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Wahnsinn

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Verrückt – Teil 1

Wie wird man verrückt und ist das überhaupt erstrebenswert? Das kommt darauf an. Unauffällig zu sein ist in Überwachungsstaaten sinnvoll. Ist das Ziel aber, berühmt oder auch nur Superstar zu werden, dann muss man vom Landläufigen schon ein wenig abrücken. Höhepunkte anzusteuern, die für die Zielgruppe nicht voraussehbar sind, können dem oder der Ruhmsüchtigen einen nützlichen Bekanntheitsschub bescheren.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Höhepunkte können aber auch von Übel sein. Das wissen die Splittergruppen, die lieber an der 5-Prozent-Hürde scheitern möchten, als eine beflügelnde Führungsfigur für berauschenden Erfolg zuzulassen, und alle, die nach einer steigerungswütigen Nacht mit Kater aufwachen, ohne ein Haustier zu besitzen, wissen das auch. Die Sucht nach Höhepunkten führt empor auf den Hügel Golgatha (Markus 15, 21), und wer nicht gern vom Kreuz aus auf die Menschen herabsieht, der bleibt besser unten unter seinesähnlichen. Doch wer ist das noch? In Anbetracht des Bauern-Castings und der Quoten-Queen haben sich die Maßstäbe für internetfähige Selbstverständlichkeit versus degoutantes Fehlverhalten dermaßen verändert, dass es nichts mehr nutzt, sich zu fragen: „Ist das noch normal?“ Wenn man mich mal fragen würde, lautete meine Antwort:

Foto: prapann/Shutterstock

„Ein Stuhl kann verrückt sein, ein Schrank; ein Mensch natürlich auch. Nachdem mir Ina gegen zwei Uhr nachts als Unterbrechung des ‚Angriffs der Saubohnen‘ auf TELE 5 erklärt hat, sie sei verrückt nach Sperma, gehe ich betreten ins Bett und finde, ich bin weniger verrückt ‚nach‘ als verrückt ‚vor‘: Unruhe, Sorge, Angst. Die meisten Menschen sind lieber verrückt ‚von‘, weil das immer mit Schuldzuweisungen an andere einhergeht: verrückt gemacht von genmanipulierten Killertomaten, von Krisen auslösenden Banken, von Plastik im Meer und Feinstaub an Land. Aber es gibt ja immer noch andere Auslöser für Reaktionen als die eigene Besorgtheit. Menschen zum Beispiel.“

Foto: Olena Zaskochenko/Shutterstock

Während man jemanden zum ersten Mal sieht, denkt man etwas. Man denkt: „Hab’ ich den Schlüssel eigentlich in der rechten oder in der linken Tasche, hab ich ihn überhaupt eingesteckt? Oder man denkt: „Riecht komisch hier …“. Oder man denkt sogar gleich: „Möchte ich mich mit der/dem fortpflanzen? Latte macchiato trinken? Über Schopenhauer reden?“ In der Unmöglichkeit ist alles möglich: Brot für die Welt, Geld für die Bank, Glück für die Schlacht. Oder man grübelt: „Wird Lisa verstehen, was ich meine, wenn ich ihr sage, was ich denke?“ Man kann nichts sagen, was man nicht vorher gedacht oder sich ausgedacht hat, aber man kann auch nichts denken, höchstens diffus ahnen, was man nicht formulieren kann, weil ein nicht formulierter Gedanke keiner ist. Wenn meine Frau brennt, denke ich: „Feuer!“, kann es aber auch sagen, falls mich der Rauch nicht am Sprechen hindert. Ich kann nichts denken, was ich nicht auch aussprechen könnte: Die Ausdrucksmöglichkeit der Seele mag die Musik sein, der Ausdruck der Gedanken ist, schriftlich oder mündlich, die Sprache; wenn ich mich halbwegs unter Kontrolle habe, sage ich aber nicht alles, was ich denke; oder ich denke – wieder zurück zum Anfang dieses Absatzes – während ich jemanden sehe: „O sieht der oder die toll aus! Ich werd’ verrückt!“

Foto: pathdoc/Shutterstock

Viele Menschen sollen sich ja jemanden, der ihnen entgegentritt, sofort nackt vorstellen: Das nimmt gegenüber Vorgesetzten die Furcht und steigert gegenüber Lustobjekten das Vergnügen. Ich habe früher immer, wenn ich jemanden im Fernsehen oder auf der Straße sah, gedacht: „Der wird vor mir sterben!“ Jetzt denke ich immer: „Der wird mich überleben.“

