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0606
Frühling in Florenz  —   Teil 2: Zwischensaison

#2.5 Den Kopf unter dem Arm

Ja, nun kommt er, der Frühling in Florenz: Wir fuhren eine Dreiviertelstunde durch Landschaft; selbst die Akazien, immer die Letzten, wurden allmählich grün. Hin und wieder ein Obstbaum am Straßenrand neben Agaven, überwiegend Oliven, Pinien und Zypressen, aber auch Laubwälder und einzelne Häuser, ziegelgedeckt mit flachen Giebeln.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zunächst fuhren wir zur Piazzale Michelangelo, da konnten wir Florenz wieder liegen sehen, dieses Mal von der anderen Seite und etwas näher als von Fiesole aus. Rafał besichtigte die Kathedrale San Miniato al Monte auch von innen. Er ließ also nicht nur die mit weißem Carrara-Marmor und dunkelgrünem Serpentin aus Prato verkleidete Fassade auf sich einwirken, sondern bewunderte auch die dreischiffige Basilika mit halbrunder Apsis. Sie wurde vermutlich in der gleichen Zeit wie das Baptisterium San Giovanni erbaut und ist ein typisches Werk des Inkrustationsstils. Dass der Bau der heutigen Kirche 1013 von Bischof Alibrando begonnen wurde, ahnte Rafał wohl nicht und auch nicht, dass Minias im Jahre 250 am Arno enthauptet wurde und mit dem Kopf unter dem Arm den Hügel hinauflief. Angeblich. Silke, Carsten und ich, wir begnügten uns gleich mit der Außenansicht. Ich war ja schon überall drin und sehe mir jetzt alles von oben, von außen, mit Abstand an, was ich früher erobern, besitzen oder begreifen wollte.

Fotos (8): Privatarchiv H. R.

Dass unten in Florenz nicht gut Parken sein würde, war uns schon vorher klar, es war aber auch nicht gut Laufen. Ich bestand auf meinem Rollstuhl, wozu hat man ihn denn! Auch wenn es mühsam war, ihn aus der Dachbox zu bugsieren. Carsten schob mich, Silke die noch etwas niedrigere und stets fresslüsterne Sally, und Rafał fahndete nach einem Stellplatz, von dem der Wagen nicht abgeschleppt würde. Alles nicht so einfach. Ich versuchte, ein glückliches Gesicht zu machen, damit die unzähligen Chinesen denken sollten, es ginge mir gut. Na ja, das stimmte ja auch bis zu einem gewissen Grade, aber so viele lernbegierige Asiaten hatte ich um diese Jahreszeit nicht erwartet, oder höchstens in 北京, also Peking.

