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Wahnsinn

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Mandat

Grafik: notkoo/Shutterstock

Sehr geehrter Herr Anwalt! Eigentlich bin ich nicht eigen. Sollte es so etwas wie den personifizierten Durchschnitt geben, dann bin das ich. Eine Kleinigkeit vielleicht, im Grunde kaum erwähnenswert: Ich kann nur in Räumen leben, in denen es nach sehr, sehr altem Fisch duftet. In meiner kleinen Wohnung habe ich in Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer auf schlohweißen Keramiktellern Heringe zu liegen, die ich sechs Wochen zuvor erworben habe, ab und zu auch mal Flundern.

Foto links: ChiccoDodiFC/Shutterstock | Foto rechts: Nailia Schwarz/Shutterstock

Montags kaufe ich bei meinem Fischhändler – fast ein Freund – neue Fische. Wenn sie mindestens sechs Wochen im geheizten Keller gelagert wurden, dann trage ich sie nach oben und wechsele sie aus gegen die, an deren Geruch ich mich schon zu sehr gewöhnt habe, etwa so, wie andere Durchschnittsmenschen montags vielleicht die welken Blumen in den Bio-Abfall entsorgen und sich neue Sträuße hinstellen.

Ich neige weiß Gott nicht zu philosophischer Grübelei, sonst käme ich noch auf den Gedanken, dass der Geruch von Verwesung mich über die Begrenztheit meiner eigenen Existenz hinwegtröstet.

Unfug. Ich mag das einfach: Tief einatmen und diesen kräftigen, ja krassen Duft wahrnehmen – da spürt man doch, dass man lebt! Kein Stein, nicht einmal eine Pflanze kann das. Selbst mein Goldfisch wirkt unbeteiligt.

Foto links: grafikplusfoto/Adobe Stock | Foto rechts: Rasulov/Shutterstock

Ich habe auch schon streunende Hunde und Katzen getestet: nichts! Tiere lassen sich ja mit Futter ganz leicht anlocken, genau wie Menschen, bloß, dass es bei Tieren Nahrung sein muss, bei Menschen reichen Luxus, Esprit oder Anteilnahme. Geld für Luxus hätte ich zur Not, Esprit könnte ich auch bieten, weil ich auf charmante Weise abgründig sein und dabei verstohlen lächeln kann, und Anteilnahme – das ist am einfachsten: Man macht ein ernstes Gesicht und nickt – das reicht schon. Nur kommt ja niemand.

Wenn es wirklich darauf hinausläuft, dass ich mich zwischen dem Duft und den Menschen entscheiden muss, dann wähle ich natürlich den Geruch: Er ist zuverlässiger, steuerbarer und intensiver, als es Menschen sind.

Manchmal muss ich auf ein Amt oder zum Arzt, nicht weil ich Beschwerden hätte, aber Krebs-Vorsorge und Zahnreinigung, so etwas muss sein. Friseur auch, man will ja nicht ungepflegt erscheinen, gerade vor sich selbst nicht. Nichts darf nachlässig oder versehentlich wirken, das mag ich einfach nicht. Ich binde mir, wenn ich meine Wohnung verlassen muss, immer einen gut abgehangenen Rollmops unter die Nase.

Da habe ich mir eine Konstruktion aus einer Mullbinde geschaffen. Sieht etwas komisch aus; ich bin auch schon darauf angesprochen worden, aber meine Antworten klingen immer so nasal, dass die Leute mich nicht richtig verstehen und den Kopf schütteln. Stört mich nicht. Da habe ich genug Selbstbewusstsein.

Auf der Bank sind sie besonders unfreundlich. Ich hebe immer nur am Automaten ab. Meist komme ich auch gleich dran, weil mir die Leute in der Schlange Platz machen. Einmal hat jemand sogar die Polizei gerufen, und sie haben mich irgendwohin gebracht, wo ich mit einem, ich glaube es war so etwas wie ein Psychiater, sprechen sollte.

Sie haben mir die Nasenbinde gewaltsam entfernt, und ich habe gedacht: Jetzt nicht ausrasten, ich muss die Nerven behalten, sonst behalten die mich hier. Ist mir auch gelungen. Ich habe alle Fragen einwandfrei beantwortet, schließlich bin ich vernünftig, recht gebildet und – ich darf wohl sagen: ein klein bisschen gerissen. Da haben sie mich dann gehen lassen müssen, aber ich habe gemerkt: Gern taten sie es nicht.

Foto: andersphoto/Shutterstock

Alles nicht der Rede wert, ich würde auch kein Wort über meine unwichtige, bescheidene, aber für mich selbst wertvolle Existenz verlieren, wenn ich jetzt nicht das Kündigungsschreiben meines Vermieters bekommen hätte. Alle im Haus hätten sich über den Geruch, der aus meiner – ich darf wohl sagen: blitzsauberen – Wohnung entweicht, beschwert. Ich zahle pünktlich meine Miete, ich mache keinen Lärm, ich belästige niemanden.

Nun sehe ich mich dennoch gezwungen, mir einen Anwalt zu suchen, der meine Interessen vertritt. Ich wohne in Ihrer Nähe, und das soll auch so bleiben. Ihr Praxisschild ist mir gleich neben dem Lieferanteneingang des Käseladens aufgefallen. Würden Sie wohl bereit sein, meinen Fall zu übernehmen? Vielleicht verbindet uns ja sogar mehr als die Straßenseite.

Hochachtungsvoll,

Wotan Walfisch

Titelillustration mit Material von (v. l. n. r.): notkoo/Shutterstock, Nailia Schwarz/Shutterstock, grafikplusfoto/Adobe Stock, merklicht.de/Adobe Stock

4 Kommentare zu “Mandat

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