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Tänzer außer der Reihe

Dialog 9: Im Bett

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(Der rechte im Bett: R; der links im Bett: L)

R: Du schläfst doch nicht mehr.

L: Hmm.

R: Ich hör’ genau an deinem Atem, dass du nicht mehr schläfst.

L: Hmm.

R: Den ganzen Tag über sehen wir uns nicht, abends kommst du spät nach Haus und morgens tust du jetzt noch so, als ob du schläfst.

L: Hmm. – So wach wie du bin ich jedenfalls noch nicht.

R: Im Bett spielt sich nichts mehr ab, das ist schon lange gelaufen. Ich nehm’ das hin. Aber man muss doch wenigstens miteinander reden. Wozu leben wir denn sonst überhaupt noch zusammen?!

L: Wegen der Kinder.

R: Ich mein’ es ernst. Siehst du nicht selbst, dass irgendwas passieren muss?

L: Ich bin glücklich.

R: Ich bin nicht glücklich, und sag jetzt nicht, das liegt an mir. Es liegt an unserer Beziehung. Es liegt an uns beiden.

L: Mein Gott, und das am frühen Morgen! Wie lange bist du denn schon wach und brütest?

R: Über eine Stunde.

L: Was willst du, dass ich mache?

R: Ja was! Manchmal hab’ ich das Gefühl, dass wir uns nur noch auf die Nerven gehen. Manchmal denk’ ich, wir arbeiten so viel, jeder für sich, um weniger miteinander zusammen sein zu müssen.

L: Wenn du das so siehst, muss wirklich was passieren. Ich sitz’ gern und les’ und weiß, du bist da. Ganz egal, was du grad machst.

R: Aber das ist zu wenig.

L: Wir reden doch über alles.

R: Ach, worüber reden wir schon?!

L: Na ja, die großen Themen haben wir eben längst hinter uns. Immer wieder dieselben Argumente runterleiern, das bringt doch nichts. – Trotzdem haben wir gelernt voneinander.

R: Wir haben gelernt, du sagst es. Und jetzt ist Stillstand.

L: Ja, was erwartest du denn? Die permanente Revolution?

R: Vielleicht. Ich will dir sagen, woran es liegt. Wir haben keine Freunde.

L: Was? Dauernd sind doch Leute bei uns.

R: Leute sind keine Freunde.

L: Wir sind Freunde.

R: Ja. Wir sind Freunde. Freunde, die nebeneinanderher leben und sich zur Abwechslung ‚Leute‘ einladen: Leute zum Essen, Leute, bei denen wir waren und die dann zu uns kommen – das sind keine Freunde, das sind Gäste.

L: Ist dir der Unterschied so wichtig?

R: Ja.

L: Ich hab’ dich nicht gezwungen, deine Freunde aufzugeben.

R: Nein, du hast dich so benommen, dass sie von selbst wegblieben.

L: Meine Freunde haben dir auch nicht sehr gelegen.

R: Das versteh’ ich nicht unter Freundschaft, was du an Beziehungen hattest.

L: Mein Gott, wir haben früher auch über alles geredet, über Politik, über Religion – mit Carsten und Achim haben wir Nächte durchdiskutiert. Na ja, es ist eben alles etwas ruhiger geworden. Wir haben inzwischen unsere Standpunkte und wenn wir uns sehen, dann wird halt so rumgequatscht. Nichts Weltbewegendes, aber das muss doch auch nicht sein.

R: Nein, sicher nicht. Aber wenn du alles zusammennimmst, was nicht ist und auch nicht unbedingt sein muss, dann ergibt das eine ganz schöne Menge Nichts.

L: Also los, sag mir, wen du einladen willst!

R: Jetzt kommt schon wieder dein Pflichtbewusstsein! Soll ich anfangen, Namen aufzuzählen, und du denkst inzwischen drüber nach, ob die Lammkeule in der Tiefkühltruhe noch für sechs Personen reicht?

L: Du vergisst, dass wir sie vorletzte Woche aufgegessen haben, als deine Mutter hier war.

R: Lass mich doch mit der Scheißlammkeule zufrieden!

L: Wieso ich? Du hast damit angefangen.

R: Ich rede von Freunden, nicht von Fressen.

L: Nein! Du redest von einer Lammkeule. Du unterstellst mir, ich denke an die Lammkeule statt an dich, und ich sage dir, dass die Lammkeule kein Thema mehr ist, sie war übrigens auch nie eins, denn deine Mutter hat keinen Ton über sie verloren, obwohl ich den ganzen Vormittag in der Küche gestanden habe.

