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Frühling in Florenz  —   Teil 3: Von Heim zu Heim

#3.3 Über die Verwendung von Gebühren-Verweigerern

Wir saßen zwischen Fahrbahn und Restaurant-Eingang, um uns her viele Menschen, die wenig anhatten. Sonntagnachmittag. Hab’ ich nie gemocht: Kinderwägen im Park und Buttercremetorte im Wohnzimmer. War aber ganz beschaulich. Ich trank ein Bier und regte Silke und Rafał an, sich den Ort einzuverleiben, während ich neben den Bäuchen der Familienväter – als äußere Kulisse – auch den Zustand der Welt betrachten wollte, so aus meinem mafiösen Inneren heraus.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Marx: 200 Jahre. Die Arbeiterklasse: gibt es bald nicht mehr. Was ist links, was ist rechts heute? Geschmacksache. Wir denken alle in Schablonen, und das ist gut so: Sie helfen uns. Die Schablonen unseres Geschmacks, sie sagen uns: Das ist schön, das ist hässlich; das ist elegant, das ist vulgär. Was wir essen, was wir trinken, was wir denken, was wir glauben: Schablonen unseres Geschmacks. Schafskäse erinnert mich an Sorglosigkeit auf griechischen Inseln, Margaritas erinnern mich an Komplimente in Texas, Kapitalismuskritik erinnert mich an öde Podiumsdiskussionen, Kruzifixe erinnern mich an Barmherzigkeit, Buddha-Statuen an Gelassenheit, Minarette an Muezzinlärm aus dem Lautsprecher – alles Geschmacksfragen, alles Schablonen: Wir brauchen sie für die Einordnung, aber sie hindern uns am Verständnis.

Foto links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto rechts: Anna Aibetova/Shutterstock

Für Schlussfolgerungen blieb keine Zeit. Silke und Rafał kamen schon zurück: ein Beleg dafür, dass meine Gedanken mehr Anlass zu Nachforschungen boten als die Seitenstraßen von Beilngries. Um mich auf solcher Dünkelhaftigkeit nicht sitzen zu lassen, zwangen mich die Rückkehrer aufzustehen. Nun liefen wir – streng genommen sogar auf meinen Wunsch hin – nochmal zu Fuß das ab, was ich vorher schon aus dem Autofenster heraus wahrgenommen hatte. Es wurde also noch wahrer und dadurch irgendwie banaler. Es gelang mir weniger als zuvor, dem Flecken Anmut zuzubilligen, vielleicht auch deshalb, weil die Cafés inzwischen sonntagfrühabendlich leer waren, und ich sah da, wo ich nichts sah, nicht in ihre Abendrobe wechselnde Flaneure, sondern Opas mit Flasche vor der ‚Sportschau‘.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Ich habe gelesen, dass nur noch 36 Prozent der Deutschen überhaupt bereit wären, Fernsehgebühren zu zahlen, wenn es ihnen freistünde zu entscheiden. Und die anderen wollen auch weniger als jetzt zahlen. Ich würde auch das Doppelte zahlen. Stimmt schon, mir tut die Ausgabe genauso wenig weh wie Rafał sein Zigarettenbudget, und ich sehe ständig ZDF und viel ARD. Aber mit dieser Bestandsaufnahme kann ich mich doch nicht zufriedengeben. Es geht ja schließlich nicht um mich, sondern um die anderen: Die informieren sich bloß noch über Twitter oder facebook-Freunde.

Grafik links: gemeinfrei/Wikimedia Commons | Foto Mitte: Von Gorodenkoff/Shutterstock | Grafik rechts: gemeinfrei/Wikimedia Commons

Das Wahlrecht muss man diesem Pöbel entziehen oder gleich den Kopf kürzen! Na, na, das ist voreilig. Das Pack ist doch sinnvoller zu nutzen, schließlich gibt es schon jetzt genügend Kunstdünger. Die Gebührenverweigerer werden in Zukunft die Sklaven sein, die den niederen Robotern zuarbeiten, sie werden Fastfood essen und abends mit Heidi Klums und Dieter Bohlens Nachfolgern zwischen den Werbeblöcken von deren kostenlosem TV-Programm auf den Solosex eingestimmt, der die künstliche Befruchtung zum Auswurf ihrer Nachkommen in 3D einleitet. Schöne, neue Welt. Ohne mich! Es ist der Ärger der Kindheit, vieles noch nicht zu dürfen; es ist die (Schaden-)Freude des Alters, vieles nicht mehr zu müssen.

