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Tänzer außer der Reihe

Dialog 4: Zu Besuch

MANN GEGEN MANN

(Ein Dunkler: D; ein Blonder: B)

D: Also, ich glaube, ich geh’ dann.

B: Oh, entschuldige! Ich bin wohl etwas eingeschlafen. Das passiert mir immer am Sonntagnachmittag.

D: Du siehst ganz anders aus, wenn du schläfst.

B: So? Wie denn?

D: Zufriedener.

B: Sonntag Nachmittag ist eine komische Zeit. Was machst du sonst am Sonntagnachmittag?

D: Alles Mögliche. Ich geh’ spazieren oder ich seh’ fern. Oder ich geh’ auch mal in die Sauna.

B: Ach!

D: Wir könnten ja in die Sauna gehen.

B: Warum? Frierst du?

D: Ich dachte, ein kleiner Szenenwechsel würde helfen …

B: Geh doch!

D: Und du?

B: Nee, ich nicht.

D: Sonntags ist immer viel los.

B: Ich hab’ doch schon gesagt: Geh!

D: Allein mag ich nicht. Aber vielleicht sollt’ ich dich jetzt allein lassen.

B: Bleib ruhig, wenn du willst. Lies doch was! Du siehst ja, ich hab’ jede Menge Bücher.

D: Was hast du denn gerade gelesen, bevor du eingeschlafen bist?

B: Ach, nur so. Über die neue Fußgängerzone in der Innenstadt.

D: Stört’s dich, dass ich gekommen bin?

B: Wie kommst du denn darauf? Es ist doch schön, einfach so zusammen zu sein.

D: Wenn du schläfst, siehst du mutiger aus.

B: Willst du fernsehen? Da gibt’s bestimmt ein paar Helden zu bewundern.

D: Um diese Zeit gibt’s doch nur Sport.

B: Na und? Die Fußballer haben meist bessere Figuren als die Figuren, die in der Sauna rumhängen.

D: Ich geh’ ja nicht deswegen da hin.

B: Also frierst du doch.

D: Man trinkt einen Kaffee, und man redet ein bisschen.

B: Wir haben doch die ganze Zeit geredet.

D: Na ja …

B: Geh lieber in die neue Fußgängerzone, da triffst du nette Leute, die sich auch langweilen.

D: Ich fall’ dir auf den Wecker. Ich werd’ gehn. Es war schön bei dir. Danke!

B: Gehst du jetzt in die Sauna?

D: Weiß noch nicht. Vielleicht.

B: Schwitz es aus oder spritz es aus!

D: Du hast doch gesagt, ich soll kommen.

B: Ja, und ich fand’s auch schön, dass du da warst.

D: Und jetzt?

B: Was noch? Ich hab’ gedacht, du willst heut vielleicht nicht gern allein sein, das ist alles.

D: Magst du mich eigentlich?

B: Was soll denn die Frage nun?

D: Ich würd’s gern wissen.

B: Sicher mag ich dich …

D: Du findest mich langweilig.

B: Was heißt langweilig. Darum geht’s doch gar nicht.

D: Mir ja.

B: Mein Gott, sprühend bist du nicht gerade.

D: Ich hab’s nicht vermasselt. Ich hab mich gefreut auf dich.

B: Ich mach dir doch keine Vorwürfe.

D: Aber auch keine Vorschläge.

B: Was für Vorschläge?

D: Solche, wie ich sie immer in deinen Augen gelesen hab’, wenn du bestellt hast.

B: Ich weiß nicht, was du meinst.

D: Ich hoffe immer noch, du bist bloß feige.

B: Du scheinst ja auch nicht mutiger zu sein.

D: Was würdest du sagen, wenn ich dir erzählte, ich hätte heute Nacht einen umgebracht.

B: ‚Du spinnst!‘, würd’ ich sagen.