R: Mein Gott, wenn einmal im Jahr meine Mutter kommt, dann wird es wohl nicht zu viel für dich sein, irgendwas zu essen zu machen. Sonst geh’ ich in Zukunft ins Lokal mit ihr.

L: Das hab’ ich nicht gemeint.

R: Für deine Gäste stehst du stundenlang in der Küche.

L: Die sagen dann aber auch, dass es ihnen geschmeckt hat.

R: Ja, weil das euer einziger Gesprächsstoff ist.

L: Und der einzige Gesprächsstoff deiner Mutter bist du.

R: Wir wollen über Freundschaft reden, und das Einzige, was dir einfällt, ist, auf meiner Mutter rumzuhacken. Das ist doch primitiv!

L: Na, war’s da nicht besser, dass ich so getan hab’, als ob ich schlafe?

R: Also wenn das so weitergeht bis an unser Lebensende, dann möchte ich, glaub’ ich, nicht alt werden.

L: Vielleicht möchtest du literarische Abende veranstalten? Wie wär’s mit einem entsprechenden Inserat in einer Zeitschrift für gebildete Schwule? Das schafft doch bestimmt die Freundschaften, die du willst. Oder wir besuchen einen Tanzkurs. Von sogenannten normalen Ehepaaren brauchen wir uns dann überhaupt nicht mehr zu unterscheiden, höchstens, dass du dir ein paar Cocktailkleider zulegen musst.

R: Begreifst du nicht, dass ich mich ja gerade unterscheiden will, von denen, das ist es doch!

L: Wirklich? Willst du nicht bloß eine Schablone gegen die andere tauschen?

R: Nein. Aber gut, ich geb’s auf. Es wird sowieso Zeit aufzustehen. Willst du ein Ei?

L: Bitte! Fang nicht schon wieder vom Essen an! Du weißt, das führt immer zu Streit bei uns.

R: Du bist ein Idiot!

L: Ich weiß. Und du hast es auch von Anfang an gewusst, also mach mir jetzt keine Vorwürfe!

R: Ich mach’ nicht mal mir welche. Ich mach’ uns ein Ei.

L: Jedem eins, bitte!

R: Natürlich. Denkst du, ich hack’s durch in der Mitte?

L: Geizig genug wärst du. Deine Küsse werden auch immer schmallippiger, obwohl du weißt, dass ich sie pflaumenweich mag: viereinhalb Minuten.

R: Für dich ist schon wieder alles in Ordnung …

L: Nein, nein. Lass uns ruhig weiterstreiten, aber sprich lauter, während ich mich rasiere!

R: Was machst du, wenn ich dich verlasse?

L: Ich bring’ mich um.

R: Das glaub’ ich dir sogar.

L: Weißt du irgendwas, was wir anders machen sollten?

R: Ich denk’ immer drüber nach. Aber ich glaube, es gibt nichts. Das Einzige wären andere Freunde, ganz andere, die man nicht einlädt, sondern die einfach kommen und zu denen man geht, ohne dass man sich gegenseitig anödet.

L: So war das, als du zwanzig warst.

R: Ja.

L: Und sonst?

R: Ich weiß nichts. Es gibt nichts.

L: Gibt’s was im Fernsehen heute Abend?

R: Irgendwas wird’s schon geben. Und wenn nicht, dann streamen wir uns was.

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VOKABELN

sich ab|spie|len

[zɪç] [ˈapˌʃpiːlən], Zusammensetzung aus Reflexivpronomen und Verb

Tut sich nicht mehr viel

Re|vo|lu|ti|on

[ʁevoluˈt͡si̯oːn], Substantiv, feminin

Fremdwort, das erst spät Verwendung in der Schwulensprache gefunden hat

Pflicht|be|wusst|sein

[p͡flɪçtbəˈvʊstzaɪ̯n], Substantiv, Neutrum

Im Gegensatz dazu eine von vielen Tugenden, die Schwulen nachgesagt werden so wie ‚Fleiß‘, ‚Sauberkeit‘, ‚Freundlichkeit‘ und was Hauswirte sonst noch so schätzen. Seit bedingungslose Anpassung für Schwule nicht mehr lebensnotwendig ist, handelt es sich aber bei solchen Unterstellungen meist nur noch um veraltete Vorurteile.

