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2005
Frühling in Florenz  —   Teil 1: Von Zuhause nach Zuhause

#1.7 Die Drei von der Tankstelle

Dienstag, 27. März: vormittags Treffen mit Rosa von Praunheim. Nachmittags nochmal A&S. Abends mit Freunden ‚Sale e Tabacchi‘: So geht kurz!

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Mittwoch, 28. März: Das Wetter war schlecht, die Stimmung also gut. Bei miesem Wetter reist man gern ab. Die richtige Abfahrt am Funkturm zu verpassen ist einfach. Gelingt uns eigentlich immer. Wenn man der Navistimme gehorcht, fährt man verkehrt, tut man es nicht, auch. Wir schafften es zumindest, ein Stück parallel neben der Avus herzugleiten, ganz ohne Gegenverkehr, immer noch so ruhig zwischen Kiefern und Büschen wie damals, als ich dort vor 67 Jahren das Radfahren gelernt habe. Erst hatte ich ein Kinderrad, dann ein großes, erst fuhr ich furchtsam, dann freihändig. Bis Anfang zwanzig benutzte ich täglich mein Rad.

In Hamburg sowieso und in allen großen Städten zwischen Tokio und New York kenne ich auch die U-Bahnen mehr oder weniger gut. Jetzt fahre ich lieber Mercedes oder Rollstuhl.

Wir kamen am Bahnhof Grunewald vorbei, damals mein Bahnhof in die Welt. Die Stationen bis Friedrichstraße weiß ich immer noch auswendig. Durch den Regen ging es durch meine Kindheit: über die Fontanestraße zum Hagenplatz und dann die Koenigsallee entlang nach Dahlem; so vertraut, so unverändert und so nass mit kahlen Bäumen. Der Abschied fiel leicht, aber es war doch hübsch, das alles nochmal gesehen zu haben.

Nun wurde es erwartungsgemäß ziemlich langweilig. Silke nutze die Zeit für ihren Vormittagsschlaf. Dass sie wach war, merkte ich immer daran, dass sie von hinten halblaut erinnerte: „Hier ist 120!“ Oder 90 oder 60. Dann machte Rafał etwas unwillig: „Jaaa …“, und ich versuchte abzuschätzen, wie viel zu schnell Rafał wohl fuhr. Silke konnte den Tacho von hinten sehen, ich von der Seite nicht. „Ich kleb’ den zu!“, sagt Rafał manchmal unwillig. Silkes Ermahnungen mag ich nicht sehr, aber wenn Rafał den Führerschein verlöre, würde das mein Leben auch nicht lustiger machen, so dass ich Silke bisweilen schulmeisterlich beipflichtete: „Wir haben es nicht eilig.“

So kamen wir an den Punkt, an dem der Tank ziemlich leer war und Rafał auch. An der nächsten Tankstelle ordnete Rafał sich nicht rechtzeitig ein. Ich sah das und freute mich. Ich unterbreche nicht gern, besonders dann nicht, wenn damit kein bleibendes Erlebnis zu verbinden ist.

Rafał war verdrossen. „Wir können überall halten, wo du willst“, sagte ich, und weil der Motor recht laut war, klang meine Stimme nicht ganz so verlogen. „Jetzt fahr’ ich durch!“, verkündete Rafał. Es hörte sich aber nicht munter, sondern in der Mitte zwischen erschöpft und wütend an. Schon wegen des Benzins war sein Entschluss nicht durchführbar. Knapp vor der unsichtbaren Grenze zu Franken dirigierte ich Rafał von der Autobahn.

Foto links: Dejanns/Shutterstock | Grafik rechts: markus_marb/Adobe Stock

Eine Zapfanlage war rasch gefunden, und während sich Rafał um das Auffüllen seines Tanks kümmerte, kümmerte ich mich um die Entleerung meiner Blase. Die Toiletten lagen etwas abseits im ersten Stock, kosteten dafür aber keinen Eintritt wie an der Piste. Als ich wieder vor die Tür trat, war das Auto weg, meine Begleiter auch. Mir fiel gleich der schöne italienische Film ‚Brot und Tulpen‘ ein. Da lässt eine Familie die Mutter aus Versehen an der Tankstelle zurück. Sie erlebt viele Abenteuer und bleibt schließlich lieber fröhlich in Venedig als frustriert bei ihrer doofen Familie. Ich bin aber keine Mutter.