D: Ich kam aus’m ‚High time‘. Allein. Es war schon ziemlich spät. So’n Typ hat sich mir in den Weg gestellt. Er war besoffen und fing an zu pöbeln. „Euch sollte man alle vergasen“, hat er gesagt. Dann gab er mir einen Stoß. Ich knallte gegen die Mauer, er kam auf mich zu. Da hab’ ich mein Messer rausgezogen und zugestochen. Er schrie und wollte sich auf mich stürzen. Da hab ich noch mal zugestochen, in seinen Hals rein. Er röchelte und sackte weg. Ich bin losgerannt.

B: Warum erzählst du mir so ’ne Geschichte? Denkst du, ich find das cool?

D: Ich hab’ so was noch nie erlebt. Ein richtiger Kampf: Mann gegen Mann.

B: Das ist doch Quatsch.

D: Hier ist das Messer.

B: Wieso hast du ’n Messer bei dir?

D: Ein Mann braucht doch ein Messer! Bei uns braucht ein Mann ein Messer.

B: Bei uns? Ich denke, du bist hier geboren.

D: Ja, geboren bin ich hier, aber mein Messer kommt von zu Hause.

B: Also, ich find’ das überhaupt nicht komisch.

D: Du wirst es ja in der Zeitung lesen, morgen. Das findest du dann spannender als die Fußgängerzone.

B: Wenn das wahr wäre, dann hättest du das doch nicht so nebenbei erzählt.

D: Es war für mich gar nicht wirklich. Ich war selber ziemlich voll. Es war wie im Traum. Ich hab’ alle die abgestochen, die finden, ich sei Dreck, die denken, sie wären was Besseres. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das fertigbring’, auch nicht, wenn ich angegriffen werde. Aber ich hab’s getan.

B: Hör mal, wenn das wahr wäre, dann müsstest du dich der Polizei stellen. Es war ja Notwehr.

D: Wozu? Das macht ihn auch nicht wieder lebendig. Außerdem: Seit wann sagst du Polizei? Vorhin hast du noch von den Bullen geredet.

B: Ja, aber …

D: Ich find’ es nicht mal so schlimm wie Fahrerflucht. Obwohl – wenn ich jemandem besoffen ins Auto gefahren wär’, wäre ich wahrscheinlich auch getürmt.

B: Also, wenn das wirklich wahr wäre – das hättest du mir doch sofort gesagt.

D: Warum? Hättest du das stärker gefunden, als was ich dir über mein Land erzählt hab’ und über meine Familie?

B: So ein Erlebnis, das will man doch loswerden.

D: Schwitz es aus? Spritz es aus?

B: Also, weißt du …

D: Bin ich jetzt anders für dich? Ein Mörder, nicht bloß ein Kellner. „Ich bin in der Gastronomie“, sag’ ich manchmal. Ich bilde mir ein, das klingt dann interessanter.

B: So interessant brauch’ ich es gar nicht.

D: Nein? Aber stell dir vor, wir gehen in die Sauna, und die Hände, die dich da berühren im Dunkeln sind Killerhände, mit frischem Blut dran. Die sind doch interessanter für dich als Hände, die Teller mit Knochen darauf in die Küche tragen.

B: Hör mal, mir macht es doch nichts aus, dass du Kellner bist!

D: Oh, mir auch nicht. Essen müssen alle. Und wenn ich die Teller mit den Knochen drauf in die Küche trage, dann seh’ ich, dass meine Arbeit was gebracht hat: satte Kunden und Abwasch. Und wenn die Teller dann wieder sauber sind und ich trage die Hähnchenkeulen an den Tisch, dann weiß ich, ich werde erwartet, und das Handy wird zur Seite gelegt, wenn ich komme.

B: Ich habe gedacht, ich kenn’ dich.

D: Ich hab’ gedacht, du willst mich kennenlernen.

B: Das Essen in deinem Stall ist nicht vom Feinsten, aber ich bin gern gekommen.

D: Ich hab’ dich gut bedient.

B: Ja. Und als du sagtest, du hast Geburtstag heute, da hab’ ich eben gedacht, du könntest zu mir kommen, wenn du nichts anderes vorhast. – Das war alles.

D: Eine gute Tat.

B: So hab’ ich das nicht gesehen.

D: Nein? Trotzdem hast du heute die Teller mit den Knochen in die Küche getragen. Kellner lassen sich gern mal bedienen.