Tief|kühl|tru|he

[ˈtiːfkyːlˌtʁuːə], Substantiv, feminin

Viele Schwule tauen zu schnell auf und sind deshalb gezwungen, die meisten ihrer Träume wieder einzufrieren.

Mut|ter

[ˈmʊtɐ], Substantiv, feminin

Ein Kapitel für sich

Scha|b|lo|ne

[ʃaˈbloːnə], Substantiv, feminin

Sich selbst nach vorgegebenem Muster zeichnen, um andere besser auszustechen

ERLÄUTERUNGEN

Einladungen sind natürlich genauso wenig ein typisch schwules Phänomen wie Jeans oder Drei-Tage-Bärte: Es kommt auf das Wie an. Erhalten Sie etwa eine Einladung zum ‚Brunch‘, Sonntag Morgen, so gegen zwölf, von jemandem, der Jeans- und Bartträger ist, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie es mit jemandem zu tun haben, der auch seine Lektion gelernt hat.

Es wird Sie also nicht überraschen, wenn Sie gegen halb eins (um Gottes willen nicht früher) zu besagtem Brunch erscheinen und überwiegend lässig-jugendlich gekleidete Männer ums Rührei herumstehen.

Kein Zweifel: Auch Unternehmergattinnen veranstalten Brunchs, aber sie tragen halt weder Jeans noch Drei-Tage-Bart, sondern nur ihre internationale Gesinnung zur Schau.

Dass Schwule von Natur aus weibisch sind, ist Quatsch, da sie sich aber häufig selbst versorgen müssen, sind viele von ihnen im besten Sinne hausfraulich. Das drückt sich mal in der Meisterschaft aus, mit der ein Ei in die Pfanne geschlagen wird, mal in der gekonnten Wahl des Beistelltischchens zur Farbe der Sitzecke.
Beides – Ess- wie Wohnkultur – verlangt nach Bewunderung, und dazu braucht man Publikum. Wem soll man sonst die neue Hummersauce zu den Jakobsmuscheln oder die neuen Bilderrahmen zu den Andy-Warhol-Siebdrucken vorführen?

Schwule sind darin also ganz normal, nur – ihrer Veranlagung entsprechend – etwas experimentierfreudiger. Außerdem müssen sie wie alle Minderheiten beweisen, dass sie ‚trotzdem‘ akzeptabel sind, und wenn ihr Haushalt schon nicht mit Mutterglück und Kinderlachen aufwarten kann, dann soll dafür als Ausgleich alles besonders geschmackvoll hergerichtet sein: die Wohnung (siehe Lektion 7), die Kleidung (Lektion 8), die kalte Platte (Lektion 6). Der einfühlsame Schwule weiß: Ein lebendes Wesen ist ein Kunstwerk. Brutal wird es geschlachtet. Was in seiner Macht steht, tut der Schwule, um aus der Leiche auf dem Esstisch wieder ein Kunstwerk zu machen, und sei es nur mit Petersilie.

Klingt das oberflächlich?
Ach, was heißt schon oberflächlich, und wer setzt den Maßstab? Wirtschaftliche Transaktionen, sind die oberflächlich? Oder der Kinderglaube süditalienischer Großmütter? Oder ein Divertimento von Mozart? Eine Schnulze, die sich mit einer Liebesnacht verbindet. Jasminduft, der von der Fronleichnamsprozession ablenkt. Also: Wer setzt den Maßstab? – Die Tiefsinnigen offenbar. Und wer legitimiert die?

Oberflächlich oder nicht: Alles, was dem puren Überleben dient, ist legitim – solange es andere nicht am Überleben hindert. Das muss nicht zu Mundraub, das kann auch in die Boutique führen, ins Möbelgeschäft, in die Konditorei oder in eine andere Bedürfnisanstalt, eben dorthin, wo das zum Leben notwendige Maß an Antrieb gegen Geld oder sinnlichere Währung zu haben ist.

So gesehen dienen die Einladungen Schwuler und anderer Einsamer dem Überleben. Wer den Tisch für andere deckt, benötigt oft – eingestanden oder nicht – Hilfe.
Ein absagender Gast sollte sich in solchem Fall seine Ausrede, auch vor sich selbst, gut überlegen. Denn eine ausgeschlagene Einladung kann bei näherer Prüfung eine unterlassene Hilfeleistung sein, und so was wertet das Gesetzbuch des Gewissens als Straftat.