Stattdessen ging ich durch die Seitentür in einen Laden mit Kaffeeausschank und sah dort einige Menschen, aber nicht die richtigen. Es gibt auch diesen holländischen Film ‚Spurlos‘. Eine Frau verschwindet an der Tankstelle. Sie wird lebendig begraben. Ihr Mann stellt Nachforschungen an, und der Film endet damit, dass er auch lebendig begraben wird.

Ich ging wieder durch die erste Tür und sah Silke. Sie war vorwurfsvoll bis empört: „Rafał sucht dich überall!“ Überall, überall. Bin ich unsichtbar? Habe ich mich versteckt? „Ihr habt doch gesehen, dass ich zum Klo gegangen bin!“ – „Nein.“ „Kann man hier etwas essen?“ – „Nein.“ – „Warum nicht? Da ist doch was.“ – „Ich hab’ versucht reinzugehen. Da ist ein solcher Gestank. Unmöglich. Ich musste sofort wieder raus.“

Rafał kam zurück. „Da bist du ja. Essen wir was?“ „Geht nicht“, sagte Silke, „hier nicht. Das stinkt da soo …“, sie kam gar nicht weiter vor Abscheu.

Rafał und ich, wir wollten uns selbst überzeugen. Es roch tatsächlich nach Fleisch und Sauerkraut. „Silke war noch nie in einer Kantine“, erklärte ich Rafał. Ich nahm selbstverständlich Thüringer Mett und freute mich darüber, dass es auch hier ‚Hackepeter‘ hieß. Es schmeckte ganz herrlich. Wirkt es geschwätzig, wenn ich erwähne, dass die Bezeichnung ‚Hackepeter‘ zum ersten Mal im Berliner Gasthof ‚Martin‘ in der Landsberger Straße im Jahr 1903 verwendet worden sein soll? Ich hätte gedacht, der Name stammt mindestens aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die Juden essen es übrigens als Hackepinkas und nehmen lieber Gans als Schwein. Rafał verputzte eine Thüringer Rostbratwurst. Ein paar Kilometer weiter hätte er nur noch die kleinen Nürnberger bekommen. Das mit den Juden war ein Scherz, okay? Könnten auch Moslems sein. Am Schnellimbiss sind alle gleich.

Wenn meine Mutter früher mit mir ‚in die Stadt‘ fuhr, bekam ich neue Schuhe von ‚Salamander‘ oder neue Hosen bei ‚C&A‘. Danach gingen wir an den Würstchenstand. Wiener waren schön, aber wenn es Thüringer gab, war das noch besser. Die geriffelte Pappschale mit dem Klacks Senf, in Berlin Mostrich, das etwas zähe Brötchen. Ein Schmaus! Nie wären wir in ein Café gegangen, nie hätte mir meine Mutter, wie ihre Schwiegermutter das tat, einen Eisbecher angedient. Mit Sahne und Dosenobst! Furchtbar. Aber am Wurststand zu stehen, das war damals für mich die Erfahrung von Großstadtleben. Heute ist ja alles ‚Starbucks‘ und ‚Burger King‘, aber damals war so ein Würstchenstand die Krönung. Noch mit zwanzig, als ich schon für mein Kochen gelobt wurde, erklärte ich: „Lieber als ein Feinschmeckerlokal an der Alster hätte ich eine Würstchenbude am Hauptbahnhof. Mit dem Geld, das ich da verdiene, kann ich jeden Abend im ‚Ritz‘ speisen.“

Ich versuchte, nicht ganz so missionarisch zu berichten, dass mein Hackepeter ausgesprochen köstlich gewesen sei, wie mir Silkes Behauptung klang, dass ein Spaziergang wirklich so gut täte wie kein Mittagessen. Also, an der Tankstelle bin ich normalerweise auf beides nicht besonders scharf.