B: Ich hatte gehofft, das Wetter würde genauso schön sein wie gestern, dann hätten wir auf dem Balkon sitzen können.

D: Ich bin schon zu lange hier, fast drei Stunden.

B: Wenn du gehen willst …

D: Ich will, dass du mitkommst.

B: In die Sauna?

D: Zum Beispiel.

B: Warum denn? Du kannst doch allein gehen.

D: Das tu’ ich immer. An meinem Geburtstag will ich was Besonderes. – Oder ist es dir unangenehm, mit mir gesehen zu werden?

B: Quatsch. Ich geh nur nicht oft so in Saunas. – Wir könnten ja auch hierbleiben.

D: Hast du keine Angst?

B: Wovor?

D: Vor meinem Messer. Stell dir vor …! – Weiß jemand, dass ich hier bin?

B: Warum fragst du? Ich hab’ es einem Freund erzählt.

D: Das glaub’ ich nicht. Sagst du das jetzt, weil du Angst hast?

B: Also, jetzt wird mir die Sache wirklich zu blöd. Nimm dein Messer und geh!

D: Und wenn du es morgen hörst im Regionalfunk?

B: Und wenn ich morgen nichts höre?

D: Dann weißt du, ich hab’ mir was ausgedacht. Das kann ich immer wieder tun. Das ist noch spannender, als einen umzulegen in Notwehr.

B: Ich finde das alles überhaupt nicht spannend.

D: Nein? Willst du nicht mal die Klinge ablecken?

B: Komm, bleib mir weg mit dem Messer. – Also, so hab’ ich mir den Nachmittag wirklich nicht vorgestellt! Du benimmst dich wie siebzehn, nicht wie siebenundzwanzig.

D: Nicht zurechnungsfähig? Meinst du nicht zurechnungsfähig?

B: Nein, ich meine …

D: Das Messer hat mir mein Vater zum Geburtstag geschenkt, voriges Jahr. Ich fand es ’n geiles Geschenk. Irgendwie erregend.

B: Also gut! Ich komm’ mit. Das ist mein Geburtstagsgeschenk an dich.

D: Wohin? In die Fußgängerzone?

B: Wohin du willst.

D: Du warst scharf auf mich. So wie ich da mit dem Tablett durchs Lokal fegte – das fandst du toll. Ich bin der Star da, das weiß ich. Hier bist du der Star, denkst du.

B: Also, wenn du gedacht hast, ich würde …

D: Klar, hab’ ich gedacht. Wochenlang hab’ ich gedacht. Und du auch.

B: Denkst du, dass ich immer gleich mit jedem …

D: Dreimal die Woche Hähnchen mit Pommes zwei Monate lang, das ist nicht ‚immer gleich mit jedem‘!

B: Du hättest ja anfangen können, wenn es dir wichtig gewesen wäre.

D: Wichtig! Du bist wirklich ein mieser Typ. Und für dich hab’ ich mir extra – Scheiße!

B: Tut mir leid.

D: Ach!

B: Also gut, wir gehen. Steck endlich das Messer ein und komm! Ich hol’ nur kurz meinen Schirm.

D: Willst du doch in die Sauna?

B: Meinetwegen.

D: Oder willst du jetzt doch lieber hierbleiben mit mir?

B: Hör mal …

D: Nein, nein. Lass uns erst mal losfahren! Vielleicht fällt mir ja unterwegs noch was Besseres ein. Irgendwas, was wir beide ‚spannend‘ finden.

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VOKABELN

Bü|cher

[ˈbyːçɐ], Substantiv (Plural)

Im schwulen Bewusstsein: Information über Leidenschaften

Fern|se|hen

[ˈfɛʁnˌzeːən], Substantiv, Neutrum

Im schwulen Bewusstsein: Information über Corona

Hel|den

[ˈhɛldn̩], Substantiv (Plural)

Im schwulen Bewusstsein: Information über andere Männer, die ihre Probleme gemeistert haben

Traum

[tʁaʊ̯m], Substantiv, maskulin

Konsequenz eigener Seelentiefe

Wet|ter

[ˈvɛtɐ], Substantiv, Neutrum

Information über die Zweckmäßigkeit, gewisse buschumsäumte Liegewiesen aufzusuchen

Angst

[aŋst], Substantiv, feminin

Konsequenz aus der Beschäftigung mit Leidenschaften, Corona, anderen Männern und eigener Seelentiefe. Es ist unter diesen Umständen unzweckmäßig, gewisse buschumsäumte Liegewiesen aufzusuchen.