Melanie: ‚Bobo’s Party‘

Auszug aus Hanno Rinkes ‚Liedschatten‘

Brav sein oder verrucht? „[...] I’ve been bad, but I would be good instead, [...] if my man did half of the things that he said“, singt Melanie. Aber glauben wir ihr? „I wouldn’t have to go to the boys in the backroom [...] I find it hard to hold on me [...]“ Sie hat diesen schlimmen Mann bekommen, weil sie auf Bobo’s Party muss/will. Sie ist nicht auf die schiefe Bahn gekommen wie auf den Hund: Sie ist die schiefe Bahn und weiß, dass Tod und Lust denselben Zugführer haben. Oder wäre sie – mit dieser Stimme! – ganz schlicht liebende Hausfrau geworden, wenn nur genügend Geld auf dem Konto und ihr Mann abends rechtzeitig zu Hause gewesen wäre? Ich war fasziniert von dem Abgrund, aus dem heraus Melanie sang. Verkommenheit habe ich immer reizvoll, aber nie erstrebenswert gefunden. Besser, man singt darüber und bekommt dafür Tantiemen.

Aus ‚Born to Be‘, ℗ Originally released 1968, all rights reserved by Sony Music Entertainment, Komponistin und Interpretin: Melanie Safka, Producer: Peter Schekeryk, Arrangeur: Roger Kellaway

35 Kommentare zu “Dialog 9: Im Bett

  1. 2021 tragen mitunter auch Unternehmergattinnen Drei-Tage-Bart 😉 Aber Scherz beiseite, ich würde doch gern mal wieder auf einen Brunch. Selbst wenn er von Hipstern organisiert wird.

      1. Es gibt natürlich Eggs Benedict mit dänischem Bio-Lachs und angeröstetem Kale. Dazu ein leckerer Mandelmilch-Matcha-Latte.

      1. Oh das gab es auch In the Ghetto von Presley, Something von den Beatles, Pinball Wizard von The Who, Whole lotta Love von Led Zeppelin und My Way von Sinatra

  2. Genau, wer entscheidet schon was oberflächlich ist und was nicht? Man kann genau so gut oberflächliche Unterhaltungen über Nietzsche führen wie tief gehende Diskussionen über Mode haben.

  3. Schwule müssen konstant beweisen, dass sie trotzdem akzeptabel sind, genau wie Afroamerikaner konstant beweisen müssen, dass sie keine Verbrecher sind. Die Vorurteile sind offensichtlich und nur schwer (oder gar nicht?) loszuwerden.

      1. Oh allerdings! Diese LGBT-freien Zonen sind ja richtig erschreckend. Man vergisst, dass man da nur über die Grenze fahren muss. Das passiert ja in absoluter Nähe.

    1. Beziehungen (oder Kontakte jeder Art) sind temporärer. Es geht alles schnell los, aber ist auch schnell wieder vorbei. Aber vielleicht ist das heute generell so. Nicht nur unter Homosexuellen.

      1. Wer schnell entflammt, erlischt auch schneller. Das gilt generell, aber hier geht es ja nun mal um Schwule, deren auffälligste Gruppe bis Anfang vierzig Teenager bleibt, also leicht brennbar bei geringer Zündtemperatur.

      2. Ob unter den Heteros aber tatsächlich mehr Menschen früh und dauerhaft glücklich(!) sesshaft werden, da bin ich mir auch nicht ganz sicher.

      3. Traditionell blieb und bleibt man sicherlich eher zusammen, nicht nur aus Liebe. Aber heute kommt zu den vielen Herausforderungen einer Beziehung ja auch noch das ständige Überangebot hinzu. Die ganzen Apps etc. tun ihr übriges. Zumindest in den Städten.

      4. Sich heute beim Überangebot verzetteln oder damals auf der einzigen Möglichkeit sitzen bleiben. Was Tolstoi über die Familie schreibt, gilt auch für den einzelnen: jeder ist auf seine eigene Weise unglücklich.

      1. Oh ja, das ist wahr. Die Route versuchen ja viele zu beeinflussen. Aber das klappt nicht immer so ganz wie man meint. Ich würde sogar selten.

      2. Die Frage ist wohl ob man sich über Überraschungen freut, oder sich über jeden Umweg ärgert.

  4. Also ob man glücklich ist, liegt ja nun wirklich an einem selbst. Da muss ich diesem rechten Menschen widersprechen. Jedenfalls ändert da der Partner meistens nur wenig dran.

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