Aber – wir waren alle drei ausgeruht, höchstens ich etwas müde vom Bier, und Rafał durfte mit 200 Sachen unbeschwert über die Autobahn rasen, ohne dass Silke ihn wegen Geschwindigkeitsübertretungen ermahnen konnte.

So erreichten wir Nürnberg, unser Etappenziel. Nach dem alljährlichen Iphofen, nach Würzburg und Bamberg, war nun endlich die fränkische Hauptstadt dran. Sie regnete uns freundlich entgegen und war sehr hässlich. Das kann man von London, Paris und Rom genauso gut sagen. Wer nicht mit dem Hubschrauber auf dem Trafalgar Square, auf der Place de la Concorde oder auf der Piazza di Spagnia landet, dem blüht da während seiner Einfahrt auch keine appetitanregende Kulisse.

Foto oben links: tomcarpenter/Adobe Stock | Foto oben rechts: Marine26/Adobe Stock | Foto unten: sborisov/Adobe Stock

Als wir vor der Ampel an Nürnbergs Hauptbahnhof hielten, dort, wo in jeder Stadt die schlimmste Gegend ist, erschreckte uns das Display mit dem Hinweis, dass wir nun gleich am Ziel seien. Man weiß ja, dass auf Fotos im Internet alles viel toller aussieht als vor Ort, aber man fällt immer wieder drauf rein.

Linker Hand die Gleise, drum rum Schrottgebäude; na ja, das ‚Sheraton Carlton‘ selbst sah von außen ganz passabel aus. Drinnen war es extrem ruhig. Zum Glück standen ein paar Angestellte an der Rezeption und hießen uns und meine Kreditkarte willkommen. Wir gingen auf unsere Zimmer, ohne jemandem zu begegnen.

Mein Raum war völlig in Ordnung. Groß, bequem, unpersönlich. Mit prall gefüllter Minibar. Ich lud ein: Rafał griff sich ein Whiskychen und reichte mir ein Wodkalein rüber. Silke wartete in ihrem Zimmer auf Vorschläge. Ich sah aus dem Fenster: Schienen hinter einem Parkplatz. Silke und Rafał sollten sich ruhig die Altstadt angucken. Ich warf mich aufs breite Bett und wollte, ‚Spiegel‘ lesend, den Zimmerpreis ein wenig abwohnen. Mein reichliches Mittagsmahl hatte ich nicht vollständig vertilgen können. Rafał hatte sparsamerweise das zweite Brötchen auch gebuttert und mit dem üppigen Rest Hackepeter bestrichen. Jetzt holte er es aus seiner Tasche und aß die Hälfte zu ‚Johnny Walker‘. Die andere Hälfte blieb für später. Silke und Rafał gingen auf City-Tour. Ich blieb für später.

Fotos (3): H.R./Privatarchiv

15 Kommentare zu “#1.7 Die Drei von der Tankstelle

  1. Oh wer es schafft ein Treffen mit Rosa von Praunheim im Nebensatz abzuarbeiten, hat definitiv viel zu erzählen. Immer wieder spannend, Ihre Ein- und Ausblicke.

    1. Dass dem Treffen nicht mindestens ein kompletter Artikel gewidmet ist, wundert mich allerdings auch. Aber wer das Erwartbare sucht, liest auch nicht Rinke.

    2. Ich frage mich wessen Leben bei dem Gespräch im Mittelpunkt stand. Sie machen mich neugierig. Vielleicht in einem kommenden Artikel? Rosa Rinke bitte!

  2. Ich steuere auch heute noch lieber die Bratwurstbude als den nächsten überfüllten McDonald‘s oder KFC an. Eine richtig gute Thüringer oder Krakauer ist schon was feines. Zwischen Fast und Junk Food gibt es eben doch einen Unterschied.

  3. An „Spurlos“ erinnere ich mich noch gut! Was für ein schlimmer (also natürlich ein guter, aber schwer zu ertragender) Film!

  4. Ich bin ziemlich oft in diesen großen, sauberen, unpersönlichen Hotelräumen unterwegs. Eine ordentlich gefüllte Minibar macht es einem zumindest kurzzeitig ein bischen angenehmer.

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