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Wir stiegen ins Auto und fuhren weg. Die vielen Touristen, die beschränkten Möglichkeiten. Frühling in Florenz? Flucht aus Florenz. Nicht mal das pompöse Essen, das ich mir in Florenz vorgestellt hatte, hatte stattgefunden. Fluch auf Florenz. Dafür aßen wir am Abend in unserem Hotel ausgezeichnetes Bistecca fiorentina, schön ‚rare‘, wie es sich gehört:

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Was am Knochen nicht blutig ist, ist außen ungenießbar durchgegrillt. Klar, das gilt auch fürs Leben. Kennt man ja von mir nicht anders. Und so füge ich von meinen unzähligen Florenzbesuchen hier mal den vom Sommer 1993 ein. Er stammt wie üblich aus einem längeren Brief und kommt noch immer direkt vom Grill, wer also Angst davor hat, sich zu verbrennen, der liest das Kursive, das jetzt folgt, besser nicht.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ist das Glück? In Florenz sein, nicht satt sein, im Spiegel gegenüber sehen, dass man so aussieht, dass sich hinzugucken lohnt, wissen, dass das ‚Crisco‘ geöffnet hat, dass Sonnabend ist, wo sich hinzugehen lohnt, dass Paolo – blendende Organisation – im Laufe des Nachmittags aus Rom anreisen wird: Eine Garantie ohne Verpflichtung, das ‚Crisco‘ mag sein, wie es will, selbst wenn es so sein würde, wie ich es nicht will. Gestern war noch die Angst, das ‚Crisco‘ könnte renoviert werden, Ferien machen, von der Polizei oder dem Eigentümer geschlossen worden sein, und so hab ich, immer munter auf Giuseppe einplaudernd, auf dem Weg dorthin gestern Abend, nur so für alle Fälle, ein bisschen versucht, Haltung zu üben, ein bisschen nicht zusammenzubrechen, falls die ohnehin versteckte Tür zugeblieben wäre und ich mit Giuseppe, meiner ausgehungerten Einsamkeit, dem blass-bunten Dom und dieser nicht besonders menschenvollen Touristenstadt allein geblieben wäre.

Die in Verzweiflung spielende Enttäuschung, die mich gepackt hätte, hätte natürlich in keinem Verhältnis gestanden zur Banalität des Ortes, an dem mittelmäßig fabrizierte Pornovideos laufen und Männer hin und her gehen, die vielleicht, wie ich, etwas suchen, das sie nicht finden wollen oder doch nur, wie ich, einen Schwanz in der Hand oder im Mund haben wollen, oder den eigenen Schwanz, die eigene Hand an oder in einem Arschloch, als Entschädigung für die vielen langen Nächte, in denen wir unserer Fantasie ausgeliefert waren, und als Fettpolster für all die kommenden Nächte, in denen die Knochen wieder am Laken scheuern werden: exzessive Nähe hamstern, Vorrat für die geleugnete Unstillbarkeit. Also, so seh ich das. Die anderen wollen bloß abspritzen oder bloß rumstehen und sich vormachen, dass sie auf etwas Nicht-näher-zu-Bezeichnendes warten. Wenn sie nachdächten, wäre es wohl ein junger Mann, genauer – und viel ungenauer – gesagt: sein Körper – oder sein Lächeln oder der Erfolg, bei ihm oder im Leben etwas zu bewirken, oder der Tod oder die Chance, dass es nach dem Tod eine Chance gibt für Antworten, deren nur vorübergehende Gültigkeit nicht stört oder deren Endgültigkeit nicht mutlos macht. Lächerlich dabei, dass dieser Körper zu einer Person gehören soll, die ein fesselndes Gesicht und lange Beine hat.