ERLÄUTERUNGEN

Der Besuch einer Sauna soll – sagen die Finnen – entschlackend und gesund sein. Also der Besuch einer schwulen Sauna sicher nicht.

Es gibt Saunen, die sich mit entwaffnender Unverblümtheit zur Schmuddeligkeit bekennen und solche, die ihren Dreck durch dezente Beleuchtung tarnen, wobei zusätzliche Kacheln mit Mäandern, Pappstatuen und anderes antikes Brimborium eine Atmosphäre klassischer Entspannung schaffen helfen.

Dem potenziellen Gast öffnet sich auf sein Klingeln hin per Knopfdruck eine massive Tür, und er sieht sich gleich ziemlich unverschämt von jemandem gemustert, der ihm im Normalfall ein abgeschabtes Frotteetuch hinhält, das knapp einmal um die Hüfte passt und dann all das bedeckt, was zwischen Bauchnabel und Oberschenkel von allgemeinem Interesse sein könnte.
In Häusern der gehobenen Kategorie wird dem Kunden die Wahl zwischen Spind und Kabine gelassen. Für die daraufhin fällige Entscheidung bedarf es nicht nur finanzieller Erwägungen.
Wer ein Spind wählt, hat sich in einer Art Umkleideraum auszuziehen, neben einer gewissen Zahl von Männern, die das auch tun oder die schon wieder damit beschäftigt sind, ihre Schuhe und Strümpfe aus der beklemmenden Enge des Schließfachs hervorzuzerren. Beide Gruppen, die Auskleider wie die Ankleider, haben einen konzentriert sachlichen Gesichtsausdruck, der keinen Flirt aufkommen lässt, und orangefarbene Unterwäsche. Sie lassen sich aber am Feuchtigkeitsgrad ihrer Haare unterscheiden.

Die Neueingetroffenen möchten jetzt natürlich gerne an den Mienen der Scheidenden den Grad der Lust ablesen, der jenseits der Tür ins Warme ihr Gemüt erhitzten wird. Das klappt nie. Ebenso gut könnte man versuchen, aus den Wänden einer Pyramide auf die Physiognomie der einstmals dort bestatteten Mumie zu schließen.

Da heißt es also: Fett einziehen, Frottee anlegen und – rein! Wenn man Pech hat, ist man nun so alleine wie eine Mutterseele, die gerade die Abartigkeit ihres Sohnes zur Kenntnis nehmen musste. Man wandert durch scheinbar endlose Gänge, die sich, sobald das Orientierungsvermögen einsetzt, als ein schlichter Rundweg mit ein oder zwei Abzweigern entpuppen, und an einem Abzweig sieht man im Dämmer auch einen netten älteren Herrn rumlungern, der darauf wartet, dass jemand den Kreis verlässt und sich in das tiefe Schwarz des Pfades der Tugendlosigkeit begibt. Dort, so hofft der ältere Herr, würde der Abtrünnige ihn für dreißig Jahre jünger und dreißig Pfund leichter halten.

Der andere Abzweiger führt ins Helle und Gesunde: Da gibt es eine Bar, an der Kaffee, Bier und Marmorkuchen ausgeschenkt werden. Die Bedienung trägt weißes T-Shirt und knappe weiße Shorts. Sie hat selbst gebacken und fühlt sich eigentlich als Bademeister. So schmeckt der Kuchen auch.
Dahinter kommen die Duschen, die der Abkühlung beziehungsweise Ernüchterung dienen, denn dort wird ja nun freigelegt, was vorher hinterm Handtuch versteckt gewesen war.
Falls man selbst duscht, hängt das eigene Handtuch anschließend nicht mehr am Haken, dafür aber ein klitschnasses, das man in der eigentlichen Sauna zu trocknen versuchen kann.

