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Wahnsinn

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Orchideenlecker

Natürlich ist das kein Beruf, und das gezierte Wort ‚Neigung’ wäre sicher auch nicht der richtige Ausdruck. ‚Hobby’ womöglich noch – diese abtötende Bezeichnung, die alles, dem solch ein Etikett aufgeklebt wird, unerheblich macht. – Nichts von dem: Es ist eine Perversion, ich stehe dazu, dass es eine Perversion ist, und ich habe mein Leben meiner Perversion geweiht. Müßige Frage, ob ich, wenn mir ein bewundernswerter Mensch oder eine bewundernswerte Idee je untergekommen wären, mein Leben in einen anderen Dienst hätte stellen können – es ist eben, wie es ist.

Sicher, da sind nun mal diese furchtbar vielen Häuser, da sind die paar Kirchen und Kinos, die öffentlichen Gebäude und die privaten Clubs, und so nennt man den Ort, in dem ich – ist ‚lebe’ das richtige Wort? – zutreffenderweise Stadt. Ich mache – bis auf die Sozialhilfe – keinen Gebrauch von dieser Stadt, sie von mir auch nicht. Ich denke an meine Orchideen, und wie ich sie leckte. Es ist eine zutiefst unzüchtige Berührung, meine Zunge tastend zwischen ihre Fruchtgriffel zu schieben, sie riechen nicht, sie wehren sich nicht, sie haben keine Wahl, sie sehen bloß aus, mehr nicht.

Foto links: Doreen Salcher/Adobe Stock | Foto rechts: preechafakmee/Adobe Stock

Ich kenne sie alle auswendig, aber ich gebe ihnen keine Namen, denn das würde sie entwerten, sie bleiben namenlos und mir nicht gehörig. Meine ausgereckte Zunge vergewaltigt ihre Blütenkelche, und was das herrliche daran ist: ohne jeden Sinn. Meine Zunge ist ja nichts als meine Zunge: keine Biene, die befruchten könnte; keine Nase, die einer geschmeichelten Empfängerin der Orchidee gehören könnte (duften sowieso nicht, du blöde Kuh); kein Auge, das anschließend dem zugehörigen Mund empfiehlt, Gottes Natur zu preisen – die Orchideen werden von mir durchgeleckt, täglich, auch nachts, bis zur Erschöpfung, und ich kenne sie alle in- und auswendig, aber da ich mit niemandem über sie spreche, benötige ich auch keinen Namen für sie, im Gegenteil, unser monströser Umgang miteinander, von dem völlig unklar ist, ob er ihnen etwas bedeutet oder nicht, wird viel intimer dadurch, dass die alberne Benamserei überflüssig ist zwischen uns.

Das Einzige, worauf ich bei meiner Passion, bei meiner Raserei, bedacht bin, ist: meine Gunst ungerecht und unberechenbar zu verteilen. Mal lecke ich die eine den ganzen Tag lang und vernachlässige alle anderen, mal lecke ich alle durch und lasse nur eine, völlig grundlos, aus. Auch für mich selbst bleibt dabei im Dunkeln, warum ich es so und nicht anders mache, und ob die jeweils Ungeleckten erleichtert, gekränkt oder gleichgültig sind.

Wie sich jeder, der auch nur einen Funken Verstand im Kopf hat, denken kann, habe ich noch nie in meinem Leben eine Orchidee geleckt, das wäre ja lächerlich. Ich war nie im Urwald, bei mir zu Hause gibt es keine Pflanzen, mir hat nie jemand Orchideen geschenkt, und ich hatte auch noch nie den verlegenen Anlass, jemand anderem ein dermaßen fades Präsent antun zu müssen.

Ich denk mir das bloß so. Tag und Nacht.

Titelfoto: Oleh Voinilovych/Shutterstock

3 Kommentare zu “Orchideenlecker

  1. So bereitet es doch unvergleichlich großes Vergnügen, entrückte Fantasien als geheime Passionen im Kopf auszuleben. Und man möchte sich auch gar nicht vorstellen, wie es um die Orchideen dieser Welt bestellt wäre, würden alle Liebhaber dieser Gewächse ihren Fetisch tatsächlich ausleben.

  2. So gesehen, finde ich es auch viel besser, wenn sich Edathy und andere unglücklich Veranlagte Bilder bestellen, als wenn sie auf Raub ausgehen. Niemand kann etwas für seine Veranlagung, nur dafür, wie er mit ihr umgeht.

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