Die Abstraktion des „Glory Holes“, wo man in der Kabine wirklich nur das Symbol, das fleischgewordene, durchs Wandloch steckt, das dann betastet, beleckt oder gar eingeführt werden kann (weiß ich nicht), hat etwas Folgerichtiges. Ich hab das nie erlebt. Wär auch nichts für mich. Ich habe Sex mit Gesichtern, nicht mit Körpern. Aber dann, inzwischen vielleicht einmalig in der – zumindest meiner – Welt: Wohin du greifst – Mann. Lass dich fallen und es wird ein Sack, ein Schwanz, ein Arsch sein oder ein Knie, ein Schuh mit einem Fuß drin, tauch auf, und es wird ein T-Shirt sein, eine behaarte Brust, eine glatte, knappe Brustwarze, eine Achselhöhle, die klebrig dampft wie ein erregter Schoß, reck den Kopf und du hast rauhe Kinne, eckige Backenknochen, schüchterne Lippenbärte, auch wildes Gestrüpp oder weiche Nacktheit, manchmal eine Nase, an der du deine, wie besessen, grundlos hin und her reibst, Lippen, spürbar Lippen, und eine Lunge, deren zuckende Wendigkeit die plumpe Starre des Dings da unten lächerlich macht – wenn nicht diese ziellos rotierende Zunge das Lächerliche ist und die Unabdingbarkeit der aufgereckten Forderung in den Niederungen den wahren Ernst verkörpert. Wüster noch – die Erektion im Kopf bei schlaffem Glied, geiler irgendwie, perverser. Die Anonymität ist die einzige Garantie für – ja was? Allgemeingültigkeit? Das Absolute? Losgelöstheit zumindest? Heimlich mal im Dunkeln wohin fassen dürfen, wo man’s sich sonst nicht traut? Wohl auch. Aber manchmal spürt man auch: Vieh sein, aus Trotz oder nur so, ganz unanalysiert, nur Vieh, Vieh, Vieh und drauf scheißen auf das zum Edlen Verdammtsein, sich diese Art von Scheiße durchs Gesicht schmieren und lustvoll beobachten, wie das Abendkleid der Empfindsamkeit Flecken bekommt. Ein Gewöhnungsprozess: Die ersten Flecken sind noch unauffällig, in einer Falte verborgen, oder man hält die Hand drauf, und diese Verlogenheit macht reif für die nächsten Flecken, die fetten, die einen vollends zur Sau machen, mehr noch!, immer feste!, erst will man ja nur besudelt werden, weil man da den Dreck besser vom Stoff unterscheiden kann, aber dann braucht es doch Jauchekübel, wenn’s trocknet, gibt’s ’ne tolle Kruste und – das weiß man aus der Kochkunst – darunter ist alles zart, fast roh. Na ja, irgendwie ist der Dreck dann doch lästig, man zieht den Fetzen aus, duscht, nimmt die Kutte und geht ins Kloster. Das Kloster ist ein gutes Buch oder neun Stunden Schlaf oder ein Weinkrampf bei einem Freund, der Ehrlichkeit mag – jeder trägt sein Kloster, wo er’s hat.

Dieses katholische Bedürfnis nach Heiligkeit! Müssen die Verfechter ewiger Werte naiv sein? Ist die Alternative Zynismus? Verkünden, was man nicht glaubt? Oder, dööfer noch, Borniertheit – zu abgebrüht, um naiv zu sein, zu blöd zum Zynismus, und trotzdem verkünden.

Guntram und Irene haben da eine für sie lebbare Einstellung gewonnen. Zynisch-naiv, irgendwie.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Guntram interessiert sich für Tennis und die Nachrichten als Information pur, sonst ist ihm alles egal, aber er möchte gerne leben, so lange es ihm Spaß macht, wobei ihm klar ist, dass das Leben aus einer Anhäufung von Lästigkeiten besteht, vor denen er sich gruselt, aber die er im Nachhinein genießt. Irene dagegen sehnt sich nach Harmonie; die Welt, sofern sie nichts als Gesprächsstoff hergibt, ist auch ihr völlig egal: einerlei. Im Gegensatz zu Guntram hat sie eine – modisch orientierte – Neugier auf Menschen und tastet deshalb durchaus deren Textilien und Meinungen ab, wobei ihre Richtschnur das ist, was sie für ‚guten Geschmack‘ hält, und genau das ist auch ihre Moral. Ihre Güte besteht darin, den ‚primitiveren Geschöpfen‘ die Werte nahezulegen (notfalls mit Gewalt), die ihr selbst – eigentlich glücklicherweise – abhanden gekommen sind.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Ihre Unengagiertheit bei fester Meinung eint die beiden, und ihr Bedürfnis nach Zerstreuung unterhalb der Augenbrauen und oberhalb der Gürtellinie auch, wobei sie nach oben und er nach unten kompromissbereit wäre. Er braucht Erfolg, sie Anerkennung, dafür und dadurch halten sie sich jung. Bei ihm müssen die Argumente – immer freundlich verpackt – sitzen, bei ihr die Frisur. Bestätigung ist ein Lebenselixier, ein Wert an sich, fast egal, von wem sie kommt. Er ist verträglich, um seine Ruhe zu haben, sie wird unverträglich, wenn ihr Anspruch auf einen bevorzugten Platz in der Sitzordnung des Lebens verletzt wird.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