In diesem winzigen Raum ist es fürchterlich heiß und leer. Er wird nur von wenigen benutzt und nur so regellos, dass auch Finnen das nicht mehr gesund fänden.
Die einen bleiben zu kurz, die andern zu lang, sie kehren nicht häufig genug zurück oder duschen zwischendurch nicht eisig genug, überhaupt sehen sie die Hitzestube mehr als einen Aufenthaltsraum an, in dem – was immer Schweißtreibendes auch sonst dort geschehen mag – dieselbe Sinnlichkeit herrscht wie im Frischfleischlager eines Kühlhauses.

Anders in der türkischen Sauna, eine Tür weiter.
Dort verschlägt einem die Feuchtigkeit den Atem und die Ungeniertheit der aus dem Dampf auftauchenden Hände die Sprache.
Angenommen, Sie würden dennoch geschmeichelt reagieren, dass der knackige Sportsmann, dem Sie gerade in dieses Schwitzbad gefolgt sind, sich Ihnen gegenüber als so stürmisch erweist, dann würden Sie beim gemeinsamen Verlassen der Brutstätte erkennen, dass es im Nebel zu einer kleinen Verwechslung gekommen ist: Nun sind Sie doch auf den netten älteren Herrn vom ersten Abzweiger hereingefallen.

Luxuriöse Saunen verfügen über einen Whirlpool oder gar ein Schwimmbassin, in dem man sich von solchen Schocks erholen kann – reinwaschen kann man sich nicht oder höchstens die Haut, nicht das Gewissen, das nach einem solchen Irrtum immer besonders schlecht ist, und erst recht nicht das Blut, das über die Schleimhäute bereits mit Unbekömmlichem beliefert sein mag. Na ja. Saunen sind heutzutage fast so gefährlich wie ein Krieg mit biologischen Waffen, aber auch Pazifismus liegt nicht jedem im Blut. So wird dann weiter gestorben.

Wer eine Kabine genommen hat, dem ergeht es nicht viel besser, bloß dass er eben eine Kabine hat. Dort kann man seine Kleidungsstücke ordentlicher hängen, ein Nickerchen von zwanzig Minuten oder acht Stunden abhalten und somit sich selbst von Gefahrvollerem – oder man kann dort bei offener Tür auf dem Bauch liegen und Besuch empfangen. Je mehr Türen offen stehen, desto mehr Einkehrwillige schleichen durch die Gänge und begutachten die ausgestreckten Gastgeber. Je mehr Einkehrwillige durch die Gänge schleichen, desto mehr fürchten sie sich im Falle einer Annäherung vom Partner ihrer Wahl verschmäht, hinausgeworfen und dabei von den anderen beobachtet zu werden.
Ist jemand zu häufig an einer Tür vorbeigestrichen, so wird der Blick des hinter ihr Ruhenden immer unruhiger, bis er umkippt in abweisende Verachtung.

Es passiert also gesunderweise ziemlich viel weniger in der Wirklichkeit der Kammern als in der Fantasie der Kunden, und nicht mal die Sehnsucht spielt eine besonders verführerische Rolle: Häufig wünscht man sich die Frotteebäuche eher hinter Flanell verborgen als weiter entblößt.
Solchermaßen desillusioniert begeben sich die meisten in die Fernsehnischen zum Familienprogramm und sehen die frühabendliche Unterhaltung in der ihnen gemäßen Familie: Seelenverwandtschaft auf feuchten Tüchern.

Oder sie flippern oder sie legen sich zum Grillen unter das Solarium, denn sie wissen ja: Knusprig muss man sein, wenn man nicht auf Jagd, sondern Steak ist und noch auf den Teller will.

Beim Aufbruch, wenn man sich endgültig losgerissen und für sich festgelegt hat, dass es das, was es war, nun war – wie ausgefüllt oder leer ausgegangen man auch immer sein mag – beim Aufbruch bemerkt man überrascht, wie erotisch viele Männer plötzlich aussehen, wenn sie aus der einheitlichen Frotteebandage wieder in ihre eigenen Kleider zurückgeschlüpft sind. Na ja. Zu spät. Man nimmt das Riemchen mit dem Schlüssel vom Arm- oder Fußgelenk, seine Kleider von der Stange und Abschied.
Draußen ist die Luft frisch, und wie dunkel es auch sein mag: Es ist Tag, weil da drinnen Nacht war.

