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Wahnsinn

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Verkehr(t)

Damals, auf der Fahrschule, vor zehn Jahren – oder sind es jetzt schon elf? –, also damals fing es jedenfalls an. Erst mal dacht’ ich: ‚Gar nich’ drum kümmern!‘ ‚Selbstbetrug‘, dacht’ ich so, ‚der klappt ja genauso lange wie jeder andere Betrug: bis einem jemand dahinterkommt.‘ In diesem Fall: man selber. Aber dann fing ich an zu merken, wie ich versuchte wegzusehen, wenn es auftauchte. ‚Das Schild nervt jeden Fahrschüler‘, sagte ich mir, – ‚keine Panik!‘

Foto oben: Gerhard Seybert/Adobe Stock | Foto unten: LanaElcova/Shutterstock

Später, mit dem Führerschein in der Brieftasche, neben Blutgruppenausweis und Versicherungskarte, später, da war mir die Straße dann völlig egal, wenn ich auf das Schild losfuhr. Längst war ich es gewohnt, dass die Wagen hinter meinem hupten, weil ich in verkehrsbeunruhigten Straßen wirklich nur ‚dreißig‘ fuhr, um das Schild etwas länger sehen zu dürfen. Eine kleine Schwäche von mir, was war denn schon dabei?

Dann kamen anfallartig diese Tage, an denen ich voll aufs Gaspedal drückte, wie beknackt, und am Schild vorbeirauschte wie so ein gekränkter Liebhaber: keine Konfrontation – kein Schmerz. Mir war klar: Irgendwann baust du mal Scheiße. Das Ganze ist doch nichts weiter als ein Davonrasen vor der Wirklichkeit. So ging es auf die Dauer nicht. Ausweichen? Sich stellen? Sich stellen, bedeutete den Fall in den Abgrund, glaubte ich: vom Baugerüst in die Tiefe der Abwässer. Ausweichen hieß, mit der Hornisse im Kopf weiterzuleben. Sie war nicht totzuschlagen.

Foto links: industryviews/Shutterstock | Foto Mitte: bidaya/Adobe Stock | Foto rechts: microstock3D/Shutterstock

Also gut. Eines Tages fuhr ich an einer unbelebten Straße vor das Schild, nachdem die Straßenarbeiter Feierabend gemacht hatten. Ich bringe es hinter mich, dachte ich. Es machte mich stolz, wie hoch mein Glied über den unteren Rand des Steuerrades ragte, ich melkte nur kurz, und schon war es vorbei. Etwas eklig, aber, na ja, ich hatte ja Papiertaschentücher dabei. Ich versuchte, mir einzubilden, befreit und erleichtert zu sein, aber mir dämmerte schon, dass ich enttäuscht war und die nächste Gier herbeisehnte.

Foto links: Thaut Images/Adobe Stock | Foto rechts: kichigin19/Adobe Stock

Es war keine Überraschung mehr, als ich am nächsten Tag an der Baustelle vorbeifuhr und mir beim Anblick des dreieckigen Schildes klar wurde: Das Problem war nicht gelöst. In mein Entsetzen mischte sich Triumph: Ich bin verrückt – nach einem geklonten Strichmännchen, und kein Mensch kann mir meinen Wahnsinn nehmen. Der schwarze Kreis, der sein Kopf ist, die schwarze Einheit seines Oberkörpers und die schwarze Einheit seiner Beine lassen jede Fantasie zu. Er beugt sich zu dem dreieckigen Haufen, den Stiel seiner Schaufel fest im Griff. Er ist beschäftigt und doch scheinbar teilnahmslos. Er bietet sich nicht an. Vielleicht will er weggerissen, überwältigt werden. Oder so bleiben, wie er ist, so, wie ich ihn bleiben lassen möchte, wie er ist: nichts als eine runde Scheibe mit zwei ausladenden, einladenden Flächen darunter: schlank, rassig – jeder Idee offen. Nicht genmanipulierbar.

Foto: Calado/Adobe Stock

Foto links: gibleho/Shutterstock | Foto rechts: VRD/Stock Adobe

Seit ich einmal grob von Bauarbeitern angerempelt worden bin, gehe ich nur noch nachts hin, um ihn anzustarren. Nach meiner Heirat habe ich es eine Weile lang sein gelassen. Aber in dieser Zeit war ich eine Gefährdung für den Straßenverkehr. Seit ich wieder zu ihm gehe, wo immer ich ihn finde, ist mir wohler. Meine Frau denkt, ich hätte eine Freundin oder ich ginge in den Puff. Sie scheint selber nicht zu wissen, was sie mehr beleidigen würde.