All das ist verschmolzen zu einem bedingungslosen Zusammengehörigkeitsgefühl, genannt Liebe, beide sind mit Recht stolz auf ihre Nachsicht gegenüber den Schwächen des anderen, wobei diese „Schwächen“ nicht als objektive Charaktermängel zu sehen sind, sondern als Beeinträchtigungen, die den eigenen Tagesablauf stören. Aber darüber lachen sie auch, miteinander, nicht gegeneinander. Miteinander lachen zu können, dieselben Dinge komisch zu finden, reicht aus, um sich zu mögen. Er kann noch über Ordinäres lachen, das sie schon indezent findet, sie noch über Gehässiges, das er schon für staats- und menschenfeindlich hält. Ich habe alles von beiden, lache von Anarchie bis Zote und weine auch lieber über meine eigenen Kümmernisse als über das Elend der Menschheit. Aber ich will auch nicht ungerecht sein gegen mich: Im Unterschied zu Guntram und Irene interessiere ich mich wirklich für Menschen, natürlich vorzugsweise für Männer und für die vorzugsweise sexuell, was wohl eine kleine Einschränkung ist, gewiss, aber immer noch sehr viel moralischer, als es all die vielen Menschen sind, die achtlos neben ihren Mitbürgern einhergehen und nur an sich selbst denken.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Dabei verstehe ich auch die, die mehr für sich leben, als für ihre sozialen Aufgaben. Wie weit hilft die Gesellschaft einem, wenn man ihr hilft, wenn man sich ihr verpflichtet? Die schlimmsten Dinge passieren einem ganz allein: geboren werden, sterben; die Träume, denen man nachts preisgegeben ist und aus denen keine der handelnden Personen bleiben wird, was auch immer man für sie tut. Grußlos, danklos, folgelos verschwinden sie im Aufwachen.

Foto: Privatarchiv H. R.

Traumfiguren, streunende Katzen mit vor Gier aufgerecktem Schwanz, wohldressierte Hunde, den Blick am Herrn, ein blühender Kaktus, eine liebevoll gegossene Staude, eine lackierte Dose, Geschenk eines nahen Menschen – die Zärtlichkeit für ein Lebewesen, eine Pflanze, einen Gegenstand ist mir verständlich. Die Lust, einen Menschen, ein Tier, eine Pflanze, einen Gegenstand zu zerstören, um daran trotzig zu leiden, ist mir auch verständlich.

15 Kommentare zu “#2.6 Exzessive Nähe

  1. Lieber Herr Rinke, es wäre doch 1 Schande den vorstehenden Text aus Ihrer Jugendzeit ungelesen übersprungen zu haben . Ich mochte ihn sehr, Auch wenn er mich als Künstlerin , Sängerin ( alto) und nicht zuletzt als Frau dann doch nicht in allen Einzelheiten so angesprochen hat. Aber : Klasse ist er trotzdem. Ihre B. Schmoller

  2. Der Abschnitt über Guntram und Irene, man weiss gar nicht was man zitieren soll, so viele schlaue Sätze und Beobachtungen. „…wobei ihm klar ist, dass das Leben aus einer Anhäufung von Lästigkeiten besteht, vor denen er sich gruselt, aber die er im Nachhinein genießt.“ oder „beide sind mit Recht stolz auf ihre Nachsicht gegenüber den Schwächen des anderen, wobei diese „Schwächen“ nicht als objektive Charaktermängel zu sehen sind, sondern als Beeinträchtigungen, die den eigenen Tagesablauf stören.“ Wunderbar!

  3. Ich kann Menschen, die mehr für sich leben, sehr viel besser verstehen. Und doch beneide ich immer wieder, wenn ich mal jemanden treffe, der dies nicht tut.

    1. Da wären wir wieder bei dem Punkt, dass jeder selbst herausfinden muss, was das Leben sinnvoll/wertvoll macht. Es gibt wohl auch gar kein generelles Rezept.

    1. Scharfsinnige Beobachtungen und pointierter Sprachgebrauch machen immer Spaß. Da dürfen die Krallen auch mal ausgefahren werden.

  4. Interessant, der ganze Absatz über Glory Holes und Sex und Vieh und Scheisse ist gleichermaßen konkret und distanziert. Fast voyeuristisch…

  5. Die Lust einen Menschen zu zerstören ist mir nicht nachvollziehbar. Ich glaube auch nicht, dass dies besonders oft aus Lust passiert. Da spielen in der Regel ganz andere Umstände hinein…

    1. Naja, reiner Sadismus ist sicherlich seltener, aber auch durchaus existent. Lesen Sie nur mal regelmäßig morgens die Zeitung.

    2. Yet each man kills the thing he loves.
      (Doch jeder tötet, was er liebt)
      Ballade vom Zuchthaus zu Reading
      Oscar Wilde 1897
      Etwas nachvollziehnen zu können, bedeutet weder es selber zu wollen noch es zu entschuldigen.

    3. Das erinnert mich an diese unselige Debatte über Herrn von Trier in Cannes vor ein paar Jahren. Völlig recht haben Sie. Sich mit einem Thema auseinanderzusetzen heisst nicht gleich zuzustimmen.

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