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Frühling in Florenz  —   Teil 1: Von Zuhause nach Zuhause

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#1.9 Was man sehen kann und was nicht

Donnerstag, 29. März: Bevor wir die fränkische Metropole verließen, fuhr Rafał, so dicht es eben ging, an den Stadtkern heran und dann nach oben zur Burg, damit ich aussteigen und runtergucken konnte. Es regnete nicht und ich guckte. Dabei dachte ich daran, dass Nürnberg lt. Wikipedia am 31. Dezember 2016 genau 511 628 Einwohner hatte, dass es im Jahr 1050 zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt worden war, dass dort im 18. Jahrhundert der Rauschgoldengel erfunden wurde und dass die erste deutsche Eisenbahn 1835 von Nürnberg nach Fürth fuhr. Wir hatten heute eine etwas längere Tour vor uns.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Die Autobahnstrecke durch Bayern war abwechslungsreich: Mal goss es, mal nicht. Stau erst kurz vor München. Auf meinen Vorschlag hin fuhr Rafał deshalb durch die Stadt, und so kamen wir ziemlich glimpflich auf die Autobahn nach Salzburg, die wir planmäßig vor dem nächsten Stau bei Holzkirchen wieder verließen.

Das Wetter war besser als vorhergesagt, die Straße weniger befahren als erwartet. Entlang des Tegernsees fuhren wir durch Schnee. Das fanden wir lustig. Es erinnerte uns an unsere vorige Tour zur Jahreswende, während wir ‚Bachmair an der Weissach‘ ansteuerten. Auf dieser vorigen Reise habe ich ‚Bachmair‘ ein so ausführliches Schriftdenkmal gesetzt, dass ich, um Wissende nicht anzuöden, die Unwissenden auf Winterreisen #1.8: Die beiden Möglichkeiten‘ im ‚Lesesaal‘ meines Blogs verweisen möchte.

Foto: Privatarchiv H. R.

Ein autofreier Parkplatz und ein regenloser Himmel sind ein schöner Empfang. Wir hatten meinen Lieblingstisch mit Überblick. Ich aß, wie ich es mir vorgenommen hatte, ofenfrischen Schweinebraten vom schwäbisch-hallischen Jungschwein in Tegernseer Dunkelbiersauce, was denn sonst? Silke war das, na klar, zu schwer, und weil Gründonnerstag war, bestellte Rafał Spiegeleier mit Spinat. So kenne ich das von früher. Rafał ist doch der Einzige, der Stil hat.

Fotos (6): Privatarchiv H. R.

Über den Brenner kamen wir ohne Probleme. Über die Autobahn von Bozen nach Meran (die MeBo) auch, nur dass Silke den im Überschwang 180 fahrenden Rafał von Zeit zu Zeit an die Geschwindigkeitskontrollen erinnerte. Ich sagte nichts, hätte aber auch nur ungern Rafał im Gefängnis besucht und Hamburg mit der Deutschen Bahn angesteuert.

Rafałs Mann Carsten war schon seit zehn Tagen in Meran und empfing uns mit Küssen und Aufschnitt – ein Abendbrot im eigenen Esszimmer. Das Fernsehen funktionierte, das Internet auch. Das war schön und wichtig, aber nicht anders als im Hotel. Die Bücher, das Bad, das Bett – das war Zuhause (und wird deshalb nicht als Foto ins Netz gestellt).

Freitag, 30. März: Auf den Bergen lag mehr Schnee als im Januar, aber im Garten blühten die Töpfe und Kübel, dem Gärtner sei Dank, im Haus lagen Hasen und Eier unter Osterglocken, Carsten sei Dank. Nach dem Großeinkauf der wichtigsten Lebensmittel (Wasser, Pasta, Fernet Branca), gingen wir zu ‚Hidalgo‘, wo ich statt Fastenbrotsuppe ein neuseeländisches Karfreitags-Rinderfiletsteak aß. Dass mir das immer noch eine so diabolische Freude macht, zeigt, wie katholisch ich noch bin. Abtrünnig ist nicht frei.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Dann kam das Fest. Für die Veröffentlichung meiner Osterbotschaft hatte ich schon in Berlin alles Erforderliche veranlasst.

Foto: Privatarchiv H. R.

Die Restaurants für die Feiertage waren längst gebucht, die abendlichen Filme längst ausgewählt. Überraschungen sind fürs Publikum. Für den Regisseur bleibt von Anfang bis Ende die Planung. Was bei der Ausführung dann alles schiefgeht, ist Schreibstoff. Es ging nichts schief, es gibt nichts zu schreiben.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Heute ist Dienstag, der 10. April: Ich bin mehr als angekommen und trinke seit gefühlt zwei Monaten nur Wasser und Kastratenbier. Im nächsten Abschnitt werde ich versuchen, dem Titel dieser Abhandlung ein paar Seiten lang gerecht zu werden: Frühling in Florenz. Das setzt allerdings voraus, dass Rafał uns genau dort hinbringt, wo Silke reserviert hat. Und natürlich dass so viel Unvorhergesehenes passiert, dass es sich lohnt, darüber zu schreiben.

19 Kommentare zu “#1.9 Was man sehen kann und was nicht

  1. Wasser, Pasta, Fernet Branca… Hahaha! Ich würde den Fernet gegen einen Jägermeister tauschen. Aber sonst passt’s schon 😉

  2. Das Unvorhergesehene ist doch immer das Spannendste. Wie langweilig wären meine Gespräche wenn ich immer nur vom durchgeplanten Alltag hören würde…!

  3. Den ofenfrischen Schweinebraten vom schwäbisch-hallischen Jungschwein in Tegernseer Dunkelbiersauce hätte ich gerne einmal. Warum lese ich sowas auch bei Butterbrot und Käse?

    1. Ohne das Leiden der Schriftsteller, ohne literarische (und therapeutische) Selbstentblößung gäbe es die großen Werke von Franz Kafka, Christa Wolf oder Thomas Bernhard nicht. Ein Schweinebraten-Post zur Fastenzeit muss manchmal sein, um der Literatur Willen 😉

  4. Ja, da kommt doch Nürnberg gleich ganz anders zur Geltung: Rauschgoldengel im 18. Jahrhundert und erste Eisenbahn wenig später! Ja, und jetzt noch der Wiederaufstieg in die Fußballbundesliga – mehr kann man nicht wollen! Bei den Reisen durch Deutschlands Süden mundet irgendwann der schwäbische Schweinebraten. Und auch Rafals Spiegeleier mit Spinat zeugen von solidem Geschmack. Endlich zuhause dann das Osterei mit dem nach ihm benannten Osterspaziergang – und das Kastratenbier! Auch Meran hat seine schönen Seiten!

    1. Kann man Kastratenbier heutzutage überhaupt noch sagen? Ist das nicht total un-pc? Was soll man denn da als sichnichtalkoholisierenwollende Frau trinken?

    1. Wenigstens hat der Frühling draussen langsam angefangen. Heute ja fast sogar eher der Frühsommer. Nichts wie raus meine Lieben.

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