Grafik: gemeinfrei/pixaby.com

Dann war der Spaziergang vorbei, und viel Kleidung zum Umziehen lag auch nicht auf unseren Zimmern. Eine Mahlzeit, eine Messe, eine Quiz- oder Heavy-Metall-Veranstaltung, eine Beerdigung oder eine Bundesverdienstkreuz-Übergabe, für die man sich nicht umzieht, ist nichts wert: Man zollt ihr keinen Respekt. Ich zumindest legte mir meinen knapp 29 Jahre alten Blazer über die Schultern, um dem Abendbrot eine gewisse Würde zu verleihen. Auf Silke ist in dieser Hinsicht immer Verlass, auf Rafał in ein wenig anderer Form auch. Wer mutmaßt, Rafał kümmere sich nicht um sein Erscheinungsbild, der kann gleich behaupten, dass dem Papst die Religion egal sei.

Schon beim Abschreiten der anderen Gaststätten auf unserem (meinem) Erkundungsgang hatte ich nicht ohne Hoffart wahrgenommen, dass die unter Glas ausgehängten Speisekarten wenig Ersprießliches boten, und ein Blick abwärts, in die Teller der wenigen ‚Straßenesser‘, bestätigte diese Vermutung. Da war es doch gut, dass ich vorgesorgt hatte: mit Sorgfalt, mit Tischreservierung und mit meinem nachtblauen Jackett.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Gegen halb neun hatte dann auch Carsten die Strecke bewältigt, und so saßen und aßen wir zu viert. Über die zusätzliche Reserve freute ich mich: Sally als fünftes Rad am Magen.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

13 Kommentare zu “#3.3 Über die Verwendung von Gebühren-Verweigerern

  1. Über Geschmack lässt sich gut und gerne streiten, aber Menschen, die sich um ihr Erscheinungsbild so gar nicht sorgen, sind mir doch suspekt.

  2. Oh die Freuden des Alters! Man muss nicht mehr, man darf aber alles. Warum beschweren sich nur soviele über’s Älterwerden?!

    1. Ich frage mich auch wirklich wann endlich mal die Sonntags-Öffnungszeiten für Geschäfte etc. angepasst werden. Dieser „Am siebten Tag sollst du ruhen“-Unsinn ist doch gar nicht mehr zeitgemäß…

  3. Puuuh das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Gebühren sind ein schwieriges Thema. Klar sehe ich lieber die Tagesschau als RTL aktuell. Aber ansonsten ist das Programm doch schrecklich. Muss ich wirklich die 3000te Folge Sturm der Liebe finanzieren? Oder den zigsten peinlichen Krimi?

  4. Aber ARD und ZDF bringen auch viele grimme-preisgekrönte Fernsehfilme. „Sturm der Liebe“, lese ich gerade, gefällt 82 % der Google-Nutzer und läuft um 15.10 Uhr. Gut so. Vor 20.00 Uhr sehe ich nie fern und freue mich darüber, vorher offenbar nichts zu versäumen. 24 Stunden lang „Prädikat besonders wertvoll“, das geht einfach nicht.

    1. Öffentlich-rechtliches Fernsehen muss sein. Dass man über Programm sowie die Art und Weise wie die Gebühr bezogen wird streiten kann, ok.

    2. Diskussion schadet nie. Und ein besseres Programm gibt es immer. Es kommt aber auch nicht von ungefähr, dass gerade die AfD die GEZ abschaffen will.

  5. Ohne Schubladen und Schablonen geht’s doch gar nicht. Zumindest als Orientierungshilfe. Man darf nur nicht darin steckenbleiben.

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