Koreaner, Japaner, Reiseführer mit Schirm, sogar europäische Touristen und, dem Klang der Stimmen nach, Nordamerikaner. Auch viele Schwarze, die wollten aber nicht besichtigen, sondern blödsinnigen Krempel verkaufen, wobei sie so aufdringlich vorgingen, dass man deren kranke Mutter in Eritrea vergaß und bloß noch weiterwollte. Passend zu diesem Trubel befand sich auf der Piazza della Repubblica ein Karussell, ansonsten nur Absperrungen, aufgerissener Asphalt und Rohrverlegungen. Jahrmarkt mit Baustelle, das ist Florenz heute.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Das ‚Caffè Gilli‘ gab es wenigstens noch, seit 1733. Es hatte sich allerdings seit meinem vorigen Aufenthalt einen unkleidsamen Glasvorbau zugelegt, in dem viele Gäste bei jedem Wetter beköstigt werden können. Wir setzten uns an die Hauswand unter den Rest Markise, und ich fand mich altmodisch, weil früher alles viel schöner gewesen war: distinguierter, eleganter, gelassener. Ja, der allgemeine Wohlstand hat seinen Preis, und den zahlen die, die sich zu undemokratischeren Zeiten finanziell schon das erlauben konnten, was sich heute alle leisten und es dadurch wertlos machen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Rafał gesellte sich zu uns. Mit zwei funktionierenden Handys ist es ja heute kein Problem mehr, aufeinander zuzugehen. Das war früher mühsamer. Alles war früher mühsamer: Waschen, Kochen, Reisen. Parkplatzfinden nicht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Rafał schob mich die gängige Strecke. Er, Silke und Carsten gingen sie eigenfüßig: Baptisterium, rund um den Dom, Piazza della Signoria, vorbei an David und Uffizien zum Ponte Vecchio und am anderen Arnoufer bis zum Palazzo Pitti.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Das Restaurant, in das ich wieder gehen wollte, fand ich einfach nicht mehr. Nach ergebnislosem Suchen wählten wir nicht mehr lange, sondern nahmen das, was am Wegesrand lag: ‚Signorvino‘; kannte Silke aus Meran. Gibt es auch in Affi, Mailand, Verona und Bolognia. Besser Kette als Fleischvergiftung – ein ziemlich niedriger Anspruch. Aber – das Ambiente war zwar nicht alt-fiorentinisch, doch wir hatten den Blick auf den Ponte Vecchio und den Corridoio Vasariano auf der anderen Arnoseite. Die asiatischen Kellner waren freundlich, die jungen US-Bürger waren laut und das Essen war gut: Parmaschinken nicht zu salzig und fettlos, Gorgonzola nicht schon zu seifig, aber bereits cremig. Mehr brauchte ich nicht. Rafał aß gar nichts. Solche Menschenmengen erschöpfen ihn, was seltsam ist, denn seine Kontaktfreudigkeit ist nicht zu übertreffen.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Wir mussten zurück auf die andere Arnoseite und am Fluss entlang stadtauswärts. Nach meiner ‚Grammophon‘-Karriere hatte ich als eine von vielen Möglichkeiten erwogen, eine Wohnung am Arnoufer zu nehmen, um fließend Italienisch zu lernen und den Florentinern beizubringen, was ein guter Liebhaber ist. Hat nicht geklappt. Vielleicht besser so. Vielleicht, vielleicht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

16 Kommentare zu “#2.5 Den Kopf unter dem Arm

  1. Wie auf dem Jahrmarkt – so geht es einem in Florenz, Verona, Rom und all den anderen wunderschönen Orten. Warum haben da auf einmal alle Geschmack? Sollen die Touristenmassen doch nach Halle and der Saale, Houston oder Charleroi pilgern :/

    1. Da verstehe ich den armen Rafal aber auch. Diese Menschenmengen können einen wirklich wahnsinnig machen. Der Appetit ist mir bisher allerdings selten vergangen.

  2. Oh es gibt sicher schlimmeres als eine Wohnung gleich am Ufer in Florenz. Da hält man auch die asiatischen und amerikanischen Touristen leichter aus.

  3. So sehr ich das ständige „Auf’s-Handy-Schauen“ hasse, in einer fremden Stadt erleichtert es die Orientierung und das Vermeiden von Touristenfallen doch sehr.

    1. Aber mal im Ernst…Hatte man früher einfach mehr Zeit? Waren die Menschen um einen herum hilfsbereiter? Ich weiss wirklich nicht, ob ich mich ohne mein Handy auf Geschäftsreisen so schnell wie nötig zurecht finden würde.

    2. So hilfreich so ein Mobiltelefon ist, man verdummt schon ein auch wenig wenn man sein eigenes Gehirn so gar nicht mehr benutzen muss. Gar nicht sarkastisch gemeint. Eher aus eigener Erfahrung.

    1. Eine Sekunde, nachdem Rafal das Foto gemacht hatte, wurde er rausgeschmissen. Hätte die Angestellte gewusst, dass das Bild für meinen Blog bestimmt ist, hätte sie ihm bestimmt einen doppelten Grappa spendiert.

  4. Oh das italienische Essen! Gorgonzola, Parmaschinken, hausgemachte Pasta und und und…! Ich freu mich schon auf meinen nächsten Besuch 🙂

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