Wenn Sie häufiger kämen, weil es so schön war oder weil Sie nicht glauben wollen, dass es jedes Mal so schlimm sein soll, dann würden Sie auch lernen, Ihre Uhr nicht zu vergessen, denn Sie würden sich angewöhnen, sie in den rechten Schuh zu stecken. Eigentlich könnten Sie Ihre Uhr auch zu Hause lassen, da doch eine große Normal-Uhr unerlässliches Requisit aller Saunen ist: Dem Glücklichen schlägt zwar angeblich keine Stunde, aber Glückliche gibt es hier eben nur wenige. Doch der, dem niemals eine Stunde schlägt, der ist der Unglücklichste.

Vielleicht denken Sie, dass ich nur ein diversgeschlechtlicher Zyniker sei. Das will ich nicht. Darum stelle ich hier aus meiner Biografie in Pop ‚Liedschatten‘ das Medley ‚Die Dramen der Damen‘ ins Netz. Wer solch eine Zusammenstellung zu verantworten hat, ich also, ist eindeutig qualifiziert, diesen Lehrgang abzuhalten, und wer diese ausgefeilte Kitschiade nicht unter Tränen bis zu Ende anhört, ist weder Frau noch schwul, sondern bloß bedauernswert.

‚Die Dramen der Damen‘

Ein Medley aus Hanno Rinkes ‚Liedschatten‘

Credits

Mit Ausschnitten von "Blumen für die Dame" von Gitta Lind (1953) Written By Gietz, Fuchsberger / "Cindy, Oh Cindy" von Margot Eskens (1957),  Arranged By Gietz, Orchestra by Kurt Edelhagen mit seinem Orchester, Performer Jonny Dane und das Comedien-Quartett, WrittenBy Barron, Long / "Ein Venedig in Grau" von Corry Brokken (1965), Written By  Ch. Aznavour, F. Dorin, W. Brandin / "Das Lied von Moulin Rouge" von Rudi Schuricke (1951) / "Zigeunerjunge" von Alexandra (1967), Orchester Arno Flor / "All Alone Am I" von Timi Yuro (1964), Written By Altman, Hadjidakis / "You Lost That Loving Feeling" von Righteous Brothers (1967), Phil Spector / "It’s Over" von  Roy Orbison (1964), Written By  Dees, Orbison / "Kiss Me Goodbye" von Petula Clark (Remix 1968), Written By Barry Mason, Les Reed / "I Just Don’t Know What To Do With Myself" von Dusty Springfield (1964), Written By Burt Bacharach, Hal David / "Love’s Just A Broken Heart" von Cilla Black (1966), Written By Lynch, Vendome, Shuman / "Impossible Dream" von Waterloo (1984), Lyrics By Chris Evans-Ironside, Music By Candy De Rouge, Fred Schreier / "Delilah" von Tom Jones (1968) / "I Did What I Did For Maria" von Tony Christie (1971), Arranged By Lew Warburton, Lacquer Cut By S-II, Producer Mitch Murray and Peter Callander, Written By Murray, Callander / "You Need Love" von Drafi Deutscher (1986) / "Zu nah am Feuer" von Stefan Waggershausen (1984), Written By Alice, Stefan Waggershausen / "Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" von Udo Lindenberg (1974) / "Wenn ich ein Junge wär’" von Nina Hagen (1979), Engineer Sereg, Lyrics By Loose, Music By Buchholz / "Schreib es in den Sand" von Cornelia Froboess (1967), Written By Tilgert, Loose / "Ich will alles" von Gitte Haenning (1982), Lyrics By Michael Kunze, Producer Mal Luker, Peter Kirsten, Written By G. u. M. De Angelis / "No More Tears (Strong Enough)" Barbra Streisand, Donna Summer (1979) / "Strong Enough" Cher (1998),  Arranged By "Laughs and Lager Jeff" Duo "Taylor String Arrangement" Mark Taylor, Robin Smith, Backing Vocals Hamish Stewart, Paul Barry, Sylvia Mason James, Bass Winston Blissett, Design Ryan Art, Guitar Adam Phillips, Keyboards, Programmed By Mark Taylor, Mixed By Mark Taylor, Photography By Michael Lavine, Producer Brian Rawling, Mark Taylor, Written By Mark Taylor, Paul Barry / "She’s The One" von Robbie Williams (1999), Written By Karl Wallinger.