Foto: kramar89/Shutterstock

Manchmal komme ich mir vor wie ein Bettler, der flachärschig vor einer internetempfohlenen Burgruine kauert, und jedes Mal, wenn es noch geschieht, dass mir ein wohlmeinender Tourist Gefühle oder Gedanken aus dem unerschöpflichen Schwall seiner Hirnhoden in meine lungernde Fresse spritzt, dann neige ich den Kopf zu einem demütigen „Danke!“. Das ist vielleicht verrückt, aber manchmal auch wirkungsvoll. Applaus macht satt und hungrig zugleich. Die einen leben fürs Austoben, die anderen fürs Altwerden.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Die Menschen, die sich gesund halten, wissen ja gar nicht, was ihnen entgeht! Oder sind sie etwa nicht gläubig? Wer hat Lust, sein irdisches Leben kunstvoll zu verlängern, wenn es anschließend doch viel schöner wird? Und die paar Jahre abends/diesseits tatenlos im Sessel beim Sportgucken verbracht zu haben, war dann ja genau die richtige Methode, um kreislaufmäßig rascher ins nächste Leben zu gleiten, falls nicht nach der Totallähmung ein unerfreulicher, jahrelanger Krankenhausaufenthalt bevorsteht, weil ein religiös motiviertes Parlament beschlossen hat: „Wann gestorben wird, bestimmen wir – mit Gottes Hilfe!“

Foto: skitterphoto.com/Pexels

Wie wichtig Gott das Todesdatum ist, ist für diejenigen besonders wichtig, die an ihn glauben, weil diese Mehrheit – auch aus eigener Fegefeuerabneigung – Gott, der sich bei seinem auf uns bezogenen Sterbezeitpunkt ja etwas gedacht haben muss, nicht durch – seine Souveränität desavouierende – Gesetzeslücken enttäuschen möchte. Neben den Parlamenten sind zusätzlich die Erben an der Klärung der Situation interessiert. Auch befruchteten Eizellen ist es nicht egal, ob sie nun abgetrieben werden dürfen oder irgendwo zwischen Somalia und Spitzbergen auf diese Welt müssen.

Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei

Attentatsopfer kommen offensichtlich nicht in den Himmel, denn das würden vorausschauende Selbstmordattentäter den Ermordeten nicht gönnen; dann würden die Zu-allem-Bereiten lieber noch Seniorensitze einrichten, damit ihre Gegner endlos lange weiterleben müssen: so lange, bis ihnen irgendwann mal die ewige Seligkeit einfach nicht mehr länger vorzuenthalten ist. Dass die Gläubigen sämtlicher Konfessionen während der kurzen Zeit ihres Irdendaseins alle anderen, die einfach nur leben wollen, verrückt machen, statt sich, über den Tod hinaus denkend, lieber um ihren eigenen Grabschmuck zu kümmern, das spricht dafür, dass sie der Sache doch nicht so ganz trauen – oder dass sie ihr Leben als eine Aufgabe sehen. Das gibt es. Es hat schon ein paarmal ins All und, etwas häufiger, ins Verderben geführt. Moses, Hitler und Bocuse hatten ihre Mission: Man merkte es in der Wüste, in der Ukraine und in der Küche. Jeder Provinzpolitiker, der Windkrafträder statt Benzinmais anbauen lässt, erklärt, er wolle nur der Sache dienen, was sonst? Er ist doch nicht verrückt!

Foto: FoodAndPhoto/Shutterstock | Titelillustration mit Material von Shutterstock: Jason Salmon, Abramova Elena, sripfoto, BrAt82, doomu, Billion Photos, New Africa

26 Kommentare zu “Verrückt – Teil 1

  1. Höhepunkte können schnell in die Hose gehen. Zu dem Thema sollte man vielleicht mal Mr. Trump befragen. Der hat ja angeblich auch nicht darauf abgezielt tatsächlich Präsident zu werden.

      1. Ist das so? Ist das normal? Ich kenne wirklich nicht besonders viele Leute, die so sind. So dumm, so uninteressiert, so platt, so leer…

      2. In meinen Bekanntenkreis passen solche Leute auch nicht. Aber was mich beschäftigt ist die Frage, wie kommt es dazu, dass solche Typen in der neueren Geschichte immer wieder gewählt werden? Ist es die Sehnsucht der Massen nach Idolen oder ist es die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort(für ihre Zwecke)?

      3. Mich beruhigt immer wieder (ein kleines bischen zumindest), dass Trump nicht die Mehrheit der Stimmen bekommen hat, sondern nur durch das verquere Wahlmodell in den USA Präsident geworden ist.

  2. Sich von seinen Sorgen verrückt machen lassen ist schlimm. Ein bischen verrückt durch’s Leben gehen dagegen durchaus angenehm. Auch hier kommt’s auf die Perspektive an.

    1. In meiner Interpretation kommt es vor allem darauf an, ob man selbst verrückt oder ob die anderen etwas/einen verrücken. Wer in Kontrolle seiner Verrücktheit ist, hat selten Probleme.

  3. Das „nackt-vorstellen“ funktioniert bei mir nie. Da krieg ich in der Regel mehr Panik, haha. Oder man schweift völlig vom eigentlichen Thema und Gespräch ab 😉

  4. Wie kommt das bloß, dass Applaus satt und hungrig zugleich macht? Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Kaum hat man ein Ziel erreicht muss gleich eine neue Herausforderung her. Die Freude über Anerkennung hält in der Regel nie viel länger als ein paar Tage an.

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