Foto: Thomas Soellner/Shutterstock

Was soll ich ihr sagen? Ich hasse ihre Unterstellungen, ihre lärmenden Anschuldigungen, die unsere kleine Tochter wecken. Da möchte ich alles hinschmeißen, ausrotten. Aber wenn ich dann vor ihm stehe, die Straßenbeleuchtung wirft ihr nacktes Licht auf ihn, Peitschenmasten, er ist unberührt, ungerührt, ungekünstelt. Er ist vollkommen einfach, einfach vollkommen und unveränderbar. Er bleibt im roten Rahmen seines Dreiecks, die Stricharme sehnend dem Haufen entgegengestreckt. Ich stehe da, kein Mensch weit und breit, nur aufgerissener Asphalt und das Weiß-Rot der Absperrung, es nieselt oder der Mond lächelt – dann bin ich glücklich.

Foto: Thomas Soellner/Shutterstock

18 Kommentare zu “Verkehr(t)

  1. Das Strichmännchen als Fetisch, haha! Die armen Bauarbeiter, die alles tun um mit ihren nackten Oberkörpern die Passanten zu beeindrucken. Ein netter Twist. Und wie immer wunderbar illustriert.

  2. Ach Herr Rinke, von Ihnen hätte ich mir aber einen spannenderen Fetisch erhofft als Masturbation im Auto. Piktogrammsex ist zwar was Neues, aber auch nicht wirklich aufregend. Ich zweifle, ob‘s zum Trend reicht. Aber gut, viel Vergnügen!

    1. Mir scheint, dieser Text ist nicht wörtlich zu nehmen Herr Poller 😉 Ratschläge für ihr Sexleben müssen Sie vielleicht nochmal an anderer Stelle suchen. Hahaha

  3. Verkehrsschildmännchen, Bauarbeiter… ich muss in dem Zusammenhang eher an meinen Fahrlehrer denken. Ich hatte einige schlaflose (lustvolle) Nächte. Aber das ist natürlich auch schon Jahrzehnte her.

    1. Mann, mann, mann, meine Herren Rinke, Koke, Herdesheim… die landläufige Annahme, dass sich alles immer nur um Sex dreht, wird eindrucksvoll bewiesen.

    2. Naja, der Blogbeitrag dreht sich nun einmal um das Thema. Da muss man auch mit den entsprechenden Kommentaren klarkommen. Läuft doch noch alles recht züchtig bisher, nicht?

    3. „Alles im Leben dreht sich um Sex, nur nicht der Sex. Der dreht sich um Macht.“ So ähnlich hat es der gute Oscar Wilde (wohl auf englisch) gesagt. Daran hat sich nichts geändert. Schockieren kann man mit den bisher geäußerten Phantasien wohl wirklich nicht.

    1. Das war als Satire auf die inhumane Selbstbezogenheit vieler unserer westlichen Zeitgenossen gemeint. Ich beobachte das sehr genau: statt Flirt Verabredung mit Bild im Netz, und dann geht es gleich zur Sache. Dagegen ist ein Straßenschild fast noch analog.

    2. Naja, das kann man so und so sehen. „Wer sich tief weiß, bemüht sich um Klarheit. Wer der Menge tief scheinen möchte, bemüht sich um die Dunkelheit.“ Nietzsche sah das nämlich eher anders. Ich würde mich wohl anschliessen.

    3. Ach Gott, man sollte dann aber schon zwischen Philosoph und Künstler unterscheiden. Der Philosoph muss seine These natürlich bis ins Kleinste und Klarste aufschlüsseln. Wollte der Künstler sein Werk bis in jedes Detail erklären, könnte er sich die Kunst ja gleich sparen. Präzise muss er sein, eindeutig nicht.

  4. In unsere unterkühlte, emotionslose, Ich-bezogene Zeit passt das Aufgeilen an einem Sachobjekt ja wie die Faust auf’s Auge. Eigentlich traurig. Aber so läuft es gerade.

    1. Hahahahaha, ich gehe davon aus Hochzeit war als Blütezeit zu verstehen. Kurz verlesen und sah schon vor mir wie man demnächst nur noch über Instagram heiratet 😂

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