverkauften Haus auch so selbstverständlich, wie vor fünfzig Jahren bei ‚Charleys Tante‘.

Foto: Mia Stendal/Shutterstock

13 Kommentare zu “#1.4 Kultur im Beutel, Schwank in der Oper

    1. Das Geheimnis des „Nécessaires“ ist ja, dass da in der Regel aber auch wirklich gar nix drin ist, was tatsächlich nécessaire wäre.

    2. Also Herr Herdesheim, ich bitte doch sehr! Wenn Sie wirklich behaupten, dass meine Faltencreme nicht notwendig ist, würde ich mich sehr wundern 😂

  1. Der beste Reisebegleiter ist immer eine gute Mischung an darmlähmenden und darmleerenden Kapseln. Für alle Situationen vorbereitet.

  2. Menschen die „Gesinnung tragen“ gibt es leider viel zu wenige. Und da ist mir sogar egal ob diejenige Person gerade Sakko oder Pullover trägt.

    1. Das stimmt wohl leider. Eine eigene Meinung trauen sich nicht unbedingt viele Menschen zu. Ein bischen mehr Mut (vor allem außerhalb der sozialen Medien-Massen) könnte nicht schaden.

  3. Vielleicht bin ich zu voreilig, aber die „Perlen der Cleopatra“ sehen den Fotos nach zu urteilen nicht unbedingt nach einer Sternstunde der Bühnenkunst aus. Aber wann sind Operetten nicht voller Unerheblichkeiten?!

    1. Da wäre dann wohl die entscheidende Frage, ob Unterhaltung generell unerheblich ist. Darüber kann man streiten. Meine Antwort ist ein klares: Nein, ist sie nicht!

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