42 Kommentare zu “Dialog 4: Zu Besuch

  1. Mann GEGEN Mann ist auch wieder sehr treffend gewählt. Das ist leider sogar innerhalb der LGBTQ-Community ein akkurater Begriff.

      1. Ich finde die Jungs immer ein wenig überschätzt. Die meisten Sachen sind ja doch sehr vorhersehbar. Aber dieses Video gehört schon zu ihren eindrucksvolleren Produktionen.

  2. Sex in der Sauna – also bei der Hitze wäre mich überhaupt nicht danach. Da verschwindet doch alle Energie von selbst.

      1. Wenn es kühl ist kann man sich gegenseitig wärmen. In der Sauna ist man dagegen schon mal nackt. Es gibt also für alle Szenarien Vorteile.

      2. Da schließe ich mich an. Ich finde es auch nie besonders sexy, wenn sich jemand gleich komplett auszieht. Da geht doch der halbe Spaß verloren.

      3. Auch das soll schon vorgekommen sein. Aber selbst wenn man das ausgezogene Gegenüber mag gehört das gegenseitige Ausziehen doch dazu.

      1. Ich finde die Mischung aus Dialog, Vokabeln, Erklärung und Untermalung in den letzten Beiträgen total gelungen. Und überaus unterhaltsam.

  3. Ich finde ja weder Fußgängerzonen noch Typen mit Messer spannend. Gelacht habe ich aber trotzdem. Diese kleinen Episoden zeigen einem immer wieder wie absurd zwischenmenschliche Begegnungen häufig sind. Das ist wahrscheinlich recht gesund.

  4. Das Wort „Bücher“ gehört bald wohl wirklich zu den Vokabeln, die erstmal erklärt werden müssen. Heute liest man ja meistens eher online. Im schlimmsten Falle nur noch WhatsApp-Nachrichten und Status-Updates, wenn es besser läuft vielleicht ein e-Book.

    1. Es wird immer Menschen geben, die nicht nur online gehen, sondern gern auch mal ein Buch in die Hand nehmen. Und es wird weiterhin Menschen geben, die nicht nur rappen, sondern auch mal ein Streichquartett hören. Ich gehöre beiden kleinen, aber nicht vom Aussterben bedrohten Gruppen an.

      1. Eben, man muss den Fortschritt mitnehmen und für sich nutzen. Was nützt es denn sich gegen die Zeit zu stemmen?!

  5. Dort, so hofft der ältere Herr, würde der Abtrünnige ihn für dreißig Jahre jünger und dreißig Pfund leichter halten. 😂 Tragisch!

      1. Hahaha, tja, da hat der ältere Herr das Spielchen dann doch noch gewonnen. Und dann? Fügt man sich oder stiehlt man sich verschämt weg?

      1. Je weniger im realen Leben stattfindet, desto hilfreicher kann Phantasie sein. Auch im Lockdown. Wenn sie allerdings nur bewirkt, sich das Schlimmste auszumalen, dann ist langweilige Nüchternheit angenehmer.

      2. Klar man muss seine Phantasie schon zu den eigenen Zwecken nutzen wissen. Wer sich von ihr gedrängt oder gequält fühlt, der hat natürlich weniger Spaß. Aber das ist im „echten“ Leben ja auch nicht anders.

  6. Saunen – was für eine verrückte Welt. Irgendwie immer ein bisschen zu gezwungen für meinen Geschmack. Dann doch lieber ein Darkroom im Club, wenn es schon ausgefallen sein soll.

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