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0805
Gereimtes und Ungereimtes

Alte Fotos

Mehr Weltanschauung habe ich im Augenblick nicht zu bieten. Deshalb jetzt Gedichte, überwiegend aus meiner Abiturzeit: Ich hoffe, nicht bis zum Erbrechen, sondern bloß, bis ich mit der nächsten Reisebeschreibung fertig und zufrieden bin.

Foto: Pixabay/pexels.com

Auf dem Weg zurück
befällt dich Schrecken,
denn du weißt,
„zurück“ ist nur ein Traum.
All deine Neugier ist die Sehnsucht,
dich zu treffen,
dort wo du sicher warst,
du selbst und da zu sein.

Doch die Kulisse ist geschrumpft,
du bist gewachsen,
und die Berührung der Vergangenheit
bringt Schmerz.
Du läufst umher in längst vergilbten Bildern.
Zu Hause bist du nur in der Erinnerung.

Was dich verändert hat,
du weißt es nicht genau.
Warn es die Jahre, die Ereignisse, das Alter?
Du willst nicht wirklich rückwärts gehen,
du willst weiter,
nur zärtlich möchtest du von Zeit zu Zeit
in dem Museum deiner Kindertage
wieder die wohlvertrauten Formen sehen.

Doch es misslingt.
Auf deinem Weg zurück
befalln dich Schrecken und Beklommenheit.
Es war nicht Unterbrechung,
es ist abgebrochen.
Die Linien stimmen nicht mehr überein.
Du siehst das Eine und das Andre wieder
und wirfst die alten Scherben schließlich fort,
denn sie behindern, was es nie gegeben hat:
die Wirklichkeit, durch deinen Blick gesehen,
verändert durch die Jahre, die Ereignisse.

So lass den alten Wein im Keller ruhen,
wisch liebevoll den Staub vom Etikett,
doch trink ihn nicht!
Denn was dich früher trunken machte,
bringt heute nichts
als schalen Nachgeschmack.

Foto: frankie’s/shutterstock.com

29 Kommentare zu “Alte Fotos

  1. Was dich früher trunken machte, bringt heute nichts als schalen Nachgeschmack! Genau, weniger rückwärts, mehr vorwärts!

      1. Das Thema Zurück passt aber als erstes Gedicht aus der Abiturzeit ganz gut. Manchmal muss man auch zurückschauen.

      2. Wobei es schon auch witzig ist, dass eine Rückschau auf Gedichte aus der Abiturzeit mit einem Gedicht beginnt, in dem es heisst man soll das Zurückschauen sein lassen 😉

      3. „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Es kann mich niemand daran hintern Klüger zu werden.“

  2. Was für ein schönes Gefühl, wenn man Rückschau hält und feststellt, dass die Kulisse geschrumpft und man selbst gewachsen ist, nicht?

  3. Schönes Gedicht. Aber wenn schon Rückschau würde mich interessieren wie sich ihre eigene Sicht verändert hat. In Bezug auf die Welt liest man es ja manchmal, aber wie sieht’s denn mit dem Blick auf die eigenen literarischen Anfänge aus?

    1. Manches muss weg, manches ist überholt, und bei manchem frage ich mich, warum ich das später noch erleben musste, nachdem ich es vorher schon genauso beschrieben hatte, wie es nachher wurde.

      1. Liegt’s daran, dass sich die Dinge entgegen der landläufigen Meinung einfach nie wirklich ändern?

  4. Meine alten Fotos schaue ich ab und an an. Meine Gedichte aus Jugendjahren habe ich hingegen seit 20Jahren nicht mehr gelesen. Wahrscheinlich besser so.

    1. immerhin haben Sie gedichte aus jugendjahren. mir waren meine eigenen schreibereien immer zu peinlich. ich habe alles mit anfang zwanzig vernichtet.

      1. Wollte Kafka ja auch so haben. Max Brod hat’s nicht gemacht. Wovon man nichts weiß, das vermisst man nicht. Wäre aber schade gewesen. Ich schmeiße nie etwas weg; dazu bin ich zu geizig. Ich verliere aber alles mögliche. Das muss als Auslese reichen.

      2. Die Menschen sind halt Sammler. Ich bewundere aber jeden der sich dieser Idee widersetzt. Ich bin zu sentimental.

      3. Was ich vergessen habe, bringt mir keine Einsichten mehr. Die Weltgeschichte und die eigene Geschichte bei allen Betrachtungen mit einzubeziehen, ist nicht sentimental, sondern vernünftig.

      4. Wie war das noch … Bei Tage ist es kinderleicht, die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen. Nachts ist das eine ganz andere Geschichte. Die Vergangenheit einzubeziehen ist auf alle Fälle schlau, jede Notiz aufzubewahren manisch. Wer die Mitte findet, hat es auf alle Fälle schon mal leichter.

      1. Ist doch schon spannend, dass wir alle auf der Suche nach möglichen Auswegen aus der Wirklichkeit sind, nicht wahr?

      2. Spannend vielleicht, aber sicherlich nicht immer hilfreich. Die Augen schließen hilft in den seltensten Fällen.

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